“Privates Surfen am Arbeitsplatz” ein alter Hut

Martin Weigert, 30. Juli 2007 15:20 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Mehr als 826.000 Einwohner Londons haben ein Profil bei Facebook. Damit ist die britische Metropole die Stadt mit der weltweit höchsten Zahl an Facebook-Nutzern. Augrund der exzessiven Benutzung von Social Networks haben sich verschiedene Unternehmen in Großbritannien entschieden, den Zugriff auf Facebook und einige andere große Web-2.0-Seiten für ihre Mitarbeiter zu blockieren. Wie Profy berichtet, gehören dazu unter anderem der Finanzdienstleister Credit Suisse, die Investmentbank Dresdner Kleinwort sowie British Gas und die Londoner Polizei. Auch dem australischen Telekommunikationsriesen Telstra ging die Facebook-Nutzung seiner Mitarbeiter während der Arbeitszeit offensichtlich zu weit. Wie TechCrunch am Freitag berichtete, wurde für alle 49.000 Angestellten des Unternehmens der Zugriff auf das populäre Social Network gesperrt.

Die Vorfälle verdeutlichen, wie wenig viele Unternehmen in der Lage sind, die Internetnutzung ihrer Angestellten differenziert zu betrachten und das sich verändernde Kommunikationsverhalten vieler Menschen zu berücksichtigen. Das Thema “Privates Surfen am Arbeitsplatz” ist so alt wie das Internet selbst. Und obwohl sich die Vorzeichen mit dem Web 2.0 und der Verbreitung von Social Networks stark verändert haben und immer häufiger die private Internetnutzung mit der beruflichen verschmilzt, macht es sich manch ein Arbeitgeber einfach und lässt Seiten komplett sperren, statt die mittlerweile eingestaubte, simplifizierenden Unterscheidung der Internetnutzung zu überdenken.

Mit einer Sperrung bestimmter Seiten übersehen Arbeitgeber, dass diese neben der privaten Komponente auch eine zur Problemlösung oder Erreichung von Geschäftszielen enthalten können. Gerade Facebook nimmt für manche verstärkt eine Rolle als Business Network ein, in dem man nicht nur Kontakte mit seinen engsten Freunden pflegt, sondern auch mit Kollegen und Geschäftspartnern kommuniziert. In vielen Branchen gehört die Kontaktpflege zu den besten Rezepten, um langfristig erfolgreich zu sein - sowohl für den einzelnen Arbeitnehmer als auch für das Unternehmen, bei dem dieser angestellt ist.

Social Networks wie Facebook ermöglichen das Entdecken gemeinsamer Interessen mit ursprünglich rein beruflichen Kontakten. Dies hebt die Beziehung zueinander auf eine völlig andere Ebene. Selbst wenn es für den Chef einer privaten Internetnutzung gleichkommt, wenn man die letzten Fotos der Golf-Session eines früheren Geschäftskontaktes kommentiert, so kann sich dies zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise in Form einer neuen Zusammenarbeit oder eines guten Deals auszahlen. Während Facebook auch für berufliche Zwecke nützlich sein kann, hat manch einer in Business-Netzwerken wie Xing dagegen auch Kontakte, die rein gar nichts mit dem aktuellen Job zu tun haben. Während für den Vorgesetzen also alles in Ordnung zu sein scheint, schreibt sein Angestellter private Nachrichten mit einem ehemaligen Studienkollegen. Ein anderes Beispiel: Viele Angestellte, die häufig Reisen und internationale Telefonate führen, nutzen Skype. Dabei enthält ihre Kontaktliste nicht selten sowohl Familienmitglieder und Freunde als auch Kollegen oder Geschäftspartner. Da ist es natürlich, dass man während der Arbeit gelegentlich ein privates Gespräch oder einen Chat führt. Es kann aber auch vorkommen, dass sich ein beruflicher Kontakt außerhalb der Arbeitszeit über Skype meldet, den man dann auch nicht sofort abweist. Wer versucht, hier das Nutzungsverhalten zu reglementieren, ist noch nicht im digitalen Zeitalter der Globalisierung angekommen.

Natürlich gibt es viele Internet-Aktivitäten, die ausschließlich privater Natur sind. Abgesehen von erotischen Internetangeboten, die wirklich nicht im Büro genutzt werden sollten, bringen auch Onlinespiele, Videoclips oder Datingchats den Arbeitgeber in keiner Weise näher an das Erreichen der Unternehmensziele. Doch selbst hier ist ein Umdenken notwendig. Jeder Mensch braucht unterschiedlich lange für das Erfüllen seiner Aufgaben. Manch einer arbeitet schnell und effizient, während jemand anderes akribisch genau vorgeht, sich häufiger kurze Unterbrechungen und eine lange Mittagspause gönnt und für die Erledigung der gleichen Aufgaben doppelt so viel Zeit benötigt. Während das Verbot einer privaten Internetnutzung den langsam arbeitenden Angestellten gar nicht betrifft - denn dieser hat dafür sowieso keine Zeit - sitzt sein schneller Kollege am Arbeitsplatz und fühlt sich bestraft. Am nächsten Tag lässt er sich dann auch mehr Zeit, denn er sieht keinen persönlichen Anreiz für effizientes Arbeiten. Möglicherweise führt die unnötige Reglementierung sogar zu Motivationsverlust und sinkender Loyalität seinem Arbeitgeber gegenüber.

Die zeitgemäße und zukunftsorientierte Alternative zu Internet-Verboten und -Blockierungen sind eindeutige, messbare Zielsetzungen für die Mitarbeiter, die ihnen Freiheiten und Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung lassen. Eine Differenzierung von privater und beruflicher Onlinenutzung ist dann nicht mehr notwendig. Was zählt, sind erreichte Ziele und eigenverantwortliches Arbeiten. Wer sich täglich vier Stunden in Social Networks herumtreibt und dennoch seine Zielsetzungen erreicht oder übertrifft, hat seine optimale Arbeitsweise gefunden. Diese Freiheit sollte jeder haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. stopherl

    schrieb am 30. Juli 2007 um 16:33 Uhr (#)

    Am liebsten würde ich diesen Text direkt an meinen Arbeitgeber weiterleiten, aber das würde nur wieder Probleme verursachen.

    Uns ist es nicht einmal gestattet während der Dienstzeit Email abzufragen. Obwohl die interne Kommunikation fast ausschließlich über das neue Medium Internet abgewickelt wird.


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