Manipulation der Konsumenten:
Die dunkle Seite der Daten

Menschen handeln nicht immer in ihrem eigenen besten Interesse. Unternehmen versuchen seit langem, diese Schwäche für eigene Zwecke zu nutzen. Im Datenzeitalter erhalten sie ihre große Chance.

WillenskraftDaten sind das neue Öl. So lautet eine in unserer Zeit häufig zu vernehmende Parole, welche die maßgebliche Bedeutung von Daten als Rohstoff der digitalen Welt und Wirtschaft beschreibt. Zurecht. Daten verändern alles und können sich in vielerlei Form positiv auf den Alltag von Menschen und Unternehmen auswirken. Doch Daten besitzen auch eine Schattenseite. “Für amerikanische Schnüffler ist Big Data wie Crack”, konstatierte der Publizist und bekannte Netzkritiker Evgeny Morozov jüngst in der FAZ. Morozov, aufgrund seiner einseitigen, hochgradig medien- und feuilletonwirksamen Betrachtungweise des digitalen Wandels selbst nicht unumstritten, erläutert in dem lesenswerten, wie für ihn üblich dystopischen Beitrag die Nachteile des Datenkonsums. Man mag von Morozov halten was man will – seine Argumentation, gemäß der die Kommerzialisierung von Daten viele nicht wünschenswerte Nebeneffekte für Gesellschaft und Demokratie mitbringt, regt zum Nachdenken an.

Morozov blickt in seinem Text durch eine kollektive Brille auf das große Ganze und die Zukunft der Demokratie. Doch die Konsequenzen des zunehmenden Datenfokus könnten auch für das autonome Individuum zu einem Problem werden. Denn mit der Erkenntnis, dass sich vermeintlich individuelle, einzigartige Persönlichkeitsmerkmale unter Voraussetzung eines hinreichend großen Datenpools aus strukturierten Informationen über Verhaltensweisen und Interessen probemlos qualitativ und quantitativ auswerten und zu hochgradig genauen Personenprofilen machen lassen, bricht ein Konflikt aus, dessen Folgen schwer absehbar sind. Auslöser für diesen Konflikt ist eine spezifische menschliche Eigenschaft:

Menschliche Entscheidungen widersprechen langfristigen Zielen

“Menschen, die Wahlmöglichkeiten haben, treffen oft Entscheidungen, die ihren langfristigen Interessen widersprechen”.

Dieses Zitat stammt aus dem Buch “The Willpower Instinct” der US-Psychologin Kelly McGonigal. Ein Werk, das ich bei netzwertig.com bereits zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit empfehle. McGonigal beschreibt darin die evolutionären und biologischen Hintergründe sowie äußeren Voraussetzungen von Willenskraft und Selbstdisziplin – zwei Charaktermerkmale, die wesentlich für das dauerhafte persönliche, gesundheitliche und berufliche Wohlbefinden sowie Vorankommen sind. Willenskraft und Selbstdisziplin sind bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt, variieren im Tagesverlauf stetig und hängen sowohl von sozioökonomischen Faktoren als auch von der allgemeinen körperlichen und mentalen Verfassung ab.

Je stärker Willenskraft und Selbstdisziplin sind, desto eher richten wir unser Handeln an langfristigen Zielen aus. Je schwächer sie ausgebildet sind, desto stärker lassen wir unser Agieren von kurzfristigen Interesse und uralten Instinkten beeinflussen. Willenskraft erfordert erheblichen Energieaufwand, weshalb jeder Mensch früher oder später Augenblicke der “Schwäche” erlebt. Das ist der Grund, wieso immer wieder eigentlich hochangesehene, Vorbildfunktionen bekleidende Personen des öffentlichen Lebens urplötzlich durch offensichtlich leichtsinnige Aktionen und dumme Fehltritte auffallen.

Während eine Person, die keinerlei Kontrolle über die eigenen Handlungen besitzt und sich von jeder Versuchung überwältigen lässt, ein äußerst schwieriges Leben vor sich hätte, wäre auch ein Dasein mit ausnahmslos langfristig ausgerichtetem Verhalten unerträglich. Im Normalzustand halten sich beide Formen mit variierendem Ausschlag in eine der zwei Richtungen die Waage und sorgen damit für das richtige Maß an unmittelbaren emotionalen Höhepunkten und ernsthafter Zukunftsgestaltung.

