Klaus Jarchow

Angesichts von Jobabbau in Redaktionen sieht unser Autor schwarz: Weniger Mitarbeiter schaffen weniger Qualität – die Leser werden’s merken und Holzhausen den Rücken kehren.

Über die Zahl der anstehenden Entlassungen im journalistischen Bereich ist viel und ausdauernd geredet worden. Auch hier. Zunächst wurde man, wegen der Übertragung des amerikanischen Vorlaufs auf deutsche Verhältnisse, als blöde Blogger-Unke bezeichnet, die nicht wisse, wie begehrt wahrer Qualitätsjournalismus doch sei. Inzwischen surrt flächendeckend die Heckenschere – in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich, eigentlich im gesamten westlichen Ausland. Bleibt die Frage: Wohin mit all den Journalisten?

Entlassen werden dort jetzt Menschen, die – um ein altbekanntes Bonmot zu zitieren – ihr Leben lang überlegt haben, welchen Beruf sie eigentlich genau verfehlten. Denn außerhalb des großen Medienzirkus gibt es nur wenige Einsatzgebiete für sie. Auch dürfen wir getrost davon ausgehen, dass die Verleger zunächst nicht ihre ‘besten Pferde im Stall’ mit Auflösungsverträgen und Abfindungen behelligen werden. Zunächst sind die kleinen Redaktionssoldaten dran, die wortarme Heerschar der dpa-Drapierer und Fertigsprachler. Wohin werden die gehen?

Neue Zeitungen, die sie aufnehmen, sind für sie ähnlich selten wie ein Sechser im Lotto. Allenfalls als qualitativer Verdrängungswettbewerb ist so etwas denkbar: Der Kollege von der Süddeutschen besetzt dann den freiwerdenden Platz im Buxtehuder Kreisblatt. Letztlich entlassen aber werden Medienarbeiter in großer Zahl überall. Jene Stellen wiederum, die parallel im DJV oder anderen Ständeorganisationen wegen eines ‘erhöhten Kommunikationsbedarfs’ in der Krise zu besetzen wären, bleibt absolut überschaubar.

Sollen sich also alle arbeitslosen Journalisten an PR oder Unternehmenskommunikation wenden, damit sie dort die Süßholzraspelei erlernen? Auch das halte ich für unwahrscheinlich, denn die Public Relations werden in einer Wirtschaftskrise ebenfalls nicht expandieren; die Agenturen sind schon froh, wenn ihre Etats ungeschoren bleiben. Und selbst, wenn: Selbst die Public Relations und die Werbeagenturen suchen doch eher nach Sprachgewalten statt nach Sprachgestalten.

Meine Einschätzung geht daher in eine andere Richtung: Wer nicht ganz und gar den Beruf wechselt, also vielleicht demnächst an der Volkshochschule Migrantenkindern Deutschunterricht erteilt, der wird wohl ein Redaktionsbüro aufmachen oder in einem solchen unterschlüpfen. Dort wird er dann als ‘freier Schriftsteller’ und als ‘Dienstleister am Wort’ redaktionelle Aufgaben für Zeitungsverlage übernehmen. Hier in Norddeutschland, im Umkreis des Weser-Kurier, gibt es das seit einigen Jahren schon. Die Honorarsätze finden sich hier oder – falls jemand sich mal an SEO versuchen möchte – auch hier.

So setzt sich eine Spirale in Gang, die notwendigerweise den weiteren Niedergang Holzhausens beschleunigen wird. Denn die ‘neuen Freien’ werden sehr viel billiger sein als die festangestellten ‘Edelfedern’ mit dem Tarifvertrag. Und die Verleger finden schon Mittel und Wege, diese neue Ressouce auch anzuzapfen. Zunächst für den alltäglichen Bedarf, für den billigen Online-Content usw. – und das noch nicht einmal aus bösem Willen, sondern deshalb, weil das Anzeigenaufkommen derweil immer weiter einbricht. Dieser Rückgang wird sich schon bald von der Wirtschaftskrise völlig entkoppeln, der Gedanke an ein ‘Überwintern’ der Redaktionen ist damit illusorisch. Weil letztlich die entscheidende Frage für den Werbetreibenden immer lautet: Wer schaltet noch Anzeigen in einem Medium, dass die erwünschten Zielgruppen zunehmend weniger erreicht?

