Jede Krise hat Gewinner:
Vier Angebote, die Journalismus retten wollen

Das Internet bringt den Journalismus in eine Existenz- und Finanzierungskrise. Doch BuzzFeed, Business Insider, Quartz und Medium zeigen auf unterschiedliche Weise, wie sie von den neuen Rahmenbedingungen profitieren wollen.

Mediensites Die Digitalisierung hat der Zeitungsbranche einen schier nicht enden wollenden Abwärtsstrudel beschert. Weil sich das alte Geschäftsmodell des Verkaufs von gebündelten und von Werbung flankierten Qualitäts- und Füllinhalten auf Papier nur schwer im digitalen Ökosystem nachahmen lässt, den Umsatzeinbruch ausgleichende Erlösquellen bislang jedoch kaum gefunden wurden, geht es mit einer ganzen Profession gefühlt den Bach herab. Entlassungswellen, eingestellte Produkte und nachlassende Qualität sind die Folge. Doch wie bei jeder Strukturkrise finden sich auch Profiteure. Vier relativ junge englischsprachige Publikationsmedien sind in den vergangenen Monaten besonders stark ins Rampenlicht getreten und gelten heute als Vorbilder in ihrem Streben, Journalismus und dessen Refinanzierung im Onlinezeitalter weiterzudenken: BuzzFeed, Business InsiderQuartz und Medium. Unumstritten sind manche ihrer Praktiken nicht, und ob sie wirklich einen Teil zur Rettung des Journalismus beitragen werden können, darüber ist noch lange nicht entschieden. Doch ihre rasanten Zuwächse, ihre Experimentierfreude und ihr befreites Agieren ohne Altlasten und -mentalitäten machen sie zweifellos zur Inspiration für einen Sektor, der sich neu erfinden muss.

BuzzFeed

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Eigentlich war BuzzFeed für dessen Gründer Jonah Peretti nur ein Nebenprojekt, während er zusammen mit Ken Lerer and Arianna Huffington die Huffington Post anschob. Gestartet Ende 2006, wollte der 39-Jährige sein neues Projekt dafür nutzen, um Ideen auszuprobieren. Auf einen nicht weitergeführten Instant Messenger folgte eine Site, die besonders virale Links aus dem Web aggregierte. BuzzFeed wuchs rasant, begann mit der Schaffung eigener Inhalte, rekrutierte Redakteure und wurde zu Perettis Vollzeitjob, nachdem AOL 2011 die Huffington Post übernahm und ihm damit eine ideale Gelegenheit zur Loslösung gab.

Statt Suchmaschinenoptimierung stand bei BuzzFeed seit jeher die Optimierung der Inhalte für die Verbreitung in sozialen Medien im Vordergrund, was Peretti auch den Titel “King of viral content” einbrachte. Und so gehören ausschweifende, allerdings auf einer einzigen Seite platzierte Bildergalerien und sonstige leicht bekömmliche, boulevardesk angehauchte Stücke in Text-, Bild-, Video- und Listenform zu den typischen Beiträgen, die bei BuzzFeed publiziert werden. Alles, was gerne und intensiv von Lesern bei Facebook und Twitter geteilt wird, wie etwa diese Zusammenstellung von 23 Dingen, die nur im Silicon Valley existieren können, oder diese großformatigen Fotos von Merkel und ihrem Blackberry.

85 Millionen eindeutige Besucher erreichte BuzzFeed laut eigenen Angaben im August; dreimal mehr als vor einem Jahr und achtmal mehr als vor zwei Jahren. 2013 habe das Unternehmen mehr Seitenaufrufe generiert als insgesamt in den vorherigen fünf Jahren des Bestehens, erläuterte Peretti kürzlich in einem längeren, lesenswerten Statusbericht. 300 Angestellte sind heute für BuzzFeed tätig, die Firma sei trotz der dadurch wachsenden Kosten mittlerweile profitabel. Hunderte Topmarken nutzen nach Aussage des Viralkönigs BuzzFeed zur Platzierung ihrer Botschaften – in Form von “nativen”, also gesponsorten Inhalten im redaktionellen Umfeld, die von Lesern im besten Fall genauso im Netz verbreitet werden wie redaktioneller Content. Werbebanner finden sich bei BuzzFeed keine, dafür betreibt die Site ein eigenes Werbenetzwerk für Native-Ads-Produkte. Laut AllThingsD sollen in diesem Jahr bis zu 60 Millionen Dollar umgesetzt werden. Anfang des Jahres verabreichten Peretti und sein Team sich außerdem eine Finanzspritze in Höhe von 19,3 Millionen Dollar, um noch schneller wachsen zu können. BuzzFeed soll internationaler werden und nach dem Willen seines Gründers für die Medienwelt der Zukunft eine ähnlich definierende Rolle einnehmen, wie es Verlage vor Jahrzehnten taten.

