“Päpstlicher als der Papst”

Ein PR-Profi und ein Journalist werfen dem Chefredaktor des Magazins Persönlich rot vor, sich zum Mikrofonhalter des Schweizer Justizministers Christoph Blocher degradiert zu haben. Glaubwürdig ist das nicht.

Stöhlker
Matthias Ackeret (links), Klaus J. Stöhlker (rechts). Screenshot telezueri.ch

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

In der Runde bei Tele Züri (hier das Video) waren Klaus J. Stöhlker, Matthias Ackeret und Markus Gilli, die sich schnell auf eine hitzige Debatte einliessen, die sich ursprünglich um das Projekt teleblocher.ch (zurzeit offline), dann aber bald mal um Ethik und Journalismus drehte. Eigentlich ist es ja grossartig, wenn sich Leute in einem kleinen Regional-TV für guten Journalismus einsetzen. Nur verdient der eine der beiden sein Geld als PR-Berater (Stöhlker). Und der andere muss als Chef von Tele Züri Sendungen verantworten, an denen Interviewgäste ausführlich ihre Produkte vorstellen dürfen (Gilli). Meine Herren, nichts für ungut, aber das ist doch etwas fragwürdig.

Matthias Ackeret hingegen wirft dem Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, Ueli Haldimann, vor, dass er in einem Blogbeitrag (Blog zurzeit leider offline) seinen Vor- UND Nachnamen! falsch geschrieben habe. Zitat aus der Sendung, übersetzt von mir:

Ich find das vom Chefredaktor des Schweizer Fernsehen absolut primitiv. Er, vom Staatsfernsehen, beschimpft einen, ein unabhängiger Journalist, als Groupie. Er hat in meinem Namen auch noch zwei Fehler gemacht. Er hat “Matthias” falsch geschrieben und “Ackeret”. Also das find ich unverzeihlich. (…)

Dazu möchten wir ein Zitat aus einem Interview wiederholen, das Matthias Ackeret als Chefredaktor seines Magazins mit Ueli Haldimann geführt hat. Es ist noch nicht lange her und trägt das Datum 01.03.2007:

Ackeret: Aber ist es nicht ein bisschen kleinlich, wenn Sie dem Tages-Anzeiger-Chefredaktor in Ihrem Kommentar einen Tippfehler in seiner Zeitung vorhalten?

Haldimann: Nein, überhaupt nicht. Der von Peter Hartmeier verantwortete Tages-Anzeiger forderte in einer Polemik unter anderem die Abschaffung von ?10 vor 10?, einer unserer erfolgreichsten Sendungen. Der kurze Text enthielt mindestens drei sachliche Fehler. Ich finde das unprofessionell. Und wenn der Tagi statt Walter Eggenberger Walter Eppenberger schreibt und das beim Korrektorat durchgeht, ist das peinlich.

Ackeret: Das ist doch kleinlich …

So leicht kann sich ein Sachverhalt ändern, wenn man selbst davon betroffen ist. Lustig, nicht wahr?

Lustig auch, dass die Doppelmoral der Angreifer von allen in die Sendung telefonierenden Zuschauern durchschaut und kritisiert wurde. Und wer lacht am Schluss? Der, der die devoten Interviews solcher Fragesteller immer und immer wieder empfängt: Christoph Blocher.

Gilli
Markus Gilli, Screenshot telezueri.ch

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. redder
    schrieb am 24. September 2007 um 17:28 Uhr (#)

    ..wer im scheisshaus, sitzt soll nicht mit schweinen werfen.

  2. Frank Schrillmacher
    schrieb am 24. September 2007 um 18:00 Uhr (#)

    Mir gefiel das Lustspiel, vor allem die körperlichen, unbewussten Reaktionen der einzelnen, die trotz grossartiger Selbstbeherrschung stets ausbrachen.

  3. Jean-Claude
    schrieb am 24. September 2007 um 18:25 Uhr (#)

    Schweizer Journalismus wird mmer mehr zur Lachnummer je mehr Medien es gibt. Nehmen Medienkonsumenten das noch ernst?

  4. N.N.
    schrieb am 24. September 2007 um 19:12 Uhr (#)

    Genau. Und dazu passt hervorragend das Kasperletheater, welches von unseren Politikern jedwelcher Couleur veranstaltet wird – als gäbe es keine dringlicheren Probleme, die zu lösen es gilt.

  5. Jean-Claude
    schrieb am 25. September 2007 um 10:06 Uhr (#)

    Es ist schon mehr als nur Kasperlitheater. Es zeigt an, dass die Schweizer mit sich selber viel weniger im Reinen sind als sie nach aussen gern tun.

    Dass eine Partei wie die SVP trotz allem erkennbaren Unsinn um die 30 % der Stimmen holen wird, dass die Sehnsucht nach einer Führerfigur “diä emol seit, wo’s dureghooht” so enorm ist, zeigt doch, wie gross Groll und Verunsicherung unter der Goldbrokatdecke namens Schweiz inzwischen sind. Es brodelt – und niemand merkts.

