Zeitungen ohne Papier:
Geht das finanziell überhaupt?

Dass es den Zeitungen derzeit nicht gut geht, hört man allerorten. Während die Situation in Europa schon reichlich schwierig ist, wird sie in den USA zunehmend prekär. Auch renommierte Titel verlieren rasant Auflage und Werbeumsätze, und die einst stolzen Gewinne verwandeln sich zunehmend in Verluste.

Kein Wunder, sagen viele, der Grund sind die horrend hohen Druck- und Verteilkosten der physischen Zeitung. Wenn die Qualitätstitel nur noch online ihre hochwertigen Inhalte anbieten würden, wären sie schnell wieder profitabel, so eine oft gehörte Theorie. Aber: Stimmt das wirklich?

Der berüchtigte Analyst Henry “Amazon $400″ Blodget hat darum mal eine Zahlenspielerei mit den Finanzergebnissen der New York Times durchgeführt und herausgefunden: Auch bei optimistischen Annahmen könnte die NYT nur online niemals profitabel werden.

Machen wir das gleiche Spiel doch mal mit einem vergleichbaren europäischen Titel: der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Die ist in den meisten Aspekten gut mit der NYT vergleichbar: Renommierter Qualitätstitel mit Ausstrahlung über den Heimmarkt hinaus, attraktive Zielgruppe, sehr erfolgreiches Online-Angebot. Die NZZ-Gruppe machte laut Jahresbericht 2006 einen konsolidierten betrieblichen Ertrag von CHF 501,1 Mio. bei betrieblichen Kosten von 476.6 Mio. Daraus resultierte ein Betriebsgewinn von 25.4 Mio. Die ganze Gruppe beschäftigt derzeit 1700 Mitarbeiter.

Wenn man nun das Phantasieszenario durchspielen würde, dass die NZZ alle papierbasierten Medien aufgibt, würde das etwa folgende Konsequenzen haben. Natürlich basieren diese Zahlen alle auf recht groben Annahmen, weil der Jahresbericht nicht so detailliert ist, aber für ein Gedankenexperiment ist das genau genug.

  • Aufwände für Material und Versand fallen ganz weg, ebenso die “Fremarbeiten”, von denen wir mal annehmen, dass sie primär druckorientiert sind. Einsparung: 164 Mio.
  • Der Jahresbericht sagt nicht, wie viele Leute im Druckbereich der NZZ-Gruppe arbeiten, aber nehmen wir mal an, dass nicht mehr als 30% der Personalkosten etwas mit dem physischen Produkt zu tun haben. Das scheint in etwa sinnvoll, denn Zeitungsdruck ist heute eine stark automatisierte Angelegenheit, wo keine Heerscharen von Mitarbeitern nötig sind. Die Personalkosten würden sich also um 30% reduzieren, damit haben wir schon wieder 58 Mio. eingespart.
  • Auch die Abschreibungen würden sicher massiv zurückgehen, denn die fallen wohl primär für die teuren Druckzentren an. Nehmen wir an, dass wir da 80% sparen, das sind 25 Mio.
  • Die übrigen Kosten nehmen wir mal als unverändert an. Es gibt keinen Grund, warum man zum Beispiel viel weniger für Werbung ausgeben würde.

Prima, mit diesen Massnahmen würde die NZZ in einer Nur-Online-Welt ihre Kosten auf 221 Mio., oder nur 46% der heutigen Kosten herunterdrücken. Aber wie sieht es mit den Einnahmen aus?

  • Die Erträge für elektronische Medien würden natürlich wachsen, sagen wir mal um 30%.
  • Von den Werbeeinnahmen der Zeitung nehmen wir an, dass 25% ins Online-Medium transportiert werden könnten. Das ist vermutlich sogar sehr optimistisch. Eine typischere Faustregel für die Migration von Werbung von Print zu Online geht eher von einem Verhältnis von 10:1 aus, aber nehmen wir mal die optimistische Variante.
  • Einnahmen von Abos fallen ganz weg, denn wie es sich gehört, wird online alles gratis angeboten.
  • Auch Druckerträge fallen natürlich weg.
  • Wir nehmen an, dass vom übrigen Verlagsertrag nur 20% übrigbleiben, denn das ist primär der Buchverlag. Und vom Rest bleiben 50%, weil da noch Erträge aus dem Zeitungstransport drin sind.

