Gesellschaftlicher Sinneswandel:
Die Snowden-Leaks und der mögliche Anfang vom Ende der Netzgiganten

Auch wenn niemand weiß, ob die Überwachungsskandale nachhaltig das Verhalten der Digitalbürger beeinflussen: Ein übler Nachgeschmack bleibt. Dieser bedroht die führenden Netzgiganten.

Google GlassEs ist schwer zu quantifizieren, welche Langzeitauswirkungen die von Edward Snowden aufgedeckten Überwachungsskandale auf die Haltung der Menschen zum Internet, auf ihr Verhalten im Netz und auf ihre Akzeptanz der tonangebenden Onlinedienste haben wird. Angesichts der doch weitreichenden Berichterstattung über Prism & Co in Massenmedien ist sicher, dass Millionen allein in Deutschland von den Praktiken der Geheimdienste erfahren haben. Ob sie davon ausgehend irgendetwas in ihrem Surfalltag verändern werden oder gar unter die sorgfältigen Verschlüsseler gehen, ist dagegen ungewiss. Zahlen aus der Schweiz zeigen: Rund ein Viertel der dortigen User erwägt Veränderungen bei der Onlinenutzung. Diese Erwägung garantiert natürlich nicht, dass es tatsächlich dazu kommt. Aber ein übler Nachgeschmack wird bei vielen zurückbleiben. Dieser kann sich für die führenden Webkonzerne zu einem großen Problem entwickeln.

Denn wer einmal für Datensicherheit- und Überwachungsfragen sensibilisiert ist, reagiert mitunter anders auf Produktvorstöße der Netzgiganten als zuvor. Herausfinden kann dies jeder und jede im Selbsttest, in Form einer Reflexion über aktuelle, Datenschutzfragen tangierende Neuigkeiten aus der Welt von Twitter, Facebook und Google.

Twitter analysiert Surfverhalten der Nutzer

In der vergangenen Woche lüftete Twitter den Vorhang einer neuen Anzeigeninitiative. Wie Konkurrent Facebook und zahlreiche Onlinevermarkter wird der Microbloggingdienst Retargeting einsetzen. Mittels Cookies wird das Surfverhalten der Nutzer außerhalb der Twitter-Welt analysiert. Die so gewonnenen Erkenntnisse über Präferenzen fließen dann in die Auswahl der Werbebotschaften ein, die User innerhalb ihrer Timeline zu Gesicht bekommen. Außerdem sollen Werbekunden in die Lage versetzt werden, per E-Mail-Adressabgleich Anzeigen an Twitter-Anwender ausliefern zu lassen, die sich bereits in ihrer Adressdatenbank befinden.

Facebook ermöglicht genauere Datenauswertung

Unterdessen hat Facebook damit begonnen, seine vor sechs Monaten vorgestellte semantische Suchefunktion “Graph Search” allen Anwendern der US-amerikanischen Sprachversion des sozialen Netzwerks verfügbar zu machen. Sie erlaubt neue Rechercheansätze, um diejenigen Personen aus dem eigenen Kontaktnetzwerk oder der übergreifenden Anwenderschaft zu finden, die bestimmte Interessen oder Eigenschaften mitbringen – stets abhängig von individuellen Privatsphäreeinstellungen. Graph Search hilft dabei, Merkmale und Zusammenhänge aufzuzeigen, die in dieser Form aufgrund fehlender Suchwerkzeuge bisher nicht zu Tage gefördert werden konnten – was manchen charakterlichen Widerspruch offenbart.

Google Glass filmt Festnahme

Während Twitter und Facebook Vermarktungs- und Produktinitiativen vorantreiben, gibt Google seiner Cyberbrille Glass den letzten Feinschliff und lässt einen kleinen Kreis von “Explorern” Alltagserfahrungen mit der Augmented-Reality-Sehhilfe machen. Für Schlagzeilen sorgt nun die mutmaßlich erste zufällig mit Glass gefilmte Festnahme. Der Clip gibt einen Vorgeschmack auf die “Little Brother”-Gesellschaft, die durch am Körper getragenen Always-On-Kameras am Entstehen ist.