    Die Schweizer Medien thematisiseren diesen gefährlich auseinanderklaffenden Zwiespalt in der Gesellschaft fast nie, weil sie sich zum Bestandteil des Machtgetriebes haben degradieren lassen. Und das bedeutet: Grundsätzliche Konflikte lässt man unter dem Teppich. Man begnügt sich mit ein paar Aufgeregtheiten, die niemandem wirklich weh tun. Die Politik spielt bei diesen Vorgängen nicht die Hauptrolle, sondern die Wirtschaft bez. deren spezifische Interessen.

    Beispiel: Die schmierig anbiedernde Story des “Sonntsagblick” vom letzten Sonntag zum Fall Matter/Swissfirst. Ueber 4 Seiten hinweg, mit zwei Fotose mit Matters “im 4 Monat schwangeren Lebenspartnerin (” seit vier Jahren sind sie ein Paar”)”, darf sich der gestrauchelte Bankier aussülzen, wie böse ihm Medien und Oeffentlichkeit mitgespielt hätten.

    Der Sobli gibt vor, dieser Schleimerei deswegen zu machen, weil man Fehler begangen habe in der Berichterstattung und man sich bei Matter entschuldigen wolle. Klingt honorig, ist aber tatsächlich nur widerliche Anbiederei. Denn natürlich bleibt hübsch unklar, was in dem Fall nun wirklich Sache ist.

    Medien sollen sich für Fehler entschuldigen. Vor allem aber sollen sie mit Fakten aufklären. Stattdessen aber lassen sie sich von Privatinteressen einspannen und verwedeln bewusst die Fakten.

    Wenn eine Zeitung Fehler macht, soll sie gefälligst klar sagen, wo die Fehler liegen: Wir berichteten…aber richtig ist vielmehr … usw., wie das mit einer ordentlicher Gegendarstellung zu machen ist.

    Tatsächlich aber darf Matter über mehrere Seiten hinweg (und am Montag darauf auch noch im Blick) seine Sicht der Dinge als alleinige Wahrheit darstellen. Und nebenbei Werbung für sein Buch machen, für das er sicher willige Ghostwriter in der Zürcher Journalistenszene gefunden hat.

    Dabei ist der Hintergrund der Geschichte der: Zwei Finanzjongleure (die Zürcher “Financiers” Matter und Hranov) haben sich bei einem gerissenen Deal gegenseitig ausgetrickst und den Streit in die Oeffentlichkeit getragen. Medien liessen sich von der einen bez. andern Seite einspannen. Sowohl gegen Matter wie gegen Hranov laufen Strafuntersuchungen der Staatsanwaltschaft (über deren Gegenstand erfährt man im Sobli rin gar nichts).

    Die Eidgenössischen Bankenkommission hat zwar bisher nichts Anstössiges bei Matter gefunden, aber wie Insider wissen, hat diese Kommission nur äusserst begrenzte Möglichkeiten, solchen Fällen wirklich auf den Grund zu gehen, wenn sie nicht uneingeschränkten Zugang zu allen Konten- und Akten hat.

    Das alles könnte man (wenn man’s kann …) als Journalist verständlich beschreiben, ohne Matter zu verurteilen – aber auch ohne ihn vorzeitig freizusprechen, zumal ja noch eine Strafuntersuchung läuft. Sicherlich hat das seinerzeitige Verhalten Matters zurecht viele Fragen aufgeworfen, die die Oeffentlichkeit durchaus interessieren sollten. Jetzt sich in diesem Zusammenhang als so harmloser Erdenbürger und liebesbedürftiger Lebenspartner hinzustellen, ist einfach lächerlich.

    Eine Zeitung, die so etwas mitmacht, was der Sobli letzte Woche mitgemacht hat, verabschiedet sich aus der immer kleiner werdenden Zahl von Medien, die man noch ernst nehmen kann. Bei jeder einschlägigen Story wird man im Hinterkopf haben müssen: Wem schleimen sie denn jetzt wieder?

    Wahrscheinlicher aber ist: Beim Sobli wird es keine Journalisten mehr geben, die solche Geschichten recherchieren, ich meine: recherchieren! – und sich nicht einfach von einer Interessenseite füttern lassen.

    Zuguterletzt: Wenn man Bankier ist, kann man sich in diesem Land mehr als andere erlauben. Das hat gerade erst der Fall von Oscar Holenweger gezeigt, der der wichtigsten politischen Kommisson der Schweiz – der Geschäftsprüfungskommisson des Nationalrats – wie kein anderer auf der Nase herumtanzt. Niemanden scheint das zu stören. Auch gegen ihn läuft noch immer ein Strafverfahren, obwohl enge journalistische Geschäftsfreunde (z.B. von der ehemaligen Acter AG) ihn in lobhudelnden Artikeln längst von allem freigesprochen haben.

    Sorry, wenn das etwas lang geworden ist. Aber platzt euch nicht auch langsam der Kragen ob all den Zumutungen, die man uns in letzter Zeit in den gedruckten Medien verkauft (bez. gratis liefert)?

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