Der mächtigste Politiker der Schweiz hat nicht einmal ein wichtiges Amt: Christoph Blocher beherrscht die Politikseiten, er ist das Feindbild der Journalisten – und wird unterschätzt.
Einer gegen alle, er gegen die gesamte Politik, hinter ihm die Mehrheit der Schweizer. So sieht sich Christoph Blocher, nachdem er 1992 den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum bekämpfte und die Abstimmung mit nur 50,3 Prozent der Stimmen gewann. Seitdem hat einen Grossteil der Schweizer Medien gegen sich. Nicht unreflektiert natürlich, nicht einseitig – aber stetig. Sie passen einfach nicht zusammen:
Schicksale im Boulevard-Stil statt politischer Hintergrund. Die politischen Formate des Schweizer Fernsehens haben ihren Fokus verloren.
Wer am 17. September 2008 von 20:50 bis 22:15 Uhr den Sender SF1 einschaltete, um sich, wie im Programm angesagt, in politischen Magazinen über Politik zu informieren, hat Pech gehabt. Statt Politik warteten drei Frauenschicksale:
Thema der Rundschau: “Rätselhafter Mordversuch: Schweizerin hofft auf Begnadigung” (Über das Video, das nach der Sendung online gestellt wurde, heisst es inzwischen lapidar: “Aus urheberrechtlichen Gründen kann dieser Video-Beitrag nicht im Internet gezeigt werden.” Entweder wurde das Video also fälschlicherweise online gestellt oder es sind Ausflüchte. Wir fragen die Pressestelle. Im Video zu sehen ist eine mehrfach in Tränen ausbrechende Frau, der wegen Anstiftung zu Mord Gefängnis droht, nach einem, so sagt es eine Gefängnisseelsorgerin, “Hexenprozess par Excellence”)
Von Zürich nach Berlin, von Peking nach Denver und vom Fernsehen in den Geschichts-Workshop – unser Rückblick auf die 35. Kalenderwoche.
Olympia ist vorbei, die Feuerwerke gehen weiter (und diesmal in echt). Vor 84.000 Anhängern in Denver nahm Barack Obama seine Nominierung entgegen und ist somit der offizielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten – das Medienereignis (und unser Bild) der Woche.
Die beiden jungen Frauen, die beim Spiel Deutschland gegen Österreich anlässlich der Fussball-Europameisterschaft des Deutschlandlieds erste (“Deutschland, Deutschland über alles | Über alles in der Welt, …) statt dritte Strophe (“Einigkeit und Recht und Freiheit | Für das deutsche Vaterland!”) aus dem Internet kopierten, mussten einen Geschichts-Workshop besuchen. Die falsche Strophe lief auf dem Staatssender SF2 als Teletextuntertitelung für Gehörlose.
Der medienlese.com-Rückblick auf die Kalenderwoche 27: Intellektuelle top, Blocher-Film geprüft, Schnäppchen schlagen.
Das Bild der Woche: Im neu eröffneten Madame Tussauds in Berlin sass ein Wachs-Hitler im nachgebauten Führerbunker. Bis ein erboster Besucher der Figur den Kopf abriss. Die Medien sind begeistert:Hitler-Attentat!Endlich geglückt! (Bild Keystone/Rainer Jensen)
Die Top 5 der Intellektuellen weltweit heissen Fethullah Gülen, Muhammad Yunus, Yusuf Al-Qaradawi, Orhan Pamuk und Aitzaz Ahsan. Das jedenfalls kommt raus, wenn das amerikanische Newsmagazin Foreign Policy seine Online-Leser befragt. 20min.ch fragte: “Fethullah wer? Im Westen ist der je nach Quelle 1938 oder 1941 geborene Türke weitgehend unbekannt. Als freischaffender Theologe setzt er sich in zahlreichen Büchern für eine Modernisierung des Islam und für Toleranz ein.” Die Abstimmung massgeblich beeinflusst haben soll die Erwähung dieser auf der Titelseite einer türkischen Zeitung.
Bernard Thurnheer, Sportreporter des Schweizer Fernsehens, kommentiert die Spiele der Euro2008 mit Hilfe von handgeschriebenen Infokarten und einem Panini-Sammelalbum. Vor zwei Jahren gewann er eine Wette, weil er es schaffte, den Begriff “Handarbeitslehrer” in seine Moderation einfliessen zu lassen.
Besonders schnell sind wir für einmal nicht. Gezeigt wurde die Arbeitsmethodik des schweizer Fussball-Nationalreporters Bernard Thurnheer nämlich bereits während dem Countdown zum Euro2008-Eröffnungsspiel am 07.06.2008. Dennoch ist es interessant, zu sehen, wie sich der Reporter auf die Spiele vorbereitet (sf.tv, Video, Dialekt, 5:38 Minuten).
Ganze Stapel mit handbeschriebenen Infokarten warten darauf, zum Einsatz zu kommen, wenn geklärt werden muss, ob der Ersatztorhüter der Tschechen tatsächlich schon 1998 auf der Ersatzbank sass. Andere Banken, sagen wir, via Laptop zugängliche “Datenbanken”, sind offenbar kein taugliches Hilfsmittel. » weiterlesen