Währenddessen merkt das Publikum nämlich längst, dass in jenem Napf, der ihm als leckerer Qualitätsjournalismus untergeschoben werden soll, zunehmend weniger publizistisch-sprachliche Nährstoffe enthalten sind. Die Flucht aus den Medien verstärkt sich mit dem anwachsenden Einsatz freier Zuarbeit, weil das Publikum – ganz im Gegensatz zum alten Journalistenvorurteil – eben doch nicht blöd ist. So wird durch die selbstgenerierten Zwänge im Medienzirkus der Niedergang Holzhausens sich täglich beschleunigen …

Was tun? Tscha – bin ich denn Lenin?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

Alle 119 Artikel von Klaus Jarchow auf netzwertig.com:

Journalistenschwemme:
Wohin mit all den Entlassenen?

Klaus Jarchow, 4. Dezember 2008 um 10.21 Uhr , 13 Kommentare Kommentare

Angesichts von Jobabbau in Redaktionen sieht unser Autor schwarz: Weniger Mitarbeiter schaffen weniger Qualität – die Leser werden’s merken und Holzhausen den Rücken kehren.

Über die Zahl der anstehenden Entlassungen im journalistischen Bereich ist viel und ausdauernd geredet worden. Auch hier. Zunächst wurde man, wegen der Übertragung des amerikanischen Vorlaufs auf deutsche Verhältnisse, als blöde Blogger-Unke bezeichnet, die nicht wisse, wie begehrt wahrer Qualitätsjournalismus doch sei. Inzwischen surrt flächendeckend die Heckenschere – in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich, eigentlich im gesamten westlichen Ausland. Bleibt die Frage: Wohin mit all den Journalisten?

Entlassen werden dort jetzt Menschen, die – um ein altbekanntes Bonmot zu zitieren – ihr Leben lang überlegt haben, welchen Beruf sie eigentlich genau verfehlten. Denn außerhalb des großen Medienzirkus gibt es nur wenige Einsatzgebiete für sie. Auch dürfen wir getrost davon ausgehen, dass die Verleger zunächst nicht ihre ‘besten Pferde im Stall’ mit Auflösungsverträgen und Abfindungen behelligen werden. Zunächst sind die kleinen Redaktionssoldaten dran, die wortarme Heerschar der dpa-Drapierer und Fertigsprachler. Wohin werden die gehen? » weiterlesen

TV-Bezahlmodelle:
Dafür keinen Zwanziger mehr!

Klaus Jarchow, 2. Dezember 2008 um 12.51 Uhr , 3 Kommentare Kommentare

Für Fernseh-Fußball muss man richtig Geld bezahlen – oder beamt sich die Bundesliga live auf den heimischen Rechner, kostenlos aus China.

Nachdem ich diesen Beitrag in der taz gelesen hatte, habe ich es selbst mal ausprobiert: einfach den Peer-to-Peer-Client geladen – und schon zehn Minuten später guckte ich mein erstes Bundesliga-Spiel im Internet. Dabei galt für mich dann das Fielmann-Prinzip: Ich hatte nicht einen Cent dazubezahlt.

Okay, die Bildqualität war pixelig, kein High-Definition-TV, schließlich kam das Gekicke ja retour aus dem fernen China – aber das wird mit steigenden DSL-Raten rasch besser werden. Was aber wird denn dann mit all den teuren Pay-TV-Modellen hier in Deutschland, mit medialen Megalomanien von Kirch’schen Ausmaßen, mit den Gehältern gut- bis überdotierter Fußball-Stars – siehe zuletzt das trostlose Gekicke bei Schalke und Werder – oder auch mit den Einnahmen eines florienden Gemischtwarenkonzerns namens DFB? Unter anderem auch mit dem Gehalt eines Herrn Zwanziger …?

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Berufsbild:
Presseverschweiger

Klaus Jarchow, 25. November 2008 um 11.44 Uhr , 12 Kommentare Kommentare

Eigentlich sollen sie mit der Presse sprechen – eigentlich, denn immer öfter verweigern sich die Ansprechpartner: Ein Besuch auf Deutschlands Pressebaustellen.

