Deutschland ein Web-2.0-Entwicklungsland?

Die Zahl der Bundesbürger, die zumindest gelegentlich online gehen, steigt. Laut (N)onliner-Atlas sind 60,2 der Bundesbürger in den letzten zwölf Monaten online gewesen. Ein gutes Ergebnis, mag man denken. Doch es sagt nichts über die Intensität und Art der Internetnutzung aus. Auch nicht über generelle Einstellung der Bevölkerung zum World Wide Web. Besonders in den letzten Tagen und Wochen wurde deutlich, dass sich Deutschland genau hier zu einem Problemfall entwickeln könnte.

Online-Aktivitäten umfassen mehr als das Schreiben von E-Mails und das Suchen nach dem Busfahrplan. Gerade die zahlreichen unter dem Begriff Web 2.0 zusammengefassten Dienste eröffnen Nutzern neue Möglichkeiten zur Interaktion, Kommunikation, Problemlösung und Erleichterung des Alltags. Erschreckend viele Bundesbürger zeigen jedoch wenig oder kein Interesse an den neuen Angeboten, manch einer tut sein Desinteresse und seine Ablehnung auch ohne Scham in aller Öffentlichkeit Kund.

Wie Computerwoche gestern berichtete, befragte das Marktforschungsinstitut Forrester Research 7.000 Internetnutzer in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, den Niederlanden und Schweden zu ihren Online-Aktivitäten. Das wenig überraschende Ergebnis: “Während in Europa die Teilnahme an Communities, das Hören von Podcasts sowie die Nutzung von RSS-Feeds auf dem Vormarsch sind, zeigt sich Deutschland davon unbeeindruckt”. Laut der Studie nutzen lediglich acht Prozent der deutschen User ein Social Network – fünf Prozent davon nur selten. In Großbritannien dagegen sind es mehr als 30 Prozent. Lediglich ein Prozent der deutschen Internetnutzer hat einen eigenen Blog, 16 Prozent lesen Blogs. Nur unsere französischen Nachbarn stehen sozialen Webangeboten und interaktiven Möglichkeiten ähnlich skeptisch gegenüber. Eine weitere Erkenntnis von Forrester: Deutsche sind am wenigsten bereit, Inhalte auf Websites oder in Blogs zu kommentieren.

Betrachtet man einige Ereignisse der letzten Wochen und bringt sie in einen Gesamtkontext, lässt sich das Aufkommen einer gewissen Besorgnis um Deutschlands (digitale) Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit nicht vermeiden. Wenig internetaffine Bürger, eine allgemeine mediale Toleranz gegenüber Äußerungen wie “Ich brauch doch kein Internet – neumodisches Zeug” und eine Gesetzgebung, die innovative digitale Projekte erschwert, sorgen für ein sehr bedenkliches Gesamtbild. Die Probleme, denen sich Flickr, Google Mail, YouTube und Last.fm in den letzten Wochen in Deutschland ausgesetzt sahen, mögen teilweise übertrieben dargestellt worden sein. Sie senden aber dennoch Signale und lassen die Alarmglocken klingeln.

Web-2.0-Unternehmen haben es hierzulande schwer. Auf Unterstützung durch den Gesetzgeber, die klassischen Medien und große Teile der Bevölkerung können sie nicht setzen. Solange viele die Beschäftigung mit dem Web außerhalb der Arbeit als Zeitverschwendung ansehen, wird sich nicht viel ändern. Dabei gilt Deutschland nach wie vor als Land der Innovationen und technologischen Errungenschaften. Warum wird dann beim Internet eine allgemein akzeptierte Ausnahme gemacht?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

10 Kommentare

  1. Sergej
    schrieb am 30. Juni 2007 um 20:48 Uhr (#)

    Hmmm, schwer zu beurteilen. Andererseits sag ich mir: Es entstehen fast täglich neue Web 2.0-Projekte und Social Networks aller Arten. Und die würden nicht ins Leben gerufen, wenn die entsprechende Nachfrage seitens Nutzer nicht da wäre.

    Weitere Web 2.0 Statistiken und Analysen hab ich mal im Blog zusammengefasst.

  2. Martin
    schrieb am 1. Juli 2007 um 10:18 Uhr (#)

    Der Erfolg von z.B. MyVideo und StudiVZ zeigt natürlich, dass eine Nachfrage nach Web-2.0-Projekten besteht. Allerdings sind auch dort die Userzahlen angesichts von rund 50 Millionen Internetusern in D-AT-CH vergleichsweise niedrig.

    Außerdem ist es heute so einfach, ein neues Web-2.0-Angebot zu starten. Die Kosten sind geringer als je zuvor und manch einer launcht einen neuen Dienst sogar neben dem Job. Daher wird auch nicht viel marktgeforscht, ob für ein Projekt überhaupt eine entsprechende Nachfrage besteht. Denn wenn nicht, dann macht man eben wieder zu oder verkauft (siehe dukudu). Gerade das Bestehen von 10 deutschen Twitter-Klons zeigt doch, dass hier keiner der Anbieter wirklich darüber nachgedacht hat, ob es eigentlich eine Nachfrage gibt. Man versucht es einfach. Was an und für sich auch sehr gut ist. Besser funktionieren würde es aber, wenn die generelle Einstellung der Bevölkerung und Medien positiv wäre und nicht tendentiell ablehnend.

