Was in den Beizen abgeht.

schaper
Foto: Schweizer Fernsehen

Die Debatte um den designierten Kulturchef des Schweizer Fernsehens, den Deutschen Rainer M. Schaper, treibt etwas seltsame Blüten.

Letzten Donnerstag, da war seine Ernennung noch nicht mal offiziell, hatte schon die Weltwoche gefunden (“Ein Deutscher wird neuer SF-Kulturchef”, nur für Abonnenten), dass das zwar vermutlich ein Fehler sei, aber man argumentierte ungewohnt ausgewogen.

Auf der Positivseite schlug zu Buche:

Ein Leichtgewicht ist dieser Mann keineswegs, sondern ein ausgewiesener Kulturjournalist und vor allem ein Afond-Kenner des Mediums. (…) Schaper prägt immerhin seit mehr als einer Dekade die gescheite «Kulturzeit» mit. Ein, so das Lob der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, «Phänomen des sonst eher tristen deutschen Fernsehvorabends».

Auf der Negativseite dagegen:

Während bei SF viele Leute ihre Direktorin per du anreden und das herrscht, was man «partizipativen Stil» nennt, setzt Schaper eher auf Abgrenzung und Hierarchie, was irritieren kann. Er sei, so ein früherer Mitarbeiter, «ein Mann, der einen auch nach sechs, sieben Jahren in derselben Anstalt siezt».

Oha. Ein deutscher Siezer im Schweizer Duzikuchen, das wird hart. Wobei es etwas anderes ist, ob man sich in Deutschland siezt (wo etwa Vorstandsteams grosser Unternehmer oft jahrelang per Sie miteinander verkehren) oder das hier in der Schweiz durchzieht – vielleicht klärt ihn Ingrid Deltenre ja einfach vorher über die Usanzen auf.

Ich weiss noch genau, wie verdattert ich geschaut habe, als ein Kunde 1996 beim ersten gemeinsamen Mittagessen zuerst einen halben Roten bestellte und meinem Freund Tim und mir dann das “Du” anbot – aber ich habe mich wieder gefangen, und es gibt insgesamt Dinge, die schwieriger zu lernen sind.

Apropos Lernen. Am Sonntag folgte die nächste Etappe. Die Sonntagszeitung hatte ein Interview mit Schaper im Blatt (Auszug online beim Tagesanzeiger), in dem diese Passage stand:

Nachholbedarf bekundete der 53-jährige Deutsche hingegen in Sachen Mundartrock. Polo Hofer kenne er nicht, sagte Schaper. Von Baschi kennt er nur den Namen, «mehr nicht».

Da musste natürlich “20 Minuten” gleich rumfragen, wie denn die Leute das nun wieder finden. Und wen fragen sie als erstes? Natürlich: Polo Hofer. Das nenne ich journalistisches Gespür.

Und schon hatte man heute eine schöne Story namens “Heftige Kritik an SF-Kulturchef” im Blatt. Auszug:

«Das lässt einen das Schlimmste befürchten», sagt Polo Hofer. «Nach dem, was ich bis jetzt von Schaper gehört habe, ist er ein Schöngeist», nervt sich der Musiker.

Und dann mein Lieblingssatz, leider nur indirekt zitiert:

Schaper wisse doch gar nicht, was in den Beizen abgehe.

Das ist allerdings ein echter Skandal, man weiss gar nicht, was übler ist: ein Schöngeist oder ein vom Beizenspirit unbeleckter.

Andererseits, ob es besser gewesen wäre, wenn Schaper gesagt hätte: “Kant kenne ich nicht, und von Mozart kenne ich nur den Namen”? Ist es schwieriger, sich von Philosophie und Klassik aus etwas in die Beizenszene einzuarbeiten oder umgekehrt? Ich kann es nicht sagen, denn ich weiss ehrlich gesagt über beide Bereiche wenig, was abgeht.

Aber noch was anderes: Auf der SF-Website gibt es eine vorbildliche Seite mit Informationen über die Abteilung «Kultur», im Moment noch mit dem Noch-Amtsinhaber Adrian Marthaler.