Die Wirtschaft fördert kurzfristig orientiertes Handeln

Für die meisten Akteure der Wirtschaft und Industrie sind an langfristigen Zielen ausgerichtete Verhaltensweisen nicht interessant. Wer gesund lebt, gesund isst, Geld für persönliche Großprojekte oder das Alter spart und sich konsequent von allen Aktivitäten fernhält, die zu für Körper oder Seele schädlichen Suchtzuständen führen, der verhindert damit, dass vom Konsum lebende Unternehmen ihre Gewinnziele erreichen. Aus Sicht vieler Firmen sind gute Konsumenten solche, die sich von ihren Impulsen leiten lassen und möglichst wenig an den nächsten Tag, geschweige denn die nächsten Jahre denken. Fettleibigkeit, Abhängigkeiten, Krankheiten und Überschuldung sind die Preise, die diese Menschen zahlen.

Seit jeher tüfteln Unternehmen an Formeln und Rezepturen, um Verbraucher (die Bezeichnung sagt alles) dazu zu bewegen, das “Vernunftzentrum im Gehirn” – der depräfrontale Kortex – ruhig zu stellen und sich ihren spontanen Launen hinzugeben. Die Marketing- und Werbeindustrie ist die Institutionalisierung dieses Treibens.

Daten liefern Einsichten über menschliche Schwächen

Bisher stand der Wirtschaft dafür jedoch nur ein begrenzter Umfang an relevanten Daten zur Verfügung. Viele Entscheidungen basierten auf limitierten Untersuchungen, Daten von Käuferverhalten aus der Vergangenheit sowie schlicht auf einem Bauchgefühl. Manches funktionierte, anderes nicht. Das Vorhandensein hunderttausender, auf einzelne Individuen heruntergebrochener Datenpunkte jedochwird Unternehmen völlig neue Möglichkeiten einräumen, die “wunden Punkte” der Verbraucher zu finden und sie dadurch zu kurzfristigen Handlungen zu bewegen.

Diese Annahme ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Stand des Onlinejournalismus dient als Beleg dafür, dass derartige Effekte tatsächlich eintreten. Nicht ohne Grund befinden sich unter den erfolgreichsten publizistischen Websites des Netzes allerlei Anbieter seichter Kost und boulevardesquer Inhalte, und nicht ohne Grund leidet der Technologiejournalismus unter einem massiven Qualitätsproblem. Wer maximalen Traffic rausholen und damit die Werbeeinahmen befeuern möchte, der produziert Content anhand von Daten und wirft konsequent alle Inhalte aus dem Angebot, die zwar nett aussehen und die Redaktion stolz machen würden, aber in puncto Klicks, Page Impressions und Shares nicht den Maßgaben entsprechen. Übrig bleiben Katzenbilder, Skandalmeldungen, Gerüchte und nackte Haut – Dinge, die selbst die größten Produktivitätsapologeten zur Prokrastination bewegen. Dinge, die kurzfristige Interessen der Leser bedienen, aber langfristigen Zielen (hier: die eigenen Aufgaben gemäß Zeitplan und ohne Ablenkung zu erledigen, oder: wahrheitsgetreue Informationen zu beziehen) im Wege stehen.

Boulevardzeitungen arbeiten freilich schon lange nach diesen Gesetzmäßigkeiten. Doch im Webzeitalter tendieren selbst seriöse Verlagshäuser dazu, redaktionelle Richtlinien und Bauchgefühl gegen einen zunehmend datengetriebenen Ansatz der Contentproduktion einzutauschen. “Big Data ist wie Crack”, um Evgeny Morozovs Worte zu wiederholen. Wer einmal damit angefangen hat, sich an Daten zu orientieren, der kommt davon nicht einfach so wieder los.

