Yahoo-Manager stellt fest:
Internet ist nicht Fernsehen

Vor einigen Monaten habe ich mich hier schon mal gefragt, ob Yahoos Strategie, immer mehr erfahrene Manager aus “klassischen” Medien anzustellen, wirklich so erfolgreich sein würde. Der Star in dieser Manager-Riege war Lloyd Braun, ehemals Unterhaltungschef beim Fernsehsender ABC und für Hits wie “Desperate Housewives” zuständig.

Heute stellt Braun in einem NYT-Artikel etwas zerknirscht fest, dass das Internet wohl doch etwas anders funktioniert als Fernsehen:

“I didn’t fully appreciate what success in this medium is really going to look like,” he said. “This is not about creating one-off hits like in my old business. That is not going to create a sustainable competitive advantage over the long term.”

Als Reaktion auf diesen Lernprozess fährt Yahoo seine Pläne, eigenen TV-artigen Video-Content zu produzieren, weitgehend zurück. Stattdessen setzt man mehr auf user-generated Content, also Blogs, Photo-Sharing und dergleichen. Immerhin hat Yahoo in diesen Bereichen mit seinen Akquisitionen der letzten Zeit (Flickr, del.icio.us u.a.) natürlich eine sehr starke Aufstellung.

Werber fühlen sich schon wieder stärker als Google, üben aber noch an der Umsetzung

Schon interessant, wie offenbar der Respekt vor Google mit dem Börsenkurs fluktuiert: Noch vor einigen Wochen (als Googles Kurs stramm auf die $500 zumarschierte), herrschte allgemeines Wehklagen über die böse imperalistische Suchmaschine. Aber kaum ist der Kurs etwas abgestürzt, fühlen sich Werber schon wieder zu solchen Aussagen hingerissen:

“I think Google has overextended, like Napoleon opening up a Russian front. I think they are a very amazing company that will take over nothing.”

Das sagte laut NYT der Leiter der neuen Tochterfirma Denuo von Werberiese Publicis, Rishad Tobaccowala (interessanter Name für einen Werber). Denuo ist eine neue Beratungsseinheit, die den Publicis-Kunden den Weg in die digitale Zukunft aufzeigen soll.

Vielleicht wäre ein erster Kompetenzbeweis ja, sich die Domain denuo.com zu sichern. Oder eine Website zu haben, die nicht aus dämlichen Flash-Animationen und nichtssagenden Texten besteht. Nicht mal ein Feedback-Formular gibt es. Bei der Muttergesellschaft Publicis teilt mir derweilen die Homepage mit, dass ich leider kein aktuelles Flash-Plugin habe. Vermutlich kennt man dort Firefox noch nicht. Die Fehlermeldung hat wohl der EDV-Lehrling aus dem Französischen übersetzt:

“Publicis Groupe website contains Flash animations. You have not the

plug-in Flash necessary for see the home-page and the animations.”

Ja, Online-Kommunikation ist eben wirklich schwierig.

Tobaccowala weiter:

“A lot of companies and clients are confused about tomorrow. They didn’t look like they were getting the answers they needed.”

Stimmt. Und irgendwie kann ich mich daran erinnern, dass Publicis und andere Werbekonzerne schon seit Jahren behaupten, ihre Klienten in Bezug auf die neuen Medien umfassend beraten zu können. Aber offenbar bisher mit wenig Erfolg.

Na ja, immerhin ist das Signal ja schon mal positiv, dass die Werberiesen jetzt nach nur zehn Jahren offenbar definitiv gemerkt haben, dass dieses komische Phänomen namens Internet nicht einfach verschwinden wird. Aber daran, dieses neue Medium auch wirklich sinnvoll zu beherrschen, üben sie offenbar noch. Und ob es da hilft, schlecht über Google, Blogs und andere Internet-Eckpfeiler zu reden, sei mal dahingestellt.

(via New York Times; Registrierung erforderlich)

Stürzt Microsofts Origami-Hype ab?

Microsoft versucht weiter, die grosse Aufmerksamkeit rund um das geheimnisvolle Origami-Projekt aufrecht zu erhalten.

