Verwandt.de auf dem Weg zum Exit?

verwandt.gifDer Online-Stammbaum- und Hobby-Ahnenforschungsdienst Verwandt.de gehört zu den erfolgreichsten deutschen Web-2.0-Dienste im Jahr 2007. Innerhalb von nur wenigen Monaten haben die Gründer Daniel Grözinger und Sven Schmidt der Seite eine beachtliche Bekanntheit im “Internet-Mainstream” verschafft und dank ausgezeichneter PR-Arbeit dafür kaum Geld in die Hand nehmen müssen (die einzige mir bekannte Werbemaßnahme war der Versuch einer Banner-Kampagne bei studiVZ. Möglicherweise gibt es aber noch weitere.). Mittlerweile enthalten die Stammbäume vier Millionen von Nutzern eingetragene Personenprofile. Am Dienstag gab Verwandt.de eine Kooperation mit dem Familienportal familie.de bekannt. Ab sofort wird Verwandt.de dort integriert. Laut Pressemitteilung ist “eine weitergehende Zusammenarbeit in Planung”.

Die große Frage hinter dieser Ankündigung lautet: Steht Verwandt.de kurz vor der Übernahme? Die Bekanntmachung und die in Aussicht gestellte “weitergehende Zusammenarbeit” lassen Raum für Spekulationen. familie.de wird von der Family Media GmbH & Co. KG betrieben, ein Joint Venture zwischen der Axel Springer AG und der OZ Verlag GmbH. Finanziell wäre ein Kauf von Verwandt.de für Axel Springer sicherlich kein Problem. Auch betreibt man bereits zahlreiche bekannte Onlineangebote wie Welt Online, Computerbild, Stepstone, Idealo oder gamigo und hat somit viel Expertise im Onlinegeschäft. Erst im Mai übernahm Axel Springer zusammen mit einem schweizerischen Unternehmen den Online-Marketing-Anbieter Zanox. Völlig ausgeschlossen sind weitere Zukäufe des Berliner Verlagshauses also nicht.

Für die Betreiber von Verwandt.de wäre ein baldiger Verkauf der konsequente und erfolgreiche Abschluss dieser kleinen Erfolgsstory 2007. Nachdem sich die beiden Gründer in den letzten Monaten über eine umfangreiche Berichterstattung nahezu aller großen (und kleinen) Online-Nachrichtenmagazine freuen konnten, geht es nun darum, den Bekanntheitsgrad des Stammbaum- und Ahnenforschungsdienstes auch in anderen Bevölkerungsgruppen zu erhöhen. Im Gegensatz zu klassischen Social Networks hat ein Dienst wie Verwandt.de eine geringe “Stickiness”. Die Anreize für User, regelmäßig wiederzukommen, sind vergleichsweise gering. Für Verwandt.de bedeutet das, dass am laufenden Band neue Nutzer auf die Seite aufmerksam gemacht werden müssen. Sofern man nicht groß in Onlinewerbung investieren möchte, ist das kein leichtes Unterfangen. Da kommt die Kooperation mit familie.de gerade richtig.

Würde Verwandt.de eines Tages komplett von der Family Media GmbH oder der Axel Springer AG übernommen werden, wären Daniel Grözinger, Sven Schmidt und die Investoren hinter Verwandt.de sicher nicht böse. Wieviel auch immer dabei herausspringen würde – die Kosten für das Aufziehen von Verwandt.de sollten sich im Rahmen gehalten haben. Ein nettes Sümmchen ist auf jeden Fall drin, welches die Zwei dann in ihr anderes Projekt Dealjaeger.de stecken oder in ein neues Startup investieren könnten. Axel Springer hätte mit Verwandt.de eine Möglichkeit, sein bisher vernachlässigtes Web-2.0-Portfolio zu erweitern und fände sicher die ein oder andere Integrationsmöglichkeit in die Websites des Hauses. Aber das alles ist ja nur Spekulation.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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12 Kommentare

