Bild-Kommentar entlarvt schockierende Realität:
In der Überwachungsdebatte gibt es nicht nur eine Sichtweise

Ein Bild-Kommentar vom Montag irritiert Netzaktivisten, denn er streitet Edward Snowden den Heldenstatus ab. Der Text belegt, was offenbar manchen entgangen war: Es gibt in der Überwachungsdebatte nicht nur eine einzige Sichtweise.

SnowdenEin heute in der Bild-Zeitung auf Seite 2 und im Web veröffentlichter (Springer-Link) Mini-Kommentar zu den Snowden-Leaks und dessen Auswirkungen sorgte am Montagvormittag in der Twittersphäre für einige Entrüstung. Grund: Kommentator Julian Reichelt hält Whistleblower Edward Snowden nicht für einen Held, sondern wirft ihm vor, indirekt Terrorismus zu fördern. Denn nun wüssten Terroristen genau, wie sie der Überwachung entgehen können.

Vorweg: Ich teile die Sicht von Reichelt nicht. Wie ich ohnehin eher selten mit den konservativen Positionen der Bild sympathisiere.

Dennoch warf die Empörung in meiner Timeline bei mir Fragen auf:

  1. Gibt es wirklich Überwachungskritiker, die davon ausgehen, dass außer einschlägigen Sicherheitspolitikern alle Menschen in Deutschland in dieser Sache einer Meinung sind?
  2. Ist wirklich jemand darüber verwundert, dass die Bild-Zeitung in ihrer Positionierung einen anderen Fokus wählt als andere tonangebende Leitmedien, und dass sie sich dabei nicht auf die Seite eines Whistleblowers schlägt, der gerade zum Idol von mit Sozialismus und Kommunismus sympathisierenden Staaten heranreift?
  3. Ist es angemessen, Menschen vom hohen Ross herab als dumm, dümmlich oder ähnlich abwertend zu bezeichnen, nur weil sie in ihrer Reflexion zu einem anderen Schluss kommen als man selbst?

Ich fand schon die im Web zu beobachtende Selbstgefälligkeit im Bezug auf Merkels Neuland-Kommentar deplatziert. Sich jetzt darüber zu echauffieren, dass sich nach Dutzenden, wenn nicht hunderten eher überwachungskritischen Beiträgen der vergangenen Wochen in Deutschlands Zeitungen nun eine (der wenigen) journalistischen Gegenstimmen zu Wort meldet, ist bei weitem kein Grund für einen kollektiven Shitstorm. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um einen Text von nicht einmal 150 Wörtern handelt, der noch dazu im entscheidenden Punkt (“Überwachungs-Exzesse”) der Versuchung von Beschönigung widersteht.

Wir, die “Erleuchteten”, täten gut daran, mit konträren Sichtweisen zu Netzthemen respektvoll, offen und konstruktiv umzugehen, anstatt uns kategorisch vor jeder abweichenden Meinung zu verschließen.

Klar strotzen manche Digitalkritischen Stellungnahmen so sehr vor Ignoranz und Unkenntnis, dass es schwierig ist, diese ernst zu nehmen. Im aktuellen Fall jedoch werden wir lediglich Zeuge einer aus einem anderen Werteverständnis resultierenden Perspektive. Eine, die für den gläsernen Bürger ablehnende Individuen schwer zu verdauen sein mag, die jedoch in sich durchaus kohärent ist.

Wie sich der digitale Mob in Netzfragen immer wieder kategorisch, reflexhaft und emotional auf Andersdenkende stürzt, trägt besorgniserregende Merkmale von Konformismus. Und es legt nicht unbedingt die Grundlage für Annäherung zwischen den Lagern.