Für heute wurden auf der zugehörigen Website neue Informationen versprochen. Was da aber heute zu sehen ist, hat leider keinerlei Aussagekraft. Mehr oder weniger umständlich wird da lediglich kommuniziert, dass es sich wohl um ein mobiles Produkt handeln muss. Das wussten wir nun ja wirklich schon. Wenn Microsoft weiter so langweilt, wird sich sehr schnell niemand mehr für das mysteriöse neue Produkt interessieren. Hoffen wir mal, dass an der bald beginnenden Cebit mehr zu erfahren ist.

Bezüglich Dramaturgie kann Microsoft wirklich noch viel von Hype-Meister Steve Jobs lernen: Auch wenn Apple, wie diese Woche geschehen, mal ein weniger spektakuläres Announcement macht (Ledertaschen für $99 und dergleichen), kann man die Produkte wenigstens sofort kaufen. Bei Microsoft muss man vermuten, dass jetzt nicht nur der Hype überstrapaziert wird, sondern dass am Ende auch nicht viel Konkretes rauskommt — vermutlich wieder mal ein Plattform-Konzept oder die Ankündigung strategischer Partnerschaften.

Aber warten wir mal ab. Die Website vertröstet bis zum 9.3., was rein zufällig auch der Starttermin der Cebit ist.

UPDATE: Ach, und währenddessen gibt’s drüben bei Intel ebenfalls eine Ankündigungs-Animation für den “Ultra mobile PC”. Könnte sogar identisch sein mit dem Microsoft-Projekt. Bei Intel wird versprochen, dass ab dem 7. März mehr zu erfahren ist.

Irgendwie hat Intel in letzter Zeit keine so glückliche Hand mit Produktnamen. Erst “Viiv”, von dem immer noch niemand weiss, wie man es genau ausspricht, und jetzt “UMPC”. Und wie spricht man das jetzt aus? “Ummpptz” vielleicht? Klingt irgendwie nach Technomusik.

Google News endlich auch mobil

Obwohl alle vom mobilen Internet reden, ist die unschöne Realität, dass es eigentlich noch immer bedenklich wenige gute Informationsdienste gibt, die für Smartphones und PDAs wirklich optimiert sind. Vor allem bei der Tagesaktualität ist das Angebot sehr dünn. Die wenigen Newsmedien, die überhaupt eine Mobilversion bieten, tun das meistens reichlich lieblos und mit einer mehr als unpraktischen Navigation.

Ein typisches Beispiel ist die Mobilversion der Financial Times Deutschland: Gerade mal drei Schlagzeilen werden auf der Einstiegsseite angezeigt, für alles andere muss man sich mühsam mit einer einer merkwürdigen Pulldown-Navigation herumschlagen. Auf den eigentlichen Meldungsseiten wird unnötigerweise jeweils ein winziges, aber aufgrund der immer noch skandalös hohen Telecom-Gebühren teures Bild gezeigt.

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Wenn Blog-Marketing zu gut funktioniert

English Cut” ist ein ganz besonderes Blog: Dort schreibt nämlich Thomas Mahon, ein Schneider, über die Anzüge, die er herstellt.

Mahon ist allerdings kein gewöhnlicher Schneider, sondern einer der aufstrebenden Stars von Londons Savile Row. Seine hochexklusiven Massanzüge stellt er für Klienten wie Prinz Charles und Brian Ferry her. So ein “Bespoke”-Anzug britischer Tradition hat natürlich nichts mit ordinärer Billig-Massenware à la Armani zu tun. Für die einfacheren Modelle von Thomas Mahon muss man schon so um die 2500 Euro anlegen, besondere Stoffe kosten auch gern einiges mehr. Dafür bekommt man aber einen hochexklusiven, perfekt massgefertigten, bis ins letzte Detail handgefertigten Anzug. Und zwar handgefertigt in London, nicht Hongkong.

