Klaus Jarchow

Die regelmäßige Blogschau auf medienlese.com – diesmal mit Zettelkästen, Wort-Schnitzeln, einer Gesprächszentrale und schwarzweißer Untergangssucht.

Da diesmal aus dem Publikum thematisch nichts Bestimmtes gewünscht wurde, gibt’s hier den gewohnten Pichelsteiner Topf – so wie Blogs ja am besten zu genießen sind. Wer will schon ewig das Gleiche aufgetischt bekommen? Los geht’s!

Frank Rawels Zettelkasten: Der Autor, Kabarettist und Kulturjournalist hat in der ‘Berliner Provinz’ sein Bloghaus eröffnet – mit kurzgefassten Anmerkungen zu Literatur, Sprache und Kultur, worunter natürlich spitze Bemerkungen zur Berlinale und zu den Amphetamine-Annies nicht fehlen dürfen, die dort wie aufgezogen über die roten Teppiche hoppeln: “Muss man das jetzt? Alles toll und super und supertoll finden? Nehmen die einen sonst nicht?

Ostblog: Das Blog wird pseudonym von ‘Ferdinand Bardamu’ geführt (frei nach Célines ‘Reise ans Ende der Nacht’). Eine merkwürdig melancholische und gewissermaßen deszendente und untergangssüchtige Angelegenheit. Die Beiträge glänzen durch kurze Apercus – und vor allem durch ihre großartigen Schwarzweiß-Fotos.

Mein Vater wohnt im Altenheim: Auch wenn dieses Blog am Donnerstag, dem 12. Februar, die Pforten schloss, weil der Vater an diesem Tag dem Heim und dem Leben entkam, so bleiben die Texte ein großartiges Netzdokument und ein gutes Beispiel dafür, wozu die Blogosphäre eben auch taugt: Der Leser findet eine dichte und subjektive Studie über Altsein, Morbidität und Sterben in einer gleichfalls kranken Gesellschaft. In der Mitfühl-Intensität leistet keine der eingeführteren journalistischen Stilformen diese Vermittlungsarbeit. Wenn in derartigen Fällen das Bloggen zugleich zur Selbsttherapie taugt, als politische Dokumentation und als Gesprächszentrale zum Austausch mit anderen – umso besser.

Dimebag: Lustig und hart an der Grenze zum Wort-Comic bewegt sich Dimebag, die rothaarige Blog-Göre mit der ebenso blühenden wie kindlichen Phantasie: “Kommentieren Sie hier bloß ordentlich! …nicht dass mir Klagen kommen, sonst gibt’s was auf die Nuss! … Wenn Sie… männlich / weiblich / was-auch-immer sind und Anschluß / Liebe / Kontakt suchen, funken Sie mich bloß nicht an! Und NEIN! Ich möchte auch nichts kaufen oder Ihre privaten Filme / Fotos / Webcamera-Spielchen sehen“.

Noch mehr Blogs

Alle Ausgaben unserer Serie “Sechsmal um den Blog” gibt es hier in unserem Archiv.

Freien Info: Da die Zahl und die Probleme freier Journalisten in der Medienkrise absehbar steigen werden, sei an dieser Stelle auf dieses Info-Portal für sie verwiesen. Michael Hirschler vom DJV zeichnet für den Inhalt verantwortlich. Sicherlich gibt es rasantere Texte in der Blogosphäre zu lesen, als ausgerechnet solche über ‘Krankengeld’ und ‘AGBs’ – aber ‘Wat mutt, dat mutt‘, wie man hier in Bremen so sacht …

Gorillaschnitzel: Etwas kodderschnäuziger geht’s beim Gorillaschnitzel zu – aber wenn der geneigte Leser die Polemik erst einmal abgewischt hat, dann bleibt ihm doch immer genug Substanz zum Nachdenken übrig. Hier eine Stilprobe: “Ich bin ja Kind gewesen, als man noch “Mohrenkopf” oder “Negerkuss” sagen durfte, heute weiß ich nicht, ob “Schaumgebäck mit Migrationshintergrund” noch einigermaßen tolerabel ist. Früher sagte man ja auch “asoziales Dreckspack”. Heute nennt man das “Banker”. Nach Lektüre dieser Meldung muss ich sagen, dass ich mittlerweile erstere Bezeichnung eindeutig präferiere“.