Auch wenn ich persönlich der Ansicht bin, dass der Preis der omnipräsenten Überwachung für das Streben nach absoluter Sicherheit zu hoch ist, bin ich froh, dass im öffentlichen medialen Diskurs nicht nur die Stimmen der Aktivisten und Freiheitskämpfer zu vernehmen sind. So verlockend der Gedanke auch klingen mag, alle Protagonisten auf seiner Seite zu haben: Das Thema ist viel zu wichtig und diffizil, um nicht alle möglichen Positionen wenigsten gehört und gedanklich Revue passiert lassen zu haben. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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23 Kommentare

  1. “Das Thema ist viel zu wichtig und diffizil, um nicht alle möglichen Positionen wenigsten gehört und gedanklich Revue passiert lassen zu haben.”

    Sowas von +1.

    • Korrekter wäre im Text wohl “Eine der wenigen Gegenstimmen”, hast Recht. Geändert.

      Oder ist es meine eigene Filterbubble, die suggeriert, dass das Gros der Beiträge eher überwachungskritisch war?

    • Es ist doch klar, dass die Menschen, die das Thema wahrnehmen und sich dazu äußern, eher überwachungskritisch sind…. ich habe dazu keine abschließende Meinung, neige aber eher den Überwachungsbefürworten zu. Daher hier noch ein Artikel… http://severint.net/2013/…gedanken-zu-snowden/

    • Nicht zu vergessen: Journalisten sind – ja müssen sie sein – beim Thema Überwachung besonders sensibilisiert. Sie selbst und ihre Quellen sind für Überwacher verschiedener Art ja auch besonders interessante Ziele.

      Insofern können Journalisten bei diesem Thema kaum neutral berichten, weil es hier um ihre eigenen Interessen geht. <– Das ist ein Problem, denn so können sie dieses wichtige Thema kaum mit dem gebotenen Abstand behandeln.

    • Das ist wahr. Kennen wir ja schon vom LSR.

  2. Genau, lasst uns eine völlig abwegige und demagogische Äußerung als notwendigen Debattenbeitrag adeln.

    Man muss sich offensichtlichen Unsinn wenigstens einmal anhören und darüber nachdenken – äh, nein. So viel Zeit haben wir nicht.

    Offensichtlichen Unsinn, der nur das Ziel hat, mit vollkommen unhaltbaren “Argumenten” das Thema zu unterminieren, darf man durchaus sofort als solchen benennen und abkanzeln.

    Als ob Terroristen – ein Konzept, das seit mehr als einem Jahrzehnt in der massenmedialen Öffentlichkeit völlig unhinterfragt und undefiniert als Faktum hingestellt existiert – darauf warteten, bis in der Presse über Abhörtechniken berichtet würde und sie dann in voller Panik ihre Mobiltelefone von sich würfen.

    Zum einen: Terroristen sind angeblich das konkrete Ziel von Geheimdiensten. Diese sind sich also ihrer Verfolgung bewusst und warten nicht auf Enthüllungen, sondern sind schon so so paranoid wie möglich.
    Zum anderen: es geht ja gerade *nicht* um Terroristen, sondern um das Überwachen von so vielen Menschen wie nur möglich, also eigentlich nur völlig Unschuldigen.
    (jaja, es geht um Mustererkennung von in Zukunft zu Terroristen werdenden, sich selbst radikalisierenden Wahnsinnigen, blabla)

    Der Kommentar ist keine ernstzunehmende Ansage eines “Andersdenkenden”, also quasi eines kritischen Geistes, sondern der unerträgliche Versuch eines Konformisten, die Ungeheuerlichkeit des Aufgedeckten zu überspielen.
    Es hat keine “Reflexion” stattgefunden, die in einem “anderen Schluss” endete, sondern es ist natürlich dummer und dümmlicher Schwachsinn und insofern ist es mehr als angemessen, diesen zu geißeln.

    Herr Weigert, es ist ja nett, daß Sie eine behauptete Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit der Netzcommunity nicht gutheißen, aber diese hat nichts mit der aktuellen Thematik zu tun.

