Klaus Jarchow

Wieder einer, der die Karawane des Web 2.0 verbellt. “Ungewaschene Massen” sieht Dr. Bernd Graff, Vize-Chef von sueddeutsche.de und damit Verbreiter einer der skurrilsten deutschen Klickstrecken im Internet, in das elitäre Residuum des Hochjournalistentums einmarschieren, um dort mit dem billigen Parfumduft “prätentiöser Mittelmäßigkeit” alles vollzustänkern.

Narr
Ist das Internet nur voller Narren? (Bild: Keystone)

Ich könnte das jetzt zur üblichen “Klowand-Literatur” großmedialer Überheblichkeitsmogule zählen, andere ihm die verdiente Antwort geben lassen, was sie hier oder hier oder hier bereits tun, wenn es nicht ein paar unterbelichtete Aspekte im Text dieses vormals selbst schon Netzgescheiterten gäbe, die einer Klarstellung bedürfen. So schreibt Graff:

“Er [der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales] bekomme dauernd E-Mails von Studenten, die sich darüber beschwerten, dass sie in Prüfungen mit falschem wikipedia-Wissen durchgefallen seien.”

Daran, so Graffs Argumentation, die ständig den Rückbezug auf real existierende Sachverhalte außerhalb des Webs versäumt, könne man sehen, von welcher mieser Qualität das Jedermann-Wissen der ‘wiki-Schwarmintelligenz’ doch sei. Ich dagegen wäre gespannt auf die Präsentation eines Studenten, der jemals mit gedrucktem Brockhaus-Wissen durch die akademische Prüfung geschliddert ist. Anders ausgedrückt: Lexika sind weder online noch offline dazu da, universitäre Prüfungen zu bestehen, wobei ich auf diesen Artikel mit dem schönen Titel “Wikipedia vor Brockhaus” nur aus Gerechtigkeitsgründen verlinke.

Von solcher Qualität sind Graffs Argumente letztlich alle: Wenn er beispielsweise auf die “Prosumenten” schimpft, auf Menschen also, die neuerdings zugleich Nachrichten konsumieren und erzeugen können, dann verwendet er dafür doch einen Begriff, der auf bisherige ‘Mittler’, auf Medienmenschen wie Graff also, passt wie die Faust aufs Auge. Denn dort in den Redaktionen ist, wie jedes Kind weiß, das dpa-Recycling längst zur primären Fertigkeit des ‘prosumierenden Redakteurs’ geworden. Und selbst Graffs Artikel steckt voller ‘prosumierender’ Zitate und Hinweise.

Unter der Hand wird Graffs vor- und vergebliche Kritik am Web 2.0 immer wieder ähnlich fadenscheinig. Weil sie, indem sie auf die Blogger zeigt, zugleich immer auch auf den traditionellen Journalismus als Beruf verweist. Es ist wohl eher die blanke Angst um den eigenen Berufsstand, die Furcht um das gesellschaftliche Deutungsmonopol, das Graff umtreibt: Die medialen Berufsinterpreten und Glasperlenspieler hören ein ewiges Ritzeratze unter ihren Mandarinstühlen, sehen überall die Sägespäne. Das macht sie begreiflicherweise nervös:

“Bis tief in eine erschütternd arglose Öffentlichkeit herrscht indes Konsens darüber, dass das basisdemokratisch breiig getretene Wissen erstens in der gesichts- und charakterlosen ‘many-to-many’-Kommunikation des Web gut aufgehoben ist, und dass das zweitens nicht nur Okay ist, sondern auch die Zukunft.”

Bitte, was hätte der Journalismus denn jemals anderes gemacht? Hat er nicht auch in seiner ‘Mittlerfunktion’ – nichts anderes ist ja ein ‘Medium’ – vormaliges Herrschaftswissen ‘breiig’ zu massenmedialem Quark getreten? Hat er nicht die Fakten aus dem Himmel der Wissenschaft auf den Boden der Verständlichkeit heruntergetragen?