Grenzen werden kontinuierlich ausgedehnt

Die drei voneinander unabhängigen Nachrichtenereignisse haben eines gemeinsam: Sie dehnen auf individuelle Weise die Grenzen des Privatsphärebegriffes aus und basieren auf einer umfassenden Datensammlung. Freilich unterschiedlich stark ausgeprägt. Twitters Retargeting-Bestrebungen sind mit Blick auf gängige Branchenpraktiken vergleichsweise harmlos und besitzen den Vorzug besser an individuelle Interessen angepasster Anzeigen, wurden aber von den Kaliforniern zu einem durchaus ungünstigen Zeitpunkt lanciert. Facebooks Graph Search geht da schon weiter, weil sie rückwirkend Kontext auf Basis von Daten schafft, ohne dass Anwender zum Zeitpunkt des individuellen Publizierens dieser Daten darüber informiert waren, was sich mit diesen in ferner Zukunft anstellen lässt. Google Glass stellt die Speerspitze der gefühlten, technisch getriebenen Erosion der Privatsphäre dar, da es im Prinzip die Grundlage für Retargeting im “Offline”-Leben schafft. Was das Cookie im Netz ist, ist eine filmende Cyberbrille draußen auf der Straße.

Neubewertung von Kosten und Nutzen

Alle diese Vorstöße besitzen positive wie negative Seiten, das soll an dieser Stelle nicht unter den Tisch fallen. Doch im Fahrwasser der staatlichen Internetüberwachung ist mit einem wachsenden Bedarf an einer gesellschaftlichen Neubewertung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses von die etablierten Normen ausdehnenden technischen Maßnahmen zu rechnen. Bei vielen kommt jetzt im Bewusstsein an, welche massive Weichenstellung des Internet für die Menschheit bedeutet. Sie erkennen, dass scheinbar harmlose persönliche Entscheidungen im Umgang mit den neuen Möglichkeiten weitreichende Auswirkungen haben können, und dass Missbrauch nicht nur theoretisch vorstellbar ist, sondern bereits erfolgt – und das sogar durch den Staat selbst.

Das Dilemma der Webriesen

Für die führenden Webkonzerne ergibt sich dadurch eine komplizierte Situation. Nicht nur nehmen Anwender ihnen die – mutmaßlich unfreiwillige – Komplizenschaft bei den Überwachungsaktivitäten von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden übel (Twitter versperrt sich denen bisher als einer der wenigen Anbieter) – gleichzeitig blicken manche von ihnen nun kritischer auf die Produkte selbst. Und das je nach Sachlage sogar zurecht.

Im für die großen, zentralisierten Internetunternehmen besten Fall gewöhnt sich das Gros der Netzpopulation schnell an das neu gewonnene Bewusstsein über die tatsächlichen Ausmaße der Gläsernheit und findet sich mit diesem Schicksal ab. Im für sie ungünstigsten Szenario aber hindert ein aufkeimender breiter öffentlicher Widerstand gegen den Verlust der Privatsphäre im digitalen Zeitalter die Firmen daran, die Schritte einzuleiten, die für ihr wirtschaftliches Vorankommen in den nächsten Jahren erforderlich sind. Denn ihre Geschäftsmodelle sind davon abhängig, möglichst viel über User in Erfahrung zu bringen. Stagnation wäre für die auf kontinuierliches Wachstum ausgelegten und entsprechend finanzierten Anbieter fatal. Die Snowden-Leaks könnten so beiläufig sogar den Niedergang einer ganzen Generation an Webplattformen einleiten. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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11 Kommentare

  1. nur kurz als einwurf, twitter braucht keine cookies um nutzer zu analysieren: http://highscalability.co…0m-active-users.html

    das durch die presse gejagte schwein ‘big data’ – welches fachpersonal schon einige jahre beschäftigt sorgt einfach dafür das man nurnoch die gesammelten informationen auswerten muss.