  1. Markus von Vagabund
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 09:30 Uhr (#)

    verwandt.de ist – wenn ich das richtig beobachtet habe – eine lose Möglichkeit zur Generierung von Stammbäumen und deren Verknüpfung, wo sich jeweils auch mehrere Personen beteiligen können. Was ich vermisse, ist ein Geschäftsmodell. Wie kann man die Daten/den Service monetarisieren? Kostenpflichtiger Stammbaumdruck, Premiummitgliedschaften sind sicher Möglichkeiten. Werbung würde meiner Meinung nach nicht zufriedenstellend funktionieren. Habe ich etwas übersehen?
    Welchen Grund sollten Springer & Co. haben, verwandt.de zu übernehmen?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 09:37 Uhr (#)

    Springer hat viele Kanäle, über die es die Plattform bekannt machen kann. Je mehr Verwandt.de nutzen, desto mehr kämen für die von dir beschriebenen Premiumservices in Frage. Außerdem besäße Springer Hundertausende “Leads”, von denen es auch anderweitig profitieren könnte. Und nicht zuletzt hat Springer bisher noch kein ausgewiesenes Social Network im Portfolio. Was würde dagegen sprechen, Verwandt.de als Ausgangsbasis für ein Familiennetzwerk zu nutzen, was dann bei hoerzu.de, bilderfrau.de etc. integriert wird?

    Ich denke, was verwandt.de braucht, ist extreme Reichweite hinein in all die Teile der Bevölkerung, die rein gar nicht Web-2.0- und internetaffin sind, aber sich ab und zu mal Kochrezepte oder Abnehmtipps aus dem Netz holen. Springer hat diese Reichweite (andere große Medienhäuser natürlich auch).

  3. Markus von Vagabund
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 13:46 Uhr (#)

    Bisher ist die Plattform einfach zu wenig Social Network / Community, um, wie du oben auch geschrieben hast, die nötige Stickiness zu erzeugen. Ohne Zweifel könnten Medienhäuser wie Springer die Reichweite massiv erhöhen, aber langfristig kleben bleibt davon nicht viel, da der Nutzen der Plattform endlich ist.
    Verstehe mich bitte nicht falsch. Ich bin mit meinem Stammbaum vertreten und von der einfachen Handhabung begeistert. Aber nach einer Woche intensiver Nutzung und Ahnenforschung hat mein Interesse schnell nachgelassen.

    Wenn man das Konzept zugunsten eines Familiennetzwerks anpassen würde, da gebe ich dir Recht, könnte man mehr daraus machen. Aber warum sollte sich die zwischenmenschliche Kommunikation einer Familie ins Internet verschieben?

  4. Martin Weigert
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 16:28 Uhr (#)

    Tja das ist eben diese Frage, die am Anfang bei jeder “Innovation” gestellt wird. Manche Sachen verschwinden deshalb auch wieder, weil sie wirklich niemand braucht, andere setzen sich durch, weil die Leute ihren Nutzen erkennen. Keine Ahnung, ob Familiencommunities im Netz eine Chance haben. Das wird sich zeigen.

    Im Vorhinein weiß man doch nur in den seltensten Fällen, ob man eine bestimmte technischen Neuerung braucht oder nicht.

  5. RW
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 17:25 Uhr (#)

    ich denke Markus hat es schon richtig erkannt: wo ist das (mögliche) Geschäftsmodell, wo der aktive User, wo die für eine effektive Monetarisierung notwendige Zielgruppenabgrenzung?

    4 Millionen klingt zwar schon viel, aber ich vermute 95% davon waren noch nichtmal auf der Seite? Bsp.: Ich leg mein Profil an (5%) und trage 19 Familienangehörige ein (95%), heißt ja noch nicht, dass die eingetragene Verwandschaft die Plattform auch nutzt.

    Was natürlich nicht heißt, dass es eine schöne Erfolgsstory ist und sicher auch paar Euro`s für die Profildaten gezahlt werden, wenn es zu einem Exit kommt.

  6. Martin Weigert
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 18:05 Uhr (#)

    Würde die Frage nach dem Geschäftsmodell so sehr im Vordergrund stehen, fänden 95 Prozent der Akquisitionen im Web-2.0-Bereich doch gar nicht statt. Diese Sichtweise ist zwar aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, aber bisher nicht typisch für das Web 2.0 (weswegen ja diese ganzen Blasen-Diskussion aufkommt).

