Keine Zeit zum Innehalten:
Das Hamsterrad der Technologie

Niemand kann den technischen Fortschritt stoppen, dessen Dynamik an die eines Hamsterrads erinnert. Dabei wäre gelegentliches Innehalten wichtig.

HamsterradEs gibt eine Million Gründe, den rasanten Fortschritten des digitalen Zeitalters enthusiastisch gegenüberzustehen. Doch ich denke nicht, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich feststelle, dass es im Jahr 2013 selbst für überzeugte Technologie-Apologeten schwierig ist, nicht gelegentlich in teils unbehagliche Überlegungen zu den Schattenseiten der Entwicklung abzugleiten. Der NSA-Überwachungsskandal markiert einen entscheidenden Wendepunkt des Internetzeitalters: Er öffnet uns begleitet von wegweisenden Säulen des Fortschritts – von Google Glass über Big Data bis zu Genanalysen für alle – unweigerlich die Augen über den Preis, den wir für die Errungenschaften der Informationstechnologie zahlen. Das Leben wird sicherer, messbarer, planbarer, gesünder, personalisierter und komfortabler. Aber wird es lebenswerter, wenn parallel Konformismus gefördert und Freiheit sowie Möglichkeiten des Individualismus eingeschränkt werden? Auf diese philosophische Frage gibt es unterschiedliche Antworten. Persönlich denke ich nicht, dass wir glücklicher werden, wenn sämtliche Unwägbarkeiten und Unvorhersagbarkeiten des menschlichen Daseins verschwinden.

Technischer Fortschritt lässt sich nicht stoppen

Wenn mich die Gedanken sporadisch zu einem pessimistisch gefärbten Zukunftsszenario treiben, schlägt mir vor allem die Einsicht auf den Magen, dass sich die Entwicklung nicht aufhalten lässt. Weder Regierungen noch Gesetze noch Unternehmen sind in der Lage, den technischen Fortschritt mittel- bis langfristig weltweit zu stoppen. Jeder Stein, der an irgendeinem Ort einzelnen Innovationen und Erfindungen in den Weg gelegt wird, lässt sich an anderer Stelle kinderleicht umgehen. Keine politische, unternehmerische, wissenschaftliche oder gemeinnützige Gruppierung besitzt die alleinige Herrschaft und Entscheidungsgewalt darüber, welche Produkte, Maschinen und Verfahren zur Marktreife und Massentauglichkeit gebracht werden. Glücklicherweise, böte eine derartige Macht doch massives Missbrauchs- und Diktaturpotenzial. Dies bedeutet allerdings auch, dass alles, was technisch möglich ist, von irgendjemandem umgesetzt wird. Mal sind dies Bitcoins, ein anderes Mal Waffen aus dem 3D-Drucker.

Reflexion ist wichtig

Im Grunde ist die Menschheit vollkommen machtlos darüber, welche Technologien sie in Zukunft begleiten – und bedrohen – werden. Das einzige, was sie meines Erachtens nach tun kann, ist durch sorgfältiges, informiertes und auf ethischen Werten basiertes Reflektieren und gelegentliches Innehalten frühzeitig zu erkennen, welche Strömungen und Dynamiken tendenziell positive und welche negative Konsequenzen für die Allgemeinheit mit sich führen werden, um davon ausgehend entsprechend zu steuern. So wie sich die Schaffung der Atombombe nicht verhindern ließ, wird sich auch künftig die Forcierung neuer gefährlicher Technologien nicht unterbinden lassen. Doch die Zivil- und Wissensgesellschaft täte gut daran, diese Effekte nicht noch selbst durch ihr eigenes kurzfristiges Handeln zu verstärken, indem sie mit großer Kraft Projekte und Konzepte vorantreibt, die am Ende mehr Schlechtes als Gutes tun.

Laufen im Hamsterrad

Ich sehe das Problem, dass Reflexion und Innehalten nicht stattfinden. Alle Akteure der Branche, direkt und indirekt involvierte Protagonisten, Beobachter und Evangelisten befinden sich in Hamsterrädern, die sich stetig schneller drehen. Viele der Beteiligten wissen, dass ihnen und allen anderen Mitstreitern eine Erholungspause gut tun würde. Doch keiner möchte diesen Schritt wagen, aus Furcht, damit gegenüber den anderen, unaufhörlich weiter strampelnden Hamsterrad-Läufern ins Hintertreffen zu geraten. Also mühen sich alle weiter ab und beschleunigen ihre Geschwindigkeit sogar noch im Takt mit dem kollektiven Anziehen des Tempos. Auf Dauer gut gehen kann dies freilich nicht. Doch den Beteiligten fehlt schlicht die Weitsicht, um die langfristig schädlichen Folgen ihres Handelns beurteilen zu können. Oder sie blenden sie bewusst aus.