    • Wer hat eigentlich den dusseligen Namen Big Data erfunden? Die Daten sind ja nicht größer als andere, nur mehr davon. Ich kenne das aus der Zeit, als Teradata gegründet wurde. 1990? Allerdings hieß es immer Database Mining, später Data Mining. Als ich zum ersten Mal Big Data las, wusste ich nicht, dass es die alte Sau in einem neuen Dorf ist.

    • Sehr interessanter Link, danke. Letztlich helfen Cookies trotzdem, Twitter weiteren Kontext zur Verfeinerung von Werbung zu geben. Und beim Retargeting kommen Cookies zum Einsatz. Du besuchst beispielsweise Amazon, kaufst nix aber schaust dir die Bohrmaschinen. an. Am nächsten Tag siehst du in deiner Twitter-Timeline einen “Promoted Tweet” von Black & Decker. Als erfundenes Beispiel.

  2. Weniger Naivität im Umgang mit dem Internet wäre ein schöner Nebeneffekt.

    Ich glaube allerdings nicht, dass es zu einer grundsätzlichen Neubewertung durch einen nennenswerten Teil der Bevölkerung kommt. Und was sollte das Ergebnis sein?

    Wer Angst davor hat, dass man Daten gegen ihn verwendet, kann sich wirksam nur durch Datenvermeidung dagegen schützen. (In ein paar Bereichen wie Instant Messaging etwa mag auch Verschlüsselung einen wirksamen Schutz bieten – in diesem Fall auch, weil man diese Daten ja nur mit einem oder sehr wenigen anderen Menschen teilen möchte.)

    In Bezug auf Graph Search bei Facebook ist zu bedenken, dass Facebook ein widernatürlich (mit Blick auf das Internet) geschlossenes System ist. Der Normalfall ist doch, dass im Netz veröffentlichte Informationen für alle Internetnutzer auf der Welt einsehbar sind.

    Und alles, was öffentlich irgendwo im Netz steht, kann von jedem (!) gesammelt und ausgewertet werden. Zum Beispiel mein Kommentar hier. Jeder, der ein Profil über mich anlegen möchte, kann daraus Informationen ziehen. Nimmt man bloß alle Kommentare, die ich unter Klarnamen jemals veröffentlicht habe, zusammen – und das ist ja nicht schwierig – lassen sich daraus eine Menge Rückschlüsse auf meine Persönlichkeit, meine Ansichten, Vorlieben, Gewohnheiten (allein schon die Angaben von Datum und Uhrzeit bei den Kommentaren bieten da einiges!) und und und ziehen.

    Kurz gesagt: Social Media ist des Teufels. Jedenfalls müsste sich diese Ansicht durchsetzen, damit sich wirklich was ändert. Ist das realistisch?

    Ein Wort noch zu Google Glass, weil ich mich schon so auf die AR-Brillen freue: Es wird für die Unternehmen Zeit, die positiven Aspekte dieses Überwachungs-Plus herauszuarbeiten und deren Nutzen im Alltag herauszuarbeiten

    Sehr überzeugend könnte sein, in einer Bedrohungssituation innerhalb eines Augenblicks einen Live-Videostream zur Notrufzentrale starten zu können, natürlich mit Übermittlung des genauen Standorts. Und da sind wir auch bei Datensparsamkeit: Anstatt permanent und auf Vorrat an zahlreichen Orten in der Stadt mit herkömmlichen Überwachungskameras Videos aufzunehmen, wäre es viel besser, erst bei einem konkreten Anlass zu filmen – was auch jemand sieht, der sofort Maßnahmen ergreifen kann.

