Trotz Internet:
Öffentlicher Wissensstand und Realität klaffen weit auseinander

Eine Studie belegt: Briten sind in vielen wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen falsch informiert. Daraus ergeben sich Herausforderungen für künftigen Journalismus.

InformationEiner der entscheidenden Vorteile des Internets ist der im Prinzip uneingeschränkte Zugang zu Informationen und Wissen unabhänging von sozialem Status, finanziellen Mitteln oder Art des Zugriffsgerätes. Ein persönlicher oder gemeinsam mit anderen genutzter, mit dem Netz verbundener Rechner oder alternativ ein internetfähiges Mobiltelefon sowie minimale Kenntnis über vertrauenswürdige Quellen und Recherchemethoden genügen, damit sich Menschen an jedem Ort dieses Planeten mit einem schier unbegrenzten Fundus an historischem und aktuellem Wissen versorgen können. Noch vor 20 Jahren genossen lediglich Bessergestellte und Intellektuelle ein derartiges Privileg.

Ausgehend von dieser Tatsache wäre zu vermuten, dass Menschen heutzutage abgesehen von bewusster Verschleierung durch Politik und Wirtschaft deutlich seltener einer kollektive Desinformation erliegen, als dies in der Prä-Digital-Ära der Fall war, in der die Hürden für einen umfassenden Informationsbezug deutlich größer waren. Doch eine britische Untersuchung kommt zu einem ganz anderen Ergebnis:

Umfrage zeigt: Briten sind falsch informiert

Laut der repräsentativen Studie unter 1015 Briten zwischen 16 und 74 Jahren liegt die subjektive Einschätzung der britischen Öffentlichkeit in wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen jeweils weit von der Wirklichkeit entfernt. Ob Missbrauch von Sozialleistungen, Einwanderung, Kriminalität, Schwangerschaft von Minderjährigen oder der Anteil von Hilfszahlungen an das Ausland am Gesamtbudget der Regierung – grundsätzlich klaffen die Vorstellung der Briten und Realität weit auseinander. Die Briten glauben, dass 34 mal mehr Geld in widerrechtlich bezogene Sozialleistungen fließt, als dies tatsächlich der Fall ist. Sie gehen auch von einer steigenden Kriminalitätsrate aus, obwohl diese statistisch fällt. Ein Drittel vermutet zudem, dass die Gesamtausgaben für Arbeitslosenunterstützung über denen der Rentenleistungen liegen. Tatsächlich fließt das 15-fache in die Pensionen.

Ohne historische Vergleichswerte und eine genauere Unterteilung in soziodemografische Milieus lässt sich nicht sagen, welchen Einfluss das Aufkommen des Internets im Zeitverlauf auf den Informationsstand der britischen Öffentlichkeit hatte. Die Studie macht allerdings deutlich, dass die Existenz des Internets nicht dazu geführt hat, dass breite Teile der Gesellschaft einen realitätsgetreuen Überblick über wichtigen Themen des öffentlichen Interesses erhalten haben. Kein Wunder, sind die korrekten Details oft irgendwo “versteckt”, während die auf der Insel besonders starken Boulevardmedien gerne bis ins Unerträgliche polarisieren und nicht selten den Wahrheitsgehalt von Geschichten und Ereignissen der Auflage unterordnen.

Systemisch bedingt

Bis zu einem gewissen Grad ist die Falscheinschätzung von Sachverhalten ein Resultat des Medien- und Politiksystems, bei dem es immer auch um interessengerechte Einflussnahme geht, nicht nur um Informationsvermittlung. Zudem beeinflussen ökonomische Zwänge die Themen- und Schwerpunktauswahl. Daran wird sich nie etwas ändern. Auch gehört es zum menschlichen Naturell, dass bestimmte Informationsfetzen sich besonders hartnäckig in der Erinnerung halten und damit in der subjektiven Bewertung ein ungerechtfertigt großes Gewicht einnehmen.

Aufgabe des Journalismus gerät aus den Augen

Dennoch sollte der eigentliche Auftrag der Medien meines Erachtens nach darin liegen, Menschen ein möglichst zutreffendes Bild der Realität zu vermitteln – mit all ihren Facetten. Ausgehend von den Studienergebnissen muss man feststellen, dass die Presse diesem Auftrag nicht zufriedenstellend gerecht wird – weder im traditionellen Sektor, noch im Netz.

