Klage wegen Rassendiskriminierung gegen die Weltwoche

Wie die NZZ heute berichtet, hat die Surselva romontscha, ein Verein für die Erhaltung und Förderung der rätoromanischen Sprache und Kultur, bekanntgegeben, nächste Woche bei der Zürcher Staatsanwaltschaft gegen die Weltwoche und ihren Autor Urs Paul Engeler Klage einzureichen.

Grund dafür ist dieser Artikel, in dem Engeler konstatiert, dass rätoromanisch nicht mehr die vierte, sondern unterdessen die zehnte Landessprache der Schweiz ist. Er attestiert den rund 35’000 diese als erste Sprache Sprechenden bzw. ihren Vertretern (0.48% der Bevölkerung) Subventionsjagd und prophezeit, die Fördergelder würden die aussterbende Sprache noch überleben.

Im Lead zum Artikel werden die Worte “räuberisch” und “erpresserisch” verwendet, was die Surselva romontscha als ein Verstoss gegen das Schweizer Antirassismusgesetz sieht.

Genau heisst es im Lead des Texts:

Anachronistisch, kryptisch, erpresserisch, exotisch, fanatisch, neurotisch, räuberisch: Diese Worte fallen einem ein zu Rätoromanisch. Erfinderisch auch. Das sind die paar Schweizer, die diese Sprache sprechen, wenn es um Subventionen geht: um gigantische Subventionen.

Ob diese Anschuldigungen an die Vertreter der rätoromanischen Sprache strafrechtlich relevant sind, werden die Gerichte klären müssen. Dabei ist das Ziel der Klage gar nicht die Verurteilung des öfters eingeklagten Journalisten und Verlegers, sondern nichts mehr als eine Entschuldigung. Die NZZ schreibt:

Cabalzar sagte am Samstag, es gehe dem Vorstand nicht darum, dass Engeler bestraft werde. Auch Geldforderungen würden nicht gestellt. Doch erwarte man eine Entschuldigung.

Die Klage ist offenbar vielmehr aus Frust entstanden, da eine hängige Beschwerde im Presserat auch nach Fristverlängerung keine Reaktion hervorrief.

Wie auch immer die Haltung zu sterbenden Sprachen ist – ich finde den Text weder besonders beleidigend noch strafrechtlich relevant. Vielmehr zeichnet er das Bild einer mit Staatsgeldern besonders begüterten Lobby, die trotz sinkender Bedeutung der Sprache keine Abstriche an Bundesgeldern machen möchte. Dass die Sprache eher nostalgischen als praktischen Wert hat, zeigt das im Text aufgeführte Experiment von Gion Mathis Cavelty ziemlich gut:

“Wenn ich im Münstertal auf Surselvisch etwas bestelle, erhalte ich eine Antwort auf Deutsch und nicht auf Vallader.”

Die Haltung, ob die Ausschüttung von vielen oder wenigen Bundesgeldern an nach und nach verschwindende Sprachen das Beste ist, kann jeder selbst für sich entscheiden. Auch der betreffende Betrag, gemäss Engeler (jährlich?) 4,6 Millionen Franken, ist eher gering. Definitiv benachteiligt aber sind all die grösseren Gruppen, die unverhältnismässig anders subventioniert werden.

Gemäss Weltwoche beantworteten Bewohner der Schweiz im Jahre 2000 die Frage “Welches ist die Sprache, in der Sie denken und die Sie am besten beherrschen?” so:

4,6 Millionen gaben «Deutsch» an, 1,485 Millionen «Französisch», 471000 «Italienisch», 111400 «Serbokroatisch», 94900 «Albanisch», 89500 «Portugiesisch», 77500 «Spanisch», 73400 «Englisch» und 44500 «Türkisch»

Und 35095 “Rätoromanisch”. Derweil streicht der Kabelfernsehanbieter Cablecom den meisten in der Deutschschweiz Wohnenden die Sender RAI Uno, Canale 5, TF1, France 2, TVE, Italia 1 und RTP, was Proteste auslöste. Eine Online-Petition gegen die Abschaltung der Sender kann auf petitiontv.ch unterschrieben werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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14 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 20. Januar 2007 um 19:18 Uhr (#)

    Wo bleibt da Meinungsäusserungsfreiheit?

    4,6 Mio. Franken/Jahr, na ja, allein die SRG gab 2005 für Radio und Fernsehen der Rätoromanen 22,9 Mio. Franken aus (gemäss Geschäftsbericht).

  2. albert
    schrieb am 20. Januar 2007 um 19:37 Uhr (#)

    uj uj, im zeitalter der globalisierung gehen jetzt die lokalkämpfe los.

  3. Stoffel
    schrieb am 21. Januar 2007 um 20:33 Uhr (#)

    Subventiuns, Speculants das sind die Assoziationen im Zusammenhang mit den Rätos.

  4. Daniela A. Caviglia
    schrieb am 22. Januar 2007 um 08:12 Uhr (#)

    Naja, das sollte man vielleicht etwas anders sehen:

    Ein seltenes Tier im Zoo verursacht auch unverhältnismässig hohe Kosten. Dennoch pflegt man es weiter, gerade weil es so selten ist. Und auch wenn es auf anderen Kontinenten ähnliche Tierarten gibt, die noch nicht vom Aussterben bedroht sind.