Business Insider

Business Insider

Business Insider (BI) ist gewisserweise eine Art BuzzFeed für den Finanzjournalismus, allerdings mit einigen entscheidenden Unterschieden. Auch bei der vom ehemaligen Analysten Henry Blodget vor fünf Jahren unter dem Namen “Silicon Alley Insider” gegründeten Nachichtensite steht der Unterhaltungswert der mal originären, mal von anderen Sites in Kürze zusammengefassten Inhalte im Vordergrund. Viele Beiträge bedienen sich althergebrachter Kniffe aus dem Skandal- und Sensationsjournalismus, um eine maximale Reichweite im Social Web zu erzielen. Ebenfalls finden sich bei BI teils belanglose aber offensichtlich trotzdem klickstarke Fotogalerien, allerdings im Gegensatz zu Buzzfeed im für Betrachter deutlich unangenehmeren Slideshow-Format.

Anders als BuzzFeed ist BI bisher nicht profitabel, wie ein BI-Porträt des Wall Street Journal im Juli erläuterte. Doch erwartete zwölf Millionen Dollar Umsatz 2013 zeigen, dass Macher Blodget – der selbst noch fließig in die Tasten haut – mit BI ein Angebot auch mit attraktivem wirtschaftlichen Potenzial auf die Beine gestellt hat. Neben klassischer Werbung und gesponsorten Inhalten dienen ein relativ junges Konferenzgeschäft sowie Marktforschungsdienstleistungen als Einnahmequellen. Rund 23 Millionen eindeutige Besucher lassen sich monatlich bei BI blicken (Stand Januar) und verfolgen die Inhalte der knapp 100 Vollzeitangestellten. CTO Pax Dickinson ist seit kurzem nicht mehr dabei, ihm wurden eine Reihe fragwürdiger Tweets zum Verhängnis – ein “Skandal”, der ganz gut zur grundsätzlich etwas kontroversen Aura von BI passt. Diese hielt jedoch allerlei US-Tech-Schwergewichte nicht davon ab, in BI zu investieren. Neben Marc Andreessen ist auch Amazon-CEO Jeff Bezos an dem New Yorker Unternehmen beteiligt.

Quartz

Quartz

Die Parallelen zwischen den zwei zuvor genannten Medienmarken und Quartz beschränken sich auf die Monetarisierungsstrategien – auch Quartz versucht, Anzeigen enger an die redaktionellen Inhalte anzulehnen und Geld mit gesponsorten Artikeln einzunehmen – sowie auf die grundsätzliche Mentalität, unvoreingenommen an die Neudefinition von Journalismus im Web heranzugehen. Letzteres ist beachtlich, bedenkt man, dass hinter Quartz doch ein Medienunternehmen steckt, dessen Wurzeln zurück bis ins Jahr 1857 reichen – als das renommierte Magazin The Atlantic erstmals in den Druck ging. Vor genau einem Jahr gab Atlantic-Herausgeber David G. Bradley, der den Verlag Ende der 90er Jahre übernahm, den Startschuss für Quartz mit dem Ziel, ein qualitativ hochwertiges Wirtschaftsmedium mit Fokus auf den mobilen Medienkonsum zu etablieren.

Bisher scheint dieses Vorhaben nach Plan zu verlaufen: 2,3 Millionen eindeutige Benutzer schauten im April bei Quartz vorbei, sorgten für lockere Geldbörsen bei einer wachsenden Zahl an Premium-Werbepartnern und ermöglichten es dem Mutterunternehmen, das Team schnell zu erweitern. Mehrere Dutzend Angestellte sind mittlerweile für Quartz aktiv. Die Site ist damit zwar noch deutlich kleiner als die zwei zuvor genannten Mitstreiter, aber auch erheblich jünger.