    Für medizinische Notfallsituationen würde eine solche Anwendung vermutlich noch größeren Zuspruch erhalten. AR-Brillen wie Google Glass könnten als Lebensretter positioniert werden.

    • Google Glass macht Datenvermeidung unmöglich. Im Internet ist das meiste opt-in. Wenn ich mich nirgendwo anmelde und keine persönlichen Daten eingebe, kann ich auch durch Cookies und Ähnliches nur als anonymer Nutzer ohne Zusammenhang mit meiner Identität verfolgt werden. Spätestens durch Deaktivierung con Cookies, JS und Flash + Incognito-Tab ist Schluß. Google Glass dagegen nimmt mir das Recht auf Datenvermeidung. Jeder Glass-Nutzer kann (und wird) Daten über mich erheben, ohne dass ich explizit um Erlaubnis gefragt werde.
      Social Media ist auch nicht zwingend des Teufels. Die Weitergabe von persönlichen Daten könnte Form auch schlicht verboten sein, ohne dass ich jeder Weitergabe explizit zustimme. Dann muss man eben Piwik statt Google Analytics nutzen, und Youtube-Einbettungen werden eben durch den klassischen Link, eine auf dem eigenen Server liegende Thumbnail oder eine neu entwickelte Lösung ohne IP-Weitergabe ersetzt (wobei die Einbettung ein gewollter Aufruf ist, von daher wäre dies wohl kein Problem, je nach Rechtslage).
      Interessante Cloud-Dienste gibt es in fast jedem Land, solchen mit geringem Datenschutz (USA) und mit recht hohem (Norwegen). Ich denke, die Startups, Hobby-Entwickler und Cloud-Riesen würden auch mit einem massiv verstärken Datenschutzrecht interessante Dienste entwickeln können. Bei Autos und IT-Hardware beschwört die Industrie bei jeder Verschärfung der Umweltbestimmungen ebenfalls den Untergang der Welt herbei (und ihren Umzug nach China). Mit der nächsten Produktgeneration sind die verschärften Regeln meist kein Problem mehr.

  3. @George: Da widerspreche ich, Google Glass ist doch letztlich auch nur ein Smartphone, das man auf der Nase trägt.

    Was den Einsatz der Kamera angeht, müsste man sich angesichts der Rechtslage in Deutschland überhaupt keine Sorgen machen – könnte man davon ausgehen, dass dem Recht Geltung verschafft würde.

    Schon jetzt ist doch – ich werfe einfach mal eine Zahl in den Raum – jedes dritte auf Facebook, Instagram etc. gepostete Bild illegal dort, weil Persönlichkeitsrechte anderer Menschen verletzt werden. AN DIESEM Punkt muss angesetzt werden. (Und da sind ja dann nur die veröffentlichten Bilder – schon für das Fotografieren braucht man ja die Einwilligung des Fotografierten.)

    Social Media wie wir es kennen basiert ganz wesentlich auf Klarnamen bzw. dem Abbilden echter sozialer Beziehungen. Das Problem ist hier doch weniger, dass über Cookies etc. Spuren entstehen, sondern dass man unter seiner echten Identität (womit ich hier genug Leuten bekannte Pseudonyme beispielsweise einschließe) Beiträge leistet.

    Ja, ein anderes (Mitmach-) Internet wäre möglich, so wie Du es beschreibst. ABER: Da werden nicht viele Leute mitmachen.

    Warum das funktioniert, lässt sich beim Blick auf den Bereich Instant Messaging leicht verstehen: WhatsApp ist doch nicht zuletzt deshalb so extrem erfolgreich, weil es den Usern das Ganze so leicht macht, indem das Telefonbuch des Smartphones genutzt wird.

    Genau diese Einfachheit wollen die Leute – da kann die App alle möglichen Berechtigungen fordern, die Leute nutzen sie trotzdem.