  3. Sergej
    schrieb am 1. Juli 2007 um 12:49 Uhr (#)

    Der Mensch ist aber auch von der Natur her so eingestellt: Nicht alles was neu ist und glänzt (und etwas mit Web 2.0 zu tun hat) gleich goldrichtig sein muss. Da gehen erst die Alarmglocken an, dann wird erst nachgedacht und in seltensten Fällen ausprobiert. Das war immer schon so, auch zu Zeiten des Web 1.0.

  4. Martin
    schrieb am 1. Juli 2007 um 13:00 Uhr (#)

    Stimmt. Nur bekommt man den Eindruck, ein solcher Prozess dauert in Deutschland länger als anderso.

  5. Sergej
    schrieb am 1. Juli 2007 um 13:31 Uhr (#)

    Da hast du sicherlich Recht.

  6. Matthias Mebes
    schrieb am 2. Juli 2007 um 01:49 Uhr (#)

    Halli Hallo

    wenn ich deinen Beitrag lese fällt mir gleich das Typische Schwarz sehen in Deutschland ein.

    Lass den Menschen etwas Zeit .. man muss auch den Nutzen ersst mal für die User bemerkbar machen. Auch werden ersst jetzt viele Webmaster auf web 2.0 aufmerksam udn bauen es ersst jetzt in ihren Homepages und Blogs ein. Sonst denk ich mal wäre Mister Wong nicht so erfolgreich. Man muss auch mal sehen das Investoren 2,5 Millionen € in das web 2.0 Portal oneview.de gesteckt haben. Und die werden ja wissen wo sie ihr Geld reinstecken.

    Manche sachen werden auch nie in Deutschland erfolg haben .. wie Kreditkartenzahlung im Internet oder Sekten gründen wie in den USA. Ist halt ne andere Mentalität :-)
    oder ” was der Bauer nicht kennt, das macht er nicht”.

    Man sollte auch sehen das Deutschland mit .de eine sehr großen Anteil am Internet hat. Auch sind Deutschsprachige Internetseiten mehr vertretten als z.b. Russische udn das sollte ja zeigen das wir nach vorne schauen.

    Also zum Abschluss “nicht immer schwarz sehen”

    mfg matze

  7. Martin
    schrieb am 2. Juli 2007 um 09:31 Uhr (#)

    Matze, natürlich ist Schwarzsehen keine gute Sache. Wer mich aber kennt, der weiß, dass ich der größte Optimist überhaupt bin. Davon abgesehen wohne ich seit einiger Zeit nicht mehr in Deutschland, habe also eine gewisse Distanz zu Deutschland und kann besser vergleichen. Aber sämtliche Eindrücke, die ich bekomme – sei es durch Aufenthalte, durch Artikel, in Telefonaten mit Freunden oder Bekannten – diese “Was der Esel nicht kennt frisst er nicht”-Einstellung ist allgegenwärtig. Und wenn Du Dir das Video der ZDF-Kinderreporter anschaust, in dem Sie Politiker über Computer und Internet zu befragen (im Artikel verlinkt) – daran gibt es leider einfach nichts zu beschönigen. Das hat wenig mit Schwarzsehen zu tun.

  8. Rafa
    schrieb am 4. Juli 2007 um 16:32 Uhr (#)

    Ich denke mal, dass es kein Geheimnis ist, dass die breite deutsche Masse sehr, sehr träge ist im Vergleich zu anderen Staaten auf dieser Welt. Das mag an verschiedenen historischen Ereignissen und an der hierzulande existierenden Mentalität liegen.

    Außerdem ist es kein Geheimnis, dass Deutschland eins der feindlichsten Staaten ist, was die Handhabung mit Selbstständigen angeht und ein Steuerparadies ist es auch nicht gerade.

    Das ist kein doofes rumheulen, beschweren möchte ich mich auch nicht, denn schlecht gehts mir in Deutschland nicht. Man kann allerdings zur Realität stehen und muss sie nicht schönmalen.

    Das sind sicherlich einige Faktoren, die eine Rolle spielen und ich denke sowieso, dass die meisten Web-Nutzer Jugendliche sind (und zunehmend auch Personen im mittleren Alter, die in der Internet-Generation teils aufgewachsen sind).

    Ein anderer Punkt: Insbesondere der (N)onliner-Studie würde ich nicht viel Glauben schenken. Liest man sie ausführlich durch, so merkt man doch einige Inkonsistenzen, beabsichtigte Manipulation von Daten und zahlreiche Inkonsistenzen. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, von welchen Organen diese Studie finanziert wird und welche Motivation dahinterstecken könnte?

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 4. Juli 2007 um 18:06 Uhr (#)

    Den (N)onliner-Atlas erwähnte ich, weil ich die Daten gerade zur Hand hatte. Ich hätte auch die AGOF oder Forschungsgruppen Wahlen Online zitieren können. Die Zahlen zur Internetnutzung ähneln sich sehr.

  10. ilovewebdesign
    schrieb am 19. August 2008 um 13:27 Uhr (#)

    Ist natürlich schwer dies so einfach zu beurteilen, jedoch hast du auch sehr viele Punkte richtig beschrieben in deinem Artikel
    Gruß

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