Was heute zunimmt, ist eine Defunktionalisierung der vormaligen Mittler oder ‘Volkspädagogen’. Träte an die Stelle einer bisher massenmedialen Unterrichtung neuerdings die ‘Selbstunterrichtung der Massen’, dann allerdings wären die Steißtrommler des klassischen Gatekeeper-Journalismus in einem wachsenden Ausmaß entbehrlich – und ein zentrales Instrument der politischen Herrschaftssicherung versagte zudem. Das ist wohl wahr – und die Konsequenzen dieser möglichen Entwicklung sind auch von niemandem bisher absehbar.

Deshalb sind alle Journalisten gewissermaßen ‘von der Rolle’. In ihrer neuen Funktion müssten sie wohl von ihrer sozio-historischen Selbstüberhöhung lassen – und sich einfach nur als die besseren Schreiber profilieren, die sich ein Publikum schaffen, indem sie selbst ein Teil des Publikums sind. Partizipant sein – das nämlich ist die Forderung des Web 2.0! Oder: Mehr Mündigkeit wagen …

Vielleicht würde auch Herrn Graff dann auffallen, dass diese ‘idiotae’ gar nicht so idiotisch sind. Sondern – im Sinne der von ihm zitierten Quelle – einfach nur “eigensinnig Wissende”. Sie sind schlicht anders als er. Ja, sie sind noch nicht einmal so, wie er sie sich imaginiert. Mitnichten ist das Netz voller Verbalrandalierer, Erotomanen, Stalker und Polittrottel. Die gibt es dort nur in eben dem Ausmaß, wie das Phänomen jede Lesebriefredaktion auch kennt. Anders ausgedrückt: Das Volk ist halt immer auch ’so’n Volk’. Ich weiß andererseits nicht mehr, wann ich aus meinen Kommentarthreads den letzten Durchgeknallten herausamputieren musste: Wer dem Affen keinen Zucker gibt …

Es genügt dagegen keineswegs, Herr Graff, wie Sie es wider besseres Wissen insinuieren, ein ‘Tagebuch’ oder “Poesie-Alben” mit Katzen-Content ins Netz zu stellen, um ein Publikum zu finden: “Amateure” bleiben hier wie dort ungelesen. Um ihren Amateur-Begriff bei der Gelegenheit allen Hochmuts gleich mit zu entkleiden: Selbst ein hochdekorierter Wissenschaftsjournalist ist doch nur selten selbst ein Wissenschaftler, sondern er ist zumeist ‘ein angestellter Amateur’ mit einem dilettantisch-wissenschaftlichen Interesse.

Das Anstellungsverhältnis, der Arbeitsvertrag, der unterscheidet letztlich Blogger und Journalisten vor allen anderen Faktoren. Jene müssen deshalb auch nicht so bieder und treu die Stimme ihrer Herrren reproduzieren. Sie sind autonomer, tragen kein Halsband.

Kurzum: Graffs Artikel ist ein weiterer Versuch, das bröckelnde Monopol der Altmedien zu verteidigen. Indem er laut “Buh!” in eine verwirrte Leserschaft hineinruft, in der Hoffnung, die möge in den vertrauten Stall zurücktrotten. In seinen Worten:

“Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall [!] Sanktionierungen. Es darf eben nicht jeder überall mitschreiben …”

Wenn er das sagt, dann darf ich das wohl nicht.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

Alle 119 Artikel von Klaus Jarchow auf netzwertig.com:

Web 2.0-Debatte Die Angst des Torwächters vor dem Abpfiff

Klaus Jarchow, 8. Dezember 2007 um 14.00 Uhr , 10 Kommentare Kommentare

Wieder einer, der die Karawane des Web 2.0 verbellt. “Ungewaschene Massen” sieht Dr. Bernd Graff, Vize-Chef von sueddeutsche.de und damit Verbreiter einer der skurrilsten deutschen Klickstrecken im Internet, in das elitäre Residuum des Hochjournalistentums einmarschieren, um dort mit dem billigen Parfumduft “prätentiöser Mittelmäßigkeit” alles vollzustänkern.

