Wieder einer, der die Karawane des Web 2.0 verbellt. “Ungewaschene Massen” sieht Dr. Bernd Graff, Vize-Chef von sueddeutsche.de und damit Verbreiter einer der skurrilsten deutschen Klickstrecken im Internet, in das elitäre Residuum des Hochjournalistentums einmarschieren, um dort mit dem billigen Parfumduft “prätentiöser Mittelmäßigkeit” alles vollzustänkern.

Ist das Internet nur voller Narren? (Bild: Keystone)
Ich könnte das jetzt zur üblichen “Klowand-Literatur” großmedialer Überheblichkeitsmogule zählen, andere ihm die verdiente Antwort geben lassen, was sie hier oder hier oder hier bereits tun, wenn es nicht ein paar unterbelichtete Aspekte im Text dieses vormals selbst schon Netzgescheiterten gäbe, die einer Klarstellung bedürfen. So schreibt Graff:
“Er [der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales] bekomme dauernd E-Mails von Studenten, die sich darüber beschwerten, dass sie in Prüfungen mit falschem wikipedia-Wissen durchgefallen seien.”
Daran, so Graffs Argumentation, die ständig den Rückbezug auf real existierende Sachverhalte außerhalb des Webs versäumt, könne man sehen, von welcher mieser Qualität das Jedermann-Wissen der ‘wiki-Schwarmintelligenz’ doch sei. Ich dagegen wäre gespannt auf die Präsentation eines Studenten, der jemals mit gedrucktem Brockhaus-Wissen durch die akademische Prüfung geschliddert ist. Anders ausgedrückt: Lexika sind weder online noch offline dazu da, universitäre Prüfungen zu bestehen, wobei ich auf diesen Artikel mit dem schönen Titel “Wikipedia vor Brockhaus” nur aus Gerechtigkeitsgründen verlinke.
Von solcher Qualität sind Graffs Argumente letztlich alle: Wenn er beispielsweise auf die “Prosumenten” schimpft, auf Menschen also, die neuerdings zugleich Nachrichten konsumieren und erzeugen können, dann verwendet er dafür doch einen Begriff, der auf bisherige ‘Mittler’, auf Medienmenschen wie Graff also, passt wie die Faust aufs Auge. Denn dort in den Redaktionen ist, wie jedes Kind weiß, das dpa-Recycling längst zur primären Fertigkeit des ‘prosumierenden Redakteurs’ geworden. Und selbst Graffs Artikel steckt voller ‘prosumierender’ Zitate und Hinweise.
Unter der Hand wird Graffs vor- und vergebliche Kritik am Web 2.0 immer wieder ähnlich fadenscheinig. Weil sie, indem sie auf die Blogger zeigt, zugleich immer auch auf den traditionellen Journalismus als Beruf verweist. Es ist wohl eher die blanke Angst um den eigenen Berufsstand, die Furcht um das gesellschaftliche Deutungsmonopol, das Graff umtreibt: Die medialen Berufsinterpreten und Glasperlenspieler hören ein ewiges Ritzeratze unter ihren Mandarinstühlen, sehen überall die Sägespäne. Das macht sie begreiflicherweise nervös:
“Bis tief in eine erschütternd arglose Öffentlichkeit herrscht indes Konsens darüber, dass das basisdemokratisch breiig getretene Wissen erstens in der gesichts- und charakterlosen ‘many-to-many’-Kommunikation des Web gut aufgehoben ist, und dass das zweitens nicht nur Okay ist, sondern auch die Zukunft.”
Bitte, was hätte der Journalismus denn jemals anderes gemacht? Hat er nicht auch in seiner ‘Mittlerfunktion’ – nichts anderes ist ja ein ‘Medium’ – vormaliges Herrschaftswissen ‘breiig’ zu massenmedialem Quark getreten? Hat er nicht die Fakten aus dem Himmel der Wissenschaft auf den Boden der Verständlichkeit heruntergetragen?
Was heute zunimmt, ist eine Defunktionalisierung der vormaligen Mittler oder ‘Volkspädagogen’. Träte an die Stelle einer bisher massenmedialen Unterrichtung neuerdings die ‘Selbstunterrichtung der Massen’, dann allerdings wären die Steißtrommler des klassischen Gatekeeper-Journalismus in einem wachsenden Ausmaß entbehrlich – und ein zentrales Instrument der politischen Herrschaftssicherung versagte zudem. Das ist wohl wahr – und die Konsequenzen dieser möglichen Entwicklung sind auch von niemandem bisher absehbar.
Deshalb sind alle Journalisten gewissermaßen ‘von der Rolle’. In ihrer neuen Funktion müssten sie wohl von ihrer sozio-historischen Selbstüberhöhung lassen – und sich einfach nur als die besseren Schreiber profilieren, die sich ein Publikum schaffen, indem sie selbst ein Teil des Publikums sind. Partizipant sein – das nämlich ist die Forderung des Web 2.0! Oder: Mehr Mündigkeit wagen …
Vielleicht würde auch Herrn Graff dann auffallen, dass diese ‘idiotae’ gar nicht so idiotisch sind. Sondern – im Sinne der von ihm zitierten Quelle – einfach nur “eigensinnig Wissende”. Sie sind schlicht anders als er. Ja, sie sind noch nicht einmal so, wie er sie sich imaginiert. Mitnichten ist das Netz voller Verbalrandalierer, Erotomanen, Stalker und Polittrottel. Die gibt es dort nur in eben dem Ausmaß, wie das Phänomen jede Lesebriefredaktion auch kennt. Anders ausgedrückt: Das Volk ist halt immer auch ’so’n Volk’. Ich weiß andererseits nicht mehr, wann ich aus meinen Kommentarthreads den letzten Durchgeknallten herausamputieren musste: Wer dem Affen keinen Zucker gibt …
Es genügt dagegen keineswegs, Herr Graff, wie Sie es wider besseres Wissen insinuieren, ein ‘Tagebuch’ oder “Poesie-Alben” mit Katzen-Content ins Netz zu stellen, um ein Publikum zu finden: “Amateure” bleiben hier wie dort ungelesen. Um ihren Amateur-Begriff bei der Gelegenheit allen Hochmuts gleich mit zu entkleiden: Selbst ein hochdekorierter Wissenschaftsjournalist ist doch nur selten selbst ein Wissenschaftler, sondern er ist zumeist ‘ein angestellter Amateur’ mit einem dilettantisch-wissenschaftlichen Interesse.
Das Anstellungsverhältnis, der Arbeitsvertrag, der unterscheidet letztlich Blogger und Journalisten vor allen anderen Faktoren. Jene müssen deshalb auch nicht so bieder und treu die Stimme ihrer Herrren reproduzieren. Sie sind autonomer, tragen kein Halsband.
Kurzum: Graffs Artikel ist ein weiterer Versuch, das bröckelnde Monopol der Altmedien zu verteidigen. Indem er laut “Buh!” in eine verwirrte Leserschaft hineinruft, in der Hoffnung, die möge in den vertrauten Stall zurücktrotten. In seinen Worten:
“Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall [!] Sanktionierungen. Es darf eben nicht jeder überall mitschreiben …”
Wenn er das sagt, dann darf ich das wohl nicht.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.