kjarchow

 

Alle 119 Artikel von kjarchow auf netzwertig.com:

Viel Feuilleton, wenig Feuilletonisten

Eine Theaterkritik macht noch kein Feuilleton: Was sich heute hinter diesem Ressort versteckt, ist oft genug ein Ramschladen journalistischer Versicherungsschäden.

Eine Theaterkritik macht noch kein Feuilleton (Bild Keystone)Es ist so ein Wort, bei dem ich mich ständig vertippe: Feuilleton. Alle großen Zeitungen sind voll davon, doch im Innern ist immer nur wenig Feuilleton zu finden: Diese impressionistisch hingehauchten ‘Blättchen’ vom Baum des Lebens sind fast völlig verschwunden. Woran liegt’s?

Hauptsächlich wohl an einem Missverständnis. Bloße Kritik ist noch lange kein Feuilleton. Stellt eine Zeitung also die Buchrezensionen, die Theaterkritik, die Vernissagen-Berichte und die Reportagen aus der Belgrader Dancefloor-Szene unter den Schriftbalken ‘Feuilleton’, dann hat sie wohl der Pop-Literatur und allen möglichen anderen Absolventen der Geisteswissenschaften eine mediale Heimat gegeben, sie hat aber noch lange kein Feuilleton geschaffen. Genrebewusstere Zeitungen schreiben daher auch ‘Kultur’, ‘Theater’, ‘Wissenschaft’, ‘Reisen’ oder ‘Modernes Leben’ über ihre entsprechenden Spalten. Mit anderen Worten: Aus vier Seiten DNA-Code wird im Leben kein echtes Feuilleton.

Theodor Lessing, einer der wenigen wirklichen Feuilletonisten, die wir in Deutschland kannten, schrieb selbstbewusst, weil er beides konnte:

» weiterlesen

Wellness-Texte ohne Substanz:
Hilfe, die Fluffies kommen!

Sie bereiten nur Schaumspeisen zu: Die Fluffies, anzutreffen vor allem in der PR-Branche. Sie schreiben Sabbersätze mit scheinbarer Plausibilität, wollen bloß keinem weh tun und haben stets ihre Karriere im Blick.

Coffee
Mit Schaum kennen sich die Fluffies aus (Bild journeyscoffee)

Bei mir im Lehrgang war er der Sympathiko – mit viel Schlag bei den Frauen. Buchstäblich jede und jeder mochte ihn: “Genau das ist mein Problem“, gestand er mir dann auf der Abschlussfeier als gegen Mitternacht der Alkoholpegel die Promillegrenze durchbrach: “Jeder schätzt mich. Ich bin rundum beliebt, und ich stoße nirgends auf Kritik oder Ablehnung. Weißt du eigentlich, wie schlimm das ist?” Dabei heulte er dann fast. “Was manche Leute für Probleme haben“, dachte ich und erinnerte mich an Goethe: “Ein Lump, wer keine Feinde hat!“. Dann spielte ich aus pädagogischer Verantwortung solange den großen Tröster, bis ich jemanden fand, an den ich den Patienten weiterreichen konnte.

Seither aber fällt mir dieser Typus auf, den ich für mich ‘Fluffy’ nenne, nach dem amerikanischen Wort für ‘Schaumspeise’. Besonders in den Public Relations sind die Fluffies allgegenwärtig – und sie werden auch immer zeittypischer.

» weiterlesen

Politikjournalismus:
Wer ist denn hier apolitisch?

Politik. Die Leser wenden sich mit Grauen ab – doch warum nur? Liegt es an der Mediendemokratie, in der Berichterstattung und Politik nicht mehr voneinander trennbar sind? Ein Erklärungsversuch.

Bundespressekonferenz
Bundespressekonferenz in Berlin: Danach ins Borchardt? (Bild Keystone)

Das Publikum ist der ideale Sündenbock: Schleicht der Mime ohne Beifall von der Bühne, dann hat natürlich die dumpfe Zuhörerschaft schuld, weil diesem Denkpöbel dort draußen vor dem Orchestergraben doch jedes Organ für die wahre Kunst fehlt.

Ähnlich ist es, wenn der vereinigten Verlegerschaft die jungen Leser wegbrechen: Natürlich ist dann die abnehmende Lesefähigkeit verantwortlich. Bleiben immer mehr Wähler zu Hause, angesichts der Nichtwahl, die ihnen geblieben ist, dann holt der Kommentator die ‘Politikverdrossenheit’ als ‘medialen Mülleimer’ aus dem Schrank. Wenn ferner Leser die Einheitsberichterstattung im Politteil ihrer Zeitung nicht mehr goutieren, wenn sie deren Ansicht einfach nicht mehr teilen und den Abverkauf einstellen, dann haben sie ein demokratisches Defizit. Sagt jedenfalls Jürgen Habermas. So einfach ist das, wenn man es sich einfach macht. Die Schuld aber beim Schauspieler zu suchen, käme niemandem unter unseren ‘terrible simplificateurs’ jemals in den Sinn.