    Die seltenen Rätoromanen gehören zum Schweizer Kulturgut. Will man diese aussterbende (Sprach)-Kultur so lange wie möglich weiterpflegen? Oder die Intergration fremdsprachiger Gruppen abbremsen, in dem man andere Sprachen fördert?

    Vielleicht eher ein Fall für diese Organisation hier. ;-)

  5. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 22. Januar 2007 um 08:48 Uhr (#)

    Im Unterschied vielleicht, dass ein verunglimpftes Engadinerschaf kein Geld für einen Anwalt aufbringen kann ;-).

  6. Daniela A. Caviglia
    schrieb am 22. Januar 2007 um 08:52 Uhr (#)

    … und schon gar nicht verunglimpfende Zeitungsratikel liest… ;-)

  7. mds
    schrieb am 22. Januar 2007 um 12:19 Uhr (#)

    @Daniela A. Caviglia: Ich bin überzeugt, mit all dem Geld, dass heute an die Rätoromanen fliesst, könnten man im Zürcher Zoo ein ansprechendes Habitat bauen… ;-)

  8. Daniela A. Caviglia
    schrieb am 22. Januar 2007 um 12:52 Uhr (#)

    Die Frage ist nur: Mit welchem Klima? Erwiesenermassen fühlen sich die Rätoromanen oft heimischer im urbanen Umfeld als im alpinen. Da müsste man erst Unmengen Kohle in entsprechende Studien buttern. Und erfahrungsgemäss ist das zu studierende Objekt längst ausgestorben, bis endlich die Studienresultate auf dem Tisch liegen. Ich fürchte fast, das ist ein hoffnungsloser Fall…

  9. R. G.
    schrieb am 31. Januar 2007 um 18:08 Uhr (#)

    Die Polemik von Engeler war inhaltlich und stilistisch so grottenschlecht, dass er sich bereits selber damit bestraft hat. Gegen einen solchen Artikel rechtliche Schritte einzuleiten ist inadäquat. Selbstverständlich soll der Bund die rätoromanische Sprache und Kultur fördern. Daran zweifelt wohl niemand ernsthaft. Aber nörgeln und zetern macht den Schweizern einfach Spass.

  10. mds
    schrieb am 31. Januar 2007 um 18:23 Uhr (#)

    Ich sehe keinen Grund, wieso der Bund die rätoromanischen Sprachen und die rätoromanische Kultur fördern sollte. Können Sie einen «Niemand» wie mich bitte ernsthaft davon überzeugen, dass die Rätoromanen auf ein mit Subventionen vergiftetes Dasein angewiesen sind?

  11. Daniela A. Caviglia
    schrieb am 1. Februar 2007 um 08:55 Uhr (#)

    @mds
    Weil Frau G. sonst die Arbeit ausgeht (siehe Seite 2, rechte Spalte)
    ;-)

  12. R. G.
    schrieb am 1. Februar 2007 um 10:22 Uhr (#)

    Liebe Frau Caviglia: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen…Ich bin nota bene Deutschbündnerin. Es geht hier aber weder um mich noch um Sie, sondern um die Sache.
    Deshalb komme ich zu mds: Liebe(r) mds, das ist sicher nicht das richtige Forum für staatskundliche Unterweisungen. Ich glaube, dass ich Sie in einem persönlichen Gespräch sehr wohl mit zahlreichen Beispielen davon überzeugen könnte, dass eine Minderheit, die traditionell zur schweizerischen Identität gehört, von der Gemeinschaft unterstützt werden muss. Die Willensnation Schweiz ist seit dem 19. Jahrhundert viersprachig und sehr erfolgreich; darauf kann sie stolz sein. Unsere eigene kulturelle Vielfalt öffnet uns mental und hält uns anderer Vielfalt gegenüber flexibel. Sprache und Kultur der Rätoromanen haben sehr viel Eigenes und Faszinierendes zu bieten, das bewahrt werden soll – ohne in musealer Selbstbetrachtung zu versteinern.
    Ein Staatswesen kann unter anderem auch daran gemessen werden, wie es seine Minderheiten und die Schwachen behandlet. Mag sein, dass absolut gesehen zu viel Geld fliesst oder dass das viele Geld an absonderliche Orte gelangt – auch darüber müsste wiederum diskutiert werden. Im kulturellen Bereich ein eindimensionales Kosten-Nutzen-Denken dominieren zu lassen, wäre ein schlechtes Vorzeichen für viele Bestrebungen in unserem Staat. Die Demokratie funktioniert differenzierter, vor allem unsere. – Mit diesen Worten verabschiede ich mich und grüsse alle Leser herzlich.

  13. Daniela A. Caviglia
    schrieb am 1. Februar 2007 um 10:28 Uhr (#)

    Ui, jetzt wissen wirs aber!

    Übrigens werfe ich gern ab und zu mit Steinen einige Löcher in Glashäuser, dann weht nämlich wieder mal ein frischer Wind hindurch…

  14. WashingtonVERA24
    schrieb am 21. August 2010 um 15:39 Uhr (#)

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