medienlese – der Wochenrückblick

Blick lügt, Polizei gezeichnet, TV-Publikum alt, Köppel mit Konfirmandenanzug.

Die Staatsanwaltschaft St. Gallen sah sich genötigt, wegen eines Blick-Artikels über die Täterfahndung im Fall Ylenia eine Medienmitteilung herauszugeben. Obwohl der Blick-Journalistin kommuniziert wurde, dass keine Rede davon sein könne, dass nach einem zweiten Mann gefahndet wird, schrieb der Blick: “Also doch! Polizei sucht nach von Aeschs Komplizen“. Bedenklich sei das für die Staatsanwaltschaft vor allem aus zwei Gründen: “Erstens werden unnötig Polizeikräfte für Abklärungen gebunden, die zur Zeit dringend benötigt würden, um den immer noch vorhandenen plausiblen Hinweisen nachzugehen. Zweitens werden bei den Angehörigen von Ylenia Hoffnungen geweckt, die keine reale Basis haben.” Der Chef des hinter der Zeitung Blick stehenden Verlags, Michael Ringier, sagte im Magazin zum Fall Ylenia: “Die ‘Blick’-Redaktion hat dabei enorme Stärken bewiesen, ist das Thema mit hoher journalistischer Sorgfalt angegangen, mit Hartnäckigkeit – aber auch Feingefühl.”

Eine gänzlich undatierte Meldung über einen Kannibalismusverdacht ist bei networld.at zu lesen. Wann auch immer das passiert ist, die Tat muss aussergewöhnlich gewesen sein: “Deutscher erschlug Opfer mit Hantel in Notschlafstelle (…) Brustkorb war geöffnet, Organe auf Teller gefunden (…) Polizei gezeichnet: ‘Haben noch nie soetwas gesehen’”. Seltsam, ich kann mich nicht erinnern, das an anderer Stelle gelesen zu haben.

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Sprachpflege vom rechten Rand

Eine Splittergruppe bekommt Gegenwind bei Wikipedia, gründet ein eigenes, geschlossenes Wiki und schreibt eine Pressemitteilung. Die nahm Radio Eins, anscheinend ungeprüft, zur Vorlage einer Nachricht.

Weil mehrere Einträge über sprachpflegende Vereinigungen in der deutschen Wikipedia mangels Relevanz auf der Abschussliste stehen und die mitunter kritischen Inhalte den Sprachbewahrern nicht immer genehm sind, stellen die Betroffenen mit sprachpflege.info nun ein eigenes Wiki ins Netz. Schließlich ist es nicht so einfach, “bei der großen Vielfalt an Sprachvereinen und sprachpflegerischen Tätigkeiten den Überblick zu behalten”. In der Tat landet man bei einer Webrecherche schon Mal auf den Seiten von Blick nach rechts oder den antifaschistischen nachrichten.

Altpapier

Unfreiwillige PR für die Sprachpfleger (pixelio.de)

Auf sprachpflege.info möchte man vorsichtshalber ungestört sein. “Zur Gewährleistung guter Arbeit” muss man sich zur Mitarbeit bei der Redaktion bewerben. Die neue Seite startet pünktlich zum “Tag der Deutschen Sprache”, den der “Verein Deutsche Sprache” jährlich feiert. Die Pressemitteilung wurde von Radio Eins (Rundfunk Berlin-Brandenburg) gleich zur Nachricht geadelt und ging am Freitagabend mehrfach über den Sender.

Hinweise zu schicker Sprache finden sich dort entgegen der Ankündigung bei Radio Eins aber nicht. Ob man sich die Mühe gemacht hat, die Seite zu besuchen oder sich den Chefredakteur von sprachpflege.info einmal näher anzusehen?

Wohl kaum, denn dann hätte man nachlesen können, in welch illustren germanophilen Blättchen Thomas Paulwitz publiziert. Die Organe des Preußeninstituts, der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft und der Gesellschaft für freiheitliches Denken sind darunter. Für sein Wirken bekam er 2006 den Gerhard-Löwenthal-Preis der Jungen Freiheit verliehen.

Seit Freitagabend kam auf unsere Anfrage keine Antwort von Radio Eins.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

jonettag Mediacamp 2007 live:
Geld verdienen mit Bürgerjournalismus

Das WLAN-Netz könnte saftiger sein – das Elbe-Zimmer ist zwar schön wie alle Räume in der Hamburger Handelskammer, fürs Livebloggen aber nicht unbedingt ausgerichtet. Das hier also nicht live, sondern als “Aufzeichnung”: Der Bericht vom Workshop “Mit Bürgerjournalismus Geld verdienen” mit Dr. Martin Huber von myheimat.de.

Der stellt sein Bürgerjournalismus-Konzept vor – das vermutlich einzige tatsächlich erfolgreiche in Deutschland. Und zwar erfolgreich im Sinne von profitabel.