Schon immer trugen Daten zu Produktentscheidungen bei. Doch – eine intelligente Analyse und Aggregation vorausgesetzt – noch nie war ihre Aussagekraft größer als heute. Der Onlinvideoanbieter und Serienproduzent Netflix weiß mittlerweile derartig genau, was seine User sehen wollen, dass er sich kostenintensives Marketing für seine teuer produzierten Serien sparen kann. Stattdessen liefert er einfach zu einem idealen Zeitpunkt eine Empfehlung an diejenigen Anwender aus, bei denen er anhand von bisherigem Verhalten eine hohe Affinität für das Programm vermutet. In der künftigen Wirtschaft dürften Daten andere Einflussfaktoren bei der Produktkonzeption und im Vertrieb sukzessive verdrängen. Gleichzeitig legen Daten Verhaltensmuster, Widersprüche und menschliche Schwächen schonungslos offen, die bei Beobachtung mit dem bloßen Auge oder der Untersuchung von “statischer” Marktforschung mitunter nie deutlich wurden.

“Ich bin nicht beeinflussbar”

Ich sehe die Gefahr, dass im Datenzeitalter Menschen durch gezielte, auf neuen Erkenntnissen aufbauende Manipulation dazu gebracht werden, noch mehr als bisher ihren kurzfristigen Interessen nachzugehen. So wie manche von ihrer eigenen mentalen Stärke überzeugte Menschen von sich felsenfest behaupten, sich nicht von Werbung beeinflussen zu lassen, werden viele anzweifeln, dass Firmen sie zu Kaufbeschlüssen motivieren könnten, nur weil mittlerweile ein sehr detailliertes Personenprofil über sie vorliegt. Vermutlich handelt es sich in beide Fällen um einen großen Irrtum. Zur Erinnerung: Willensstärke ist eine trainierbare, aber begrenzte Ressource. Je öfter diese innerhalb einer Periode angewandt werden muss, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zumindest kurzzeitig pausiert. Zu prognostizieren, wann genau dies geschieht, ist heute einfacher denn je.

Eine Sicherheitslücke, die sich nicht schließen lässt

Die bisherige Tendenz des Menschen, ab und an wider langfristiger Interessen zu agieren, führte ihn deshalb nichts ins Verderben, weil er in seinen Entschlüssen frei genug war, auch oft genug gemäß weit in der Zukunft liegender Ziele zu handeln. Unterstützt wurde er dabei zumindest teilweise durch moralische, eine Orientierung bietende Instanzen, seien es Medien oder Firmen mit einer hohe ethische Standards zugrunde legenden Produktpolitik. Gemein hatten diese Instanzen, dass sie sowohl Daten als auch den gesunden Menschenverstand und die Vernunft bei ihren Vorgehen konsultierten. Je stärker Daten jedoch in den Vordergrund rücken und aus ökonomischen Zwängen oder dem Streben nach besseren Marktpositionen heraus Entscheidungen beeinflussen, desto größer ist das Risiko, dass dabei aufgedeckte “Schwächen” der menschlichen Persönlichkeitsstruktur ausgenutzt werden, ähnlich einer Sicherheitslücke in einem kritischen Computersystem. Anders als diese lässt sich die “Lücke” beim Menschen jedoch nicht einfach kurzfristig flicken. Insofern kann die Lösung nur darin liegen, einen gesamtwirtschaftlichen und -gesellschaftlichen Konsens zu finden, diese Schwachstelle nicht auszunutzen. Die Voraussetzung dafür wäre es, bewusst von ausschließlich datengetriebenen Entscheidungen Abstand zu nehmen. /mw

Foto: a woman’s hand reaching for a cheese in a mousetrap, Shutterstock

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Kernkompetenz in der digitalen Welt: Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

27.1.2014, 6 KommentareKernkompetenz in der digitalen Welt:
Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

Wir Menschen würden in einer vernetzten, komplexen Welt davon profitieren, uns selber besser zu verstehen. Damit Maschinen nicht die einzigen mit dieser Kompetenz sind.

Big Data und Überwachung: Niemand hört uns zu

28.10.2013, 27 KommentareBig Data und Überwachung:
Niemand hört uns zu

Es ist verständlich, Angst zu haben vor den Überwachungsaktionen von Geheimdiensten und Polizei. Aber in Wirklichkeit interessiert sich der Staat nicht für uns als Personen. Viel verlockender sind für ihn Metadaten. Sie stellen die Grundlage für eine gesellschaftliche Steuerung dar.