Viele Medienunternehmen, Verlage und Branchenbeobachter sinnieren intensiv darüber, wie die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter aussehen könnte. Mit Blick auf den Informationsstand der britischen Öffentlichkeit zumindest müsste die Antwort wohl lauten: anders als bisher. Denn Journalismus als Selbstzweck, der das eigentliche Ziel dieser Profession aus dem Auge verliert, ist nichts, was man retten müsste.

Der Journalismus der Zukunft muss nicht nur finanzierbar sein, sondern sich auch auf seine Grundaufgabe besinnen: die Wahrheit zu verbreiten. Zu überprüfen, inwieweit die öffentliche Einschätzung in Schlüsselfragen der Realität entspricht, erscheint da wie ein geeignetes Instrument, um die Qualität der Medienarbeit zu bewerten. /mw

via twitter.com/tilojung

(Foto: Information published, Shutterstock)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Bei so viel Idealismus und Medienschelte fehlt in dem Artikel eigentlich nur noch ein knackiges Zitat von Will McAvoy aus der HBO-Serie “The Newsroom”.

    Ja, die Boulevardmedien in Großbritannien mögen etwas unangenehmer als im deutschsprachigen Raum sein. Einen Mangel an seriösen Medien – ob klassisch oder “neu” – gibt es dort aber mit Sicherheit nicht.

    Hinzu kommt: Die Briten können mit Englisch als Muttersprache aus sehr, sehr viel mehr Quellen schöpfen, um sich zu informieren. Zugegeben, in der Untersuchung ging es um spezielle Inlandsthemen, aber im Artikel wird ja ein ganzes Stück weiter ausgeholt.

    Das Problem liegt so oder so nicht auf der Angebotsseite. Die Leute sind nicht schlecht informiert, weil es nicht genügend gute Informationsquellen gibt oder diese zu schwer zu finden wäre. Es ist nicht schwieriger, am Kiosk oder im Web zum Guardian statt zur Daily Mail zu greifen/klicken.

    Und mit der BBC leistet sich Großbritannien ein international anerkanntes, extrem umfangreiches öffentlich-rechtliches TV- und Radioangebot inklusive der Verlängerung ins Netz.

    Nein, wirklich, das liegt schon an den Briten selbst. Und ich bezweifle, dass die Deutschen besser informiert sind in den genannten Bereichen.

    Wozu sollte man allerdings die Summen benennen können, die beispielsweise für Sozialleistungen aufgewendet werden? Das sind Details, die der normale Bürger in einer repräsentativen Demokratie nicht kennen muss.

    Problematisch wird das Nichtwissen, wenn sich Bürger in Themen einmischen (durch Demonstrationen, Petitionen, öffentliche Diskussionsbeiträge, Bürgerinitiativen…), von denen sie keine Ahnung haben.

    Damit spreche ich mich nicht gegen Bürgerbeteiligung aus, aber lautstark einmischen sollte man sich nur, wenn man etwas Ahnung vom jeweiligen Thema hat bzw. im sich konkreten Fall informiert.

    Finanzierung von Journalismus durch Besinnung auf seine Grundaufgabe? Nein, gerade nicht, fürchte ich! Mit anspruchsvollen Inhalten erreicht man sehr viel weniger Menschen als mit Boulevardthemen und – ich nenn es jetzt mal so – Belieferung mit Informationen, die ins Weltbild der jeweiligen Zielgruppe passen.

    Legt man die Messlatte in puncto Qualität zu hoch an, erreicht man nur noch wenige Nutzer. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es für hochwertigen Paid-Content eine gewisse Nachfrage gibt.

  2. Es gibt zwar Journalismus auch schon wieder einige Jahre im Internet, aber seine Etablierung steht immer noch weit am Anfang. Ökonomisch, formatlich, medial und strukturell. Noch mehr in den Anfängen steckt der Medienwandel von Print zu Online, wenn man sich die zwar zurückgehenden, aber immer noch hohen Verkäufe von Printmedien anschaut. Insofern verwundern die Zahlen nicht und sollte man sich von den Kraut- und Rüben-Informationen im Internet keine schnellen Besserungen erwarten. Struktur ist zusammen mit der Verwertung das größte Problem von Informationen im Chaos Internet – wird hier aber bisher viel weniger angegangen als in sämtlichen jahrhundertelang feinsäuberlich sortierten und strukturierten Printmedien. Journalismus und Wissen im Internet aufbauen heißt also zuallererst Ordnung und Struktur reinbringen. Spiegel Online hat hierbei neben Wikipedia erste gute Ansätze geleistet, das war’s aber auch schon.

vgwort