Online-Körpervermessung:
Produktanpassungen bringen UpCload neue Kundschaft

Der Online-Körpervermesser UpCload nutzt seine bisherigen Erkenntnisse für Produktanpassungen – und wächst.

Das Online-Vermessungstool des Berliner Startups UpCload sei in seiner jetztigen Form gescheitert, hieß es in der Branchenpublikation TextilWirtschaft vor einigen Tagen. Zahlreiche Tech-Blogs griffen das Thema auf. Das Unternehmen hatte ein Verfahren zur Körpervermessung per Webcam entwickelt. Onlineshops können dieses in ihre Bestellumgebung einbetten, um Kunden bei der Größenwahl von Kleidungen behilflich zu sein und damit die Retouren zu verringern. Seit Mitte vergangenen Jahres war die Technologie bei Otto.de und damit erstmals bei einem größeren E-Commerce-Anbieter in der Sektion “Kleider” im Einsatz.

Wir wollten wissen, was genau dran ist an dem Bericht über das angebliche Scheitern des Verfahrens. Immerhin erschien der Ansatz der Hauptstädter auf dem Papier ziemlich innovativ. UpCload-Sprecher Steffen Poralla erklärte uns in einem Telefonat, dass der Tenor der jüngsten Medienberichte ein sehr verzerrtes Bild wiedergebe. Weder sehe man das Webcam-Vermessungstool als gescheitert an, noch sei die von TextilWirtschaft als angeblicher Ersatz titulierte “abgespeckte statistikbasierte Lösung” neu. Stattdessen habe UpCload diese seit jeher als Alternative für Onlineshopper angeboten, die aus Zeit- oder Kompatibilitätsgründen nicht auf das Webcam-Verfahren zurückgreifen konnten.

UpCloadWebcam-Vermessung für spezielle Nutzungsszenarien

Nutzer im hohen fünfstelligen Bereich haben bisher den fünf bis zehn Minuten in Anspruch nehmenden Vermessungsprozess per Webcam durchgeführt, erklärt Poralla. Im Laufe der Zeit hätten die Hauptstädter aber erkannt, dass sich dieser Aufwand in der Wahrnehmung der Onlineshopper nur bei bestimmten Kleidungsstücken lohne. Wer schnell in der Mittagspause ein T-Shirt oder eine Jacke im Netz einkaufen wolle, dem fehlen Zeit und Geduld für einen vergleichsweise langwierigen Vermessungsvorgang. Gleichzeitig lassen sich mit einer Handvoll Fragen zu Größe, Gewicht und Körperform und dem Abgleich mit der mittlerweile umfangreichen Körpermaßdatenbank von UpCload Körperprofile mit ausreichender Toleranz abbilden und damit treffsichere Größenempfehlungen generieren. Anders sieht es bei Maßanzügen oder maßgeschneiderten Hemden aus. Hier kommt es auf jeden Millimeter an. Entsprechend groß ist die Bereitschaft von Kunden, einen etwas längeren Prozess zu durchlaufen, um einen perfekt sitzenden Anzug zu erhalten.

Zahlreiche Neukunden

Diese Erkenntnis brachte die Hauptstädter dazu, das statistikbasierte Modell als Standardprodukt für große Onlineshops zu positionieren und die Vermessung per Webcam als spezialisierte Lösung für Anbieter anzubieten, deren Kunden Perfektion erwarten. Laut Steffen Poralla habe sich diese “Anpassung des Produkts” als äußerst positiv für das Unternehmen erwiesen. Acht Shops verwenden bisher das statistikbasierte UpCload-Werkzeug, darunter QVC (Damen-Top) und Dress-for-Less (Herrenhemden) – sämtliche außer Otto seien seit der Neuerung hinzugekommen. Weitere Interessenten befänden sich in der Pipeline.

Parallel kommt die Webcam-Vermessung bei einer Reihe von Onlineschneidern und Maßhemden-Anbietern zum Einsatz, darunter Knot Standard, Hemdwerk und Hemdschneider. Erstmals streckt das Startup seine Fühler auch außerhalb von E-Commerce aus: Der Fitnessdienst Kilograph lässt seine Anwender UpCloads Webcam-Vermessung einsetzen, um ihnen auf Basis der so ermittelten Daten beim Abnehmen zu helfen.

Neueinstellungen und zweites Geschäftsfeld

Knapp 20 Mitarbeiter sind bislang für UpCload tätig, weitere sechs Leute sollen eingestellt werden. Steffen Poralla betont, dass der jüngste Schwenk keineswegs mit einem “Abspecken” des Unternehmens verbunden ist. Mit der steigenden Zahl der Partner wachse auch der Umsatz, zumal bisher noch kein Shop nach der dreimonatigen Ausprobierphase wieder abgesprungen sei. Die Berliner zapfen derweil eine zweite Erlösquelle an: Künftig wollen sie sich mit ihrem statistikbasierten Modell auch im Geschäftsfeld Berufsbekleidung etablieren. Eine Zusammenarbeit mit ersten Partnern, die Mitarbeiter in der Automobilbranche mit Blaumännern ausstatten, ist bereits in trockenen Tüchern. Man hoffe hier, die bisher weitgehend manuell erfolgenden Prozesse der Größenermittlung so vereinfachen zu können, dass nur noch ein Eingabegerät – etwa ein Tablet – notwendig sei, in das die Angestellten ihre Maße eingeben.

USA gerät stärker ins Visier

Mit dem neuen Schwerpunkt auf dem statistikbasierten Größenguide verliert UpCload sein bisheriges Alleinstellungsmerkmal: Anbieter wie Fits.me, Virtusize und Clothes Horse verfolgen ähnliche Ansätze. Laut UpCload-Sprecher Poralla gebe es mittlerweile aber ohnehin andere Dienste, die ebenfalls die Vermessung per Webcam durchführen. Insofern sei man in diesem Gebiet zwar Pionier, aber nicht mehr ganz alleine. Zudem habe man im deutschsprachigen Bereich dank namhafter Shops einen deutlichen Vorteil gegenüber Wettbewerbern, und eine stetig durch Webcam-Vermessungen wachsende Datenbank an Körpermaßen sorge auch international für eine gute Ausgangslage. Neben der DACH-Region rücken die USA verstärkt ins Visier der Berliner, auch wenn sie vorläufig nicht vorhaben, auf der anderen Seite des Atlantiks ein Büro zu eröffnen. Europäische Nachbarländer sind laut Poralla ebenfalls interessant. Abgesehen von der Übersetzung – die teilweise bereits erfolgt ist – sei die Lokalisierung vergleichsweise einfach.  /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Das klingt ja wieder nach typisch deutsch. Da nimmt ein Unternehmen in seiner ursprünglichen Strategie Anpassungen vor, gilt es gleich als gescheitert.

Ein Pingback

  1. [...] Kritikern zufolge ist der Algorithmus, der nun (ohne Kamera) errechnet, ob die Kleidung passt, schon länger im Einsatz. Größenvorschläge sollen schon vorher anhand der Eckdaten des Körperbaus ermittelt worden sein. Es bestehen Zweifel, ob die Vermessungstechnologie so leistungsfähig war wie die der Konkurrenz, die vielfach auf Basis von Kinect arbeitet. Einen Rückzug für das Unternehmen soll der Strategiewechsel allerdings nicht bedeuten. Mehr zu den Hintergründen weiß man auf netzwertig.de. [...]

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