Big Data: Schatzsuche ohne Karte

19.3.2013, 5 KommentareBig Data:
Schatzsuche ohne Karte

Mit dem Aufkommen des Themas Big Data gibt es die Tendenz, traditionelle Methoden der Wissenserzeugung zu vernachlässigen und sich auf Fakten zu beschränken. Doch ohne diese traditionellen Methoden wird es nicht gehen.

Big Data: Schatzsuche ohne Karte

19.3.2013, 5 KommentareBig Data:
Schatzsuche ohne Karte

Mit dem Aufkommen des Themas Big Data gibt es die Tendenz, traditionelle Methoden der Wissenserzeugung zu vernachlässigen und sich auf Fakten zu beschränken. Doch ohne diese traditionellen Methoden wird es nicht gehen.

Die Zukunft digitaler Musik: Streamingdienste vergüten Künstler mit Hörerdaten

18.2.2013, 6 KommentareDie Zukunft digitaler Musik:
Streamingdienste vergüten Künstler mit Hörerdaten

Es gibt viele Zweifel an der Nachhaltigkeit von Musikflatrates. Ein neuer Streamingdienst will die Interessen der Künstler stärker berücksichtigen und sie mit Hörerdaten versorgen. Das Modell könnte Schule machen.

Daten aufbewahren oder vernichten: Was die Popularität von Snapchat bedeutet

21.12.2012, 5 KommentareDaten aufbewahren oder vernichten:
Was die Popularität von Snapchat bedeutet

Eigentlich herrscht Konsens: In Zukunft speichern Anwender einfach alle von ihnen produzierten Daten, anstatt sie vorab auszumisten. Doch der Erfolg von Snapchat signalisiert, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Urnengang im digitalen Zeitalter: Die Qual der Wahl

7.10.2014, 4 KommentareUrnengang im digitalen Zeitalter:
Die Qual der Wahl

Eine deutsche Studie fand heraus, dass sich der Zugang zu Breitbandinternet tendenziell negativ auf die Wahlbeteiligung auswirkt. Die genauen Gründe wurden in der Studie nicht geklärt und so bietet die Feststellung Anlass zur Spekulation.

Eskapaden der Technologiebranche: Warum es gut ist, mit Zynismus sparsam umzugehen

6.10.2014, 2 KommentareEskapaden der Technologiebranche:
Warum es gut ist, mit Zynismus sparsam umzugehen

Die Technologiewirtschaft ist heutzutage so angreifbar wie lange nicht mehr. Doch so sehr abwegige Startup-Ideen und die Fixierung auf nur inkrementelle Verbesserungen zu zynischen Bemerkungen animieren - an vielen weniger beachteten Fronten arbeiten Entrepreneure und Ingenieure daran, die Lebensqualität und -umstände von Menschen aus aller Welt zu verbessern.

Linkwertig: Internet, Bahn, Google, iOS

24.9.2014, 2 KommentareLinkwertig:
Internet, Bahn, Google, iOS

Adobe hat Aviary übernommen und mehr.

Umstrittene Lesebestätigung bei WhatsApp: Ein blauer Haken ärgert das Ego

7.11.2014, 13 KommentareUmstrittene Lesebestätigung bei WhatsApp:
Ein blauer Haken ärgert das Ego

WhatsApp-Nutzer erfahren dank einer neuen Funktion sofort, wenn ihre Nachrichten gelesen wurden. Das Vorgehen sorgt für Kritik, bietet aber eigentlich eine gute Gelegenheit, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Denn im Raum steht die Furcht, durch Nicht-Beachtung verletzt zu werden.

Absurdes Schlangestehen für neue iPhones: Die Ungeduld der Gadget-Verrückten

22.9.2014, 26 KommentareAbsurdes Schlangestehen für neue iPhones:
Die Ungeduld der Gadget-Verrückten

Das kollektive Schlangestehen für neue iPhones wird von Geräteversion zu Geräteversion stärker für dubiose Geschäfte ausgenutzt. Wären Konsumenten weniger ungeduldig, gäbe es dieses Problem nicht.

Kernkompetenz in der digitalen Welt: Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

27.1.2014, 6 KommentareKernkompetenz in der digitalen Welt:
Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

Wir Menschen würden in einer vernetzten, komplexen Welt davon profitieren, uns selber besser zu verstehen. Damit Maschinen nicht die einzigen mit dieser Kompetenz sind.

