Angesichts von Jobabbau in Redaktionen sieht unser Autor schwarz: Weniger Mitarbeiter schaffen weniger Qualität – die Leser werden’s merken und Holzhausen den Rücken kehren.
Über die Zahl der anstehenden Entlassungen im journalistischen Bereich ist viel und ausdauernd geredet worden.
Auch hier. Zunächst wurde man, wegen der Übertragung des amerikanischen Vorlaufs auf deutsche Verhältnisse, als blöde Blogger-Unke bezeichnet, die nicht wisse, wie begehrt wahrer Qualitätsjournalismus doch sei. Inzwischen surrt flächendeckend die Heckenschere – in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich, eigentlich im gesamten westlichen Ausland. Bleibt die Frage: Wohin mit all den Journalisten?
Entlassen werden dort jetzt Menschen, die – um ein altbekanntes Bonmot zu zitieren – ihr Leben lang überlegt haben, welchen Beruf sie eigentlich genau verfehlten. Denn außerhalb des großen Medienzirkus gibt es nur wenige Einsatzgebiete für sie. Auch dürfen wir getrost davon ausgehen, dass die Verleger zunächst nicht ihre ‘besten Pferde im Stall’ mit Auflösungsverträgen und Abfindungen behelligen werden. Zunächst sind die kleinen Redaktionssoldaten dran, die wortarme Heerschar der dpa-Drapierer und Fertigsprachler. Wohin werden die gehen?
Neue Zeitungen, die sie aufnehmen, sind für sie ähnlich selten wie ein Sechser im Lotto. Allenfalls als qualitativer Verdrängungswettbewerb ist so etwas denkbar: Der Kollege von der Süddeutschen besetzt dann den freiwerdenden Platz im Buxtehuder Kreisblatt. Letztlich entlassen aber werden Medienarbeiter in großer Zahl überall. Jene Stellen wiederum, die parallel im DJV oder anderen Ständeorganisationen wegen eines ‘erhöhten Kommunikationsbedarfs’ in der Krise zu besetzen wären, bleibt absolut überschaubar.
Sollen sich also alle arbeitslosen Journalisten an PR oder Unternehmenskommunikation wenden, damit sie dort die Süßholzraspelei erlernen? Auch das halte ich für unwahrscheinlich, denn die Public Relations werden in einer Wirtschaftskrise ebenfalls nicht expandieren; die Agenturen sind schon froh, wenn ihre Etats ungeschoren bleiben. Und selbst, wenn: Selbst die Public Relations und die Werbeagenturen suchen doch eher nach Sprachgewalten statt nach Sprachgestalten.
Meine Einschätzung geht daher in eine andere Richtung: Wer nicht ganz und gar den Beruf wechselt, also vielleicht demnächst an der Volkshochschule Migrantenkindern Deutschunterricht erteilt, der wird wohl ein Redaktionsbüro aufmachen oder in einem solchen unterschlüpfen. Dort wird er dann als ‘freier Schriftsteller’ und als ‘Dienstleister am Wort’ redaktionelle Aufgaben für Zeitungsverlage übernehmen. Hier in Norddeutschland, im Umkreis des Weser-Kurier, gibt es das seit einigen Jahren schon. Die Honorarsätze finden sich hier oder – falls jemand sich mal an SEO versuchen möchte – auch hier.
So setzt sich eine Spirale in Gang, die notwendigerweise den weiteren Niedergang Holzhausens beschleunigen wird. Denn die ‘neuen Freien’ werden sehr viel billiger sein als die festangestellten ‘Edelfedern’ mit dem Tarifvertrag. Und die Verleger finden schon Mittel und Wege, diese neue Ressouce auch anzuzapfen. Zunächst für den alltäglichen Bedarf, für den billigen Online-Content usw. – und das noch nicht einmal aus bösem Willen, sondern deshalb, weil das Anzeigenaufkommen derweil immer weiter einbricht. Dieser Rückgang wird sich schon bald von der Wirtschaftskrise völlig entkoppeln, der Gedanke an ein ‘Überwintern’ der Redaktionen ist damit illusorisch. Weil letztlich die entscheidende Frage für den Werbetreibenden immer lautet: Wer schaltet noch Anzeigen in einem Medium, dass die erwünschten Zielgruppen zunehmend weniger erreicht?
Währenddessen merkt das Publikum nämlich längst, dass in jenem Napf, der ihm als leckerer Qualitätsjournalismus untergeschoben werden soll, zunehmend weniger publizistisch-sprachliche Nährstoffe enthalten sind. Die Flucht aus den Medien verstärkt sich mit dem anwachsenden Einsatz freier Zuarbeit, weil das Publikum – ganz im Gegensatz zum alten Journalistenvorurteil – eben doch nicht blöd ist. So wird durch die selbstgenerierten Zwänge im Medienzirkus der Niedergang Holzhausens sich täglich beschleunigen …
Was tun? Tscha – bin ich denn Lenin?
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.