Mahon bloggt seit gut einem Jahr so gut und unterhaltsam über dieses Thema, dass er offenbar zahlreiche Kunden auf diesem Weg gewonnen hat. Inzwischen sind es so viele geworden, dass er vor einigen Tagen auf seinem Blog ankündigte, sich in Zukunft auf nur 100 Anzüge im Jahr beschränken zu wollen:

This is about 2 suits per week, which is roughly the ideal number. Anything less and I’m twiddling my thumbs; anything more and things start getting hectic.

Eine perfekte Fallstudie über Blog-Marketing: Ein wirklich gut und persönlich geschriebenes Blog, ein bisschen Long Tail (Mahons Anzüge sind beim besten Willen nicht Mainstream), gutes Suchmaschinen-Marketing (das Blog erscheint bei Google für das Stichwort “Bespoke Suit” natürlich auf Platz 1) und daraus resultierender kommerzieller Erfolg.

Neues im Classifieds-Markt:
Edgeio und lustige Businessmodelle bei Tamedia

Im Classifieds-Sektor gab es heute gleich zwei interessante Meldungen:

Erstens startete heute der innovative Aggregationsdienst Edgeio offiziell seinen Betrieb. Edgeio sammelt Classified-Anzeigen von dezentralen Sites ein, insbesondere von Blogs. Alle als “listing” getaggedten Blog-Posts finden ihren Weg in die Edgeio-Datenbank und werden so zentral suchbar. Im Prinzip implementiert Edgeio also erstmals konsequent die Idee der völlig dezentralen Publikation von Anzeigen, wie sie sich in der Structured-Blogging-Initiative bereits angekündigt hat. Jürg Stuker und Berni Seefeld haben in der Testphase schon ausführlicher über Edgeio geschrieben.

Wird dieses Konzept die Online-Classifieds revolutionieren? Nun, bisher hat Edgeio wohl eher den Status eines gut gemachten “Proof of Concept”. Wie es mit der Skalierbarkeit und der Praxistauglichkeit (vor allem für Nicht-Geeks, die ihre RSS-Feeds nicht selber programmieren) steht, muss sich erst noch zeigen. Aber beobachten muss man das auf jeden Fall.

Währenddessen verfolgt der Zürcher Grossverlag Tamedia etwas konventionellere Konzepte: Heute wurde angekündigt, dass neu auch die Anzeigen der von diesem Haus verlegten Stellenbeilagen online auf der Jobplattform “Jobwinner” zur Verfügung stehen sollen. Gute Idee, eigentlich.

Beim genaueren Anschauen glaubte ich aber zunächst an einen Fasnachtsscherz: Die Print-Anzeigen werden nicht etwa in die normale Datenbank der Plattform integriert, sondern völlig getrennt als e-Paper im Zeitungslayout angeboten. Dieser Zugang enthält keinerlei Suchmechanismen, man muss also den Stellenbund manuell durchblättern.

Und jetzt kommt’s: Für diese –mit Verlaub– vorsintflutliche Lösung soll der Leser auch noch bezahlen, und zwar volle 20 Fr. für 3 Monate bzw. 70 Fr. für ein Jahr.

Gut, als Abonnent der Print-Produkte kriegt man das ganze gratis, muss aber immer noch mühsam ein Passwort “beantragen” (wie es im Beschreibungstext kundenfreundlich heisst). Das habe ich natürlich auch gleich gemacht, und musste hierfür erstmal meine Kundennummer eingeben, die sich praktischerweise auf der Abo-Rechnung befindet (die man natürlich immer zu Hand hat, klar). Kurz danach stand mir aber schon die ganze Herrlichkeit nicht volltextsuchbarer Print-Abbilder der aktuellen Stellenbeilagen zur Verfügung.

Bedauerlicherweise verkauft Tamedia ihren Stelleninserenten inzwischen aber auch fleissig “richtige” Online-Anzeigen, so dass die Redundanz zwischen der e-Paper-Ausgabe und der normalen Online-Datenbank beträchtlich ist. Von 10 zufällig ausgewählten Print-Anzeigen aus dem Kadermarkt “Alpha” fand ich acht auf der Online-Plattform wieder (natürlich nicht verlinkt, sondern mit manueller Suche). Aber um die Dublettenbereinigung soll sich doch gefälligst der Leser kümmern, denkt man sich wohl bei Tamedia. Stellensuchende haben ja Zeit.