7 Kommentare

  1. Vielen Dank. Auch wenn dieses überlebenswichtige Thema jetzt wieder hinter die Tagesaktualität zurücktritt, so haben wir doch eine kleine aber feine Sammlung von Beiträgen verschiedendster Autoren, die allesamt verdeutlichen, warum dieser ganze “technische Datenkram” eigentlich ein übergeordnetes weil zivilisatorisches Anliegen beinhaltet.
    Zum diesem Beitrag nur soviel: Selbst wenn man mal eine völlig inerte, werberesistente, charakterstarke Persönlichkeit annimmt (icke natüchlich, wer sonst?), so wäre es um die Lebensqualität einer solchen Super-Persönlichkeit in Gesellschaft von ferngesteuerten Konsum- und Produktionszombies doch sehr mies bestellt.
    Vor 30 Jahren hatte das Propagandawort “Konsumterror” einen eindeutigen Bedeutungszusammenhang, der auch von Menschen unmittelbar verstanden wurde, die diesen Kampfbegriff als unangemessen ablehnten. Fragt man die jungen Leute von heute, was denn das Wort “Konsumterror” bedeuten könnte, kommt fast immer eine Beschreibung wie: “Das ist wenn man sich zwischen all den Angeboten gar nicht entscheiden kann weil man Angst hat, sich für das falsche zu entscheiden!”. Aus dieser Perspektive bietet das Kommerznetz natürlich perfekten Service weil eine gute Entscheidungshilfen die empfindliche Frustrationstoleranz im grünen Bereich halten und etwas vermitteln, was leicht mit Kompetenz zu verwechseln ist.

  2. Bisher bemerke ich von der beschriebenen “Manipulation” nur, dass mir Produkte, die ich gerade angesehen, gekauft oder nicht gekauft habe, noch stundenlang auf anderen Webseiten gezeigt werden. GENAU DIESSELBEN Produkte – wie blöd ist das denn?

    Was das sich-ablenken-lassen angeht: Stimmt, das ist für jemanden, der sowieso am und übers Netz arbeitet, durchaus ein Problem. ABER: die Ablenkungen, denen ich mich hingebe, führen in aller Regel nicht zu Konsum, sondern nur zum Zeit-vertrödeln.

    Tipp an alle: bevor Ihr etwas kauft, lasst 24 Stunden vergehen! Damit erledigt sich das allermeiste ganz problemlos… :-)

    • Genau die Produkte auf anderen Websites angezeigt zu bekommen, die man sich zuvor angeschaut hatte, ist besonders wirkungsvoll. Sie fallen einem auch besonders auf.

      Man hat ja ein gewisses Interesse an genau diesen Produkten bewiesen. Diese Werbung ist relevant. Sicher, es kann auch sein, dass man sich ein Produkt angeguckt hat und sich dabei schon bewusst gegen dessen Kauf entschieden hat.

      Mir gefällt es sehr gut, wenn die für mich interessanten Produkte mich sozusagen auf andere Seiten begleiten.

  3. Ja, Unternehmen stehen für Marketing-Maßnahmen immer genauere Daten zur Verfügung. Die Daten können Unternehmen aber auch nutzen, um besser zu den Bedürfnissen der Konsumenten passende Angebote zu unterbreiten bzw. erst einmal zu entwickeln.

    Aus dieser Perspektive betrachtet könnte die Verfügbarkeit dieser Daten auch dazu führen, dass weniger Überredung nötig wird, weil sich die Unternehmen auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen einstellen können.

    In jedem Lebensbereich hat derjenige, der Informationen über einen anderen hat, diesem gegenüber einen Vorteil. Die Manipulation bei einfachen Konsumentscheidungen ist da eine der geringsten Gefahren.

  4. Menschen waren im Kapitalismus schon immer Werbe-Botschaften ausgesetzt und natürlich werden die mit Big-Data nochmal perfektioniert. Ändert nur nichts dran, dass es zu den Grundvoraussetzungen von erfolgreichem Leben gehört, selbst zu bestimmen was man will und Prioritäten fürs eigenen Leben zu setzen. So werden sich die Menschen sicher auch gegen Big-Data-Werbung neu abhärten und ihren Weg durch den Info-Dschungel finden. Gehört auch zum “Überleben der Medienkompetenten”. Insofern: alles halb so wild, zumal Werbung von Medienbeobachtern m.M. sowieso überschätzt wird.

