Blogger sind anonyme Wesen, die gerne mal frech werden, wenn sie sich hinter ihrer Tastatur verstecken können. Dieses Vorurteil hat das Blogcamp 3.0 in Zürich deutlich widerlegt. Eine Umfrage ergab, dass über 90% der Anwesenden unter ihrem Echtnamen bloggen.
Geschossen hat dieses Foto übrigens Moritz Leuenberger per Fernauslösung. So wie jeder andere Blogger auch, der sich an der Fotoaktion blogcamp 3.0 beteiligte. So ungezwungen, wie Leuenberger auf dem Foto wirkt, war er den ganzen Anlass über. Begleitet wurde er nur von einem kleinen Team, das aus einem sehr kontrollbewussten Pressechef, zwei oder drei unauffälligen Polizisten und noch zwei oder drei weiteren Personen bestand. Kann man sich in anderen Ländern seinen Ministern auch so ungezwungen nähern?
Das Blog von Moritz Leuenberger und das wöchentliche Video-Interview mit Christoph Blocher. Wo liegen die Stärken und Schwächen der beiden Schweizer Vorzeige-Politblogger?
Sozialdemokrat und Medienminister Moritz Leuenberger und Minister a. D. Christoph Blocher von der Schweizerischen Volkspartei verbindet viel. Beider Väter waren Theologen: Professor der eine, Pfarrer der andere. Sowohl Moritz Leuenberger als auch Christoph Blocher studierten in den 60er-Jahren Rechtswissenschaften in Zürich, und beide sind Aushängeschilder von Schweizer Parteien, die einander in den letzten Jahren in den meisten Fragen gegenüberstanden; beide haben es geschafft, in die oberste exekutive Behörde der Schweiz aufzusteigen. Und sie sind die ersten wirklich prominenten politischen Blogger des Landes. Der eine auf moritzleuenberger.blueblog.ch, der andere in einem wöchentlich als Videoblog erscheinenden Interview auf teleblocher.ch.
Moritz Leuenberger wird zudem an diesem Freitag, am 29.08.2008, am BlogCamp Switzerland 3.0 in Zürich teilnehmen. Auch Matthias Ackeret, der wöchentliche Befrager von Christoph Blocher, wird einen Vortrag halten. Plätze sind noch immer verfügbar, soweit das vorläufige Programm.
Nun aber zu den beiden Blogs und was sie zu bieten haben. Gelb unterlegt ist jeweils, wer es besser macht:
Alle im Urlaub: Diverse “Sommerlöcher” geistern durch die Schlagzeilen. Mal fällt wer rein, dann soll es gestopft werden, mitunter brodelt es sogar. Eine sommerliche Presseschau.
Die junge Nachrichtenseite Zoomer berichtet über die rechtsextreme NPD, in der sich Biedermänner und Brandstifter unversöhnlich gegenüberstehen. Die Überschrift dazu gerät geradezu prosaisch: “Nachrichten aus dem braunen Sommerloch.” Gemeint ist nicht Darmstadt! Ein politisches Lager weiter links funkt die CSU gleichzeitig “Dauernachrichten ins Sommerloch”, wie Spiegel Online den Aktionismus der Parteifunktionäre mitten in der politischen Ferienzeit deutet. Da will die Kollegin in Berlin nicht hintenanstehen:
“Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat gestern einen großen Topf Spaghetti gekocht.” Der erste Satz eines Berichts auf Welt Online. Unter der Überschrift “Gurkenraspeln im Sommerloch” wird fleißig Süßholz geraspelt – dazu Tomaten und Gurken für oder gegen dicke Kinder.
Bundesrat Moritz Leuenberger versucht’s erst gar nicht mit Inhalt. Er münzt gleich das Phänomen auf sich: “Ich bin das Sommerloch”, zitiert ihn der Tages-Anzeiger. “Ihr sollt kein anderes Sommerloch haben neben mir”, hat er dann aber doch nicht gesagt. Also weiter :
Die Mittelland Zeitung hat ein Filmchen mit dem Schweizer Medienminister auf YouTube gesehen und glaubt, das sei zu seinem Schaden. Da bin ich anderer Meinung.
Heute in der Mittelland Zeitung auf Seite 4 steht ein Artikel mit dem Titel “Der Kommunikationsminister und sein unbotmässiger Auftritt im Netz”. Eigentlich steht der in der Aargauer Zeitung (AZ), doch in der Kopfzeile steht MZ – es ist nicht ganz klar, welches Medium man nun zitieren kann. Der Werbeslogan der Mittelland Zeitung lautet: “Die Nr. 3 der Schweiz”. Das klingt ja schon mal nicht so grossartig. Schlechter aber noch, dass diese Nummer 3 der Schweiz keinen Internetauftritt hat. Das heisst, die Zeitung hat einen Internetauftritt, aber nur mit Informationen über das Produkt. Inhalte sind nur kostenpflichtig verfügbar. Das komplexe Gewebe der verschiedenen zur MZ gehörenden Produkte zu entflechten, würde einen eigenen Text erfordern, weshalb ich darauf verzichte.
Das Wichtigste vorweg – der durchaus erheiternde Auftritt von Moritz Leuenberger (youtube.com, 2:23 Minuten, teilweise Dialekt, Kategorie: Comedy):