Den Hype um Second Life habe ich nie verstanden. Oder besser: Ich habe schon verstanden, warum Journalisten auf die virtuelle Welt gesprungen sind, und sie als die nächste Stufe des Webs sehen wollten: Man kann Geschichten erzählen damit, man kann Bilder präsentieren, und eine virtuelle Abbildung unserer Welt ist auch für Laien verständlich. Man versuche das mal mit RSS, APIs und Tags. Unsexy aber wesentlich umwälzender und beständiger.
Auf Techdirt erfahre ich jetzt, dass neben anderen Unternehmen, die unbedingt eine virtuelle Filiale brauchten, die Nachrichtenagentur Reuters im Second-Life-Wahn einen Reporter Vollzeit in die virtuelle Welt abgestellt hat. Und ihn jetzt abgezogen hat. War wohl dann doch nicht so viel los. Der Reporter hat über seine Zeit dort gesagt: “so viel Spaß, wie Farbe beim Trocknen zusehen”.
Auch interessant: neun von zehn Versuchen von Unternehmen, in Second Life Fuß zu fassen, scheitern.
Wired hat sich grundlegend geirrt – und gibt die falsche Einschätzung heute, mehr als zehn Jahre später, unumwunden zu: “We Were Wrong”. Leider ist so eine transparente und ehrliche Berichterstattung noch die Ausnahme.
Wired was wrong (Screenshot)
Es war 1997, die Computerfirma Apple stand am Abgrund – da gab Wired, das nerdige amerikanische Technologieheft, der maroden Firma ein paar Tipps mit auf den Weg. Schließlich wussten die Redakteure ganz genau, was eine erfolgreiche Firma im Silicon Valley ausmacht. Gönnerhaft schrieben sie auf, wie Apple in Zukunft Geschäfte machen sollte.
Der zwischenzeitlich geschasste Apple-Gründer Steve Jobs war gerade zurück auf dem Chefsessel. Er tat das genaue Gegenteil von dem, was Wired ihm geraten hatte. Äußerst erfolgreich. Wired lag vollkommen daneben – und kann das Jahre später, anlässlich einer großen Geschichte über den Erfolg von Apple, auch augenzwinkernd zugeben: » weiterlesen
Für einen kleinen Pauschalbetrag von 9.600 Euro und für 3.600 Euro jährlich leistet sich Österreich eine Absteige im Spiel Second Life. Mein Avatar ist etwas rumgelaufen dort und hat Fotos gemacht.
Was war das ned für ein Geschrei im Blätterwald Anfangs 2007, als in den Redaktionen Second Life gespielt wurde und sich die Avatare gegenseitig ausfragten, von welcher Zeitung sie denn seien. Irgendwann ebbte der Medienhype aber wieder ab, einige Late Adopter ausgenommen. Der Idee aber, dass dort jede Agentur, jede Zeitung, jede Firma und jeder Staat sein virtuelles Häuschen aufzustellen hat, konnten sich nicht alle verwehren. Nicht nein gesagt hat zum Beispiel Österreich (siehe “Österreichs Web 2.0-Spaß in Second Life“)
Mein Avatar war da und hat Fotos gemacht. In Räumen, so gross wie Kathedralen. Die so einsam und verlassen sind, als hätte eine grausame Krankheit alle Menschen dahingerafft.
Österreichs “virtuelle Amtsstube” in Second Life ist so aktuell wie die Zeitung vor einem halben Jahr. Dennoch behauptet der Bundeskanzler, Österreich beweise dadurch “einmal mehr seine Vorreiterrolle auf dem Sektor E-Government”. Bleibt zu hoffen, dass dieses Beispiel nicht Schule macht.
Von Markus Kirchsteiger
Das österreichische Bundekanzleramt hat eine “virtuelle Amtsstube” (SLURL ) im Online-Spiel Second Life eingerichtet. Auch wenn dafür ein Pauschalbetrag von 9,600 ? sowie laufende Kosten von 300 ? pro Monat anfallen: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) ist begeistert vom Web 2.0 und beantwortet eine parlamentarische Anfrage des Nationalrates mit Euphorie. Das Bundeskanzleramt sei ständig bemüht, “innovative neue Technologien anzuwenden und damit neue Zielgruppen zu erschließen”:
Daher wurde auch als erste Behörde weltweit eine virtuelle Amtsstube im SL eröffnet. Österreich beweist dadurch wieder einmal mehr seine Vorreiterrolle auf dem Sektor von E-Govemment.
Ein Blick auf die Inhalte dieser “virtuellen Amtsstube” lässt allerdings den Wunsch aufkommen, dass das virtuelle Österreich in Second Life nicht zum Beispiel für andere Staaten wird. Next Horizon, das dafür zuständige Unternehmen, hat nämlich ein wichtiges Prinzip des Internets nicht wirklich verinnerlicht: Aktualität.