Süsste woll – und schon habe ich Sechs gehabt – und ihr nicht! Natürlich nur, wenn ihr mir jetzt nicht hinterherklickt, heißt das …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

Alle 119 Artikel von Klaus Jarchow auf netzwertig.com:

Sechsmal um den Blog:
Sechs zum Klicken

Klaus Jarchow, 16. Februar 2009 um 12.21 Uhr , 3 Kommentare Kommentare

Die regelmäßige Blogschau auf medienlese.com – diesmal mit Zettelkästen, Wort-Schnitzeln, einer Gesprächszentrale und schwarzweißer Untergangssucht.

Da diesmal aus dem Publikum thematisch nichts Bestimmtes gewünscht wurde, gibt’s hier den gewohnten Pichelsteiner Topf – so wie Blogs ja am besten zu genießen sind. Wer will schon ewig das Gleiche aufgetischt bekommen? Los geht’s!

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No Obamania:
It’s the party, stupid!

Klaus Jarchow, 9. Februar 2009 um 13.04 Uhr , 2 Kommentare Kommentare

Neue Medien, neuer Wahlkampf? Warum im deutschen Superwahl alle Hoffnungen auf eine Mitmach-Politik mit Blogs und Blockpartys à la Obama vergebens sind, erklärt Klaus Jarchow.

Das Superwahljahr 2009 soll also das Jahr werden, in dem endgültig die amerikanischen Wahlkampfmodelle in Deutschland Einzug halten sollen – insbesondere Obamas Online-Wahlkampf hat es den Politikern angetan. Nur leider bietet das Modell kaum Aussicht auf Erfolg in Deutschland. Gute Gründe hierfür hat uns bereits Jens Berger vom Spiegelfechter-Blog dort im neuen Freitag aufgezählt. Das Haupthindernis dürften in meinen Augen die Parteien selbst sein. Wer jemals erlebte, wie ein deutscher Politiker auf der berüchtigten ‘Ochsentour’ nach oben in den politischen Olymp gelangte, der weiß, dass von dort oben eben auch nur Ochsen herunterschauen können – und keine Vollblut-Charismatiker wie der Obama.

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Der neue Freitag:
Es gibt Dümmeres zu lesen …

Klaus Jarchow, 29. Januar 2009 um 10.45 Uhr , 4 Kommentare Kommentare

Eine Zeitung auf der Höhe der Zeit: Jakob Augstein will aus der kleinen “Ost-West-Wochenzeitung” Freitag “das Meinungsmedium” machen. Am 5. Februar ist es soweit.

Neues Konzept, neue Leser?
Neues Konzept, neue Leser?

Es war einmal eine Zeit, da waren fast alle Wochenzeitungen ‘linksliberal’. Sofern sie nicht gerade Welt am Sonntag hießen. Lang. lang ist’s her: Übrig geblieben ist eine einzige von ihnen – und zwar ausgerechnet jene, die es damals noch gar nicht gab. Die Rede ist vom Freitag, jener publizistischen Ost-West-Geburt des Jahres 1990, die seit Juni 2008 schon Jakob Augstein gehört, dem Sohn des Spiegel-Gründers.

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Online-Fieber beim ZDF:
“Ich blogge, weil …”

Klaus Jarchow, 24. Januar 2009 um 12.53 Uhr , 4 Kommentare Kommentare

Die Info-Elite des ZDF lässt sich zum Bloggen herab: Neun Journalisten und drei Journalistinnen begleiten das Superwahljahr im Internet. Ist das die Zukunft des Journalismus?

