Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?
“Wer soll das denn lesen?”, fragte mich die ehemalige Blogwerk-Mitarbeiterin Christina Schmid, als ich im August 2006 die ersten Postings bei medienlese.com schrieb. Damals hatte ich keine Antwort, aber seit der angekündigten Einstellung dieses Blogs und der zwischenzeitlichen Rettung der Rubrik “6 vor 9” weiss ich es wenigstens teilweise. Viele Journalisten und Medieninteressierte lesen mit. Alle durften aber nicht: ich hörte von Zeitungsredakteuren, die dazu angehalten wurden, dieses Blog nicht zu lesen – angeblich, um sich davon nicht demoralisieren zu lassen.
Die sogenannt alten Medien berichteten eigentlich nie über uns – aber dann, bei der Einstellungsankündigung, eine Lawine! Michael Hanfeld konzentrierte sich in seinem Nachruf mit dem Titel “Unter Holzfällern” in der Frankfurter Allgemeinen auf die Beschwörung des Tods der Zeitung, den dieses Blog hauptsächlich betrieben haben soll. Für meinen Teil kann ich mich davon nur deutlich distanzieren: “It’s not the form, stupid!”. Ausserdem ist Holzfäller sein keine Schande, ich bin gerne “unter Holzfällern” (youtube.com, Video, 2:11 Minuten).
Was hat sich in den drei Jahren alles getan? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert?
Zunächst können wir konstatieren, dass es mehr und direkteren Medienjournalismus gibt. Während ich mir in den Anfangszeiten von “6 vor 9” die Links aus den Fingern saugen musste, liefert das Internet inzwischen mannigfaltige Medienkritik (ich wählte zum Schluss für “6 vor 9” nicht selten aus zwischen 15 bis 20 guten Links aus). Nicht alles, was mit Journalismus angeschrieben ist, ist Journalismus – dagegen ist vieles lesenswert, was gar nicht als Journalismus gedacht war.
Das Umdenken in den Köpfen hat stattgefunden. Natürlich gibt es immer noch uneinsichtige Naivlinge, die glauben, das Internet würde irgendwann wieder “weggehen” oder die glauben, dass Papier als Informationsträger irgendwie mit den darauf gedruckten Inhalten verknüpft wäre. Ein guter Teil der Journalisten hat aber inzwischen eingesehen, dass die neue Medienzentralstelle das Internet ist – und von dort aus die verschiedenen konsumierbaren Kanäle beliefert werden. Nur wenige dieser Kanäle werden durch das Internet ganz verschwinden. Sie verlieren aber an Bedeutung und einzelne, noch immer populäre Formen, so wie die der Tageszeitung beispielsweise, werden stark zurückgehen.
Viele Journalisten haben die Zeichen der Zeit erkannt und selbst angefangen in Blogs zu schreiben, zu twittern, Medienblogs zu lesen. Sie haben neue Formen der Recherche entdeckt, sich in die Debatten eingeschaltet, neue, andere Menschen angetroffen. In dem sie diese Schritte gewagt haben, haben sie dazugelernt und sehen die Lage nun anders als zuvor. Viele derer, die sich vom “Internet” noch vor kurzem tief beleidigt fühlten und sich allem Neuen verschlossen wie eine Auster, merken nun, dass es so lebendig, unterhaltsam und lehrreich (und so dumm, schäbig und langweilig) ist wie die Welt vor der Tür.
Die Angst vor der Auseinandersetzung, die besonders in der überschaubaren Medienszene der Deutschschweiz zu beobachten ist (keiner tritt dem anderen auf die Füsse, da es sich um den zukünftigen Chef handeln könnte), war nur minimal rückläufig; die Redaktionen sind noch immer gefüllt mit Ärgerschluckern, die missvergnügt ihrem eigenen Untergang zusehen, ohne etwas dagegen zu unternehmen.
Widerspruch ist aber wichtig, sowohl in der internen Diskussion, als auch als Opposition ausserhalb des Betriebs. Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus der Popkultur. In der Folge “The Old Man and the Lisa” der Simpsons geht Springfields Unternehmer und Milliardär Charles Montgomery Burns (“Sind nicht Sie der Mann, den alle hassen?” – “Oh nein, nein, ich bin Monty Burns!”) pleite; er muss sein Haus an einen Wrestler verkaufen und wird ins Altersheim eingeliefert. Die Stelle, als er einsieht, dass seine Führungscrew stets nur genickt, ihm nie aber die Wahrheit über seine längst nicht mehr zeitgemässen Geschäfte gesagt hat, kann symbolisch für den Alltag in vielen Verlagen und Firmen gesehen werden (Video, ab 5:25 Minuten)
Burns: “Ihr sagt, all mein Geld ist weg?”
Manager (im Chor): “Mhm!”
Burns: “Aber – ich habe doch die richtigen Schritte unternommen, oder?”
Manager (durcheinander): “Oh ja!” “Genau!” “Jeder Zug war richtig!”
Burns (nach einer Pause): “Jetzt sehe ich es. Ich bin umgeben von einer Bande von Ja-Sagern! Ich habe die falschen Schritte getätigt und ihr wart zu feige, mir das zu sagen! Ist es nicht so?”
