Alle 119 Artikel von kjarchow auf netzwertig.com:
Mal Terrorhelfer, mal mutmaßlicher Unterstützer: Der Stern hat nicht viel zu schreiben über Ömer Ö. – und tut es trotzdem.
Früher hätte ein Journalist geschrieben, der Verhaftete sei dieser oder jener Tat “verdächtig”. Aber in Zeiten von Al Qaida erlebte das Wörtchen “mutmaßlich” seine unausweichliche Renaissance. Jedenfalls stößt es mir immer öfter auf, dort, wo alle kollektiv im Nebel eines Muslimismus der strikten Observanz herumstochern. Mit ihm lässt sich eine Urteilsvorwegnahme suggerieren, ein Verdacht hat sich mit dessen semantischer Hilfe immer schon bestätigt. Wie im Falle eines gewissen Türken, den das BKA mit Hilfe des Stern baut, weil dem Verdächtigen Ömer Ö. wohl radikalislamische Ideen in seinem krausen Kopf herumspuken.
“Mutmaßlicher al-Qaida-Helfer verhaftet” – mit dieser Schlagzeile in Bezug auf die Intentionen des Mannes erfreut uns das Hamburger Magazin von seinem Affenfelsen hinab, dort, wo die Redaktion vor den Augen des erstaunten Publikums allwöchentlich den Eiertanz zwischen altem Anspruch und Sensationsbegierde vollführt. Das, was in der Headline noch ‘mutmaßlich’ hieß, also einen minimalen Restbestand des ‘In dubio pro reo’ enthielt, das ist ratzfatz in der Subhead dann zur vollendeten Tat gediehen: “Schwäbischer Terrorhelfer” heißt es dort schlicht, so als wären alle Akten schon geschlossen.
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Markt, Sprache und Irland, Polemik und mehr – medienlese.com auf Entdeckungsreise in der Blogosphäre, auf der Suche nach den Früchten im Dschungel.
Auch diesmal gilt es, wieder einen weiten Bogen um die ‘üblichen Verdächtigen’ zu schlagen, um so die Vielfalt und die Möglichkeiten der deutschen Blogosphäre auszuloten, die immer mehr einem wachsenden Dschungel gleicht. Aber einem solchen aus Obstbäumen mit Früchten von hohem Nähr- oder zumindest doch Unterhaltungswert.
Kritik an der Marktwirtschaft in Zeiten der Bankenkrise? Das können doch nur diese ebenso unverantwortlichen wie retardierten ‘Linksblogger’ sein, die jetzt mal wieder ein wenig Wasser unter ihren eigentlich längst schon gestrandeten Kiel bekommen. – Nö, muss gar nicht sein: Da gibt es zum Beispiel das
Weissgarnix-Blog, dessen Macher selbst höchst wirtschafts- und börsenaffin sind. Vielleicht malen sie ja deshalb die Zukunft derzeit schwarz in schwarz. Höchst unterhaltsam jedenfalls, wenn man ‘schwarze Serien’ mag und mal etwas anderes als die interessierten Berufsoptimisten von der
Financial Times lesen möchte. Informativer ist es noch dazu.
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Ob es Beispiele für wirklich gelungenen Lokaljournalismus gibt? Aber natürlich – man muss nur wissen, wo man suchen soll.
‘Wo bleibt das Positive?‘ – dieser alten Frage aller Kritikaster an Erich Kästner will ich mich natürlich auch stellen, nachdem ich
diese Buhrufe für mein Gemecker über bestimmte Formen des Lokaljournalismus einstecken musste.
Der Fall Michelle ist noch in frischer Erinnerung – das nehme ich einfach mal an: Ein kleines Mädchen wurde in einem Stadtteil von Leipzig entführt und später ermordet aufgefunden, der Mörder ist flüchtig. Es finden große Demos gegen Kinderschänder statt, angeführt von schwarzweißroten Fahnen mit einschlägiger Symbolik über einem Meer von Glatzen; auch für alle Privatmedien ist dort in Reudnitz für eine Woche Hochsaison, kein Anwohner kommt unbefragt davon, ohne dass ihm ein Mikrofon unter die Nase gehalten würde zur Absonderung lynchjustiziabler Meinungen. So weit, so gut, so altgewohnt.