MyHeimat ist zunächst mal eine Plattform für Laienjournalismus wie viele andere auch: Beiträge, Kommentare, private Kommunikation zwischen registrierten Autoren. Die wesentlichen Unterschiede zu anderen Unternehmungen dieser Art allerdings sind:

  • Aus den Beiträgen, die online erscheinen, werden monatlich erscheinende Lokalmagazine erstellt – User Generated Content gedruckt.
  • Konzentration aufs Lokale – beziehungsweise Hyperlokale: MyHeimat erscheint an zur Zeit 17 Orten mit jeweils unterschiedlichen Inhalten. Diese “Märkte” haben 10.000 bis 50.000 Einwohner.

16 Festangestellte arbeiten hinter den Kulissen, das aber immer sehr zurückgenommen, wie Huber mehrmals betont. Das sei eines der Erfolgsgeheimnisse.

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Ezmo:
Ganz einfach Musik mit Freunden teilen

ezmo.gifTrotz nach wie vor offenen Urheberrechtsfragen schießen in den letzten Monaten innovative Web-2.0-Musikanbieter wie Pilze aus dem Boden. Nach MediaMaster, SeeqPod, Deezer und justaloud macht sich nun das norwegische Webangebot Ezmo daran, die Herzen der Musikfans zu erobern. Das Konzept: Lade Deine gesamte Musiksammlung bei Ezmo hoch und mache sie zehn Freunden auf bequeme und einfache Art zugänglich. » weiterlesen

jonettag Mediacamp 2007 live:
Das Beste aus beiden Welten

pic_gruen_immer.gifKein echtes BarCamp, keine echte Konferenz: Seit einer knappen Stunde sitzen knapp 100 Journalisten, Blogger, Journalistenblogger, Bloggerjournalisten und sonstige Medienschaffende beim jonettag Mediacamp 2007 in Hamburg zusammen. Weil sich Zielrichtung und Termin überschnitten, fusionierten die Tagung des Journalistennetzwerks jonet und das MediaCamp, das Falk Lüke initiiert hatte. Das Beste aus beiden Welten soll es werden, Vorträge geladener Referenten, aber – möglichst – auch spontane Workshops aus dem Publikum.

Damit das Ganze nicht ganz so abrupt beginnt, gibt es zum Start aber erstmal eine “normale” Podiumsdiskussion. Auf der Bühne: Prof. Roger Blum von der Universität Bern, Fernsehjournalist Christoph Ulmer, Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von Finanztest, und Alex Böhm, noch Schüler, aber schon Profi vor der Kamera – er füllt jeden Samstag um 18 Uhr seinen eigenen Kanal bei Sevenload mit dem Magazin alex.TV.

Es geht in einem rumpeligen Ritt durch die Gegenwart und Zukunft des Journalismus, um Glaubwürdigkeit, Möglichkeiten zum Geldverdienen im Netz, Medienkontrolle und Bürgerjournalismus. Ein guter Anfang zur Einstimmung. Peter Schink bloggt bereits mit, Oliver Gassner ebenso – alle aktuellen Blogeinträge und Flickr-Fotos findet man auf der jonettag-Website. Jetzt: Kurze Vorstellung der Workshops, Kaffee und Croissants. Danach weiter Livegeblogge vom jonettag Mediacamp hier bei medienlese.com.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommt der Papst nach Österreich

Von Markus Kirchsteiger

Dieses Wochenende besucht Papst Benedikt XVI. Österreich. Schon seit Wochen stimmt sich die österreichische Presse mit Sonderbeilagen und Serien auf den Papstbesuch ein. Im Ausnahmezustand befindet sich auch das Fernsehen. 16 Stunden werden entweder live gesendet oder mit Analysen und Gesprächsrunden gefüllt.

Dass es dabei nicht immer um jene wichtigen Themen geht, die eigentlich diskutiert werden sollten, beweist ein fast zweiminütiger Beitrag über drei speziell für den Papst angefertigte WCs im ORF. Aufregung herrscht natürlich auch auf den Internetprotalen österreichischer Medien. Der Papstbesuch ist das Thema, beweist der Kurier:

Kurier

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Formate im Internet “Zeigen, was man machen kann”

Das Interview-Magazin Folge ist anders: In aufwendig produzierten Filmen werden Persönlichkeiten vorgestellt. Interviewgäste und Macher haben sichtlich Spaß daran.

Mit großem Brimborium werden auf der IFA gerade neue Onlineplattformen präsentiert – auf denen dann doch nur die bekannten Sendungen laufen. Währenddessen schneidet Frerk Lintz an der vierten Ausgabe des Interview-Magazins Folge, fünfzehn Minuten lange Filme, die es im Internet zu sehen gibt.