Liebe Online-Leute von Tamedia: Bitte erklärt doch auch mal Eurer internen Print-Fraktion (von der diese Idee, vermute ich mal, stammen muss), dass e-Paper keine tolle, moderne Sache ist, sondern das umständlichste Medium seit der Marmortafel. Dafür, dass Eure Leser sich mit so etwas herumschlagen, müsstet Ihr ihnen eigentlich etwas bezahlen und nicht noch Geld abknöpfen.

Web 2.0:
Alles Mittelmässigkeit und Kommunismus?

Nach all der weitgehend inkompetenten Blogging-Nörgelei in den Mainstream-Medien (zuletzt in unserem Staatsradio) tut es gut, endlich einmal eine intellektuell etwas fundiertere Kritik des Web-2.0-Phänomens zu lesen:

Andrew Keen, ein ehemaliger Silicon-Valley-Unternehmer, äussert in einem vielbeachteten Artikel im amerikanischen Politmagazin “The Weekly Standard” sein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Utopie der Web-2.0-Propheten. Neben der üblichen Kritik an den oberflächlichen Buzzwords der Web-2.0-Szene geht Keens Argumentation aber wesentlich tiefer:

So what, exactly, is the Web 2.0 movement? As an ideology, it is based upon a series of ethical assumptions about media, culture, and technology. It worships the creative amateur: the self-taught filmmaker, the dorm-room musician, the unpublished writer. It suggests that everyone–even the most poorly educated and inarticulate amongst us–can and should use digital media to express and realize themselves. [...]

Traditional “elitist” media is being destroyed by digital technologies. Newspapers are in freefall. Network television, the modern equivalent of the dinosaur, is being shaken by TiVo’s overnight annihilation of the 30-second commercial. The iPod is undermining the multibillion dollar music industry. [...]

Is this a bad thing? The purpose of our media and culture industries–beyond the obvious need to make money and entertain people–is to discover, nurture, and reward elite talent. Our traditional mainstream media has done this with great success over the last century. [...] Hitchcock could never have made his expensive, complex movies outside the Hollywood studio system. Bono would never have become Bono without the music industry’s super-heavyweight marketing muscle.

Keen stellt also auch fest, dass die Selfpublishing-Welle im Internet traditionelle Medien in Gefahr bringt. Dadurch verlieren diese aber, meint er, ihre (kommerzielle) Fähigkeit, wirklich ausserordentliche Talente zu entdecken und zu fördern. Was übrigbleibt, ist ein riesiger, wenn auch schön demokratisch angesammelter Haufen amateurhafter Mittelmässigkeit.

Und noch weiter:

Another word for narcissism is “personalization.” Web 2.0 technology personalizes culture so that it reflects ourselves rather than the world around us. Blogs personalize media content so that all we read are our own thoughts. Online stores personalize our preferences, thus feeding back to us our own taste. Google personalizes searches so that all we see are advertisements for products and services we already use.

Durch die ganze Personalisierbarkeit der digitalen Medien werden wir also nur noch den Informationen und kulturellen Angeboten ausgesetzt, die schon mit unserem etablierten Denken kompatibel sind, sagt Keen. Dadurch geht jede intellektuelle Herausforderung und Möglichkeit zum Entdecken anderer Ideen verloren.

Das sind, so finde ich, zwei durchaus valable Argumente, auch wenn ich sie in dieser Radikalität nicht nachvollziehen kann. Seien wir ehrlich: Bisher fehlt der Web-2.0-Bewegung eine echte Antwort darauf, wie Künstler/Schreibende/Blogger sich in dieser neuen Welt wirtschaftlich über Wasser halten können. Das Businessmodell steckt wirklich noch in seinen frühen Anfängen. Und “Ich verkaufe meine Blog-Firma teuer an AOL” funktioniert leider nicht für jeden.

