Bye-bye Buch? Neue Lesegeräte sollen dem E-Book endlich zum Erfolg verhelfen. Hunderte Bücher passen in elektronischer Form plötzlich in die Westentasche – trotzdem steht der Branche keine Revolution wie den Zeitungsverlagen bevor.
Alles redet über die Krise der Zeitungen, kaum jemand über ein anderes Holzmedium: über das Buch. Deshalb ist es eine interessante Debatte, die der Don A.
dort angestoßen hat. Ich gehe mit ihm konform, wenn er sagt, dass das Buch trotz der kommenden E-Book-Reader halbwegs krisenfest sei. Dennoch – und in dem Punkt widerspreche ich ihm – wird das Netz wesentliche Funktionen übernehmen, die das Buch früher eben auch hatte. Ich sehe es an mir selbst … das Buch ist für mich gewissermaßen ein ‘Dual-Use-Objekt’ geworden.
Vieles von dem, was früher dem Zettelkasten und der Bibliothekssuche überlassen blieb, die ‘philologische Recherche’ gewissermaßen, das kann ein Computer sehr viel besser als jenes Ein-Mann-Unternehmen, das sich in den Geisteswissenschaften heutzutage ‘Forschung’ nennt und zwischen Lehr- und Forschungsauftrag sich hindurchwinden muss. Will ich wissen, was unsere Klassiker bspw. über Wurzelentzündungen dachten, dann schmeiße ich meine DVD mit den lizenzfreien Texten deutscher Literatur an, ich starte die Suchanfrage mit ‘Zahnschmerz’, ‘Barbier’, ‘Quacksalber’, ‘Quecksilber’ und anderen ‘Key Words’ – und sitze binnen Sekunden vor einem Haufen von Fundstellen zwischen Wolfram von Eschenbach und Theodor Fontane, die mir drei Tage Bibliotheksrecherche abnehmen. Zumindest für die Zeit bis zum Ende des poetischen Realismus ist Arno Schmidt mit seinem Verfahren der ‘1.000 Zettelkästen’ also zu einem Dinosaurier geworden.
Natürlich ist mir klar, dass eine solche Recherche nur diese ‘Klassiker’ abdeckt, und da bislang auch die Bände mit den Briefen und Tagebüchern kaum Berücksichtigung fanden, sind auch die nicht vollständig erfasst. Nicht nur deshalb stehen hinter mir in dichten Reihen weiterhin alle Klassiker in Dünndruck und in Holzgestalt im Regal herum, obwohl ich sie doch größtenteils auf der Festplatte hätte. Weshalb denn nur?
Weil es eben ganz andere Funktionen sind, die eine Bibliothek abdecken kann und muss – und ich meine damit keineswegs nur das genussreiche Versinken im Lesesessel. Bücher aus vergangenen Zeiten sind ohne Erklärung zum Beispiel oft völlig unverständlich. An Herders ‘Ideen zur Philosophie der Geschichte’ scheitert jeder Newbie, wenn ihn nicht ‘der Stand der Forschung’ am Patschehändchen nimmt, um ihn in die Sachlage einzuführen. Kaum ein Unbedarfter würde die Größe von Joyce’s ‘Ulysses’ erfassen, wenn ihm nicht zuvor erklärt würde, was dieser ’stream of consciousness’ sei, der ihm dort entgegenquillt. Deshalb haben sie, zumindest die guten Ausgaben, voluminöse Nachworte, einen umfangreichen Kommentar, der oft den Text an Masse übersteigt, und dazu gleich zwei, manchmal schon drei Lesebändchen. Das alles hat ein ‘Netzbuch’ auf absehbare Zeit (noch) nicht. Nur das ‘hölzerne Exemplar’ eines Buches macht mir einen Text also auch verständlich, solange es sich nicht um Seichtwasserbewohner wie Ken Follett oder Rosamunde Pilcher handelt.
Zweitens streiche ich gern mit einem radierfähigen, weichen Bleistift (2 B) in meinen Büchern herum, damit ich bestimmte Stellen auch wiederfinde, die mir wichtig waren, an die ich irgendwann einmal mit meinem Text anschließen könnte. Aus irgendwelchen Gründen weiß ich immer, auf welcher Seite – ob rechts oder links, ob weiter vorn oder weiter hinten – jene Stelle dann zu finden war, auch wenn mir der genaue Wortlaut längst entfallen ist. Das Wiederfinden erfolgt intuitiv, das Buch wird aufgeklappt, der feuchte Daumen blättert ein wenig herum, und schon habe ich den Treffer gelandet. Wer dagegen einmal versucht hat, nur in Kenntnis des Sinns, also ohne Kenntnis des genauen Wortlauts, in einem ‘Netzbuch’ mit Hilfe dieser zumeist selten blöden Suchmaschinen eine bestimmte Stelle wiederzufinden, der weiß, was seine Nerven und sein Scroll-Finger zu ertragen vermögen.
Last not least befürchte ich technische Unzulänglichkeiten, wenn jetzt das E-Book auf den Markt drängt: zum Beispiel ‘Strand im CD-Getriebe’, ‘blendend weißer Bildschirm unter andalusischer Urlaubssonne’, ganz zu schweigen von Akkus, die mitten im Mord den Geist aufgeben … und vieles mehr. Ein Holzbuch dagegen braucht immer nur die mehr oder minder starke Batterie des Geistes.
Aus diesen Gründen also glaube ich, dass – anders als für bestimmte Formen des Printjournalismus – für das Buch und die Bibliotheken die Zeit des Abschiednehmens noch lange nicht gekommen ist. Das Internet möge den unüberschaubaren Output der Fachpublikationen, insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, katalogisieren. Auch die meisten Vierteljahresschriften, die ja nur die Publikationsziffern zum Zwecke der Habilitation emportreiben sollen, die sind als pdf-Datei im Netz vielleicht besser aufgehoben. Sinnvoll mag es auch sein, unersetzliche Wissensbestände im Netz zu archivieren, auch die Raritäten der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Dass aber das E-Book den Print aus dem Buchwesen jemals völlig verdrängt, daran glaube ich einfach nicht …
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.