» weiterlesen

Florian Rötzer:
Mein Alpha Romeo!

Der Deutsche Online-Journalismus wäre ohne Telepolis kaum denkbar. Nur leider verliert sich auch Chef Rötzer, der Alphajournalist des New-Media-Zeitalters, bisweilen im Zahlen- und Faktenwirrwarr.

Mir ist es verhältnismäßig egal, ob jemand meine politische Positionen teilt. Davon hängt Sympathie nicht ab. So gingen mir die steilen Thesen eines Matthias Bröckers zu Nine-Eleven am Mors vorbei, unterhaltsam waren seine Telepolis-Artikel allemal. So wie ein dicker Abenteuerroman von Sir John Retcliffe, der wiederum ein ultrakonservativer Kotzbrocken aus dem 19. Jahrhundert war, aber ganz ähnlich wie Bröckers vollgestopft mit hanebüchener Weltverschwörung. Was in meinen Augen bei beiden verzeihlich ist, denn sie können schreiben: der rechte Retcliffe wie auch der linke Matthias Bröckers. Und darum geht es letztlich im Buchstabengewerbe.

Bekanntlich ist das Portal Telepolis aus dem Heise-Verlag das Flaggschiff des deutschen Online-Journalismus. Als virtuelle Artikelabwurfstelle für schreibende Nerds und andere Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine vertritt Telepolis eine geopolitisch antihegemoniale und innenpolitisch eine dezidiert altliberale Position, so in etwa, als wäre ein Gerhart Baum noch immer für Datenschutzfragen zuständig. Politisch ist Telepolis mir daher recht sympathisch.

» weiterlesen

Nationale Initiative Printmedien:
Schlechte Medizin

Schuld ist nur die doofe Jugend: Den Leitmedien laufen die Leser weg. Jetzt sollen die Nichtleser mit einer Kampagne zum richtigen Medium geführt werden. Nur wer zeigt den Printmedien den Weg zu potentiellen Lesern?

Zeitungsleser der Zukunft? (Bild KEYSTONE/Photolibrary.com/LISA BATTAGLENE)
Bitte immer schön Zeitung lesen (Bild Keystone)

Miese Argumente treiben mich die Wände hoch. Vor allem dann, wenn sie aus jenem Bereich kommen, wo Tausende von intelligenten Menschen eine ‘Medienlandschaft’ formen. So fiel am 17. April der Startschuss für die ‘Nationale Initiative Printmedien’, von der hier die Rede sein soll. Den Hintergrund bilden die sattsam bekannten Veränderungen dieser Medienlandschaft: vor allem das unübersehbare Baumsterben dort und die Ausbreitung gelber Steppe, wo einst grüne Weiden lagen.

Der Schirmherr der Veranstaltung, der Kulturstaatsminister Bernd Neumann erläuterte uns Sinn und Zweck der Veranstaltung folgendermaßen:

» weiterlesen

CEO, Consulting, Consumer:
Die moderne Gaunersprache

Was reden die denn da? Hinweise zur Entschlüsselung der Geheimsprache Neo-Rotwelsch.

Gaunersprache

Dem zeitgemäßen Neo-Rotwelsch hat noch niemand eine eigene Veröffentlichung gewidmet. Zwar ist uns unser ‘Gaunertum’ im Kern erhalten geblieben, nach wie vor geht es ihm vor allem um gelungene Eigentumsdelikte, also darum, sich möglichst straffrei an dem Vermögen anderer zu bereichern, die Sprache aber ist internationaler geworden, sie ist ‘globalisiert’ und ‘anglizistisch’, um gleich mal zwei Begriffe aus dem modernen Rotwelsch zu zitieren. Wo also einst die ‘Dirnen’, ‘Händler’ und ‘Hausierer’ noch ‘Armbänder’ fürchteten, da heißt die Gefahr heute ‘Steuerfahndung’, und die verbündete ‘Magd’ oder ‘Halbschickse’ lockt den ‘Freier’ oder ‘Kunden’ als ‘PR-Beauftragte’ mit zeitgemäß aufgebrezelten Reizen.

Zu Nutz und Frommen der ehrlichen Welt und um die verdienstvolle Arbeit des Avé-Lallemant (‘Das deutsche Gaunertum’), des Herrn Günther (‘Die deutsche Gaunersprache’) und des Herrn von Train (‘Wörterbuch der Gauner- und Diebessprache‘) bis in die Gegenwart fortzuführen, soll diese erste Handreichung dienen.