    • Ich bin mir nicht sicher, ob die rechtliche Lage da so eindeutig ist, was Glass betrifft.

      Schließlich gilt bei Fotos die Ausnahmeregelung, dass man keine Genehmigung von den gezeigten Personen benötigt, wenn es sich dabei um Menschenmassen handelt und es jetzt nicht darum geht einzelne Personen aufzunehmen / zu portraitieren.

      Überträgt man diese Regelung auf Videoaufnahmen (z.B. Urlaub am Strand) dürfte es rechtlich ähnlich aussehen, wenn man beim Schwenk über die Bucht noch andere Menschen ins Bild bekommt. Wäre ja sonst auch unsinnig.

      Nur hat die Kamera, die man in der Hand hält einen ganz anderen Stellenwert. Sie ist für jeden sichtbar. Sie ist unbequem, sodass niemand auf die Idee kommen würde seinen ganzen Tagesablauf zu filmen. Und sie ist weniger stark mit Social Media vernetzt, als das bei Google Produkten der Fall ist.

      Ich denke es würde kein Camcorder-Nutzer auf die Idee kommen, mit der Kamera seine Shoppingtour durch die Fußgängerzone zu filmen und dann in die Cloud bzw. auf Social Media Plattformen für Freunde, Bekannte oder die Öffentlichkeit hochzuladen.

      Oder schlimmer noch: Über LTE und andere moderne Übertragungsmethoden live zu übertragen.

  4. @Phinphin: Ja, wenn die Personen nur Beiwerk sind, muss man bei Aufnahmen nicht fragen. Aber ist das wirklich ein Problem in Bezug auf AR-Brillen wir Google Glass?

    Eine herkömmliche Kamera beim Gang durch die Fußgängerzone laufen zu lassen, wäre meiner Ansicht nach bereits problematisch. Schließlich kommen da eine Menge Leute auch “ganz groß ins Bild”. Die Grenze ist meiner Einschätzung nach da bereits überschritten – entsprechend wäre sie das auch beim Filmen mit Google Glass.

    Weniger stark mit Social Media vernetzt? Das kann man so pauschal nicht mehr sagen, Social-Media-Funktionen werden in immer mehr Fotoapparate integriert.

    Und das Fotografieren und Filmen mit dem Smartphone ist aus Deiner Sicht ja auch noch okay, wenn ich Dich richtig verstanden habe.

    Warum sollte man seine komplette Shoppingtour Filmen und auf Social-Media-Plattformen hochladen wollen? Aber WENN man es wollte, bräuchte man dafür keine AR-Brille.

    Die Frage, was gefilmt werden darf und welche Regeln für das Veröffentlichen von Aufnahmen gelten soll, muss meiner Meinung nach sowieso neu diskutiert werden. AR-Brillen sind da neben anderen technischen Entwicklungen ein Grund von mehreren.

    • Ich würde nicht sagen, dass es ein AR-Brillen spezifisches Problem ist. Ich denke aber, dass dieses Problem mit diesen Brillen in Mode kommt. Wenn jemand mit einer normalen Kamera filmt, dann tut er dies aktiv, um die Szene festzuhalten. Die AR-Brillen filmen nebenbei, während der Träger seinem Alltag nachgeht. Die Folge davon könnte aufgrund der einfacheren Handhabung und des “Hightech-Flairs” sehr viele Nutzer dieser Technologie geben wird.

      Meiner Meinung nach wäre die ganze Filmerei natürlich auch mit der normalen Kamera bedenklich.

      Dass es mittlerweile auch Fotokameras (und natürlich Smartphones) gibt, mit deren Hilfe man kleine Videos oder Bilder ins Netz stellen kann, ist auch an mir nicht vorbeigegangen ^^. Allerdings ist der Informationsgehalt auf Bildern oder Kurzvideos sehr viel geringer, als wenn ein Nutzer zwei Stunden Fußgängerzonenvideomaterial überträgt und publiziert.