Resultat: Der Umsatz reduziert sich von 505 Mio. auf noch ganze 106.5 Mio. Hmm.

Nzz-2

Ohne Papier würde dieser naiven, aber tendenziell optimistischen Modellrechnung zufolge die NZZ-Gruppe einen Verlust von CHF 115 Mio. pro Jahr einfahren, d.h. mehr Verlust als Umsatz. Das wäre ja fast schon ein klassisches Dot-Com-Unternehmen…

Aber wie wir aus der Dot-Com-Ära wissen, ist so ein Missverhältnis natürlich nicht überlebensfähig. Die Gruppe könnte den Breakeven-Punkt nur erreichen, wenn 80% der heutigen Werbeeinnahmen aus der Zeitung ins Online-Medium übernommen werden könnten. Und das ist absolut unrealistisch.

Ganz offensichtlich ist also der Aufwand der physischen Produktion nicht das wirkliche Problem der Zeitungshäuser. Auf der Kostenseite ist der Personalaufwand mit weitem Abstand der grösste Brocken. Zeitungen wie die NZZ beschäftigen sehr umfangreiche Redaktionen, beispielsweise hat die NZZ schon allein fast 50 Auslandskorrespondenten. Und die arbeiten nicht billiger, nur weil das Papier wegfällt.

Auf der Einnahmenseite ist es praktisch unmöglich, die hohen Werbeeinnahmen aus der Zeitung ins Online-Medium herüberzuziehen. Online ist halt nun mal erheblich kostengünstiger und effizienter, und regionale Monopole haben im World Wide Web keine Bedeutung. Darum sind naturgemäss die Werbeeinnahmen, die Zeitungsunternehmen online erzielen können, auch erheblich geringer. Und bezahlte Abos lassen sich im Online-Bereich nur sehr schwer durchsetzen. Das weltweit fast einzige Erfolgsbeispiel ist das Wall Street Journal, und das überlegt sich bereits eine Abschaffung der Abo-Gebühren, weil sich durch die reduzierte Leserschaft die Werbeeinnahmen stark reduzieren.

Da würde der fiktiven Nur-Online-NZZ-Gruppe nur eins übrigbleiben: Massiv Personal abbauen, Redaktion radikal verkleinern, Verwaltungsaufwand auf ein Minimum reduzieren. In meiner Modellrechnung würde der Konzern wieder Gewinn schreiben, wenn der Personalbestand auf etwa 30% reduziert würde. Nur: Was würde dann vom heutigen Qualitätsniveau übrigbleiben? Angesichts dieser ökonomischen Realitäten erstaunt es nicht weiter, dass im reinen Online-Bereich sehr wenig Qualitätsjournalismus im klassischen Sinn zu finden ist.

Eins ist also klar: Einfache Antworten darauf, wie Zeitungen ihr Businessmodell in Zukunft verändern sollten, gibt es nicht.

Online-Video:
Niemand will bezahlen, Werbung siegt

Vor einiger Zeit habe ich mir hier ja schon mal Gedanken darüber gemacht, wie sich die Businessmodelle im Bereich Online-Video in der nahen Zukunft entwickeln könnten. Angesichts der Vielfalt von Modellen ist klar, dass bald mal eine Konsolidierung einsetzen muss und die weniger erfolgreichen Varianten vom Markt verschwinden werden.

Ein erstes Opfer dieser Konsolidierung scheint das Modell zu sein, stückchenweise Videocontent auf dem Web zu verkaufen. Das sieht zumindest Google so und stellt demnächst den Verkauf von Webclips auf Google Video ein. Diese bezahlten Inhalte, die pro Clip zwischen $1.99 und $20 kosteten, wurden im Januar 2006 eingeführt, sind aber heute schon kaum mehr auf Google Video zu finden.

Offensichtlich sind die User nicht bereit, angesichts der Flut von kostenlosen Inhalten für Web-Clips auch noch was zu bezahlen, selbst wenn es sich um professionellen Content handelt. » weiterlesen

Zattoo-Gründer im Interview

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Update: Zattoo Deutschland ist gestartet. zweinull.cc hat Einladungen zur Beta!