    Will heißen: nur weil WIR kein Geschäftsmodell sehen, heißt das nicht, dass ein Dienst kein Übernahmekandidat ist.

    RW: Genau, die vier Millionen sind Profile, angelegt von vielleicht 100.000 Usern (meine Schätzung, vielleicht auch weniger, vielleicht mehr). Deswegen verwies ich weiter oben auf “Hundertausende Leads”. Aber selbst diese Zahl kann für einen eventuellen Käufer sehr attraktiv sein. Hängt ja letztlich auch immer vom gezahlten Preis ab. Fünf Millionen Euro für einen Dienst ohne existierendes Geschäftsmodell aber mit guter Bekanntheit und Nutzerbasis kann sich eine Axel Springer AG leisten, 50 Millionen wären dagegen völlig ungerechtfertigt.

  7. RW
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 18:23 Uhr (#)

    100 Millionen für 1 Million aktive Studenten ist ein nachvollziehbarer Deal (das Monetarisierung war absehbar, die Zielgruppe klar abgegrenzt), aber was will ich mit der Plattform von verwandt.de anstellen?

    Mal überspitzt gesagt: wenn ich mir paar Telefonbücher nehme, dort Namen und Rufnummern rausschreibe, ohne das die jeweilige Person das überhaupt mitbekommt, das dann online stelle und sage “ich habe 5 Millionen Profildaten”, würdest Du dafür 5 Millionen Euro ausgeben?

  8. Martin Weigert
    schrieb am 11. Oktober 2007 um 19:02 Uhr (#)

    Ich nicht. Aber andere sicher (und manch einer würde es vielleicht sogar schaffen, damit etwas Sinnvolles anzustellen und die Millionen-Investition am Ende zu rechtfertigen).

    Davon abgesehen teilen wir doch beide die Ansicht, dass momentan kein richtiges Geschäftsmodell existiert. So gesehen musst du mich nicht überzeugen.

    Gleichzeitig denke ich jedoch, dass ein großer Medienkonzern auch aus einem Dienst ohne existierendes, Erfolg versprechendes Geschäftsmodell seinen Nutzen ziehen kann.

  9. Martin
    schrieb am 13. Oktober 2007 um 21:59 Uhr (#)

    Das Bekanntmachen durch Springer hat ja auch schon bei profis.de bislang überhaupt nicht funktioniert – denke nicht, dass es bei verwandt.de anders sein könnte.
    Ich sehe verwandt.de als eines der meist überschätzten Projekte im Web an. Kein Geschäftsmodell, keine Aktivität der User usw. fast wie twitter…

  10. Martin Weigert
    schrieb am 13. Oktober 2007 um 22:38 Uhr (#)

    Twitters Konkurrent Jaiku wurde ja gerade von Google gekauft. Dann stehen die Chancen für verwandt.de wohl ziemlich gut…

  11. Markus von Vagabund
    schrieb am 15. Oktober 2007 um 13:11 Uhr (#)

    Nur weil es auch eine nette Internetanwendung und mit Web2.0 gebrandet ist? Sorry, aber das kann man nicht mit dem Google-Jaiku-Deal vergleichen.
    Die Frage nach dem Geschäftsmodell macht den Unterschied zur geplatzten Millennium-Blase aus. Damals hat man blind investiert um “dabei” zu sein. Das versuchst du oben auch für Springer’s schlecht entwickeltes Internet-Portfolio zu skizzieren.
    Im Google-Deal stecken deutlich mehr Fantasie und Möglichkeiten zur Monetarisierung. Jaiku wurde vermutlich aufgrund der ausgeprägten Mobiltelefon-Funktionalitäten übernommen. Unter Berücksichtigung dass Google eine Mobilfunklizenz erworben hat (oder erwerben will?) und für Local Search die Straßen fotografiert sowie Daten über Ladengeschäfte sammeln lässt, liegt der Nutzen auf der Hand: Die Rüsten sich für einen künftigen bzw. einen sich ändernden Markt. ;-)

  12. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 15. Oktober 2007 um 13:31 Uhr (#)

    Markus, ich bezog mich auf den Kommentar von Martin über meinem. Rein sachlich würde ich Jaiku und Verwandt.de natürlich auch nicht vergleichen.

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