Gründungen:
Auf Exit getrimmte Startups agieren respektlos

Nutzer wissen selten, welche Motive Gründer von Startups antreiben. Geht es ihnen um den schnellen Exit oder die Verwirklichung einer ernsthaften Vision? Die Erosion des Vertrauens schadet dem Ökosystem.

ExitIch habe mein Vertrauen verloren. Nicht in irgendwas, sondern in die Motive heutiger Startup-Gründer. Mir fiel dies gestern während eines Gesprächs mit einem Freund wie Schuppen von den Augen. Wir plauderten über neue Apps und ich erwiderte ihm, dass ich mittlerweile bei konzeptionell eher simplen Diensten grundsätzlich davon ausgehe, dass seine Macher zumindest irgendwo im Hinterkopf die Intention hegen, das Angebot relativ schnell an einen der führenden Internetkonzerne zu veräußern. Allzu oft folgt auf derartige Akquisitionen die Schließung des übernommenen Services. Den Käufern geht es häufig nur um das Team sowie dessen Know-how.

Die Volatilität und Mortalität des Startup-Ökosystems ist ein bekanntes Phänomen. Dienste und Apps kommen und gehen, nur den wenigsten gelingt der Durchbruch. Nutzer dürfen nie davon ausgehen, ein liebgewonnenes Angebot für alle Ewigkeit zur Verfügung zu haben. Freilich wäre es auch vermessen, von Gründern vorab eine Art Bestandsgarantie einzufordern. Jedes Jungunternehmen ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Im besten Fall liegen den Machern hinreichend Datenpunkte und Marktforschungserkenntnisse vor, um von einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit auszugehen. Im schlechtesten Fall folgen die Gründer einfach nur ihrem Bauchgefühl – mit entsprechend vollständig offenem Ausgang.

Problematisch wird es, wenn Entrepreneure von dem klaren Ziel angetrieben werden, ihre Entwicklung kurz- bis mittelfristig zu veräußern. Anstatt dass sie ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen für die Ewigkeit schaffen wollen oder zumindest einem langfristig ausgerichteten Plan folgen, geht es ihnen entweder um den schnellen Reichtum oder die Anstellung bei einem Webgiganten wie Google, Facebook, Twitter oder Yahoo. Instapaper-Macher Marco Arment beschrieb die Praxis der heutzutage sehr üblichen Talentakquisitionen als “Jobangebote mit einem dicken Willkommensbonus”.

Leider ist es extrem schwierig, vorab in Erfahrung zu bringen, was etwa das Gründerteam einer mobilen App antreibt. Wollen sie eine große Vision verwirklichen, die Welt verbessern, ein kleines, aber nachhaltiges Business aufbauen, oder motiviert sie allein die Hoffnung auf das große Geld?! Im Gegensatz zu einschlägigen Copycat-Schmieden, bei denen halbwegs informierte User im Vorfeld wissen, dass nach spätestens einigen Jahren ein Verkauf ansteht, machen “unabhängige” Projekte die Einschätzung der Motive schwer. Und natürlich findet sich kein Gründer, der unverholen zugeben würde, bei der erstbesten Gelegenheit einen Scheck entgegenzunehmen und seine bis dato akquirierten Nutzer sich selbst zu überlassen. Leider geschieht genau dies immer und immer wieder.

Als Anwender von Diensten, speziell im Social Web, investiere ich Zeit und Energie in die Nutzung und helfe dem jeweiligen Angebot damit bei der Etablierung. Das ist so lange angemessen, wie ich davon ausgehen kann, dass die Macher ernsthaft versuchen, ein solides, möglichst beständiges Geschäftsmodell aufzubauen. Fließt ihre gesamte Arbeit aber in das Aufhübschen einer von vorne herein zum Verkauf bestimmten und danach von der Schließung bedrohten Braut, dann handelt es sich um ein moralisch sehr bedenkliches, systematisches Ausnutzen der User. Denn die Gründer nehmen damit bereitwillig vom ersten Tag an in Kauf, dass die Anwender, die sie mit blumigen Versprechen zu sich locken, in einem Jahr wieder auf der Straße stehen.

In der perfekten Welt gäbe es nur Startups, bei denen die Zielvorgabe das eigenständige wirtschaftliche Bestehen ist (was einen Exit zu einem späteren Zeitpunkt natürlich nicht ausschließt). Doch von diesem Zustand sind wir weit enfernt. Leider führt dies zumindest bei mir zu einem Generalverdacht. Mir fällt es immer schwerer, frisch gegründeten Onlinediensten einen nennenswerten Teil meiner Aufmerksamkeit zu schenken, aus Sorge, dass die Macher diesem Investment nicht mit der angemessenen Wertschätzung gegenübertreten. Einen auf die Partizipation der User angewiesenen Service von Anfang an auf Exit zu trimmen, ist eine Respektlosigkeit, die dem gesamten Ökosystem schadet.

Vielleicht ist die Zahl derjenigen Gründer, die so denken, geringer als von mir skizziert. Ich appeliere an alle Jungunternehmer, Nutzer nicht für den schnellen Exit zu instrumentalisieren. /mw

(Illustration: Bribe, Shutterstock)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Hallo,

    ich selber arbeite gerade an einem neuen Service – einer App. Allerdings habe ich mich für den aktuellen Job bei DieProduktMacher genau deswegen entschieden, weil eben kein Exit angestrebt wird. Wir agieren langfristig angelegt mit dem tatsächlichen ziel Mehrwerte zu schaffen und sinnvolle und helfende Services zu bauen. Einen guten Service aufzubauen, ein laufendes Unternehmen gibt Unabhängigkeit und damit auch ein Stückweit die Ruhe.