Während die Nutzer in Deutschland weiter auf den Start des Internet-TV-Dienstes Zattoo warten, veröffentlichte der englische Digital-Lifestyle-Blog last100 in der vergangenen Woche ein Interview mit den Zattoo-Gründern Sugih Jamin und Beat Knecht. Bereits vor einiger Zeit ging Sugih Jamin im Interview mit zweinull.cc auf die Entstehungsgeschichte von Zattoo sowie Unterschiede zu anderen P2P-TV-Anbietern ein. Im last100-Interview geben Jamin und Knecht zudem technische Details zur Software und zum Übertragungsverfahren preis und erläutern, wie Zattoo Abmachungen mit den nationalen Fernsehanstalten und -behörden trifft. Hier geht es zum Interview in Englisch. Eine mit Google übersetzte Version in schlechtem Deutsch gibt es hier.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Sommr ist das Web 2.0 in Reinform

sommr.gifWenn Webunternehmer die Zeit für satirische Websites haben, dann ist klar, dass des Internetgeschäft boomt. alleinr war gestern, Sommr ist heute. Bei Sommr können User demokratisch über die Wunschtemperatur des nächsten Tages abstimmen. Eine wirkliche Innovation, die allerdings noch ihre praktische Durchführbarkeit beweisen muss. Ein Blick auf die Feature-Liste macht deutlich, dass es sich bei Sommr um das pure Web 2.0 handelt: Fehlendes “e” im Namen, Farbverlauf im Logo, Crowd-Sourcing bzw. Nutzerdemokratie, AJAX-Technik, RSS-Feed, Widgets, sehr social (es gibt kein besseres Small-Talk-Thema als das Wetter) und kontextsensitive Anzeigen, mit denen das große Geld verdient wird. Wer braucht bei einer solch perfekten Web-2.0-Definition eigentlich noch Tim O’Reilly?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Mister Wong lobt 12.000 US-Dollar für Logowettbewerb aus

misterwong.gifSchritt für Schritt verabschiedet sich das Social-Bookmarking-Portal Mister Wong von seinem umstrittenen Maskottchen. Nach Kritik von US-Amerikanern asiatischer Abstammung wurde zuerst der grinsende Chinese aus dem Logo entfernt und dann eine Entschuldigung veröffentlicht. Mittlerweile hat man auch das Browser-Icon mit der Visualisierung des Mister Wong entfernt und gegen einen Stern ersetzt. Doch da ein Stern als Bildmarke nicht gerade eine kreative Höchstleistung darstellt, ruft das Unternehmen nun zu einem Logo-Contest auf. » weiterlesen

Auch das Wall Street Journal macht sich frei

Gerade erst hat Rupert Murdoch nach mühsamen Verhandlungen den Dow-Jones-Konzern übernommen, da ändert er schon die Onlinestrategie dessen Flaggschiffs.

Das Wall Street Journal nämlich wird in Zukunft kostenlos sein, meldet der Guardian. Murdoch setzt also genauso wie die New York Times auf frei zugängliche Inhalte. Die hatte sich ebenfalls erst dieser Tage entschieden, ihren TimesSelect-Bereich zu öffnen, der bislang nur gegen Bezahlung zu lesen war. Wieder ein Paid-Content-Zaun, der fällt, und das, obwohl gerade das Wall Street Journal immer als das erfolgreiche Beispiel für bezahlte Inhalte im Internet gepriesen wurde.

Ganz überraschend kommt dieser Schritt aber auch nicht: Murdoch, der unvermeidlich als “Medienmogul” attribuiert wird, hatte darüber schon vor der Übernahme in einem Gespräch mit dem Time Magazine spekuliert:

“What if, at the Journal, we spent $100 million a year hiring all the best business journalists in the world? Say 200 of them. And spent some money on establishing the brand but went global ? a great, great newspaper with big, iconic names, outstanding writers, reporters, experts. And then you make it free, online only. No printing plants, no paper, no trucks. How long would it take for the advertising to come? It would be successful, it would work and you’d make … a little bit of money.”