» weiterlesen

Frank A. Meyer:
Lilliput putt …

Wunschwelt-Blasen eines Linkspopulisten: Unser loser Streifzug durch die Welt der Alphajournalisten führt uns diesmal zu Frank A. Meyer, Chefpublizist bei Ringier.

Frank A. Meyer (Bild Keystone)
Für ein paar Minuten stand hier ein falsches Foto. Jetzt aber: Blochers Gegenspieler, Frank A. Meyer (Bild [M] Keystone)

Wer als Deutscher über die Schweiz schreibt, der kann eigentlich nur Verkehrtes sagen. Schließlich lässt sich auch die Geschichte des Denver-Clans nur aus der Binnenperspektive fehlerfrei aufdröseln. Ein seltsam verworrenes Land voller Ricola-Kräuterbonbons und granitener Bankfestungen, so erscheint es uns, wo inzwischen fast alle Bewohner für einen Milliardär schwärmen, der ihr Land ausländerfrei machen und in ein zweites Liechtenstein verwandeln möchte, in eine Insel mit drei Bergen (oder so), fern, möglichst fern von Europa –

Aber sind es denn wirklich alle Bewohner, die für diese Schlümpfe schwärmen? Nein, es sind dort vor allem jene Regionen, wo noch die Kuhglocken bimmeln und allnächtlich die Muren zu Tale rauschen, wo die Menschen allem Urbanen Valet sagen möchten, aber trotzdem twittern wollen. Ein einziger Held aber, ein republikanischer Winkelried, der stemmt sich wie der Berner Bär gegen die fortschreitende Provinzialisierung und die große SVP-Dampfwalze des Herrn Blocher. Das ist Frank A. Meyer, die graue Eminenz des Ringier-Presseimperiums. Ein leibhaftiger Linkspopulist!

» weiterlesen

New York Times:
Rezeption Glückssache

Was für ein Zitat: “If the news is that important, it will find me.” Aber Journalisten, Blogger und Netzberater hätten den zugehörigen Artikel in der New York Times ruhig lesen können. Stattdessen macht nur das Zitat die Runde und jeder liest, was er herauslesen möchte.

New York Times
Web 2.0: Auch die New York Times wandelt sich (Bild Keystone)

Niemand weiß, was aus einem Artikel wird, erblickt er erst einmal das Licht der Öffentlichkeit. So erging es auch jenem Artikel aus der New York Times vom 27. März, in dem sich jener Satz fand; der bei vielen Medienjournalisten für Furore sorgte: “If the news is that important, it will find me“, hieß es dort aus dem Mund eines pubertierenden Netzbewohners. Dieser Satz sollte das typische Rezeptionsverhalten der jungen Generation illustrieren, einer – so schien es – ‘Abhänger-Generation’, die im Grunde ihre Information zukünftig ans Bett serviert bekommen möchte. Überall folgten daraufhin die genreüblichen Abgesänge auf den alten Pull-Journalismus (oder aber die empörten Proteste dagegen). Blogpolitisch zum Beispiel so:

» weiterlesen

Ach? – So geht das!

Besser die teuren Originale statt günstige Generika: Politik und Wirtschaft arbeiten für den Standort sauber Hand in Hand – fehlt nur noch die nötige Berichterstattung.

Ein ‘Büro für Rathausgespräche’ meldet uns, dass sich “alle Gesundheitsexperten einig [seien]: Das GKV-System ist vor die Wand gefahren“. Da möchte man dann doch schon wissen, was das für ein Büro sei, wo so großtönend sich so viel Expertise versemmelt versammelt. Dieses virtuelle Büro ist leider noch ‘under construction‘, die Besatzung aber ist schon aktiv.

» weiterlesen

Medienfetzen

Caroline Beil, Kurt Beck, Geert Wilders (Bild Keystone)
Die Frisuren der Woche: Beil, Beck, Wilders (Bilder Keystone)

Die Woche ist fast vorüber – und Kurt Beck ist immer noch SPD-Chef. In der Spiegel-Redaktion schleicht ein Gespenst herum: die Relevanzfrage. Die Mitarbeiterkantine serviert verlorene Eier, ein ehrgeiziger Journalist hat schon entnervt gekündigt: Er ginge zur Gala, weil zumindest er im Leben noch etwas bewegen wolle, sagte er …

Zum nächsten Karneval lasse ich mir jetzt einen langen Bart wachsen und binde mir ein schwarzbordiertes Selbstmordgürtelimitat als Korsett um den Bauch. Damit werde ich dann genau so berühmt wie dieser Geert Wilders mit seiner rattenscharfen Perücke.

» weiterlesen