Moral und Technik
Heute haben wir zwei Texte über Web 2.0 verlinkt, auf die wir nun näher eingehen.
Gero von Randow warnt im Text “Leben im Netz” zwar vor Weltflucht und unbekümmerter Preisgabe der Privatspähre, sieht aber ein, dass sich das Leben geändert hat und etwas Elementares, er zieht als Vergleich die Markt- und Versammlungsplätze der Antike herbei, seine zeitgenössische Form gefunden hat. Er thematisiert die Befürchtungen, die jedem neuen Medium entgegenschlagen und nimmt dabei die Einführung der Schrift, der Zeitungen und der Telefone als Beispiel.
Während Gero von Randow durchscheinen lässt, dass das Web 2.0 auch gute Seiten haben könnte, sieht Rudolf Maresch, Autor, Publizist und Kritiker, übrigens pünktlich zum einjährigen Jubiläum der “Klowände im Internet“, im Text “Die Bühnen des Mobs und der Wichtigtuer” kaum positives.
Dabei ist er selbst längst im Web 2.0 angekommen. Unter rudolf-maresch.de/index.php findet sich ein ganz normales Blog, in dem sogar kommentiert werden darf. Dort werden aktuelle Mainstreamthemen wie der Fall Seehofer besprochen, es werden Leser auf wunderschöne Interviews aufmerksam gemacht und wie wir alle kämpft auch er gegen Kommentarspam. Er teilt sogar seinen (wie ich meine guten) Musikgeschmack mit der Welt.
Vielleicht hat er ja auch einen Flickr- oder einen Myspace-Account – es ist sein gutes Recht. Trotzdem schreibt er:
Auch “das unternehmerische Selbst” (U. Bröckling), das vor allem in “dürren Zeiten” ein besonderes Talent für Selbstdarstellung und Selbstvermarktung in sich spürt oder sich seiner expressiven “Begabungen” bei Arbeitskollegen, Freunden und Bekannten nicht hinreichend gewürdigt sieht, hat das Mitmach-Web für seine Aktivitäten entdeckt. Ihnen, aber vor allem auch Besserwissern, Wichtigtuern oder Paranoikern, die sich im normal life intellektuell verkannt, sozial missachtet fühlen oder einfach viel Zeit haben, bietet das Web 2.0 ein überaus reichhaltiges Angebot, ihren Neigungen rund um die Uhr nachzugehen. “You can’t always get what you want” – diese Songzeile der Rolling Stones von 1969 gilt fortan vielleicht nur für ihr reales Leben, aber nicht mehr für ihre virtuelle Existenz. Im Mitmach-Web bekommen sie jenen sozialen Kredit oder können jenes soziale Kapital anhäufen, das sie im Alltagsleben vermissen oder das ihnen aus welchen Gründen auch immer von Kollegen, Freunden oder Bekannten vorenthalten wird.
Richtig, rund um die Uhr. Das ist das Internet. Und das Internet ist wie das Leben, nur auf eine andere Art. Und wer meint, ein regelmässiger Initiant von, sagen wir mal, Wirtshauspöbeleien werde sich im Internet nur immer freundlich, höflich und allen Etiketten gerecht verhalten, muss man als naiv bezeichnen.
Die “Früher war alles anders”-Haltung von Herr Maresch ist teilweise richtig, da sich unterdessen nicht mehr ausgewählte, sondern viele Usergruppen das Internet teilen. Er schreibt über den Einfall der Vielen:
Da muss man gar nicht wie Lanier die jüngere Vergangenheit bemühen oder die Massenpsychologie von Freud bis Le Bon bemühen, es reicht auch einfach in ein Fußballstadium zu gehen, auf eine politische Demonstration oder eine öffentliche Wahlveranstaltung, um Trägheit, Dummheit und Manipulierbarkeit der Massen zu beobachten. Sie folgen eher dem Gewohnten als der Ausnahme, dem Bekannten und Vertrauten, als dem Überraschenden und Fremden.
Aber nicht nur richtig. Was Herr Maresch als Kritik an Blogs und Foren verkauft, ist in Wahrheit Kritik an der nach dem Urteil des Texts offenbar fragwürdigen Moral in der heutigen Zeit.
