Chromecast:
Googles Streaming-Stick für den Fernseher mischt die Karten neu

Google bringt mit Chromecast einen HDMI-Stick in die Läden, der Medieninhalte von Smartphones, Tablets und PCs drahtlos auf den Fernseher streamt. Mit seiner radikalen Niedrigpreisstrategie nimmt das Unternehmen Konsumenten ohne existierende Set-Top-Box jedes Argument gegen einen Erwerb.

ChromecastVor etwas mehr als einem Jahr präsentierte Google auf der Entwicklerkonferenz Google I/O eine auf den Namen “Nexus Q” getaufte Kugel. Das Gerät auf Basis von Android sollte digitale Inhalte aus dem Google Play Store auf Fernseher und Lautsprecher streamen. Mit 299 Dollar war der Preis für dieses kleine schwarze Gadget nicht gerade niedrig angesetzt. Auch deshalb, weil es hinsichtlich seines Funktionsumfanges hinter Apples für weniger als die Hälfte angebotener Set-Top-Box Apple TV zurückblieb. Noch vor dem Marktstart erkannte Google, dass das Nexus Q auf dem besten Weg zum designierten Ladenhüter war. Kurzerhand wurden die Pläne für die exotisch anmutende Streamingkugel auf Eis gelegt. Man wolle das Gerät anhand der Rückmeldungen verbessern, hieß es.

Am Mittwochabend präsentierte der Internetkonzern ein Streaming-Gerät, das mit dem ursprüngliche Nexus Q nicht viel gemein hat. Statt “Nexus Q” heißt es “Chromecast“. Anstelle von Android kommt Chrome OS zum Einsatz. Das Design erinnert nicht an den Todesstern aus Star Wars sondern an einen billigen USB-Stick. Dafür kann sich der Preis sehen lassen: Gerade einmal 35 Dollar werden für das ab Montag vorläufig nur in den USA angebotene Minigadget fällig. Ob Chromecast die bisherigen Pläne des Nexus Q ersetzt oder ein paralleles Produkt darstellt, bleibt vorläufig offen.

Unschlagbarer Preis

Allein des Preises wegen sind die Chancen für Chromecast auf dem Massenmarkt um ein Vielfaches besser als für das High-End-Streaminggerät Nexus Q. 35 Dollar für ein einen HDMI-Stick, der dezent mit dem entsprechenden Anschluss moderner Fernseher verbunden wird und ein breites Spektrum an Webinhalten per WLAN auf die heimische Mattscheibe streamt, wird – entsprechender Vorrat vorausgesetzt – mit ziemlicher Sicherheit Hunderttausende zu Impulskäufen animieren. Zumal Chromecast nicht nur von Android-Geräten sondern auch von iPhone, iPad, Mac und Windows PC aus mit Content gefüttert werden kann. Chromecast ist in der Lage, Inhalte aus Chrome-Browsern sowie aus die entsprechende Schnittstelle integrierenden Apps darzustellen. Zum Anfang sind dies Netflix, YouTube, Pandora (demnächst), Google Play Movies & TV sowie Google Play Music.

Chromecast streamt auf Anweisung selbst

heise online bietet einen guten Überblick zu den technischen Spezifikationen von Chromecast. Ein ganz wichtiges Merkmal: Die Inhalte werden nicht von den “angeschlossenen” Geräten gestreamt, sondern direkt von Chromecast aus dem Netz geholt. Smartphone, Tablet oder PC geben dem HDMI-Stick lediglich eine Anweisung, von wo aus er den Content beziehen soll. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zum Konkurrenzprodukt Apple TV und dessen Übertragungsstandard AirPlay: Wer vom iPhone oder iPad Inhalte über Apple TV auf einen Fernseher streamt, bei dem werden diese Inhalte tatsächlich über das jeweilige mobile Gerät geladen.

Google-Manager Sundar Pichai erklärt in Googles Blogpost zu Chromecast und den anderen gestern vorgestellten Produktneuheiten (wie dem neuen Nexus 7 Tablet), dass dadurch Multitasking ermöglicht werde. Nutzer könnten also Filme, Musik oder Serien auf ihren Fernseher streamen und parallel über das “Abspielgerät” surfen. Pichai kann sich einen Seitenhieb auf “andere Streaminglösungen” nicht verkneifen, bei denen dies nicht gehe. Apple TV dürfte er damit jedoch nicht meinen. Mit meinem iPhone schicke ich regelmäßig Inhalte aus Apps über die Set-Top-Box auf meinen Fernseher, ohne dass die entsprechende App dabei stetig geöffnet sein muss. Abhängig ist dies jeweils von der AirPlay-Implementierung der Anwendung.