  5. Im Artikel steht:
    [blockquote]Die Wirtschaft fördert kurzfristig orientiertes Handeln — Für die meisten Akteure der Wirtschaft und Industrie sind an langfristigen Zielen ausgerichtete Verhaltensweisen nicht interessant. Wer gesund lebt, gesund isst, Geld für persönliche Großprojekte oder das Alter spart und sich konsequent von allen Aktivitäten fernhält, die zu für Körper oder Seele schädlichen Suchtzuständen führen, der verhindert damit, dass vom Konsum lebende Unternehmen ihre Gewinnziele erreichen. Aus Sicht vieler Firmen sind gute Konsumenten solche, die sich von ihren Impulsen leiten lassen und möglichst wenig an den nächsten Tag, geschweige denn die nächsten Jahre denken.[/blockquote]

    Ich frage mich immer, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte. In meinem Verwandten- und Bekanntenkreis kenne ich keinen, der diese kurzsichtige Denkweise gut findet. Andererseits verstehe ich aber auch die Industrie, für die langlebige Angebote unkalkulierbar zu sein scheinen. Daher verstehe ich nicht, warum sich nicht Abo-/Leasing-Modelle weitflächig durchsetzen. Die scheinen meiner Meinung nach die beste Lösung zu sein: Der Anbieter kriegt regelmäßig Geld für die Quartalsbilanz, der Konsument bekommt einen entsprechenden Gegenwert. Viele Produkte muss ich ja nicht wirklich besitzen – die will ich einfach nur nutzen. Mal ehrlich: Wenn derzeit ein PC-Monitor nach drei Jahren seinen Geist aufgibt, und ich dann 150 Euro für einen neuen hinlegen muss, von dem ich wieder nicht weiß, wie lange er hält und wann ich ihn ersetzen muss — da würde ich lieber jeden Monat 5 Euro für einen Mietvertrag zahlen, und habe dafür einfach ein Gerät, das läuft. Bei Online-Angeboten sieht es genau so aus: Dienste wie etwa Spotify finde ich fair. Auch für User-Generated-Content Portale wie YouTube könnte ich mir vorstellen, monatlich zu bezahlen, damit der Anbieter einen stabilen, weitestgehend planbaren Gewinn hat.

    Aber vielleicht bin ich und mein Verwandten-/Freundeskreis nicht repräsentativ…

    DJ Nameless

    • Der Trend geht doch schon weg vom Eigentum zum Nutzungsrecht und das nicht nur in Bereichen wie Medieninhalte (in der es die angesprochene Problematik so ja nicht gibt), sondern beispielsweise auch im Bereich Mobilität.

      Ich kann mir gut vorstellen, dass Carsharing-Modelle als Ersatz für das Eigentum an einem Automobil sich weit durchsetzen werden.

      So etwas kann sich in vielen Bereichen durchsetzen, weil sich damit zusätzliche Konsummöglichkeiten für die Verbraucher eröffnen. Und das ist attraktiv.

3 Pingbacks

  1. [...] Für die meisten Akteure der Wirtschaft und Industrie sind an langfristigen Zielen ausgerichtete Verhaltensweisen (ihrer Kunden) nicht interessant. Gute Kunden sind solche, die sich von ihren Impulsen leiten lassen. Und diese Impulse können von den Akteuren immer passgenauer gesetzt werden. Indem sie klassische Werbeformen verlassen, online und mobil agieren. Thema Big Data. Den Artikel “Manipulation der Konsumenten – die dunkle Seite der Daten” auf netzwe… [...]

  2. [...] schlecht beurteilen. Bis zu dem Moment, an dem man mit genau diesen unerwartet konfrontiert wird. Daten sind das neue Öl. Natürlich ist mir klar, dass 99,9999% der versendeten Nachrichten aus “komme [...]

  3. Die dunkle Seite der Daten

    Ein guter Auftakt für die von mir schon so lange geforderte moralisch-ethische Diskussion rund um das Thema Datenschutz:

vgwort