Falls sie jemand nicht erkennt hat – das auf dem Bild links ist die Moderatorin Eva Wannenmacher . Beziehungsweise ihr Avatar in Second Life. Für einen Beitrag der Sendung Kulturplatz hat sie sich in die zweite Welt begeben und mit Gebührengeldern ein virtuelles Kleid gekauft. Was bei einem Betrag von unter einem Euro entschuldbar sein sollte.
Dort zu sehen ist auch ein satirischer Beitrag der Sendung Punkt CH (nicht zu verwechseln mit .ch) über Second Life. Im am 13.06.2007 hochgeladenen Video vom 20.05.2007 wird (teilweise in Dialekt) über eine angebliche Second World diskutiert, die in Neu-Oerlikon einsame Spieler zusammenführen soll. Dass es Second World bereits gibt und dass die Fakten nicht immer stimmen, kann dem teilweise sogar lustigen Beitrag sicher verziehen werden:
Ich finde ja Second Life unter anderem deshalb so uninteressant, weil die Grafik so mies ist. Aber klar, wenn die sich verbessert, so in zwei, drei, vier Jahren, dann ist das was gaaanz anderes:
SecondLife bekommt Konkurrenz aus Deutschland. Die StageSpace AG aus Karlsruhe hat die öffentliche Beta-Phase ihrer virtuellen Welt StageSpace gestartet. Ähnlich wie bei SecondLife können sich registrierte Nutzer mit Avataren durch eine Online-Welt bewegen. Glaubt man den Presseinfos von StageSpace, so ist das Angebot aber alles andere als eine Kopie von Second Life. Die zwei entscheidenden Unterschiede: » weiterlesen
Jeder, der zum Höhepunkt der Second-Life-Welle Ende 2006 / Anfang 2007 mit einem temporären Hype gerechnet hat, muss sich ein halbes Jahr später eines Besseren belehren lassen. Noch immer kann sich Second Life über eine nicht nachlassende Medienpräsenz freuen. Diese ist zwar nicht immer positiv, sorgt aber dennoch dafür, dass man Linden Lab und seine virtuelle Welt nicht vergisst.
In der vergangenen Woche gab es gleich eine Reihe interessanter Presseberichte zu Second Life. Wieder einmal stellt eine Studie die Werbewirkung der unzähligen Unternehmenspräsenzen in Second Life in Frage. Laut wuv.de hat das auf IT-Consulting spezialisierte Münchener Unternehmen Aquarius Consulting die Zahl der Besucher auf unterschiedlichen, von Firmen angelegten “Markeninseln” protokolliert. Die Ergebnisse sind ernüchternd. » weiterlesen
In meinem Beitrag “Digitale Spaltung: Wenn der Begriff «Blog» für fragende Blicke sorgt” vom 30. April hatte ich erwähnt, dass viele der heutigen “Offliner” durch die Massenmedien nahezu abgeschreckt werden, das Internet zu nutzen. Für jemanden, der sich noch nie mit den Vorteilen des Webs auseinander gesetzt hat, besteht dies Dank einer häufig einseitigen Berichterstattung der klassischen Medien hauptsächlich aus Viren, Killer-Spielern und Internet-Piraten. Und seit heute vermutlich auch noch aus Pädophilen. Die ARD deckte in ihrem “Report Mainz” um 21:45 die pädophilen Umtriebe von einigen Nutzern in Second Life auf. Zwei Filmautoren des Magazins haben offenbar mehrere Wochen lang (!) investigativ im virtuellen Raum recherchiert und sind dabei auf diese Vorgänge gestoßen (siehe Welt Online).
So verurteilenswert und menschenverachtend diese Vorfälle sind, so fragwürdig ist, ob man dies wirklich als “große Story” einem Mainstream-Millionenpublikum vorsetzen muss. Es ist anzunehmen, dass der größte Teil der Zuschauer weder Second Life selbst ausprobiert hat noch genau wiedergeben kann, was das überhaupt ist. Das wird sich nun natürlich ändern. Ich bezweifle allerdings, dass ein unnötiger Bericht wie dieser zu einer positiveren Einstellung der Generation Web 0.0 zur digitalen Welt führen wird. Davon abgesehen muss man sich die Frage stellen, inwieweit mehrwöchige “Recherchen” eines öffentlich rechtlichen Politmagazins im nach wie vor sehr bevölkerungsarmen Second Life gerechtfertig sind. Woanders nennt man das wohl “Spielen am Arbeitsplatz”.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
Mit Pinterest erlebt gerade ein Webdienst einen kometenhaften Aufstieg, bei dem Nutzer tagtäglich millionenfach und in vielen Fällen unwissend gegen das Urheberrecht verstoßen. Genau ein derartiges Phänomen benötigt die Urheberrechtsdebatte. » weiterlesen