Ist es wirklich billiger geworden, ein Startup aufzubauen?

In einem wieder mal exzellenten Artikel schreibt Businessangel Paul Graham über die möglichen Konsequenzen der Tatsache, dass man heute für sehr wenig Geld ein Startup anfangen kann. Viel mehr Leute werden das in Zukunft tun, meint Graham, und das wird viele Dinge ändern: Finanzierungsmodelle, Akquisitionsprozesse, das typische Profil von Firmengründern, Wettbewerbsstrukturen und letztlich gar das Bildungssystem.

Nur: Die Grundprämisse des Artikels (dass Startups eben heute billiger zu machen sind) wird gar nicht erst erläutert oder hinterfragt. Da stellt man sich nach der Lektüre dieser sehr weitreichenden Prognosen schon die Frage, ob das einfach so vollumfänglich stimmt.

Zunächst: Grahams Angel-Fonds “Y Combinator” finanziert fast ausschliesslich konsumentenorientierte Web-Startups, und darauf beziehen sich seine Aussagen natürlich auch. Und sicher ist es richtig, dass eine junge Web-Firma heute mit erheblich weniger Kapital auskommen kann als noch vor zehn Jahren. Die Hardware (billige Linux-Boxen), die Softwareinfrastruktur (fast alles als Open Source erhältlich) und Netz-Bandbreite sind um mindestens einen Faktor 10-15 billiger als noch am Start der Web-1.0-Welle. Da können Jungunternehmer auch von der Studentenbude aus schon einen respektablen Webdienst aufbauen, ohne auf externes Kapital zurückgreifen zu müssen.

Nur: Wie sieht es mit dem späteren Wachstum aus? Ist das auch so billig zu haben?

Ganz so scheint es nicht zu sein. Die Stars der Web-2.0-Szene haben praktisch alle substantielle Venture-Capital-Investments erhalten, um ihr Wachstum zu finanzieren. Ein paar Beispiele:

-Facebook: $37.5 Mio.
-Digg: $10 Mio.
-Youtube: mindestens $11.5 Mio.
-Twitter: Unbekannter Betrag zwischen $1 und 5 Mio.

Klar, es gibt auch Beispiele für schnelle Exits von Firmen, die nur mit ein wenig Angel-Geld finanziert waren, aber das ist klar die Ausnahme, und die Deals sind meistens auch ziemlich klein.

Mit anderen Worten: Auch bei Web-Startups kann man heute zwar sehr klein anfangen, muss für echtes Wachstum aber meistens doch an die grossen Geldtöpfe rankommen. Und damit sind dann die angeblichen revolutionären Effekte von Billig-Startups plötzlich nicht mehr so bedeutend.

Oh, und bevor wir’s vergessen: Es gibt auch noch andere Branchen als Internet, wo man Startups machen kann. Und da sind die Kosten bei weitem nicht in einem so grossen Ausmass gefallen, dass man von einer Revolution in den unternehmerischen Prozessen sprechen könnte.

Klar, Finanzdienstleister, Biotech- und Nanotech-Firmen, Medienhäuser, Unternehmen der Energietechnik und selbst Handelshäuser profitieren alle von fallenden IT-Kosten. Aber IT ist in all diesen Branchen nur einer von vielen Input-Faktoren, und längst nicht der wichtigste. Ein Biotech-Startup von der Idee bis zum vermarktungsreifen Medikament zu bringen, kostet immer noch dutzende oder gar hunderte von Millionen an Risikokapital. Das funktioniert dann definitiv nicht mehr als Studentenfirma.

Kein Zweifel: Im Web-Sektor werden wir dank der niedrigen Einstiegskosten weiterhin eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Startups sehen, und das ist auch gut so. Es wird schneller und mit weniger Risiko möglich, viele Ideen auszuprobieren, aus denen sich die besten herauskristallisieren. So manches kleine Startup wird auch unabhängig bleiben können und auf einem guten Niveau Profite für seine Gründer abwerfen. Aber in die höchste Liga zu kommen, ist weiterhin teuer und risikoreich.

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