Schauen wir mal stichwortartig, was alles zu den Aufgaben des Kulturchefs gehört:

  • Sendungen zu religiösen Themen
  • Fernsehfilme und Kino-Koproduktionen
  • Soap und Sitcom
  • Kulturspezifische Informationssendungen
  • «bildende Inhalte» wie «Sternstunden Philosophie», «Sternstunde Kunst» und «Klanghotel»
  • Religiöse Themen wie «Sternstunde Religion», «Wort zum Sonntag», «Bilder zum Feiertag»
  • Wöchentliche Aktualitäts- und Hintergrundmagazine sowie Gesprächssendungen
  • Sondersendungen, Events
  • Musikformate (Jazz, Klassik)
  • Theateraufzeichnungen

Von Beizen lese ich da nichts. Die Schweizer Castingshow “MusicStar” ist nicht bei der Kultur angesiedelt, sondern in der Abteilung Unterhaltung (Abteilungsleiterin: Gabriela Amgarten), wie auch die Reality Soap “Baschi National” sowie generell: “Musikformate (Rock, Pop, Country, Volksmusik)”.

Tja, liebe Freunde in den Beizen und bei “20 Minuten” (und Nachplauderer): Zwar betont Schaper in dem Interview auch, er habe ja bis zu seinem Dienstantritt im Januar noch ein halbes Jahr Zeit (zum Beispiel, um sich durch die Discographie von Polo Hofer zu arbeiten – ich würde allerdings gern mal eine Beizenumfrage machen, wie viele der dort Herumhockenden neben “Alperose” ein weiteres Lied von Polo Hofer grölen anstimmen können -, oder um sich einige der spannungsgeladenen Episoden rund um Raser-Baschi auf DVD anzugucken) – aber er muss es gar nicht.

Die Beizer sind bestens versorgt bei Gaby Amgarten aus Obwalden. Prost!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Mehr lesen

6.4.2009, 0 Kommentare6 zur re:publica'09:
Frauen, Freaks oder Geeks

Der Abschluss der re:publica'09 in den Blogs: Wenn Frauen bloggen, kein Status Quo mehr, kein Bock auf Recherche, die Vorträge als Videos online.

3.4.2009, 0 Kommentare6 zur re:publica'09:
Leerlauf, Internetgemüse, Babykotze

Tag 2 der re:publica'09 in den Blogs: Was treibt die Blogger-Twitter-Internetgemüse-Riege? Warum ist das Babykotze-Panel genau richtig? Wann richten die Blogger ihren Fokus auf die Probleme unserer Zeit?

2.4.2009, 0 Kommentare6 zur re:publica'09:
Klowände, Augenringe, Hosenträger

Der Tag 1 der re:publica'09 in den Blogs: Helden in Hosenträgern, eine internetferne Elite, Augenringe. Und immer noch: Klowände.

Onlinevideo- und TV-Markt: Eine Branche verändert sich

4.1.2012, 0 KommentareOnlinevideo- und TV-Markt:
Eine Branche verändert sich

In den kommenden zwölf Monaten wird sich im Onlinevideo-Segment viel bewegen. Etablierte wie neue Internet- und Technologiefirmen werden versuchen, sich ein Stück vom neu zu verteilenden TV-Kuchen zu sichern. Ein Blick in die Glaskugel.

Couchfunk: iPad-App für alle,  die ungern alleine fernsehen

18.10.2011, 8 KommentareCouchfunk:
iPad-App für alle, die ungern alleine fernsehen

Couchfunk ist eine Social-TV-App für das iPad, die Zuschauerkommentare zu Programmen sammelt. Die Anwendung des Startups aus Sachsen macht einen guten ersten Eindruck.

waydoo: Der Check-In für Unterhaltungsmedien

7.3.2011, 4 Kommentarewaydoo:
Der Check-In für Unterhaltungsmedien

Bei waydoo veröffentlichen Nutzer, welche Medieninhalte sie gerade konsumieren. Der Service aus Kulmbach lehnt sich konzeptionell an US-Dienste an, sieht aber besser aus und berücksichtigt das Fernsehprogramm aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

Journalismus 2.0: Die Diskussion mitgestalten

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

1 Kommentar

  1. guzzi
    schrieb am 27. Juni 2007 um 12:34 Uhr (#)

    Findet nicht im Klaghotel und auf dem Kulturplatz regelmässig Pop statt?

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.