Googles Antwort auf Apple TV

Chromecast ist Googles Antwort auf Apple TV und AirPlay, eine zunehmend bedeutsame Produktkombination für Apple. Im Jahr 2012 handelte es sich bei 56 Prozent aller weltweit verkauften Streamingboxen um Apple TVs. Mit Chromecast wird sich dieses Verhältnis zweifellos verschieben. Das Gerät dürfte vor allem bei Besitzern von Android-Geräten und Windows-PCs gut ankommen. Ihnen mangelte es bisher an einem wirklich einfachen, nicht mit Gefrickel verbundenen Weg, Content drahtlos auf die heimische Mattscheibe zu befördern. Für Besitzer von iOS-Geräten wird die knapp dreimal so teure Appel-TV-Box aufgrund der “Maßanpassung” an iOS dennoch die erste Wahl bleiben – schon weil eine Vielzahl von iOS-Apps mittlerweile AirPlay-fähig ist. Apropos AirPlay: Das Musikblog evolver.fm merkt zurecht an, dass Chromecast nur bedingt eine Alternative zu der Übertragungsschnittstelle von Apple darstellt – denn Chromecast funktioniert nur mit TV-Geräten, während sich mittels AirPlay Inhalte von iPhones, iPads und Macs drahtlos an eine breite Palette an Hardwareprodukten senden lässt (eine genaue Gegenüberstellung der Funktionen von AirPlay und Chromecast gibt es hier).

TV-Fernbedienung wird überflüssig

Was Chromecast dagegen auf seiner Seite hat, ist eine Unterstützung der HDMI-Erweiterung HDMI-CEC. Diese erlaubt es bei entsprechend ausgerüsteten TV-Geräten, diese per Befehl vom Chromecast-fähigen mobilen Gerät aus dem Standby-Modus zu holen. Die Notwendigkeit einer separaten Fernbedienung entfällt. GigaOm-Autor Janko Roettgers könnte mit seiner Vermutung ins Schwarze treffen, dass es sich hierbei um eine scheinbar unbedeutende Eigenschaft handelt, die sich als “Killerfunktion” entpuppt, sobald Nutzer sie in der Praxis verwenden.

Erfolg ist absehbar

Dass ein kategorischer Google-Anhänger wie Jeff Jarvis über Chromecast jubiliert und nach eigener Aussage gleich drei der kleinen Sticks bestellt hat, sagt erst einmal wenig über das Potenzial des Produktes aus. Auch scheint er nicht wirklich zu wissen, wie Apple TV funktioniert, wenn er behauptet, die kleine Box mit dem Apfel würde im Gegensatz zu Chromecast nicht kompletten Zugang zur Welt von Webvideos bieten und stattdessen auf Inhalte angewiesen sein, die Apple in Form von Deals und Partnerschaften bereitstellt. Dennoch hat er bei vielen seiner aufgeführte Implikationen Recht. Chromecast könnte sich zu “Googles TV” mausern und die Karten auf dem noch immer relativ unterentwickelten Markt an der Schnittstelle zwischen Fernsehen und Internet neu mischen. Mit der Niedrigpreisstrategie und den geringen Maßen des Chromecast nimmt Google Konsumenten jedes Argument gegen einen Erwerb. Befindet sich das Ding erst einmal an Millionen von TV-Geräten, kann der Konzern mit nativen Apps und einem erweiterten Funktionsumfang weitere Maßnahmen ergreifen, um sich nach dem Misserfolg Google TV doch noch auf dem Fernseher breit zu machen. Chromecast sieht nach einer sehr erfolgsversprechenden Strategie aus, um dieses Ziel zu verwirklichen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Auf den ersten Blick eine tolle Sache: Einfach Stick rein und schon kann ich Dinge auf dem TV zeigen.
    Zweiter Blick:
    Empfohlen wird, das mitgelieferte Netzteil zu benutzen. Hmm, doch ‘nicht nur ein Dongle…
    Ohne Internet geht gar nichts. Nur im lokalen Netzwerk streamen ist nicht :(
    Content vom Device zum TV geht auch nur über den Umweg Internet.
    Das Ding kostet nur ein Drittel vom Apple TV, aber es bietet erheblich weniger.
    In den USA kann man die freien Netflixmonate gegenrechnen, dann ist es interessant.
    Nützt hier aber nichts.

  2. Sorry, aber wenn mein Smartphone direkt neben dem TV steht ist ein Umweg über das Internet (bzw. über Google) überflüssig wie ein Kropf.
    Das System dient nur der Kundenbindung an Google, das wars auch schon.

    Ein Raspberry Pi kostet nicht viel mehr, bietet aber u.a. einen richtigen Webbrowser und XBMC läuft auch.
    Dazu habe ich die freie Auswahl an Diensten und bin nicht auf die von Google freigeschalteten Anbieter angewiesen.

  3. Alle meine Inhalte muss ich dazu über Googles Server streamen?

    -Selbst vor PRISM, TEMPORA und GCHQ schon ein Unding, mit denen nun aber endgültig ein no-go

  4. Ich nutze iTV und bin damit sehr zufrieden. Da mich aber interessiert was die Konurrenz macht werde ich dies weiter beobachten. Hat ev. bereits jemand Erfahrung mit dem Chromecast gemacht?

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