Digitale Spaltung:
Wenn der Begriff “Blog” für fragende Blicke sorgt

Martin Weigert, 30. April 2007 17:52 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

In der vergangenen Woche veröffentlichte Handelsblatt Online einen lesenswerten Artikel über die digitale Spaltung der deutschen Gesellschaft. Kernaussage: Die “Generation Web 0.0″ kann weder am Bildungsgrad noch am Alter festgemacht werden. Zu ihr gehören Manager, Rentner, Hausfrauen, Eltern und laut Handelsblatt auch Studenten (wobei das wohl nur für sehr wenige gilt). Ich las diesen Artikel mit großem Interesse. Als Internetfreund mit 24 Jahren habe ich persönlich nur sehr selten Kontakt mit Leuten, die wirklich rein gar nichts mit dem World Wide Web anfangen können. Nahezu jeder im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis ist mehr oder weniger Onliner. Natürlich mit unterschiedlicher Ausprägung, aber doch ausreichend, damit Stichwörter wie “Web 2.0″, “YouTube”, “Skype” oder “Blog” im Gespräch nicht näher erläutert werden müssen.

Quasi als Verdeutlichung des Handelsblatt-Artikels hatte ich am Wochenende dann mein ganz persönliches Zusammentreffen mit der “Generation Web 0.0″. Ich war auf der Geburtstagsfeier meines Vaters. Anwesend waren Gäste zwischen 10 und 80 Jahren. Vom Grundschüler über die Lehrerin bis zum Rentner war fast jede Bevölkerungsgruppe vertreten. Doch fast alle einte die geringe bis nicht vorhandene Internet-Kompatibilität. Eine löbliche Ausnahme waren meine Eltern, was einen natürlich freut. Genauso wie die Frage vom eigenen Vater, was denn nun dieses Web 2.0 sei. Noch besser ist natürlich, wenn man das Konzept und die Eigenheit des Internets der zweiten Generation dann auch noch verständlich vermitteln kann und sich ein wenig wie ein Missionar der Neuzeit fühlt.

Doch bei diesem Erfolgserlebnis blieb es auch. Bei allen anderen Gesprächen, die ich mit den Geburtstagsgästen führte (es waren viele, denn ich hatte die meisten lange nicht gesehen), musste ich mir jedes Wort und jeden Satz, der den digitalen Lifestyle betraf, genau überlegen. Das ist natürlich sehr schwierig, wenn man im Ausland lebt, einen Blog betreibt, mit Freunden und Eltern über das Internet telefoniert und eine Präsentation über das Geburtstagskind für den allgemeinen Abruf auf dem eigenen Webspace ablegt. Einerseits laufen viele Gespräche unweigerlich auf die Vorteile der heutigen Möglichkeiten hinaus. Anderseits ist es kaum machbar, diese seinem Gegenüber verständlich zu erklären, wenn dieser oder diese einfach keine Vorstellung davon hat, wie das alles eigentlich abläuft.

Warum schreibe ich das? Als Internet-Intensivnutzer, die wir alle sind, vergisst man angesichts der Euphorie über das Web 2.0 und die fortschreitende Digitalisierung, dass es nach wie vor viele Millionen Deutsche gibt, die davon rein gar nichts mitbekommen. Das ist eine Zielgruppe, die man mit keinem Werbebanner, Layerad, Video-Spot und mit keiner AdWords-Anzeige erreicht. Diese Menschen sind kein Mitglied in einer Onlinecommunity, schreiben keinen Eintrag bei Wikipedia, kaufen in keinem Onlineshop und stellen keine Bandbreite für P2P-Dienste zur Verfügung. Sie profitieren in keiner Weise vom Internet und tragen auch nicht zu dessen Weiterentwicklung bei. Doch in der Regel nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil ihnen niemand die Thematik näher bringt und den Online-Einstieg erleichtert. Manch einer muss mangels Breitbandverfügbarkeit noch immer mit ISDN-Surfen, andere lesen ständig von Phishing, Trojanern und Internet-Piraten und haben eine entsprechend negative Grundhaltung zum Thema Internet.

Es muss viel mehr unternommen werden, die Generation Web 0.0 endlich ins Netz zu bringen. Angefangen bei der Intensivierung des Ausbaus von Breitbandverbindungen über zusätzliche Internetangebote für Einsteiger bis hin zu einer Pro-Digitalisierungs-Attitüde der Massenmedien. Alle müssen mit anpacken, damit Statements à la “Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.” wie vom Bundesminister für Wirtschaft und Technik, Michael Glos (siehe Handelsblatt-Artikel) irgendwann der Vergangenheit angehören.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Robert Lender

    schrieb am 1. Mai 2007 um 00:06 Uhr (#)

    Dazwischen gibt es auch die Generation Web 0.5. Die durchaus Interessierten, die ein bisschen da, ein bisschen dort etwas von Web 2.0 nutzen, die aber keinen Überblick haben bzw. gar nicht wissen, wo sie sich bewegen. So hat mein privates Blog sicherlich etliche ältere LeserInnen, die gar nicht wissen, dass das ein Blog ist. Und vielen ist wohl die Problematik rund um Datenschutz, etc. auch nicht bewußt.
    All diese von dir genannten Gründe waren es u.a. auch, dass ich die WebPlausch Idee geboren habe. Der WebPlausch ist der Versuch im persönlichen Gespräch Interessierten Teile des Web näherzubringen. Ein kleiner Ansatz, der aber vielleicht einen Beitrag leisten kann - soferne genügend mitmachen.

  2. Martin

    schrieb am 1. Mai 2007 um 10:57 Uhr (#)

    Hi Robert,

    danke für Deinen Kommentar. Interessante Idee, das mit WebPlausch. User Generated Content im echten Leben! Viel Erfolg mit dem Projekt.

    Gruß
    Martin

  3. Katrin

    schrieb am 13. Mai 2007 um 18:31 Uhr (#)

    Sehr interessanter Beitrag. Bin selbst mit knapp 50 Jahren aktive Internet-Nutzerin und kenne beschiebene Situationen aus eigenem Erleben. Ich bin aber der Meinung, dass viele der Nicht-Internet-Nutzer zwischen ca. 40 und 70 Jahren wirklich nicht w o l l e n, auch wenn sie die Möglichkeit hätten und auch jemanden, der ihnen den Online-Einstieg erleichtert. Die negative Grundhaltung nach dem Motto “Das brauche ich nicht” ist einfach zu festgefahren und ich denke, die digitale Spaltung wird sich nicht durch genannte Maßnahmen aufheben lassen.

  4. Norman N

    schrieb am 19. Juni 2007 um 11:37 Uhr (#)

    “Studenten (wobei das wohl nur für sehr wenige gilt” - am Donnerstag habe ich sechs Studenten getroffen, wovon keiner den Begriff web2.0 kannte.
    Da wird eine Unterhaltung schwierig, wenn man über Online spricht.
    Und man registriert auch nicht gleich wer was weiß oder wer falsche Infos zu bestimmten Wörtern hat.

  5. Martin Weigert

    schrieb am 19. Juni 2007 um 11:52 Uhr (#)

    Norman, dass kann ich mir gut vorstellen. Geht mir manchmal ähnlich. Bei gewissen Bevölkerungsgruppen setzt man entsprechende Internet-Kenntnis voraus und landet dann in einer Situation wie von Dir beschrieben. Ich versuch daher häufig, Diskussionen über Web-2.0- oder generelle Internetthemen mit anderen zu vermeiden, solange ich nicht wirklich sicher bin, dass diese gut informiert sind.


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    (30. Juni 2007 12:09)

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