[Korrektur] Die FAZ hat den Guardian-Artikel genauer gelesen als die Süddeutsche Zeitung und ich es getan haben: Definitiv ist noch nichts, sondern Murdoch und seine Manager denken noch nach. Man kann davon ausgehen, dass dem lauten Nachdenken der entsprechende Schritt folgen wird, aber entschieden ist die Sache – anders als oben geschrieben – demnach bislang nicht.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Video Café:
kostenlose News-Videos für Blogger

videocafe.gifWährend professionelle Onlinemedien verstärkt auf Videoinhalte setzen und das Material gegen Gebühr von einer Vielzahl von Anbietern beziehen können, haben es gewöhnlich mit geringen Finanzmitteln ausgestattete Blogger schwerer. Wer seinen Lesern neben einem Text auch ein passendes Video anbieten möchte, dem bleibt nur die Suche bei einem der gängigen Videoportale. Clips zu aktuellen Nachrichten und Themen finden sich dort allerdings selten. Wie Profy berichtet, besetzt mit Video Café nun ein neuer Dienst diese Marktlücke. Video Café ist ein Angebot des Videoproviders The NewsMarket, der redaktionelle Websites gegen Entgelt mit aktuellem Material versorgt. » weiterlesen

NYT:
Meinungen bald für alle

Logo TimesselectDie New York Times wird ihr Bezahl-Content-Modell Times Select beenden, hat die New York Post herausgefunden. Ein Modell, das auf den ersten Blick gar nicht so desaströs klingt.

Immerhin haben zuletzt knapp 220.000 Abonnenten monatlich 7,95 $ (oder jährlich 49,95 $) bezahlt, um die Artikel (vor allem Kolumnen und Kommentare, aber auch das Archiv zurück bis ins Jahr 1851) bei Times Select lesen zu können. Aber offenbar wiegen die Argumente der größeren Leserschaft, der Erreichbarkeit für Suchmaschinen und der größeren Zahl möglicher Werbeeinblendungen mittlerweile schwerer.

Kein Wunder, meint Scott Karp von Publishing2.com in einer sehr plausiblen Analyse: Im Internet seien so viele kostenlose Inhalte verfügbar, dass “Paid Content” in der Regel nicht mehr attraktiv sei. Und zwar nicht unbedingt erstklassige, professionelle Inhalte, sondern “lediglich” solche, die gut genug sind, um das Informations- oder Unterhaltungsbedürfnis der Nutzer zu befriedigen. Und das dürfte der Knackpunkt sein. Natürlich ist die Vielzahl der Blogs, Podcasts etcetera im Zweifelsfall nicht so “gut” wie der Output einer Vollredaktion, das wird in den nicht tot zu kriegenden Blogs-versus-Journalismus-Diskussionen oft genug betont. Aber das “Gut genug” genügt eben in sehr vielen Fällen. Möglicherweise ist also genau das noch fataler für die eingezäunten Mediengärten, denn die Konkurrenz ist dadurch übermächtig und das Qualitätsbewusstsein im Sinken.

Möglicherweise. Die Gegenthese ist, dass durch das große Angebot an “Gut-genug-Content” das Bedürfnis nach erstklassigem Inhalt steigt; die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und Die Zeit steigern ihre Auflagen, vielleicht ein Beleg. Dass sich mit zuletzt kress.de, jetzt der New York Times und demnächst auch Spiegel Online aber viele gegen die Barrieren entscheiden, spricht die andere Sprache.

» Zur Analyse von Publishing2.com

[via hackr.de]

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Das Ende der Google-Yahoo-Microsoft-Dominanz?

Die Zeiten, in denen Google, Yahoo und Microsoft (GYM) das Internetgeschehen dominierten und sich die dicksten und attraktivsten Brocken aus dem Web-2.0-Teich fischten, sind möglicherweise vorbei. Das deuten eine Reihe von Übernahmen kleiner und großer Startups durch Konzerne aus dem Internet-, Medien- und Non-Medien-Bereich an. Die aktuellsten Beispiele: VentureBeat will erfahren haben, dass der Social-Bookmarking-Dienst Clipmarks vom bekannten New Yorker Wirtschaftsmagazin Forbes Magazine gekauft werden soll. Das Wall Street Journal berichtet von einer geplanten Übernahme der Social-Shopping-Community Kaboodle durch den Medienkonzern Hearst Corporation. Das Unternehmen veröffentlicht in den USA bekannte Magazine wie Cosmopolitan und Marie Claire sowie zahlreiche lokale Tageszeitungen und hält Anteile an diversen Fernsehsendern. Kaboodle hat rund 250.000 registrierte Mitglieder und erreicht zirka zwei Millionen einzelne Besucher pro Monat. » weiterlesen

Im Test:
blond

Ist das blond magazin nur was für Blonde? Wir haben es getestet.

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Im Test die Ausgabe 08/2007.

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