Wahlbog des ZDF (Screenshot)
Wahlbog des ZDF (Screenshot)

Dankenswerterweise hat uns Thomas Knüwer auf das neue Gemeinschaftsblog des ZDF zum Superwahljahr hingewiesen. Doch er kapriziert sich dort – arg einseitig – auf die Anspracheverrenkungen des Eckart Gaddum (“Hallo, liebe Blogger …” – “Hallo, lieber Eckart“), dabei wären in meinen Augen die besinnlichen Sätze seiner Mitblogger dort viel ergiebiger gewesen.

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Sechsmal um den Blog:
Reporter vor Ort

Klaus Jarchow, 13. Januar 2009 um 11.24 Uhr , 5 Kommentare Kommentare

Reportagen bei unserer Blogschau: Wir stellen sechs Websites vor, auf denen Erlebnisse und Geschichten von vor Ort gebloggt werden.

Was man verspricht, muss man halten: Unserem Kommentator David hatte ich zugesagt, die nächste Folge dieser Reihe einfach mal zum Thema ‘Reportagen im Netz’ zu stricken. Voilà!

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Hype um Blogverkauf:
Basic auf der Resterampe

Klaus Jarchow, 7. Januar 2009 um 14.24 Uhr , 16 Kommentare Kommentare

Soll man Blödsinn auch noch kommentieren? Das war mein erster Gedanke, als Robert Basic seine Schnapsidee verkündete, sein Blog Basic Thinking zu verkaufen.

Basic denkt (Neezee, CC-Lizenz)
Basic denkt (Neezee, CC-Lizenz)
Jetzt tut er’s tatsächlich – und es wird absehbar einer der inhaltsleersten Deals, für die jemals jemand auf Ebay Bieter suchte. Grundsätzlich – und vereinfacht gesagt – gibt es zwei Arten von Blogs: Portale, wie unser ‘Blogwerk’ hier, wo mehrere Autoren gewissermaßen eine Online-Redaktion bilden, unter einem gemeinsamen Dach arbeiten und verschiedene Unterblogs mit Inhalten füllen. Diesen Autoren gehört dieses Gebilde nicht, es gibt einen Besitzer, der natürlich sein Portal durchaus auch verkaufen könnte, ohne dass die Qualität sich dadurch notwendigerweise verändern würde: Die Autoren schreiben einfach weiter, sie verhandeln über ihre Vergütung jetzt mit jemand anderem, was nicht unbedingt schlechter oder ausbeuterisch ausfallen muss. Und ebensowenig muss das Portal durch einen Verkauf schlechter werden, die meisten Leser würden vermutlich noch nicht einmal einen Unterschied merken. Zu den Blogportalen zählen bspw. das Bildblog oder auch das Media Coffee Blog

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Auf ins neue Jahr:
Abschied vom Selbstgewissen

Klaus Jarchow, 30. Dezember 2008 um 12.09 Uhr , 17 Kommentare Kommentare

Wir schreiben nicht den Untergang von Holzhausen herbei, wir begleiten den medialen Wandel – und fragen uns, wovon Journalisten in Zukunft leben sollen.

Hier wäre eine “fast sehnsüchtige Litanei nach dem Untergang von Holzhausen erklungen“, beklagt sich unser Leser David. Eine Äußerung, die eine Entgegnung verdient. Ganz ohne jede Polemik, und zum Jahresausklang auch um Versöhnung und Konsens bemüht, aber auch um Deutlichkeit bei der Situationsbeschreibung. Denn die Aussage ist in dieser Form falsch: Niemand würde die Existenz eines starken, robusten Printjournalismus mehr begrüßen als wir. Nur ist die historische Situation leider eine andere.