Narr
Ist das Internet nur voller Narren? (Bild: Keystone)

Ich könnte das jetzt zur üblichen “Klowand-Literatur” großmedialer Überheblichkeitsmogule zählen, andere ihm die verdiente Antwort geben lassen, was sie hier oder hier oder hier bereits tun, wenn es nicht ein paar unterbelichtete Aspekte im Text dieses vormals selbst schon Netzgescheiterten gäbe, die einer Klarstellung bedürfen. So schreibt Graff:

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Die Unzeitgemäßen

Klaus Jarchow, 6. Dezember 2007 um 9.01 Uhr , 0 Kommentare Kommentare

Die Heldenschar unserer Alphajournalisten führt Schaukämpfe auf: Überall sehen sie unrasierte Alt-68er lauern und Gutmenschen heucheln, überall werden unseren Einserabiturienten Stöcke in den Weg geworfen. Nach Steuerermäßigungen, Privatisierungen und Hartz IV seien wesentliche Reformen immer noch blockiert, die ganze Republik sei wie vernagelt, vor allem durch uneinsichtige Bürokraten, während ein gutes, leider aber irregeleitetes Volk im Grunde nichts sehnsüchtiger wünsche, als die Umsetzung dessen, was die medialen Sonntagsschüler als Pioniere des einzig wahren Fortschritts tagtäglich fordern. Vermutlich liegt ja deshalb die Linkspartei in der Wählergunst inzwischen überall im zweistelligen Bereich

In welcher Republik leben diese Menschen bloß? Hätten sie sich nicht in ihrem selbstbestätigenden Verlagsbunker vergraben, wo der Döpfner das bekräftigt, was der Degler beklagt, und der Diekmann zu erspähen meint, was der Aust befürchtet, dann müsste diesen neokonservativen Meinungsführern doch endlich mal auffallen, dass alle diskursiven Kommandohöhen dieser Gesellschaft nicht von 68ern und Rotfrontkämpfern besetzt sind, sondern spätestens seit den frühen 90er Jahren von ihnen höchstselbst. Dass sie seither eine solche Herde von ‘Experten’ durchs mediale Dorf getrieben haben – Kirchhoff, Merz, Sinn, Hartz, Miegel usw. – dass das kleine Wort ‘Reform’ zu einer Hassvokabel im Volk wurde. Dass sie selbst inzwischen so überaltert und rentennah sind, dass sie bereits wieder abserviert werden, wie jüngst der Aust oder der Matussek. Wobei sie in ihrem Wahn sich unverdrossen als ‘kommende Männer’ und ‘ewige Kronprinzen’ betrachten. Kurzum: Es ist einfach albern …

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Zwei Kulturen

Klaus Jarchow, 30. November 2007 um 12.00 Uhr , 10 Kommentare Kommentare

Journalisten sind Anwälte der Aufklärung, Retter der Entrechteten, Vermittler des Komplexen, Sprachrohre derer, die sonst gar keine Stimme hätten. – - – Ja, Pustekuchen!

Journalisten sind zumeist anonyme Schreiberlinge, die ohne Namensangabe in einem bürokratischen Kauderwelsch, das sie ‘objektivitäts- und faktenorientierte Schreibweise’ nennen, interessegeleitete Thesen zu Papier bringen, wofür sie sich alljährlich auf zahllosen Medienevents wechselseitig lobhudeln dürfen.