    Ich habe in meiner Vergangenheit schon in einem Startup gearbeitet, in dem das das klar kommunizierte Ziel war. Es motiviert einen, aber es maht auch Angst – aus Arbeitnehmersicht zumindest. Wenn einen das aber genau antreibt…

    Ich denke solange es sich in der Wage hält zwischen tatsächlichen Mehrwertbuildern und Exitjägern…

  2. Gutes Posting! Ich halte auch nichts davon, direkt auf Exit-Strategie zu gehen. Wenn man eine Idee hat, seinen Traum verwirklichen will wie wir bei http://www.keeeb.com – dann kann es nicht dein Primärziel sein.

    Okay, wenn Unternehmen X daher kommt und mir 500 Mio auf den Tisch legt, dann bin ich dabei. Aber die letzten Übernahmen von Yahoo (snip.it) und Salesforce (Clipboard) wären mir PERSÖNLICH zu gering an Wert. Wobei ich bei Clipboard eh an einen Firesale glaube (aber deren User gern zu uns gekommen sind, siehe http://blog.keeeb.com/pos…ipboarders-get-ready)

    Bye
    Marc

  3. Wie und warum jemand ein Start Up gründet, sollte man jedem selber überlassen. Die letzten Jahre haben gezeigt, das viele der Gründer zu lange festhalten und dann komplett “weg vom Fenster” sind. Also, Freiheit auch für Start Up Gründer.

  4. Mal zwei Gegenargumente:
    a) Ich kenne nur wenige Verkäufe wo die Gründer nach dem Verkauf sofort reich waren und das Unternehmen verlassen haben.
    b) In der Anfangszeit eines Unternehmens arbeiten die Gründer teilweise 200%. Auch über die ersten Monate nimmt das nicht immer ab. Dabei verdienen viele nicht immer marktübliche Löhne und gehen zu dem auch noch große Risiken ein. Da ist es doch verständlich auch über den Verkauf die entsprechende Entlohnung zu erzielen

    Außerdem wenn wirklich gute Ideen entstehen, werden diese auch am Markt weitergeführt. Da ist dann schließlich zweitrangig ob verkauft oder gründergeführt.

    Aber klar es gibt auch schwarze Schafe die etwas aufblasen und zu Preise verkaufen die sich nur schwer rechtfertigen lassen. Aber solche negativen Beispiele gibt es in allen Branchen.

    • Womöglich hab ich mich undeutlich ausgedrückt. Auch bei Facebook wurde der Artikel offensichtlich als gundsätzliche Kritik an Exits angesehen, was überhaupt nicht meine Intention war.

      Was ich kritisiere: Gründer, die ein Startup ohne langfristige Vision sondern mit dem kurzfristigen Ziel eines Exits starten, dabei erst einen Lock-In der User schaffen und sie zu Partizipation bringen, um sie dann quasi fallen zu lassen, und denen es relativ egal ist, ob nach der Übernahme der Dienst kurzerhand geschlossen wird.

  5. 24.07.2013 – Martin, Glückwunsch, es hat ja lange gedauert, bis Du diesen Mechanismus entdeckt hast ;-)

    Nein, Spaß beiseite. Natürlich neigen die Macher, der besonders einfachen Dienste im B2C-Bereich dazu, ganz besonders aufmerksam nach einem lukrativen Exit zu schauen.

    Daran ist nichts verwerflich, und es sollte auch Niemanden wirklich überraschen.

    Solange es die großen, etablierten Unternehmen mit überzogenen Machtverlustkomplexen gibt, gibt es auch Unternehmen, die versuchen werden, diese Komplexe für sich zu nutzen.

    So funktioniert die Wirtschaft. Überall.

  6. Eine Ergänzung zu meinem letzten Kommentar:

    Die “Machtverlustskomplexe” entstehen auch nur dort, wo das jeweilige Unternehmen weiß, dass seine eigenen Produkte sehr einfach zu kopieren sind.

    Und es sind primär eben diese Unternehmen, die einfach zu kopierende Produkte haben, und, die kleine Wurschtelbuden aufkaufen, wenn sie ahnen, bemerken und fühlen, dass Diese ein gewisses Momentum erreicht haben, dass Ihnen selbst schädlich werden könnte.

    Ein sehr bildhaftes Beispiel: wenn Deine Falafelbude soviel Glück hatte, und zum richtigen Zeitpunkt da warst, dass sie zum Gourmet-Tempel erwachen ist, über X Jahre. Dann schaust Du sehr genau, welche drittklassigen Imbissbuden im näheren Umkreis aktiv sein, weil Du weißt, dass diese Dir jederzeit das Wasser abgraben könnten, und aufsteigen könnten, weil DU selbst weißt, dass Du auch nur so an die Spitze gelangt bist. Man könnte auch behaupten, dass Du nur Glück hattest — was aber niemand mehr, Dir ob Deiner Größe, andichten würde — aber, wenn doch, dann wüsste man, warum Du Dir soviel Mühe machst, um die kleinen Wurschtelbuden zu vernichten. Oder um sie aufzukaufen.

    Es gibt natürlich auch Unternehmen, die darauf aus sind, Kompetenz zu acquirieren, zu akkumulieren. Das ist aber eine andere Story, ich glaube kaum, dass wir hier von Diesen sprechen, nicht wahr?

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