Oh ja – ich weiß sehr wohl was in den PR-Lehrgängen von ‘Transparenz’, ‘Dialogbereitschaft’ und ‘kommunikativen Prozessen’ gesäuselt wird. Und manch eine Tanja Anja mit ihren schönen blauen Augen mag das sogar glauben. Die Wirklichkeit sieht doch ein wenig anders aus als im Code d’Athènes ausgemalt. Beispielhaft ist vielleicht diese Odyssee, die der taz-Schreiber Felix Werdermann hinter sich hat. Das Vordringen zum heilgen Gral der Transparenz im PR-Gewerbe erinnert mich hier doch mehr an die Mission eines Sturmtrupps im Ersten Weltkrieg, der hinter den Stacheldrahtverhau der feindlichen Linien zu gelangen trachtet:
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Sprachkritik:
Wortpollen aus Stilblüten

Klaus Jarchow, 20. November 2008 um 14.00 Uhr , 0 Kommentare Kommentare

CDU und CSU sprechen sich für die Nationale Initiative Printmedien aus – mit einem Sprachwust aus Blähsätzen und Politiker-Phrasen, der hier gebührend gewürdigt werden soll.

Zunächst die gute Nachricht – technologisch bleiben uns CDU/CSU als zutiefst konservative Parteien erhalten. Da bewegt sich nichts, da weiß der Wähler auch morgen noch, was er an ihnen hat oder vermisst. Zu recht mokiert sich jedenfalls netzpolitik.org über die medienpoltische Kompetenz, die auch die jüngste Presseerklärung dieser volkstümlichen Partei wieder einmal so verschwenderisch verstrahlt. Der Leser hört bei der Lektüre unentwegt ein ebenso melodisches wie lautes Pfeifen dort im Wald von Holzhausen, das der ‘Nationalen Initiative Printmedien’ und ihrer zahlreichen Leserschaft den wahren Weg weist und ihnen gewisslich Mut machen wird auf dem dornigen Weg in eine noch ungewisser glänzende Zukunft.

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Alternde Neokonservative:
Mach mir den Matussek!

Klaus Jarchow, 18. November 2008 um 11.02 Uhr , 3 Kommentare Kommentare

Wenn sich der politische Mainstream nach einigen Jahren in ein Rinnsal aus kaltem Kaffee verwandelt hat, dann sind plötzlich rückblickend Einsichten möglich, welche die aufgeblähten Selbstgewissheiten vormals Zeitgemäßer uns bisher verstellten. Jetzt, nach dem großen Kladderadatsch der Finanzkrise, verdunsten wieder mal alte Überzeugungen wie Frühnebel in der Sonne. Mir öffneten sich gestern die Augen, als ich – um abgelagerte Prophetien zu prüfen – in einem Buch blätterte, das vor zwei Jahren den ominösen ‘neuen Patriotismus’ in der Bundesrepublik begründete: Es geht um Matthias Matusseks ‘Wir Deutschen’. In ihm sprang Matussek in einem lockeren Flicflac über den großen Auschwitz-Graben hinweg, um uns die attraktiveren Postkartenmotive der deutschen Geschichte vor Augen zu führen. Auf dass sich die toitsche Brust selbstbewusst wieder weiten möge.

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Sechsmal um den Blog:
Blog is back

Klaus Jarchow, 11. November 2008 um 11.43 Uhr , 2 Kommentare Kommentare

Frauenversteher, Ruhrbarone, Blog-Blog: Nachdem die letzte Folge sich auf Blogs kaprizierte, die zum Thema Finanzkrise schreiben, geht es in dieser Folge wieder höchst bunt und unfokussiert zu, so wie es der Blogosphäre am besten entspricht.

1. Methusalem Kino: Da hätten wir – erstens – das Methusalem Kino< des Herrn Bruzard, der manchmal wochenlang schweigt, dann wieder die Frequenz hochfährt, immer aber höchst unterhaltsam ist, zum Beispiel dann, wenn er seine subjektive Meinung über die Redeweise von Frauen unters geneigte Volk streut, bevor er unweigerlich vom Knöcksgen aufs Stöcksgen kommt:
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Start von Carta:
Gute Ansätze, schlechte Sätze

Klaus Jarchow, 8. November 2008 um 14.35 Uhr , 11 Kommentare Kommentare

Schon wird von einer deutschen Huffington Post geträumt: Der Medienwissenschaftler und Leiter des Berlin Institutes Robin Meyer-Lucht hat unter dem Namen “Carta” eine neue Website gestartet.