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Wenn der moderne Qualitätsjournalismus sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass alle das Gleiche schreiben, dass es risikobehaftete Themen gar nicht mehr ins Blatt schaffen, dann fällt es schwer, darüber zu diskutieren. Wie soll man über etwas reden, was doch nirgends schwarz auf weiß zu lesen stand? Die Menschen sind ohne Lokalberichterstattung aufs Gerücht zurückgeworfen. Manchmal gibt es Löcher in diesem medialen Paravent, die einen Blick auf die kommunikativen Folgeprobleme freigeben.
Die taz, die ich hiermit ausdrücklich vom Vorwurf des modernen Qualitätsjournalismus ausnehme, die berichtet am 2. September über eine Lesereise vierer Journalisten durch die schwäbische Provinz. Das Quartett hatte kurzerhand seine gesammelten Filz- und Korruptionsgeschichten, die es nicht mehr in die Tagespresse schafften, zu einem Buch gebündelt, mit dem sie jetzt über die Städte und Dörfer im Reiche Oettinger tingeln.
Was diesen Bericht von einer Lesereise so einzigartig macht?
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Im Kern ist es schon eine interessante Debatte, die der Thomas Knüwer
dort angestoßen hat: Ob der Leser besser informiert sei, wenn eine Zeitung einen Korrespondenten vor Ort habe? Ich komme zu einem ähnlichen Ergebnis wie er – dass nämlich diese Wesen oft nur gut für Spesen seien – aber aus anderen Gründen. Denn es ist vor allem die Macht der Gewohnheit, die das afrikanische oder amerikanische Auge der Redaktion über kurz oder lang blind machen wird. Und damit unnütz.
Was erfahre ich als Leser denn mehr, wenn ‘Halbamerikaner’ wie der Gabor Steingart oder der Dieter Degler mir etwas vordenken? Meist sind es doch die üblichen Philosphokastereien darüber, ob der McCain nicht schon ein wenig zu alt für den Job sei, mit den üblichen Querverweisen auf Konrad Adenauer, worüber ich vom heimischen Schreibtisch aus genauso schön hätte sinnieren können. Oder aber ich hätte einfach den Fernseher eingeschaltet, um vom heimischen Ohrensessel aus beim Anblick des Republikaner-Konvents zu solchen Erkenntnissen zu gelangen:
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(squacco, Roadsidepictures, CC-Lizenz)
Schweinejournalismus ist ein Wort, das ich zunächst strikt privat verwendete. In der Öffentlichkeit ist es üblicher, von der ‘Boulevardisierung des Journalismus’ zu reden. Dieser honorige Ausdruck trifft aber nicht den Punkt, er wickelt die Faust, die endlich mal auf den Tisch hauen müsste, unnötigerweise in Watte.
In der Regel geht es beim ‘Schweinejournalismus’ darum, dass jemand mit einer vorgefassten Story im Kopf sich ein paar wohlgewählte Fakten passend recherchiert, um dann den Balg seiner erfundenen Geschichte damit zu stopfen. Er hat sich sich seine Vorurteile sozusagen selbst bestätigt. Anzutreffen ist dies Verfahren längst bei privaten und öffentlich-rechtlichen Medien gleichermaßen.
Ein besonders krankes Beispiel, veranstaltet von einigen Kollegen Journalisten Schreiberlingen bei “RTL Explosiv”, stellt Stefan Niggemeier zur Zeit in seinem Blog an den Pranger. Es ging in diesem RTL-Beitrag um das ewig aktuelle Thema der ‘bekanntlich’ an jeder Ecke lauernden Kinderschänder, die immer für die höchst erwünschte Quote gut sind. Obwohl gesellschaftlich die Zahl der Fälle von Gewalterfahrungen von Kindern seit Jahrzehnten rückläufig ist, steigt gegenläufig dazu die journalistische Berichterstattung über dies Thema unaufhörlich an:
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Warum können eigentlich Journalisten nicht so reden, dass ihr Publikum sie auch versteht? Mühsam bimsen sie sich in den Redaktionen eine diplomatisch verklausulierte Fremdsprache bei, die der arglose Bürger am Frühstückstisch erst mühsam rückinterpretieren muss. Dabei könnte alles ganz einfach sein, wie es diese kleine Übersetzungshilfe beweist:
Journalistisch: ‘[XYZ] hat [irgendetwas] scharf kritisiert’.
Alltagssprachlich: ‘[XYZ] maulte noch ein wenig herum.’