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Verblassende Medien

Klaus Jarchow, 10. November 2007 um 9.32 Uhr , 0 Kommentare Kommentare

Distanz kann so erhellend sein: Gestern saß ich mit meinem Onkel zusammen, der eine ziemlich bewegte Vergangenheit als Polit-Hippie hinter sich hat. Irgendwann, als wir uns diskursiv in die Haare gerieten, holte er ein altes, verstaubtes Buch aus dem Regal: Es ist von einem gewissen Jerry Rubin, nennt sich ‘Do it!’ und schildert die Unruhen 1968 in Chicago während des Parteitages der amerikanischen Demokraten aus Sicht der ‘Yippies’, der radikalsten Gruppe unter all den kiffenden ‘Revolutionären’ und Sexmaniacs, die in dieser Zeit der Provokation und der absolut gesetzten Devianz jung waren.

Das Buch lag damals in jeder besseren WG auf dem Klo“, sagte mein Onkel, “auf einem Stapel mit Gilbert Shelton und dem ‘Medizinrad‘. Die erste Ausgabe trug das chinesisch-revolutionäre Gelbrot des März-Verlages, meine Ausgabe hier ist ein Nachdruck aus dem Trikont-Verlag“. Heute, sagte mein Onkel, halte er nicht mehr viel von den Puffmais-Ansätzen solcher Spontanrevolutionäre, spannend aber sei es, die Medienstrategien dieser Gruppen zu verfolgen, die damals virtuos und voller Innovationsfreude eingesetzt wurden, die so aber heute einfach nicht mehr umsetzbar wären.

JerryRubin

Wir alle setzten damals voll und ganz auf das Bild, das wir boten. Wer lange Haare trug, war revolutionär, der Afghan-Mantel und das bestickte Stirnband machten dich zum Staatsfeind“, sagte mein Onkel: “Kaum jemand macht sich heute noch einen Begriff davon, wie neu und wirkungsvoll das Fernsehen damals war, tagelang diskutierten wir über irgendetwas, was wir GESEHEN hatten“. Oder in Jerry Rubins Worten ‘himself’: “Das Medium ist nicht ‘neutral’. Die Gegenwart einer Kamera verwandelt eine Revolution, macht uns zu Helden. Wir riskieren mehr, wenn die Presse da ist, weil wir wissen, daß dann all unser Unternehmungen innerhalb von Stunden der ganzen Welt bekannt sein werden“.

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Frank Schirrmachers Welt …

Klaus Jarchow, 30. Oktober 2007 um 17.05 Uhr , 12 Kommentare Kommentare

… überfordert mich intellektuell. Wie überhaupt das ewige Internet-Bashing, das unsere Alpha-Journalisten betreiben. Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass sie Johann-ohne-Land-Gefühle entwickeln. Natürlich verlieren durch den Zuwachs der Online-Medien die Holzmedien kontinuierlich an Relevanz. Deshalb aber wahllos mit dem Knüppel der Pauschalisierung herumzudräuen, wie der FAZ-Herausgeber in seinem Hausmedium und dann in der ‘Süddeutschen Zeitung’, das lässt mich am Qualitätsjournalismus zweifeln, an dessen Hagiographie sie doch alle wie ein emsiges Kaffeekränzchen häkeln.

Wenn ich über Journalisten oder Medien schreibe, dann sage ich – wie auch in diesem Fall – ‘Frank Schirrmacher’ oder auch mal pauschaler die ‘FAZ’, aber ich sage nicht ‘die Zeitungen’ oder ‘die Journalisten’. So viel Konzilianz und Differenzierungsvermögen fallen vice versa wiederum einem Frank Schirrmacher schwer, obwohl er doch just den Jacob-Grimm-Preis für deutsche Sprache erhielt und er sich auch deshalb hier zu Wort meldet.

In schöner Regelmäßigkeit ist in seinem Text von DEM “World Wide Web”, DEM “Internet” oder DEN “Blogs” die Rede, von einer furchtbaren, gleichgeschalteten, namenlosen Welt voller Dreck und Schlamm. Ein medialer Sumpf, wo das analphabetische “Nicht- oder Fastnichtmehrlesen” regiert, wo “pornographischer und gewalttätiger Extremismus” aus allen Löchern quillt, wo auch immer er, der große Qualitätsjournalist, seine Sonde in den Morast bohrt:

Wir riskieren die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demographischen Wandels hat, mit seelischem Extremismus zu programmieren – wenn wir nicht bald eine Debatte über pornographische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen.