Als die Graff, die Jörges usw. zu Beginn des Jahres von irgendwelchen “Sielen” über dem höllischen Untergrund einer Blogosphäre daherschwätzten, die man “dichthalten” müsse, um den Tempel des Qualitätsjournalismus vor all dem wimmelnden Unrat und Gewürm zu retten, da zog doch zunächst nur eine Holzhausener Elite über das kleine Digitalien her.

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Dichtung und Wahrheit:
Als es noch Reporter gab

Klaus Jarchow, 23. Dezember 2008 um 11.44 Uhr , 12 Kommentare Kommentare

Egon Erwin Kisch ist die Reporter-Legende schlechthin, lange trug der wichtigste deutsche Journalistenpreis seinen Namen. Er konnte nicht nur schreiben – er konnte auch Geschichten erfinden.

Egon Erwin Kisch und Henri Nannen (Public Domain und Keystone)
Egon Erwin Kisch und Henri Nannen (Public Domain und Keystone)

Henri Nannen rief den Egon-Erwin-Kisch-Preis im Jahr 1977 ins Leben, mitten im ‘deutschen Herbst’. Einige Jahre nach Nannens Tod, im Jahr 2005, konnte die deutsche Publizistik dann endlich den Skandal beenden, dass nämlich der wichtigste deutsche Journalistik-Preis von einem allzu sprachversessenen und unverantwortlichen Stern-Verleger auf den Namen eines waschechten Kommunisten und DDR-Apologeten getauft worden war. Der Hofsänger des Neopatriotismus Matthias Matussek als Träger des Egon-Erwin-Kisch-Preises – das klang für viele Ohren wirklich putzig.

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Sechsmal um den Blog:
Diebe, Düsseldorf, Drehbücher

Klaus Jarchow, 13. Dezember 2008 um 14.33 Uhr , 2 Kommentare Kommentare

Warum Blogs faszinierend und absolut lesenswert sind, zeigen wir regelmäßig in unseren kleinen Streifzügen durch die Blogosphäre: Sechs Blogs, die es zu entdecken lohnt.

1. Rainer’sche Post:Ich danke herzlich für diese Informationen! Das ist es, was man anderswo lesen möchte, aber nicht zu lesen bekommt, nichtmal ansatzweise” – hmmm, wo sich die Leser derart überschlagen, muss wohl eine Qualitätszeitung einen fundierten Bericht veröffentlicht haben? Nö, es ist nur die Rainer’sche Post aus Düsseldorf, die mit ihren Artikeln uns immer qualitative Antworten auf jene Frage gibt, weshalb der Old-School-Journalismus gegenüber dem Internet zurückbleibt. Beim Rainer, da leben eben die Texte, bei den anderen dagegen …

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Neuer Journalismus:
Offenheit macht verletzlich

Klaus Jarchow, 9. Dezember 2008 um 13.37 Uhr , 22 Kommentare Kommentare

Rau, aber herzlich: Die Leser, einst unbekannte Wesen, kommentieren, mailen, bloggen zurück. Von Journalisten erwarten sie nichts weniger als Antworten.

Als Thomas Knüwer und der Handelsblatt-Kollege Iwersen sich auf Indiskretion Ehrensache in die Wolle kriegten, da “freute” sich keinesfalls die gesamte Blogosphäre, wie es die Süddeutsche mit etwas Häme vermeldete. Bei diesem verbalen Schlagabtausch zweier Journalisten machten die anwesenden Vertreter der Presse, die dort in den Kommentarspalten scharfen Senf fingerdick auf die Wurst schmierten, erstmals konkrete Erfahrungen mit der geheimnisvollen und sagenumwitterten Dialogstruktur des Netzes. Erfahrungen, die allen ihren Kollegen demnächst bevorstehen – zumindest dann, wenn sie auch nach der Printkrise noch im Geschäft sein wollen. Denn wer ins Netz gehen will, der muss auch Netzkultur lernen: When in Rome, do as the Romans do … » weiterlesen