Man kann sein Geld mit Rechschreibung verdienen, und offenbar ist es kein schlecht verdientes Gel. (Entschuldigung: Geld). Oder aber man verlegt sich drauf, den Managern den neusten Hype zu erklären – damit sie wissen, was es hätte sein können, wenns vorbei ist.
Inserat aus dem in der Schweiz verbreiteten Medien- und Werbe-Newsletter Kleinreport:
Jawohl, bitte fundiert entscheiden. Für läppische 450 Franken lernt die geneigte Führungskraft
Die Schweizer Gratis-Abendzeitung Heute hat im Spiel Second Life eine tropische Insel gekauft und darauf ein Gebäude gebaut. Man kann auf dieser Insel News lesen, flirten, plaudern, an einer Bar sitzen oder den den Links folgen – zum Beispiel zur neusten Ausgabe oder zu anderen Inhalten der Zeitung.
Ist es die erste Zeitung im deutschsprachigen Raum mit einer SL-Präsenz? Ich glaube ja, wenn man von den Aktivitäten der Bild-Zeitung absieht, die mit dem AvaStar in SL eine eigene Zeitung vertreibt. Ein Besuch lohnt sich sicher, denn nur schon für 300 Sekunden Herumsitzen in einem der bereitgestellten Campingstühle verdient man zwei Linden-$. Und diese Dollars braucht man ja dringend, um irgendwas halbwegs Lustiges in SL anzustellen (jedenfalls wenn man geizig genug ist, keinen müden echten Dollar einzuzahlen). Die Linden-$ kriegt man direkt vom virtuellen Heute-Reporter Roco Camilo ausbezahlt, in meinem Fall ganze 6. Für 15 Minuten herumsitzen.
Entstanden ist die Präsenz gemäss Angaben von Roco so: Er irrte stundenlang herum auf der Suche nach einem schönen Fleckchen virtueller Erde, aber er fand nicht heraus, wie und wo man eines kaufen konnte. Schliesslich gab er entnervt auf und wandte sich an die Firma von Anshe Chung. Die vertickte ihm eine schöne tropische Insel und beide Seiten waren glücklich. Rocos Boss schliesslich entschied, dass auf dieser Insel die Heute-SL-Präsenz gebaut werden müsse. Sie wurde Vinca Island getauft (SLURL).
Wie sieht es denn aus auf dieser Heute-Insel? Wir waren da und haben Bilder gemacht:
You are from the media and so many people from the media are here. So I really want to know whether you have captured the spirit of Davos changing power equation in the Web 2.0-world. Who of you has his avatar? Raise your hands – and the others go out. Because you are not ready for what we are doing in Davos. And if you don’t know what an avatar is – ask my wife. I have to tell you: She was rigorously opposed to me to create my avatar in Second Life. You may go to Second Life to see me. So I created my avatar. I got a call from her. She said: “I want to have also an avatar.” – So I said: “Why?”. She said: “I just looked at your avatar and you look 20 years younger. So I want also to have one.”
Auf flickr.com im Vergleich: Klaus Schwab als Avatar und in echt.
Nachdem ich im Dezember 2006 bei der Second-Life-Niederlassung von Reuters ein paar Fotos gemacht habe, besuchte ich nun das aus mehreren Kugeln bestehende Hauptgebäude auf der Avastar-Insel. Für alle, die es nicht wissen: Der Avastar ist die (bisher noch) gratis auf PDF erscheinende grösste Zeitung im virtuellen Raum des Internet-Computerspiels Second Life. Sie schreibt ausschliesslich über das Geschehen in dieser Parallelwelt. Das Ziel der aus dem Haus Axel Springer (Bild-Zeitung) stammenden Publikation ist, nicht überraschend, Anzeigen zu verkaufen und später Einkünfte durch Einzelverkäufe oder Abonennten zu generieren.
Die aktuelle Ausgabe (#6) widmet sich dem Einfall der Brands und fragt sich, wohin das SL führen wird. Es geht um Proteste gegen das WEF, um den Gewinn eines Dates, das 2000 Linden-$ wert sein soll und viel um Mode. Wie ein Veranstaltungskalender oder der Avastar der Woche findet auch eine Reportage aus der SL-Unterwasserwelt seinen Platz. In einem Inserat offeriert der Avastar SL-Landbesitzern, die einen Avastar-Verkaufsapparat auf ihr Land stellen, Linden-$.
Zufällig besuchte ich die Insel, wie auch schon das Reuters-HQ, an einem Freitagabend, bei Sonnenuntergang. Zu dieser Zeit sind die Büros sehr leer, aber was will das schon heissen in einer globalen virtuellen Welt. Ein Avatar aus Holland, die sich auf der Insel befand, um die News innerhalb des Spiels zu lesen, meinte, der Avastar sei eine sehr gute Zeitung, wenn auch für ihren Geschmack zu sehr auf Klatsch und Mode ausgerichtet. Sie wünschte sich mehr technische News. Das könnte ich auch brauchen, denn was sie mir über ihre Pistole an der Hüfte im Zusammenhang mit Hirnimplantationen erzählte, hab ich nicht verstanden.
Wie auch immer, für ein paar Snapshots haben meine technischen Fähigkeiten gereicht. Hier sind sie:
Die Zeit hat sich das Online-Spiel Second Life näher angeschaut. Götz Hamann und Jens Uehlecke preisen das Spiel in einem längeren Artikel als “neue Volkswirtschaft” und als “Vorbote des künftigen Internets”. Sie berichten von 14000 Unternehmern, die dort bereits ein profitables Geschäft betreiben.
Eine davon ist Anshe Chung, “Your global leader in virtual real estate”. Es ist die SL-Figur von Ailin Gräf, welche es mit dem Handel von virtuellen Immobilien zur Dollarmillionärin geschafft hat. Der Text “Im zweiten Leben reich geworden” fasst ein augenscheinlich zwischen den Avataren Anshe Chung und Britney Bienenstich geführtes Gespräch zusammen. Ein Ausschnitt des in den neuen Büroräumlichkeiten der Firma geführten Interviews ist hier zu sehen.
Die Möglichkeit eines virtuellen Lebens fasziniert viele. Seit es Spiele wie Second Life gibt, die dieses zweite Leben fast schon perfekt simulieren, wird ihre Zahl noch zunehmen. Neu ist, dass es ganze Firmen dort hineinzieht. Ein Beispiel ist die Nachrichtenagentur Reuters, die auf einer Insel ein paar Gebäude errichtet hat. Wir waren zu Besuch und haben Fotos gemacht.
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