Schauspieler Axel Prahl, Radiomoderator Klaus Fiehe, Designer Mario Lombardo und der Koch Otto Pfeiffer werden in den ersten vier Ausgaben vorgestellt, in einer Mischung aus Interview und dokumentarischen Aufnahmen. Mit bis zu drei Kameras ist das kleine Team unterwegs, aus vielen Stunden Rohmaterial werden die Filme in Final Cut Pro montiert. Dabei wird viel Wert gelegt auf gut eingerichtete, schöne Bilder. Das kann dauern, “lieber länger brauchen und Arbeit investieren, als schnell und huddelig”, sagt Lintz. Dafür unterscheiden sich die Interviews von allem, was es in Deutschland online gibt.

folge ap

Folge #2, Axel Prahl: Charismatiker des Alltags, Superstar der kleinen Gesten

“Das dollste Ding auf dem Planeten” » weiterlesen

Deutsches Facebook-Netzwerk wächst erstmals um 1000 Nutzer pro Tag

facebook_logo.gifZum ersten Mal ist das Facebook-Netzwerk “Germany” innerhalb eines Tages um 1000 Mitglieder gewachsen. Waren am gestrigen Donnerstag gegen 13:00 Uhr 65.800 Nutzer im Deutschland-Netzwerk eingetragen, so betrug die Mitgliederzahl heute zur selben Zeit 66.800. Der durchschnittliche Zuwachs in den vergangenen Wochen lag bei rund 500 Usern täglich. Jeder Facebook-Nutzer kann einem beliebigen nationalen Netzwerk beitreten (muss dies aber nicht). Zwar sind nicht alle der 66.800 User im Germany-Network in Deutschland zu Hause. Auf der anderen Seite hat sich nicht jeder Nutzer aus Deutschland im entsprechenden Netzwerk angemeldet. Die Mitgliederzahl der nationalen Netzwerke gibt somit keine Aussage über die absolute Zahl an Facebook-Usern in einem bestimmten Land, ist aber ein geeigneter Trendmesser. » weiterlesen

Reality-Show mit Natascha Kampusch

Die Flucht von Natascha Kampusch vor einem Jahr war für viele ein Wunder: Nach acht Jahren erzählt eine clevere und schlagfertige junge Frau von ihrem Martyrium und will mit ihrer Bekanntheit Entführungsopfern helfen. Das Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Fall, den Medien sensationslüstern ausgeschlachtet haben, hat inzwischen zwar abgenommen. Doch ohne Rücksicht auf Ethik und Moral inszenieren einige Medien weiterhin eine Reality-Show mit Natascha Kampusch in der Hauptrolle.

Von Markus Kirchsteiger

Ein Jahr nach ihrer Flucht tritt Natascha Kampusch erneut an die Öffentlichkeit. In einem Interview (YouTube; oder hier zum Nachlesen) mit dem ORF-Journalisten Christoph Feuerstein erzählt die junge Frau, wie sie ihr neues Leben in Freiheit nach ihrer achtjährigen Gefangenschaft verbracht hat.

Knapp eine Million Zuseher in Österreich, fast zweieinhalb Millionen in Deutschland schauten zu. Auf RTL war das ein Marktanteil von 12,5 Prozent. So sehr die ersten Tage nach ihrer Flucht die Betroffenheit der Menschen geweckt haben – das Thema Natascha Kampusch und wie es aufbereitet wird nervt mittlerweile bereits viele. Dennoch geraten nicht nur Boulevardjournalisten, Zeitungsherausgeber und Buchautoren gerade ein Jahr danach in Versuchung, aus dem Fall Kampusch eine Cashcow zu machen. So veröffentlichte Natascha Kampuschs Mutter, Brigitte Sirny, vor kurzem ein Buch über die vergangenen neun Jahre.
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Bushs Justizministerium attackiert Netz-Neutralität

Das US Departement of Justice, Präsident Bushs Justizministerium, hat sich öffentlich gegen die Netz-Neutralität ausgesprochen. Das Prinzip, wonach Netzwerkfirmen und Telcos jegliche Internet-Daten zu den gleichen Tarifen weiterleiten müssen, behindere “die Entwicklung des Internets”.

Ich kann nicht anders, als mir an den Kopf zu greifen: Bushs Truppe richtet weiterhin unkorrigierbare Schäden an, und niemand scheint die Kraft zu haben, sie zu stoppen. Der jüngste Streich liest sich, als ob Grössen wie At&T und andere das Justizdepartement gekauft und zu ihrem Sprachrohr gemacht hätten: Der Vorschlag einer regulierten Netz-Neutralität, gewissermassen ein Wegerecht für jegliche Internet-Daten, behindere die Entwicklung des Internet, erklärt das Justizministerium in völliger Verdrehung der Argumentation, die just für diese Neutralität spricht. Die Netzanbieter sollen nach Ansicht des Department of Justice (DOJ) das Recht haben, unterschiedliche Tarife für unterschiedliche schnell weitergeleitete Daten zu verrechnen – und das DOJ argumentiert dabei laut Presseagenturen allen Ernstes mit Beispielen aus der Paket- und Briefpost, wo es ja auch unterschiedliche schnelle Services zu verschiedenen Tarifen gebe.

Eine Regulierung, argumentiert das DOJ, könnte Firmen von Investitionen in Infrastruktur abhalten und so die Entwicklung des Internet bremsen.

Experten sehen das genau umgekehrt. » weiterlesen

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