      Was die Frage nach dem Warum betrifft: Weil es Menschen gibt, die es interessieren wird. Es gibt mittlerweile millionen von Haul-Videos auf Youtube, in denen Nutzer ihre neusten Kleider, Schminke und sonstige Einkäufe vorstellen. Das sind keine Randerscheinungen, sondern werden oft tausendfach abonniert. Da dürfte es eine logische Konsequnz sein, dass man zukünftig nicht mehr erst zuhause die tollen neuen Kleider anprobiert und filmt, sondern gleich im C&A oder New Yorker in der Innenstadt. Ohne nervige Kamera in der Hand.

  5. Was die Shopping-Berichte angeht: Da sehe ich kein Problem, denn ungekürzte, stundenlange Videos wird kaum jemand veröffentlichen. Stellt sich dann jemand vor den Spiegel, um sich in verschiedenen Outfits zu präsentieren und filmt das mit der AR-Brille (und ich in noch nicht sicher, ob sich DAS durchsetzt, weil die Brille ja doch stark die Erscheinung prägt), ist doch alles okay.

    Ich kann mir eher vorstellen, dass sich Leute, die gemeinsam zum Shoppen losziehen, gegenseitig mit der AR-Brille fotografieren oder filmen. Und das macht ja auch nix. Sollten dabei auch andere Personen mal ins Bild kommen, wäre das zwar problematisch – aber doch nur ein ganz kleines Problem, schon weil es nun doch nicht so viele Leute sind, die überhaupt solche Aufnahmen anfertigen.

    Für stundenlanges Filmen oder gar Streamen reicht auf absehbare Zeit die Akku-Energie nicht. Bis Strom unterwegs kein Problem mehr darstellt, wird leider noch einige Zeit vergehen. Schon deshalb kann man ganz entspannt abwarten, wie sich das Nutzungsverhalten entwickeln wird.

    Und jeder, der heimlich filmen möchte, kann sich heute schon problemlos mit entsprechender Technik ausrüsten. Klar, Normalnutzer könnten leichter in Versuchung geraten, heimlich Aufnahmen anzufertigen. Aber wenn man damit anfängt, müsste man den technischen Fortschritt an allen Ecken und Ende bekämpfen. <– Man könnte zum Beispiel gegen GPS in Smartphone kämpfen, weil es leicht ist, anderen Menschen (dem Ehepartner etwa) eine Ortungs-App unterzuschieben. Ganz ehrlich, das hat Skandalisierungspotenzial, das nur nicht richtig genutzt wird. ;-)

    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das illegale Filmen und Fotografieren zunimmt, wenn der technische Fortschritt dies vereinfacht. (So wie auch durch Quadcopter und andere Flugmodelle!) Die Lösung kann aber nicht darin liegen, den technischen Fortschritt aufhalten zu wollen. Gegen die Exzesse dabei gibt es den Rechtsweg. An fehlenden Beweisen sollte es bei dem Thema ja nicht scheitern.

  6. Auf die Straße am 27.07. #stopWatchingUs:

    “Das heisst dieser ganze Überwachunsapparat orwell´schen Ausmasses wird gesellschaftlich normalisert und dann ist es nicht mehr weit bis es Normaliät wird, wenn eines Tages an Eurer Nachbarwohnung hilfloses Geschrei zu hören ist, weil wieder ein Mensch abgeholt wird, weil er oder sie sich zu kritisch geäußert hat bzw. ein mathematischer Algorythmus von „Prism“, „Tempora“ oder „Indect“, ihn oder sie als sytstemgefährdent eingestuft hat. Du selbst, ängstlich und angepasst, wirst Dich dann, um den Zwiespalt, in dem Du steckst, nicht erkennen zu müssen, wieder der nächsten TV-Show zuwenden oder dem Wochendparty-Exzess. ”

    http://alex11.org/2013/07…rism-tempora-indect/

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