Um beim zukünftigen technischen Voranschreiten dauerhaft eine positive Kosten-Nutzen-Rechnung zu erzielen, halte ich einen Absprung aus den Hamsterrädern für unverzichtbar. Nur so finden die Schlüsselpersonen und -organisationen aus Wirtschaft, Forschung, Politik und Gesellschaft die notwendige Ruhe, um beurteilen zu können, welche langfristigen Auswirkungen einzelne Dynamiken haben können, und welche rechtlichen, strukturellen und organisatorischen Maßnahmen sie erfordern. Kurzsichtigkeit muss gegen Weitsicht ausgetauscht werden. Ich weiß: eine Mammutaufgabe, die teilweise konträr zu biologischen Voraussetzungen steht und auch kaum mit den Anforderungen des Kapitalismus in Einklang gebracht werden kann. Und doch sollte man dafür kämpfen.

Ein utopischer Monat des Innehaltens

Mein einziger Lösungsvorschlag muss als utopisch deklariert werden, aber ich möchte ihn dennoch erwähnen: Ein globaler Monat des Innehaltens. Ein Monat, in dem große Netz- und IT-Firmen, Tüftler, Forscher, aber auch Journalisten, Investoren und Politiker sich dazu verpflichten, eine Pause einzulegen, keine neuen Produkte, Projekte oder Initiativen voranzutreiben, und stattdessen – möglichst gemeinsam – zu reflektieren und zu evaluieren. Ein Monat, in dem die gehetzten Akteure der Branche die Gelegenheit bekommen, das Hamsterrad zu verlassen und sich tiefgehend damit zu befassen, was sie eigentlich tun, und warum.

Nichts spricht dafür, dass sich für einen solchen Monat des Innehaltens jemals eine hinreichend starke Allianz konstituieren würde, und dass deren Aufruf dann auch auf breiter Front gefolgt wird. Von daher dürfte sich das Hamsterrad munter weiter beschleunigen. Mit schwer absehbaren Folgen für die Menschheit.

Ich für meinen Teil mache die kommenden vier Wochen übrigens meinen ganz persönlichen Monat des Innehaltens und bin Mitte September wieder zurück. Hoffentlich mit vielen neuen Erkenntnissen und Einsichten. /mw

(Illustration: Cartoon man running in a hamster wheel)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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8 Kommentare

  1. Zwei und mehr Daumen hoch. Ihr Artikel spricht mir aus der Seele und ich wünschte ihre Idee bekäme alle nur denkbare Unterstützung den die beschriebenen folgen sind schon seit Jahren in allen Schichten der Menschheit zu erkennen und durch nichts mehr aufzuhalten da bei dieser Geschwindigkeit kein klares Bild mehr entsteht nur noch ein verzerrter Schleier aus einer Flut von Informationen die zu nichts zu gebrauchen sind. Erfolgen sie sich gut und ich freue mich auf Ihren nächsten Artikel.

    • Das soll natürlich erholen Sie sich gut heißen :-) nicht mal mehr das haben wir noch im Griff: das Schreiben unserer Gedanken will selbst das Schreiben in der Elektronik eine bestimmte Zeit benötigt wenn man es richtig und gut machen möchte.

  2. Manchmal haben wir auch einfach Glück, was wäre, wenn es gleich einfach wäre ein 2 Kilogramm schwere Atombombe zu bauen, wie ein Fahrrad?

  3. Im Artikel wird folgendes als philosophische Frage bezeichnet:
    “Aber wird es lebenswerter, wenn [durch die Errungenschaften der Informationstechnologie] parallel Konformismus gefördert und Freiheit sowie Möglichkeiten des Individualismus eingeschränkt werden?”

    Diese Frage impliziert bereits die Behauptung, die Errungenschaften der Informationstechnologien würden Konformismus fördern, Freiheit und Individualismus einschränken.

    Technologiebefürworter werden damit dargestellt, als würden sie Konformismus, Freiheit und eine Einschränkung von Individualismus hinnehmen und als akzeptablen Preis für die Vorteile der technologischen Errungenschaften sehen.

    Ich möchte aber behaupten, dass es in den Teilen der Welt, in welchen die technologischen Errungenschaften allgegenwärtig sind, NOCH NIE SO WENIG KONFORMISMUS, SO VIEL FREIHEIT UND SO VIELE MÖGLICHKEITEN DES INDIVIDUALISMUS GEGEBEN HAT, WIE JEMALS ZUVOR!

    Die überwältigende Mehrzahl aller Gesellschaften dieser Welt entwickeln sich seit jeher und immer weiter in die Richtung, in der Menschen toleranter und liberaler sind.

    Damit sind es GESELLSCHAFTEN bzw. im einzelnen die Mindsets der PERSONEN, aus welcher die Gesellschaft zusammengesetzt ist, welche einen positiven oder negativen Einfluss auf Konformismus vs. Freiheit und Möglichkeiten des Individualismus haben.