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Auf Augenhöhe?

Klaus Jarchow, 21. Oktober 2007 um 15.39 Uhr , 0 Kommentare Kommentare

Trouvaillen sind kleine Dinge, auf die man stößt, ohne sie gesucht zu haben. Das gilt zum Beispiel für das folgende Zitat:

“Der Leser ist nicht ein Idiot, der es Grunde gar nicht wert ist, von so auserwählten Hohepriestern wie unseren Redakteuren angesprochen zu werden, sondern er ist ein normaler Mensch mit Zweifeln, einer gewissen Wißbegierde und einem dringenden Bedürfnis zu lachen oder wenigstens sich nicht zu langweilen. Und die Leute, die man angreift, sind nie dumm, erbärmlich und verächtlich, sondern einfach anders, aber meist ebenbürtig. Es kommt letzten Endes darauf hinaus, daß man sich in einer Zeitung nicht anders benimmt als den Leuten gegenüber, mit denen man zusammen an einem Tisch sitzt”.

Kundige haben es erraten, das Zitat ist von Marion Gräfin Dönhoff, es stammt aus ihrem Briefwechsel mit Gerd Bucerius (Siedler Verlag, 2003, S. 27).

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Sind Makromedien lernfähig?

Klaus Jarchow, 11. Oktober 2007 um 18.39 Uhr , 9 Kommentare Kommentare

Ein Blog – das Mikromedium schlechthin – lebt und stirbt mit seinem Schreiber (oder seiner Schreiberin). Dessen Weltsicht und dessen Stil sind es, mit denen er – oder sie – Leser gewinnt. Könnte unter diesen Umständen die Anwendung auf den real existierenden Journalismus irgendwelchen Sinn machen?

Eindeutig sind diese Weblogs Medien, die freiwillig gelesen werden. Und zwar keineswegs wegen ihres Aktualitätsgehalts oder ihrer Recherchetiefe. Nur selten treffen wir auf einen Blogger aus Birma, der uns mit Vor-Ort-Bildern versorgt. In den meisten Fällen geben Blogger bloß ihren Senf zur existierenden Agenda hinzu. Dann sind es der individuelle Stil, der Witz und der Charakter des bloggenden Alter Egos, die für den Zuspruch sorgen.

Betrachten wir die Blogs versuchsweise als Vorbild, dann hieße die zwingende Folgerung für den Journalismus, dass er ebenfalls stärker ‘personenzentriert’ oder auch ’schriftstellerisch’ verfahren muss, statt ein obsolet gewordenes Objektivitätsideal noch länger so zu polieren, wie der Rentner seinen Opel Kadett. Die ‘Marke’ einer Zeitung, das wären unter heutigen Umständen gewissermaßen ‘die Namen, die sie im Schilde führt’.

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Exklusivität und Aktualität auf dem Holzweg

Klaus Jarchow, 20. September 2007 um 12.15 Uhr , 1 Kommentar Kommentare

In alten Filmen können wir sie noch bewundern: die glorreichen Zeiten der Aktualität. Aus den Eingängen der Pressehäuser stürzen die Zeitungsjungen heraus, ‘Eeeextrablatt!’ tönt ihr Schrei, während eine gierige Öffentlichkeit ihnen die druckfeuchten Zeitungen nur so aus den Händen reißt. Ach, was waren das für Zeiten, als die Aktualität noch der Abgott des Journalismus war!

