Der Fall Digg und die Diktatur der Nutzer

Martin Weigert, 3. Mai 2007 15:40 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Mitmachen ist im Internet zwar schon seit der Entstehung von Mailinglisten, Newsgroups und Foren möglich, doch ein richtiger Massentrend wurde es erst mit dem Web 2.0. Dementsprechend ist das Feld des vom Nutzer generierten Inhalts noch ein relativ unerforschtes. Welche Geschäftsmodelle sich durchsetzen werden, wie die Qualität der durch User erstellten Inhalte zu bewerten ist und welche Nachteile das Mitmach-Web hat, darüber wird derzeit noch viel spekuliert. Seit gestern ist man um eine weitere Erkenntnis reicher: Internetangebote, die stark auf User Generated Content setzen, können sehr leicht außer Kontrolle geraten.

Ein User der weltweit bekanntesten Social-News-Plattform Digg hatte einen Artikel veröffentlicht, dessen Überschrift einen eigentlich geheimen Key zur Entschlüsselung von HD-DVDs enthielt. Digg entschied sich, den Beitrag zu löschen, um rechtlichen Reibereien aus dem Weg zu gehen. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen: Andere Digg-Nutzer wurden auf die Löschung aufmerksam und posteten den Bericht erneut oder veröffentlichten Links zu Artikeln, die sich mit der Löschung des Originalbeitrags befassten. Da es in der Natur von Social-News-Plattformen liegt, dass die populärsten Artikel prominent auf der Startseite gefeatured werden, war diese schnell voll mit Meldungen zu dem Vorfall. Berichte auf der Startseite erzielen gleichzeitig die meisten neuen Leser, was die «Zensur bei Digg« in kurzer Zeit zu einer der Top-Nachrichten im Internet machte.

Und der Protest der User zeigte Wirkung: Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, entschied sich Digg-Gründer Kevin Rose, den umstrittenen Artikel samt des HD-DVD-Keys wieder bei Digg zu verlinken - zumindest für den Augenblick ein Sieg der Nutzer und eine nachvollziehbare Entscheidung von Kevin Rose, um nicht jedes Wohlwollen der Nutzer zu verlieren. Nun wird sich zeigen, ob Digg mit rechtlichen Schritten der hinter HD-DVD stehenden Unternehmen rechnen muss. Im schlimmsten Fall wird der Dienst mit hohen Schadenersatzforderungen konfrontiert und muss aufgeben, auch wenn das ein eher unwahrscheinliches Szenario ist. Sollte es aber dazu kommen, dann wären die Sieger (User) am Ende die Verlierer und die Diktatur der Nutzer hätte ein erstes Opfer gefunden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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