Und ebenso unklar ist es bisher, wie man in dem gigantischen Wust von Blogs, Podcasts und anderen Informationsangeboten auf massentaugliche Weise das finden kann, was relevant ist. Klar, es gibt dafür viele gute Ansätze, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass eine kollaborative Site wie beispielsweise del.icio.us jemals zu einem echten Massenphänomen (im Sinn von: wird von mehr als 2/3 der Bevölkerung benutzt) werden wird.

Leider werden diese durchaus wertvollen Diskussionsfäden in Keens Artikel ziemlich entwertet durch seinen eher lächerlichen Vergleich von Web 2.0 und Kommunismus:

Just as Marx seduced a generation of European idealists with his fantasy of self-realization in a communist utopia, so the Web 2.0 cult of creative self-realization has seduced everyone in Silicon Valley. The movement bridges counter-cultural radicals of the ’60s such as Steve Jobs with the contemporary geek culture of Google’s Larry Page. Between the book-ends of Jobs and Page lies the rest of Silicon Valley including radical communitarians like Craig Newmark (of Craigslist.com), intellectual property communists such as Stanford Law Professor Larry Lessig, economic cornucopians like Wired magazine editor Chris “Long Tail” Anderson, and new media moguls Tim O’Reilly and John Batelle.

Aha. Eine umfassende Verschwörung zwischen Althippies und utopisch-naiven Google-Geeks also. Und auch noch Steve Jobs macht mit, der alte Kommunist.

Schade, dass dieser Ausbruch da reingerutscht ist. Aber wie gesagt, mit den weiter oben genannten Argumenten legt Keen durchaus den Finger auf wunde Punkte der Web-2.0-Welle.

Andrew Keen hat übrigens, bei aller Kritik, natürlich auch sein eigenes Blog.

Der Origami-Hype:
Microsoft schneidet sich eine Scheibe Apple ab

Normalerweise kündigt Microsoft seine Neuheiten trocken an irgendwelchen Branchenkonferenzen an, und die neuen Produkte tragen dann charmante Namen wie “Windows Communications Server 2009 for Enterprise Solutions Tablet Edition”. Apple macht das bekanntlich ganz anders: Schon Wochen vor der Ankündigung werden Gerüchte gestreut (und die Gerüchtestreuer, damit das alles glaubwürdiger wird, auch regelmässig verklagt). Und die Apple-Produkte haben dann auch immer kurze, coole Namen.

Microsoft scheint diese Methode für sein neustes Produkt übernehmen zu wollen: Unter dem Namen “Origami” geistert seit einigen Tagen ein Phantom-Gadget durch die Blogosphere, und die einschlägigen Blogs und Diskussionsforen überschlagen sich mit Spekulationen.

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Der DRS3-Bericht und das Expertentum in den Medien

Die Schweizer Blogger-Szene regt sich gerade ausführlich über einen Beitrag auf Radio DRS3 auf, in dem Blogs mehr oder weniger als irrelevante Modeerscheinung dargestellt wurden. Die Kritik an diesem Beitrag muss man wohl kaum mehr vertiefen, denn ausführliche Besprechungen gibt es schon genug. Im Prinzip reiht sich diese Reportage auch nur nahtlos in die Reihe blogkritischer (und meist eher inkompetent recherchierter) Berichte in den Schweizer Medien ein. Über die möglicherweise tiefer sitzenden Gründe habe ich mir hier auch schon ausgelassen.

Was aber am DRS3-Beitrag auffällt, sind die Aussagen von Medienwissenschaftler Mirko Marr von der Uni Zürich. Aus Marrs Aussagen kann man nur schliessen, dass er keine besonders grosse Sachkenntnis über Blogging hat oder diese zumindest in dem Beitrag nicht rüberbringen konnte (oder wollte?). Zumindest aber, kann man seiner Publikationsliste entnehmen, publiziert er über Internet-Themen stark aus der Sichtweise klassischer Medien. Das hat seine Berechtigung, aber als jemand, der das Phänomen “Blogs” differenziert ausleuchten kann, wäre er darum wohl kaum erste Wahl. Warum taucht er dann als Experte in einem Radiobeitrag auf?

