Eine Analogie für Startups:
Echter Mehrwert statt Süssgebäck

Viele Web-Startups sind wie Gebäck: süss und verlockend, aber ohne Mehrwert. Zukunftsträchtig ist dies in den seltensten Fällen.

Süsses Gebäck: Verlockend, aber auf lange Frist nutzlos.

Süsses Gebäck: Verlockend, aber auf lange Frist nutzlos.

Jeder ist ihnen schon begegnet: Schülern, die Gebäck verkaufen um damit ein Schulprojekt zu finanzieren. Viele von uns kaufen in solchen Situationen ein Stück Kuchen, man ist ja kein Unmensch, doch geht es dabei mehr um den eigentlichen Zweck als um das Gebäck an sich. Diesem steht man eher kritisch gegenüber, ist der Kalorien- und Zuckerbedarf ohnehin meist mehr als gedeckt und schmeckt der Schokoladenkuchen bei Mama ohnehin besser.

Ich hab mich daher gefreut, als ich letzthin an der Entsorgungsstelle von vielen fleissigen Schülerhänden empfangen wurde. “Wir nehmen Ihnen Ihre Abfälle gerne ab und entsorgen diese korrekt, für eine kleine Spende an unser Klassenlager”, schallte es mir dutzendfach entgegen. Sehr gerne stockte ich die Klassenkasse um zehn Euro auf und freute mich, dieser lästigen Arbeit für einmal entgangen zu sein. Dass es das Stück Gebäck zusätzlich auch noch mit auf den Weg gab, versüsste die Erfahrung erst recht. Ich konnte beobachten, dass viele andere Leute vor Ort offenbar gleich empfanden.

Das war in Erlebnis, welches mich als Startupper geprägt hat.

Zu viele Startups produzieren Gebäck

Das Verhältnis zu Gebäck ist in unserer westlichen Welt zwiespältig: Wir mögen es, sind uns aber bewusst, dass wir es spätestens in der Badesaison bereuen werden, wenn die Badehose nicht mehr passt. Wir essen Gebäck aus Lust, weils im sozialen Rahmen gerade passt oder aus Langeweile. Aber nie, weil wir denken, unserem Körper damit etwas Gutes zu tun. So nehmen wir uns immer wieder auch mal vor, weniger Gebäck, dafür mehr gesundes Grünzeug zu essen.

Bringt uns etwas einen echten Mehrwert, hinterfragen wir dessen Existenz, Besitz und Gebrauch allerdings nicht: Das Bügeleisen, der Staubsauger, das ABS am Auto und die E-Mail haben Tätigkeiten, die wir ohnehin ausführen würden einfacher, sicherer oder effizienter gemacht.

Ein Blick in die App-Stores und Tech-Blogs dieser Welt machen uns rasch klar, dass sehr viele Startups auf reines Gebäck setzen. Die meisten sozialen Netzwerke, Foto-Anwendungen und Spiele  sind wie Gebäck. Man braucht sie eigentlich nicht. Zwar lädt man sie sich schon mal auf den Handy, bezahlt vielleicht sogar etwas dafür. Der Auslöser dürfte aber eher Langeweile, Gruppendruck oder Neugier sein anstelle von echtem Bedarf. Daher haben wir auch ein ambivalentes Verhältnis zu solchen Anwendungen. Wir besitzen ohnehin schon zu viele davon, sie sind Zeitfresser und deren Genuss ist langfristig selten befriedigend.

Echter Mehrwert hat Zukunft

Es ist auffallend, dass der Bärenanteil der ganz grossen Internetfirmen in der Tat einen echten Mehrwert bieten: Google macht die Unmenge der Informationen im Internet auffindbar. Amazon lässt einen bequemer einkaufen. eBay ermöglicht es, die gekaufte Dinge von zu Hause aus wieder loszuwerden. Es sind Pionierfirmen, welche Dinge vereinfacht haben, die wir irgendwie tun müssen und wollen. Deshalb kann auch Facebook dazugezählt werden, welches als erstes soziales Netzwerk die notwendige Grösse erreichte, damit wir damit mit fast jedem Menschen in Kontakt bleiben können, wenn wir wollen. Auf den ersten Blick etwas aus der Reihe tanzt höchstens YouTube, wobei etwas Unterhaltung (oder eben Gebäck) immer seinen Platz findet und man auch wohlwollend auf Lernvideos verweisen könnte.

Wer heute eine Webprojekt oder ein Internetstartup gründet, sollte sich daher unbedingt überlegen, ob mit dem angebotenen Dienst tatsächlich ein Mehrwert geschafft wird. Vier einfache Fragen helfen bei der Beurteilung:

  • Welche ohnehin bestehende Aufgabe oder Tätigkeit wird damit vereinfacht?
  • Handelt es sich wirklich um eine Vereinfachung?
  • Wird diese Aufgabe in 3/5/10 Jahren voraussichtlich auch noch bestehen?
  • Hat mein Produkt das Potential, dieser Tätigkeit auch dann noch dienlich zu sein?

Ein Blick auf die jüngere Geschichte der Webstartups zeigt, dass auch heute echter Mehrwert Zukunft hat: Einkaufslisten braucht jeder. Ein neuer Messaging-Dienst ist hingegen nur glänzende Glasur für bestehende Lösungen. Die Vernetzung von Online-Diensten mit echten Dingen wird immer mehr zum Bedürfnis. Parkplatzdienste hingegen machen die Lösung vielleicht eher komplizierter als einfacher, wobei eine simple Verknüpfung von Geschäftskontakten das Führen des Adressbuchs erübrigt. Gewinnt Mehrwert in diesem Kurzüberflug? Auf jeden Fall! Amen!

Natürlich gibt eine grosse Grauzone von Ideen und Projekten, die sich nur schwer zwischen Gebäck und Mehrwert einordnen lassen können. Zuvor erwähnte Parkplatzdienste gehören beispielsweise dazu. In diesen Fällen wird die Zeit zeigen, wie sich die Gesellschaft entscheiden wird. Schliesslich verschieben sich auch in der Ernährungslehre die Grenzen laufend: Während gestern das Fett verdammt wurde, sind es heute die Kohlenhydrate, die dick machen.

Ganz verschwinden wird das echte und virtuelle Süssgebäck nie aus unserem Leben. Es wäre auch zu schade darum. Doch Gründern und Investoren mit langfristigem Horizont sei geraten, sich vermehrt um nachhaltige Kost mit Mehrwert zu kümmern.

Bild: lamantin unter CC-Lizenz BY-SA 2.0

 

Manuel Reinhard

Manuel Reinhard ist Webentwickler sowie Gründer und CTO bei Ticketpark. Er mag es, wenn Dinge praxistauglich und effizient angepackt werden.

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