Wer das nicht glaubt und die Probe aufs Exempel sucht, der braucht sich nur ein paar Tage in einschlägigen Foren oder Blogs aufzuhalten – auch und vor allem in den hiesigen. Was vor Jahren mal als “basisdemokratische” Einrichtung gefeiert worden ist, als direkter Kontakt zum Leser oder Hörer, hat sich mittlerweile in sein Gegenteil verkehrt. Von einer Kultur des Streitens und Debattierens ist kaum noch etwas übrig geblieben. Der Umgangston ist rüde, der Stil verroht und versaut. Wer kürzlich Martin Scorseses grandioses Mafiaepos gesehen hat, wird Ähnliches bemerkt haben. Auch dort werden wir mit verkommenen Gemeinschaften konfrontiert, denen jegliche Form von Anstand fehlt. Ihre Sitten sind ebenso verwildert wie ihre Sprache versaut ist, und zwar quer durch alle Lager, auf dem Polizeirevier wie auf der Straße. Ab und an sehnt sich der Beobachter die Cosa Nostra zurück, wo noch mit Anstand und Würde und nach strengen Codices gemordet und geprügelt worden ist.
Dass sich dabei “der Beobachter” nach der Cosa Nostra zurücksehnt, um Anstand und Würde zurückzubringen, weckt die Frage, zu welcher Seite der kritisierten Gesellschaft der Autor nun gehört.
Das Thema Anonymität wird ebenfalls angesprochen:
Die Anonymität, die den Zuträgern im Netz zugesichert wird, vor allem damit sie ihre Scheu vor öffentlichen Stellungnahmen verlieren, scheint diesen negativen Trend noch verstärkt zu haben. Mehr und mehr macht sich dort ein digitaler Hoologanismus breit, der zunehmend von Wichtigtuern, Halbgebildeten und Besserwissern, von Rechthabern, Selbstdarstellern und digitalen Heckenschützen befeuert wird. Statt erstmal den Inhalt von Artikeln genau zu studieren, bevor man seinen Senf dazugibt, werden häufig nur noch Autoren oder andere Diskutanten angepöbelt, beleidigt und mit Schimpfwörtern traktiert. Meist reicht dem ideologisch verbohrten Besserwissi schon ein Stichwort, ein Halbsatz oder ein missliebiger Ausdruck, um den verbalen Baseballschläger zu schwingen oder sich bei Gleichgesinnten seines eigenen Vor-Urteils rückversichern zu lassen.
Vom wortreichen Frust über verfallende Werte abgesehen ist das ein Punkt, der in die Zukunft zeigt. Der Echtname wird sich in zukünftigen Netzdebatten vermutlich durchsetzen. Debatten gegen “holgi77″, “muckracker” oder “spacegirl” werden in ein paar Jahren nicht mehr die Tagesordnung sein – sondern Texte, die von vielleicht sogar staatlich anerkannten Identitäten stammen. In einzelnen Blogs werden anonyme Wortmeldungen heute schon gelöscht.
Über Moral im Internet berichtet heute auch der Blick. Es mag eine banale Wahrheit sein: Wenn es eine Moral geben sollte, dann ist sie bei den Menschen zu suchen und nicht in den Instrumenten, mit denen sie kommunizieren.
Abschliessend frage ich mich: Braucht es so einen langen Text, um zu postulieren, dass die Welt schlecht ist und darauf zum Teil unhöfliche Menschen wohnen? Kann ich, als unfreiwilliges “Kind der digitalen Revolution” und Teil der Gruppe von Naivlingen, die Vorteile in der Entwicklung von Web 2.0 sehen, weiterleben wie bisher? Kann, soll oder muss ich gar Massnahmen ergreifen und wenn ja, was für welche?
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.





















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Zur Anonymität: Ich hoffe nicht, dass der Trend weg von den Pseudonymen zu den “echten” Namen geht. Denn wer will schon, dass der künftige Arbeitgeber, die Vermieterin oder sonst eine neugierige Person mit einer Google-Recherche alle möglichen Statements im Netz finden kann. Also ich sicher nicht.
Ich verstehe auch nicht, wie Maresch einerseits in seinem Text die leichtfertige Datenbekanntgeberei und die damit zusammenhängende Sammelmöglichkeiten bedauert, andererseits aber gegen die Anonymität wettert.