Nach all der weitgehend inkompetenten Blogging-Nörgelei in den Mainstream-Medien (zuletzt in unserem Staatsradio) tut es gut, endlich einmal eine intellektuell etwas fundiertere Kritik des Web-2.0-Phänomens zu lesen:
Andrew Keen, ein ehemaliger Silicon-Valley-Unternehmer, äussert in einem vielbeachteten Artikel im amerikanischen Politmagazin “The Weekly Standard” sein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Utopie der Web-2.0-Propheten. Neben der üblichen Kritik an den oberflächlichen Buzzwords der Web-2.0-Szene geht Keens Argumentation aber wesentlich tiefer:
So what, exactly, is the Web 2.0 movement? As an ideology, it is based upon a series of ethical assumptions about media, culture, and technology. It worships the creative amateur: the self-taught filmmaker, the dorm-room musician, the unpublished writer. It suggests that everyone–even the most poorly educated and inarticulate amongst us–can and should use digital media to express and realize themselves. [...]
Traditional “elitist” media is being destroyed by digital technologies. Newspapers are in freefall. Network television, the modern equivalent of the dinosaur, is being shaken by TiVo’s overnight annihilation of the 30-second commercial. The iPod is undermining the multibillion dollar music industry. [...]
Is this a bad thing? The purpose of our media and culture industries–beyond the obvious need to make money and entertain people–is to discover, nurture, and reward elite talent. Our traditional mainstream media has done this with great success over the last century. [...] Hitchcock could never have made his expensive, complex movies outside the Hollywood studio system. Bono would never have become Bono without the music industry’s super-heavyweight marketing muscle.
Keen stellt also auch fest, dass die Selfpublishing-Welle im Internet traditionelle Medien in Gefahr bringt. Dadurch verlieren diese aber, meint er, ihre (kommerzielle) Fähigkeit, wirklich ausserordentliche Talente zu entdecken und zu fördern. Was übrigbleibt, ist ein riesiger, wenn auch schön demokratisch angesammelter Haufen amateurhafter Mittelmässigkeit.
Und noch weiter:
Another word for narcissism is “personalization.” Web 2.0 technology personalizes culture so that it reflects ourselves rather than the world around us. Blogs personalize media content so that all we read are our own thoughts. Online stores personalize our preferences, thus feeding back to us our own taste. Google personalizes searches so that all we see are advertisements for products and services we already use.
Durch die ganze Personalisierbarkeit der digitalen Medien werden wir also nur noch den Informationen und kulturellen Angeboten ausgesetzt, die schon mit unserem etablierten Denken kompatibel sind, sagt Keen. Dadurch geht jede intellektuelle Herausforderung und Möglichkeit zum Entdecken anderer Ideen verloren.
Das sind, so finde ich, zwei durchaus valable Argumente, auch wenn ich sie in dieser Radikalität nicht nachvollziehen kann. Seien wir ehrlich: Bisher fehlt der Web-2.0-Bewegung eine echte Antwort darauf, wie Künstler/Schreibende/Blogger sich in dieser neuen Welt wirtschaftlich über Wasser halten können. Das Businessmodell steckt wirklich noch in seinen frühen Anfängen. Und “Ich verkaufe meine Blog-Firma teuer an AOL” funktioniert leider nicht für jeden.
Und ebenso unklar ist es bisher, wie man in dem gigantischen Wust von Blogs, Podcasts und anderen Informationsangeboten auf massentaugliche Weise das finden kann, was relevant ist. Klar, es gibt dafür viele gute Ansätze, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass eine kollaborative Site wie beispielsweise del.icio.us jemals zu einem echten Massenphänomen (im Sinn von: wird von mehr als 2/3 der Bevölkerung benutzt) werden wird.
Leider werden diese durchaus wertvollen Diskussionsfäden in Keens Artikel ziemlich entwertet durch seinen eher lächerlichen Vergleich von Web 2.0 und Kommunismus:
Just as Marx seduced a generation of European idealists with his fantasy of self-realization in a communist utopia, so the Web 2.0 cult of creative self-realization has seduced everyone in Silicon Valley. The movement bridges counter-cultural radicals of the ’60s such as Steve Jobs with the contemporary geek culture of Google’s Larry Page. Between the book-ends of Jobs and Page lies the rest of Silicon Valley including radical communitarians like Craig Newmark (of Craigslist.com), intellectual property communists such as Stanford Law Professor Larry Lessig, economic cornucopians like Wired magazine editor Chris “Long Tail” Anderson, and new media moguls Tim O’Reilly and John Batelle.
Aha. Eine umfassende Verschwörung zwischen Althippies und utopisch-naiven Google-Geeks also. Und auch noch Steve Jobs macht mit, der alte Kommunist.
Schade, dass dieser Ausbruch da reingerutscht ist. Aber wie gesagt, mit den weiter oben genannten Argumenten legt Keen durchaus den Finger auf wunde Punkte der Web-2.0-Welle.
Andrew Keen hat übrigens, bei aller Kritik, natürlich auch sein eigenes Blog.