    Errungenschaften in der Informationstechnologien spielen demnach sicher nicht keine, aber höchstens eine untergeordnete Rolle.

    Technologie ist ein “Enabler”, so wie das Messer für den Koch. So lange die Gesamtheit der positiven Entwicklung und Auswirkung durch Technologie die missbräuchliche so stark überwiegt, wie es seit jeher und immer noch der Fall ist, ist es nicht sinnvoll, die Entwicklung an sich zu hinterfragen und stoppen zu wollen.

  4. in vielen ländern ist ein monat urlaub vorgeschreiben und wird auch eingehalten. also so utopisch ist es nicht. nur werden es viele nicht zulassen das es auch in anderen ländern eingeführt wird

  5. Der Mensch ist dumm und gierig!Also wissbegierig und stur-Manchmal wird jemand 1000mal gesagt das geht nicht und trotzdem kriiegt es dieser eine hin… Auf der anderen Seite geldgierig und andre unterdrückend.Solange wir denken wir wären vernünftig und trotzdem über andere hinweg schreiten siehe Coltan und andere Seltene Erden und könnten immer so weiter machen…Wie heisst es in deisem chinesischen Fluch:Mögest du immer in interessanten Zeiten leben. nNun Fluch deshalb weil man diese Zeiten nicht zuwürdigen weiss oder sie nicht überlebt;-)

  6. “Persönlich denke ich nicht, dass wir glücklicher werden, wenn sämtliche Unwägbarkeiten und Unvorhersagbarkeiten des menschlichen Daseins verschwinden.”

    Da stimme ich absolut zu. Genau zu dem Thema kann ich das Buch “Antifragilität” von Nassim Taleb sehr empfehlen.

  7. “Der NSA-Überwachungsskandal markiert einen entscheidenden Wendepunkt des Internetzeitalters: Er öffnet uns begleitet von wegweisenden Säulen des Fortschritts – von Google Glass über Big Data bis zu Genanalysen für alle – unweigerlich die Augen über den Preis, den wir für die Errungenschaften der Informationstechnologie zahlen. Das Leben wird sicherer, messbarer, planbarer, gesünder, personalisierter und komfortabler. Aber wird es lebenswerter, wenn parallel Konformismus gefördert und Freiheit sowie Möglichkeiten des Individualismus eingeschränkt werden? Auf diese philosophische Frage gibt es unterschiedliche Antworten. Persönlich denke ich nicht, dass wir glücklicher werden, wenn sämtliche Unwägbarkeiten und Unvorhersagbarkeiten des menschlichen Daseins verschwinden.”

    Das ist eine Frage der Interpretation. Ich persönlich glaube ja auch, dass der NSA-Skandal einen entscheidenden Wendepunkt markiert. Aber die Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen müssen sehr viel weiter gehen, als nur unsere “Augen zu öffnen”.

    Mit offenen Augen prallen auch nur die gleichen Informationen auf uns ein, wie bisher! Das ändert noch nichts!

    Wir müssen lernen, damit umzugehen, und noch viel wichtiger: wir müssen Rückschlüsse ziehen, wir müssen lernen, Konsequenzen aus alle dem zu ziehen.

    Und zwar so, dass WIR die Konsequenzen ziehen und auch begreifen, warum wir dies so und so tun. Der Schlüssel liegt im Verständnis. Und heutzutage mehr denn je darin, den Mut zu haben, zu Verstehen. Darin, den Mut zu haben, Gedankengänge auch über den öffentlichen Konsens hinaus fortzuführen, in Richtungen, die im Konsens eben noch nicht angeführt worden sind. “Querdenken” passt ganz gut, aber ist auch schon wieder ein so fürchterlich belasteter und missbrauchter Begriff.

    Aber genau da liegt ja auch das Problem – alles wird bewertet, schon bevor ein Gedanke zu Ende gedacht wurde, ist er schon negativ angehaucht worden.

    In jeder öffentlich zugänglichen Diskussion taucht sogleich der Typ auf, der jeden nicht-konformen Gedanken mit seiner Rabulistik durch den Kakao zieht. Der Typ hat i.d.R. keine Ahnung vom Thema, aber er erkennt, dass man nicht konform ist, und nutzt dies, um sich selbst sozial aufzuwerten, indem er sich selbst als über-konform positioniert.

    Solange wir immer nur darauf aus sind, Befürworter für unsere kürzlich für gut befundenen Ideen zu sammeln, solange sind wir nur Sammler, genauso wie all die PR’ler und Lobbyisten, die sich für eine Idee verkaufen, und ihr Leben damit bestreiten, arglose Seelen für diese Ideen zu gewinnen.

vgwort