Selbst der eherne redaktionelle Wert der Exklusivität ist inzwischen schwer angeschlagen: Mit spitzem Bleistift und aufgeschlagenem Block sahen wir noch zu Rühmanns und Heinz Erhardts Zeiten den Society-Redakteur im Salon des Grand-Hotels zu Davos erwartungsfroh auf dem Rand seiner Sitzfläche kippeln, während diese berühmte skifahrende Exzellenz, der Graf zu Schreckenburg-Tortenheim, jovial mit ihm parlierte, damit der devote Schreiberling hochbedeutende gräfliche Einsichten und Erlebnisse für die Annalen der guten Gesellschaft fixieren kann. Am Ende der Audienz klappt der ‘rasende Reporter’ den Block dann zu, er hastet zum Telefon, um der Heimatredaktion Dero Meinungen exklusiv kundzutun.

Wie putzig erscheinen uns derartige filmischen Klischees des Reporterlebens! Das letzte Extrablatt erlebte ich zu Zeiten von Tschernobyl. Um jedes Mikrofon, vor jeder Kamera drängen sich heute die eventsüchtigen Willi Wichtigs und die Bibi Bedeutsams wie die Ferkel um den Trog. Mit unseren zahllosen ‘Berühmtheiten’ lässt sich längst die Wüste Gobi pflastern. Die Folge: Exklusive Interviews in Zeiten grassierender Mediengeilheit sind so selten wie Senf in einer Imbissbude. Anders formuliert: Ausschließlichkeit, Aktualität und Exklusivität sind redaktionelle Alltagswaren, die um Raum im Blatt kämpfen müssen. Sie sind langweilig geworden.

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Im Land der Krokodilstränen

Klaus Jarchow, 12. September 2007 um 12.05 Uhr , 3 Kommentare Kommentare

Da gibt es also jetzt diesen angeblichen ‘Skandal’ um redaktionell vorgefertigte PR-Gefälligkeitsbeiträge für Ursula von der Leyen. Kurz davor gab es den ähnlich gelagerten Fall um Michael Glos und die PR des Wirtschaftsministeriums. Worüber wundern wir uns eigentlich? Die Schurken sind doch gar nicht die Leute von der Färberzunft.

Dass die verantwortliche PR-Agentur ihre Clippings in die Kamera hält, das sei ihr gegönnt. Allein schon deshalb, weil sie auf die Doppelmoral in den Redaktionen hinweist. Bei der Plazierung vorgefertigter Textbausteine aus den Lob-und-Preis-Agenturen, die uns ihre Euphemismen über den Redaktionstisch anderer Leute servieren, handelt sich längst um “die gängige Praxis der PR-Arbeit …, wie sie täglich und überall stattfindet“. Das sage nicht ich, das sagt Uwe Mommert, PR-Blogger; Medienbeobachter und Vorstand der Landau Media AG.

Verwunderlich dagegen ist die Reaktion von Peter Widlok von der NRW-Landesmedienanstalt, der in solchen vorfabrizierten PR-Packages “unzulässige politische Werbung erblickt. Und auch diese Krokodilstränen des DJV scheinen mir auch eher pflichtschuldig als wahrhaft empört. Fakt ist und bleibt: Die PR-Agentur hat ihre Arbeit getan – und der Stellvertreterkrieg, wo Parteifreunde zu Heckenschützen mutieren, um der ungeliebten von der Leyen Giftpfeile in den Allerwertesten zu blasen, der bedient sich zur Skandalisierung eines Klischees, das in der Realität keine Entsprechung mehr hat.

Schauen wir doch mal, wie der Redaktionshase üblicherweise läuft: Seit den Untersuchungen der Publikationswissenschaftlerin Barbara Baerns über Praxis der Berichterstattung, wissen wir, dass die Presse massiv unter den Einfluss der Public Relations geraten ist. Baerns Arbeit mündete ein in die ‘Nullsummenthese’ der so genannten ‘Determinationsforschung’, die sich mit dem Verhältnis von autonomer und gelenkter Öffentlichkeit befasst:

?Je mehr Einfluss Öffentlichkeitsarbeit ausübt, umso weniger Einfluss kommt Journalismus zu und umgekehrt? (Baerns, Köln 1991, 17).

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