Es soll die deutsche ‘Huffington Post‘ werden, heißt es unter der Hand: Jenes Portal, das der Medienwissenschaftler und Leiter der ‘Berlin Institute‘ Robin Meyer-Lucht unter dem Namen ‘Carta jetzt gestartet hat. Meyer-Lucht, der in dieser Rezession das Ende des Printjournalismus gekommen sieht, will frühzeitig auf neue mediale Formen setzen, die absehbar das Alte ersetzen werden. Es geht um ein Projekt von Pionieren also …

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Anzeigenkrise:
Holzhausen wird zur Geisterstadt

Klaus Jarchow, 6. November 2008 um 13.02 Uhr , 22 Kommentare Kommentare

Gruner und Jahr, WAZ-Gruppe, NZZ, Burda: Die Branche spart sich krisenfest, auf der Strecke bleiben Mitarbeiter – und schließlich auch die Leser …

Im Jahr 2008 blieben die Anzeigenerlöse bei allen Zeitungen weit hinter den Erwartungen zurück – und das nicht nur wegen der kommenden Rezession, die erst 2009 voll durchschlagen dürfte. Bei Gruner und Jahr gilt längst ein rigoroser Einstellungstopp, demnächst müssen wohl ganze Titel daran glauben: “Es ist daher notwendig, dass wir in den nächsten Wochen in all unseren Ländern unser Portfolio um jene Titel bereinigen, die keine Aussicht haben, die Krise zu überstehen”, schreibt Verlagschef Bernd Kundrun. Um sprachlich zwischen den getrennten Welten der Ökonomen und der Geistigen übersetzend auszuhelfen – der Reporter, der ‘bereinigt’ dann auf der Straße stehen wird, der nannte Kundruns ‘Portfolio’ bisher schlicht ’seine Redaktion’.

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Phrasendreschen in der Krise:
Der Chor der Schwafelmänner

Klaus Jarchow, 4. November 2008 um 11.33 Uhr , 17 Kommentare Kommentare

‘Jede Krise hat ihre Phrasen’, so lässt sich jener taz-Artikel zusammenfassen, der uns auf die Labersäcke und Sprücheklopfer aufmerksam macht, die uns jetzt in jeder Kolumne mit breitgetretenem Quark belästigen. Michael Ringel schreibt:

“Das jedenfalls verstand ich, und ich wusste in diesem Moment: Nicht meine Ohren rebellierten, sondern mein Verstand sollte mürbe gemacht werden durch die dauernde Wiederholung der dümmsten Phrase der Welt: “Jede Krise ist immer auch eine Chance.”

Warum aber ist das so? Ich meine, warum leiden gerade ‘unerhörte Zeiten’ unter einem Übermaß von Plattitüden und Gemeinplätzen. Vermutlich liegt es genau an dieser Unübersichtlichkeit einer Krisenzeit: In ihr kann es eben noch keine neuen Gewissheiten geben, die sprachlich ihren zutreffenden und bewährten Ausdruck gefunden hätten. » weiterlesen

In und out:
Die kleine Sprachliste für Wendezeiten

Klaus Jarchow, 30. Oktober 2008 um 11.56 Uhr , 3 Kommentare Kommentare

Kleiner Leitfaden für Manager: So zeigen sie Journalisten, dass sie aus der Krise gelernt haben – mit ein wenig Sprachkosmetik vom windigen Finanzjongleur zur verlässlichen Spitzenkraft.

Rechtzeitig Farbe bekennen (iStockPhoto)
Rechtzeitig Farbe bekennen (iStockPhoto)
Wir leben in Wendezeiten. Bestimmte altgewohnte Begriffe fallen plötzlich aus dem gewohnten Sprachraster heraus. Wer sich nicht als BOF (‘Boring Old Fart’) outen will, sondern auch in Zeiten der Rezession an seinem unaufhaltsamen Aufstieg häkelt, der verabschiedet daher besser die sprachlichen Liebchen vom vergangenen Jahr:

1. Maximieren: Igitt – was ist das ‘old fashioned’, so etwas, das geht nun gar nicht mehr! Seit den Zeiten der IKB-Bank und der frustrierten ‘Broker Boys’ wissen wir doch, dass dieser Wille zum ‘Maximieren’ die erste Vorbedingung eines maximalen Minimierens ist. Sinngemäß müssen Sie heutzutage natürlich auch das sachverwandte Verbalgemüse vermeiden: ‘Maximum’, ‘maximal’, ‘Maxi-Rendite’ usw. Kaprizieren Sie sich stattdessen auf Worte wie ’stabil’, ‘ordentlich’, ’solide’, ‘maßvoll’ usw.

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