Journalistisch: ‘[Irgendetwas] sei keine leichte Entscheidung gewesen‘
Alltagssprachlich: ‘Nächtelang hätten sie sich vorher die Kante gegeben’.
Journalistisch: ‘[XYZ] werde das Thema … zum Gegenstand … machen’.
Alltagsprachlich: ‘[XYZ] will sich mit dem Thema jetzt selbst profilieren’.
Journalistisch: ‘[XYZ] strukturiert sein Geschäft um‘.
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Chefredakteure und Herausgeber waren einst die Wächter über die Qualität des Printprodukts. Online übernehmen diesen Job aber die Leser – wozu also brauchts den “Editor” noch?
Wenn Jeff Jarvis mit dem Finger schnickt, dann sind die Medienseiten der Zeitungen meist voll mit dem angetippten Thema. Diesmal, bei der Frage, weshalb es zukünftig noch Herausgeber bzw. Chefredakteure für eine Zeitung geben müsse, blieb es merkwürdig ruhig im deutschen Blätterwald. Das muss dann wohl an den Herausgebern liegen …
Der Tenor von Jeff Jarvis’ Artikel lag auf der folgender Linie: Der Chefredakteur oder ‘Editor’ sorge üblicherweise dafür, dass der Themenmix stimme, dass keine lästigen Klagen zu erwarten seien, dass die vorgegebene redaktionelle Linie eingehalten würde, dass keine stilistischen Böcke geschossen werden – und er kontrolliere zudem, ob eine Geschichte auch ‘ausrecherchiert’ sei.
Die meisten dieser Funktionen – so Jarvis – würden aber online inzwischen die Mitglieder der Community erledigen, durch die dialogische Struktur der neuen Medien forme sich jeder seiner Artikel wie von selber ‘rund’, wenn man den Thread hinzurechne: “Die Berichterstattung wandelt sich vom Produkt zum Prozess”. Also könne man – angesichts der redaktionellen Sparzwänge – doch als erstes die Position des Herausgebers oder Chefredakteurs abschaffen – und seine Funktion durch einen ‘Community organizer’ ersetzen.
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Nicht in der sprachlichen Qualität liegt der Unterschied zwischen PR und Journalismus. Er liegt vielfach noch nicht mal in dem, was gesagt wird – sondern in dem, was nicht gesagt wird.
Wer irgendwo die regionale oder nationale Wirtschaft ankurbeln will, der gründet vielleicht eine kleine Gesellschaft und stattet sie mit Geld für ihre Pressearbeit aus. Denn sonst könnte diese Gesellschaft ihren Satzungszweck ja nicht erfüllen. Dann lädt der Verein – neben anderem Allotria – auch geneigte Journalisten ein, um sein mehr oder minder sittliches Anliegen mit deren Hilfe in die Öffentlichkeit zu tragen. Die vor Ort nach Strich und Faden verwöhnten Edelfedern wiederum berichten zumeist höchst freundschaftlich über ihre generösen Gastgeber. Dieser Vorgang in seiner klassischen Form heißt nach allgemeiner Übereinkunft Public Relations – bzw. ‘eine Hand wäscht die andere’. Oder aber – weil Latein noch vornehmer klingt:
Do ut des. Spitze Zungen sprechen von der ‘Schnittchen-Kultur’.
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medienlese.com auf Entdeckungsreise in der Blogosphäre, auf der Suche nach den Blogperlen.
Der rituelle Rundgang durch Blogville im Monat August: Ich bin immer wieder erstaunt, wie mühelos sich diese Rubrik doch füllt, wenn nicht nur gebannt auf die ‘Alphatiere’ starrt.
Weil mich jemand per Mail danach fragte: Mein Lieblings-Musikblog in deutscher Sprache ist und bleibt Slidetone – unter anderem deshalb, weil es dort eben nicht nur um Musik geht. Der Erzähler, selbst ein Saitenverbieger, wurde einst in CBGB-Wasser getauft, fiel dann wohl die Stooges hinunter und hat dementsprechend mit den Trällermiezen von MTV, mit dem glattgeschleckten Countrypolitan einer gleichgeschalteten Angestelltenkultur oder mit jeder Form von Deppen-Tekkno nicht das Geringste am Hut. Dafür aber gibt es eine beeindruckende Blogroll für weiterführende Expeditionen.
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