Gilt bei BuzzFeed und Business Insider eher “Masse vor Klasse” – zumindest wenn man hochwertigen Topjournalismus als Maßstab nimmt – setzt Quartz deutlich höhere Ansprüche an seine Inhalte. Viel Lob erhielt Quartz für sein unkonventionelles Mobile-First-Design, das mit seiner Streamform die eingetretenen Pfade der Onlinemedien verlässt und sich ganz an den neuen Verhaltensmustern der Anwenderschaft orientiert. Zuletzt machte der Neuling durch eine überarbeitete Kommentarfunktion auf sich aufmerksam, bei der Anmerkungen der Leser neben dem Textabschnitt erscheinen, auf den sie abzielen.

Angesichts der sehr frühen Tage ist eine Beurteilung der Zukunft von Quartz schwer. Während seines bisher sehr kurzen Bestehens jedoch hat Atlantic Media mit der Publikation bereits einige sehr gute Akzente gesetzt.

Medium

Medium

Kurz vor dem Launch von Quartz lancierten die Twitter-Gründer Evan Williams und Biz Stone mit Medium eine neue Publikationsplattform namens Medium. Im Gegensatz zu den drei anderen in diesem Artikel vorgestellten Sites ähnelt Medium von seiner Funktionalität eher einer klassischen Bloggingplattform, bei der Nutzer kostenfrei eine einfach zu bedienende Oberfläche zum Veröffentlichen von Texten erhalten. Doch strebt Medium, das mittlerweile komplett unter der Ägide von Evan Williams steht, einen deutlich stärkeren Qualitätsfokus an. Also keine neue “Klowand des Internets“. Williams sieht Medium durchaus als Ort, an dem professionelle Autoren ihre Arbeiten veröffentlichen, und gewährt derzeit nur ausgewählten Nutzern Schreibrechte, darunter vielen bekannte Web-”Promis”.

Vor wenigen Tagen gab TechCrunch einige zusätzliche Einblicke in Williams’ Vision rund um Medium. Demnach möchte der umtriebige Entrepreneur – vor Twitter hatte er bereits Blogger.com entwickelt und schließlich an Google verkauft – Medium als erste Anlaufstelle für zeitlosen “Long-Form-Content” positionieren und Leser ultimativ dazu bringen, weniger Zeit mit dem Konsum von vergänglichen und wenig inspirierenden Alltagsnachrichten zu verbringen.

Beim Lesen von Williams’ Aussagen wird deutlich, dass er selbst noch nicht so richtig weiß, in welche Richtung sich Medium exakt bewegen wird, geschweige denn, wie das Startup dauerhaft monetarisiert werden soll. Bisher klingt die von ihm beschriebene Marschrichtung nach einer Art Hybrid aus Medienunternehmen mit eigener Redaktion und Blogplattform, technisch unterstützt durch Empfehlungsalgorithmen, die Lesern beim Auffinden inspirierender, ausführlicher und erleuchtender Texte helfen. Das ist zwar wage und brachte dem Startup bereits einiges an Kritik ein – nicht zuletzt auch hinsichtlich der Frage, ob Medium Plattform oder eher Publisher sei, und welche Verantwortungen für die Inhalte sich daraus ergeben. Doch ähnlichen Gegenwind erlebte Williams auch in den Anfangstagen von Twitter. Heute steht dieser Dienst vor dem Börsengang. Manche Ideen benötigen Luft zum Atmen. Das könnte auch für Medium gelten. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Es fehlt: The Verge.

    • Hmmm vermute gibt es noch einige, die man hier aufführen könnte. Für meinen Geschmack ist TheVerge zu nah am traditionellen Tech-Blog bzw. thematisch zu sehr Special Interest (Tech). Aber sicher auf jeden Fall auch eine gute Inspirationsquelle. Mein Kollege Jürgen hatte The Verge vor einigen Monaten schon ausführlich gelobt.

  2. Interessant finde ich, dass Mashable seit einiger Zeit versucht, BuzzFeed nachzuahmen, zB. http://mashable.com/2013/…new-girl-life-hacks/

    • Ja die Zeiten, in denen Social Media Tipps und generelle seichte Tech-Kost ausreichten, um PI-König zu sein, sind wohl vorbei.

vgwort