Manager (durcheinander): “Ja!” “Ja, sir!” “Oh ja!”
Ich habe auf medienlese.com einige Texte verfasst, die deshalb unfair waren, weil sie zu wenig vertraut waren mit der Alltagssituation, in der sich viele Journalisten befinden. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass genau das nichts anderes ist als die alltägliche Situation der Medienkonsumenten. Wenn die Journalisten daran scheitern, ihre Probleme den Nutzern ihrer Produkte zu vermitteln, dann liegt das Unvermögen bei ersteren, nicht bei letzteren.
Die Diskussion “Journalisten vs. Blogger” ist glücklicherweise nahezu beendet, doch tatsächlich hat sie sich verlagert. Auf dem neuen Pulverfass steht “Festangestellte vs. Freie”. Der Markt der Freien, die immerhin einen schönen Namen für sich reklamieren können, wird explodieren. Nicht nur Blogger drängen auf den Markt, sondern auch viele der aus der Festanstellung gestossenen Journalisten. Leidtragende der Entwicklung sind die verbleibenden Redakteure, die noch mehr Anrufe und Mails bearbeiten werden müssen und somit (neben den zu häufigen Sitzungen) kaum noch zum Arbeiten kommen.
Stattgefunden hat die Professionalisierung bei den Bloggern. Don Alphonso zum Beispiel, Schlechtwetterprophet der Internetbranche, ist seit einiger Zeit für faz.net tätig, wo er ein vielbeachtetes Blog zur Lage der gehobenen Schicht schreibt. Gründungen wie die Blogwerk AG, welche mit medienlese.com leider mehr Geld verloren als verdient hat, sind auf einem sehr guten Weg, kämpfen aber gegen den Messbarkeitswahn in der Online-Werbung und die Wirtschaftskrise allgemein. Klar ist, dass die nächste Krise nur überleben wird, wer online gut aufgestellt ist und tiefe Fixkosten hat.
Mit dem Messbarkeitswahn einher geht die recherchearme Boulevardisierung im Internet, die vor allem bei den Online-Portalen spürbar ist. Die Auswahl der Nachrichten online wird nicht mehr nach gesellschaftlicher Relevanz getroffen, sondern nach erwarteter Resonanz. Der Kern, die Aufmachung, die Platzierung des Inhalts werden ausgewählt, weil man sich damit Aufmerksamkeit verspricht. Gibt es eine Medienvielfalt, wenn alle das veröffentlichen, was am meisten geklickt wird? Wenn alle schneller als die anderen online sein wollen, auf Kosten der gesicherten Information? Nein, und dazu verspielen sich viele Marken ihre Glaubwürdigkeit. Zuvorderst zu nennen dabei sind die mehr bzw. weniger qualitätsbewussten Boulevardportale spiegel.de und tagesanzeiger.ch, die Internetphobiker von sueddeutsche.de, die Bildergaleristen von welt.de und die Promiverwurster von rp-online.de.
Ein grosses Glaubwürdigkeitsproblem stellt die von einigen Werbetreibenden geforderte und geförderte Auflösung zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten dar. Jeder Verlag, jede Publikation, jeder Publizist muss sich tiefgreifende Gedanken machen, wie damit umzugehen ist. Wer die Inhalte nicht strikt von der Werbung trennt, der wird irgendwann seitens der Leser mit Ignoranz bestraft werden – was direkt in den (publizistischen) Untergang führt.
Medien, denen der Konsument uneingeschränkt vertrauen kann, gibt es keine mehr (wenn es denn je welche gab). Mit der Zunahme der wirtschaftlichen Zwänge wird sich diese Situation noch verschärfen. Komplett unabhängig ist nur, wer weder Beziehungen noch Geschäfte zu verlieren fürchtet. Und das sind, aus guten Gründen, wenige.
Der hintergründige, aufwändige Journalismus ist zurzeit im Niedergang. Doch sterben wird er nicht, da es a) einen Markt gibt für ihn und da es b) eine gesellschaftlich relevante Aufgabe ist, für die sich die Wohlstandsverwöhnten spätestens dann interessieren werden, wenn sie selbst so richtig in die Krise schlittern. Die Lichter des täglichen Zirkus, den Medien und Politik um sich selbst veranstalten, gehen erst dann aus, wenn die Medienkonsumenten den irrelevanten Zuspitzungen keine Aufmerksamkeit mehr schenken, sondern sich wieder um die Fakten kümmern (müssen).
Finanzielle Herausforderungen dürfen wir alle erwarten. Der Kampf um letzte Staatsgelder wird sich verschärfen. Viele etablierte Marken werden verschwinden, neue Sterne werden aufsteigen. Wir werden einen Medienwandel erleben, der sich schneller ereignet und tiefer auswirkt, als es viele vermutet haben. Was wir bisher gesehen haben, ist erst der Anfang. Den Satz “Mögest du in interessanten Zeiten leben” wünschen Chinesen ihren Feinden. Medienmenschen werden dazu verdammt sein, ihn sich täglich gegenseitig vorzulesen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.