Da ich selbst schon das eine oder andere Mal das Vergnügen hatte, als “Experte” von diversen Medien interviewt zu werden, kann ich diese Fehlbesetzung gut nachvollziehen. Gerade elektronische Medien suchen sich ihre Experten selten nach dem Kriterium “Kompetenz” aus, sondern lieber nach dem Aspekt “Ist noch vor Redaktionsschluss für ein Interview verfügbar und kann drei zusammenhängende Sätze von sich geben”.

Das läuft dann beispielsweise so ab wie damals, als ich als Experte für Computerviren für einen bekannten Schweizer Privatsender herhalten musste (Verkürzte Wiedergabe eines tatsächlichen Falls, der ca. 3-4 Jahre her ist. Echte Namen der Redaktion bekannt):

Telefon klingelt, ich hebe ab. Am anderen Ende spricht der Journalist.

Journalist: “Guten Tag, hier ist Fritz Müller von Tele Hintertupfingen. Ich habe ihren Namen von einem Kollegen erhalten, wir suchen nämlich für ein Interview einen Experten für Computerviren. Im Moment geht ja gerade dieser neue Virus um.”

Ich: “Danke für Ihre Anfrage. Ich mache zwar viel mit IT und Internet, aber ich bin kein Experte für Viren. Das ist ein sehr spezielles Gebiet.”

Journalist: “Aber sie könnten doch sicher einige kurze Aussagen zu diesem neuen Virus machen? Wir müssten nämlich noch bis 16 Uhr ein Interview mit einem Experten haben. Müsste wirklich nur ganz kurz sein.”

Ich: “Ein paar Dinge könnte ich vielleicht schon sagen, aber das wäre wirklich nur ganz oberflächlich.”

Journalist: “Das reicht schon aus, wir machen ja kein Schulfernsehen hier, haha. Dann ist also in 15 Minuten unser Kamerateam bei Ihnen.”

So wurde ich also zum Experten für Viren. In der Mischung aus Überrumpelung und Geschmeicheltsein, dass das *Fernsehen* mit einem reden will, macht man dann halt irgendwie mit. Und man erlebt als “Experte” die Macht der elektronischen Medien: Noch zwei Jahre später wurde ich auf diesen kümmerlichen Beitrag ehrfurchtsvoll angesprochen.

Der Sender hat mich übrigens noch einige weitere Male angefragt, und zwar zu Themen, zu denen ich wirklich kompetent gewesen wäre. Da ich aber nicht gerade innerhalb einer halben Stunde für ein Interview verfügbar war, hat man dann halt jemanden genommen, der vermutlich etwa so kompetent war wie ich damals zu Viren…

Diese Methode der Expertenwahl funktioniert sogar oft recht gut. Nur dann, wenn wie in dem DRS3-Beitrag über Blogging wirklich eine fundierte Einschätzung gefragt ist, wird’s natürlich mit dieser Methode gefährlich. Ein wirklich seriös recherchierter Beitrag hätte darum sicher zwei bis drei Experten befragt und deren Aussagen gegenübergestellt. Aber das war bei DRS 3 wohl nicht das Ziel.

Der grosse Graben:
Telekommunikation in Indien

Noch bis Ende der Woche bin ich in Indien unterwegs. Neben vielen anderen Eindrücken erhielt ich auch einen Einblick in der Stand der Dinge hinsichtlich Telekommunikation und Internet in diesem faszinierenden Land.

Die wichtigsten Wachstumsbranchen für Indien sind natürlich IT und BPO (Business Process Outsourcing), also das Erbringen diverser Dienstleistungen für ausländische Firmen wie z.B. Softwareherstellung, Call-Center-Betrieb, Abwickeln von Administrationsprozessen usw. Ganz offensichtlich braucht man hierfür modernste Telecom-Infrastruktur, und die ist in Indien zumindest für grössere Firmen natürlich auch problemlos erhältlich.

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