  3. Das Problem an dem Text ist doch nicht, dass er eine andere Sichtweise präsentiert, sondern dass er einfach wahnsinnig schlecht und dämlich ist.

  4. @ Stefan und Max

    Mir bleibt diese übermäßige “Dämlichkeit” oder die “Demagogie” in dem betreffenden Text verborgen. Das heißt nicht, dass ich in irgendeiner Form zustimme. Aber ich sehe in diesem Kommentar keinen Anlass für so extremen Reaktionen.

    Aus Sicht von Reichelt ist das Risiko, das Snowden mit den Leaks eingeht, größer als der gesellschaftliche Zugewinn.

    Aus eurer und meiner Sicht ist das Risiko, das Snowden damit eingeht, angemessen im Hinblick auf den gesellschaftlichen Zugewinn.

    Zwei unterschiedliche Punkte. Aber meines Erachtens nach beide als Diskussionsgrundlage legitim.

    Blickt man mal hinter die Ideologien, weiß niemand, was für die Menschheit auf Dauer besser ist. Überwachungsgesellschaft oder maximale persönliche Freiheit mit dem Preis größerer Risiken für das körperliche Wohl. (Ich verweise hier nochmal auf meinen Artikel, der dieses Entweder-Oder beschreibt).

    Wir haben dazu eine Haltung. Doch sie ist eine Frage des Abwägens, der Ethik, des individuellen Wertekonstrukts und es hängt von unglaublich vielen Faktoren ab.

    Ich halte es für falsch, hier im Grundsatz “Andersdenkende” als dämlich zu bezeichnen. Denn es impliziert eine “Mein Ansatz ist garantiert der bessere”-Haltung. Und wenn etwas in dieser Thematik dämlich ist, dann imo DAS.

    Niemand weiß heute, wie wir in Sicherheitsfragen im digitalen Zeitalter am besten Verfahren können. Wir haben alle nur Vorstellungen und Visionen. Mehr nicht. Ich finde, dies sollte in der Debatte Berücksichtigung finden.

    • “Überwachungsgesellschaft oder maximale persönliche Freiheit mit dem Preis größerer Risiken für das körperliche Wohl.”

      Das ist eine völlig unbelegte These, ein bloße Behauptung, die allerdings von beiden Seiten – Kritikern und Befürwortern von Überwachung – als tatsächliches Faktum, meist geradezu beiläufig, als gültig quasi wie ein Naturgesetz vorausgesetzt wird.

      Ich halte sie für grundfalsch und eines der Hauptprobleme der gesamten Diskussion.

      Wieso soll weniger (persönliche) Freiheit == größere (körperliche) Sicherheit bedeuten?

      Wo besteht hier der zwingende kausale Zusammenhang?

    • Diese These ist so logisch, sie belegt sich von selbst:

      Wenn sich durch Überwachungsmaßnahmen nur eine einzige Gewalttat verhindern ließe, bei der sonst ein einziger Mensch zu Schaden gekommen wäre, dann ist das Resultat eine größere körperliche Sicherheit, bei gleichzeitig einer Einschränkung der Grundrechte. Alle zahlen dafür, dass einzelne vor körperlichem Unheil bewahrt werden.

    • “Überwachungsgesellschaft oder maximale persönliche Freiheit mit dem Preis größerer Risiken für das körperliche Wohl”

      Haben da die unkontrollierten Überwachungsapparate von NSDAP und SED noch nicht genug Klarheit geschaffen?! … Es geht hier ja nicht nur um die reine Massen-Überwachung an sich sondern auch um die demokratische Kontrolle dieser Überwachung durch Volksvertreter. Diese Kontrolle ist schlicht nicht mehr gegeben, demokratische Grundstrukturen somit ausgehebelt! Dies wird hier leider nicht mal ansatzweise diskutiert … erschreckend.

  5. “Ich fand schon die im Web zu beobachtende Selbstgefälligkeit im Bezug auf Merkels Neuland-Kommentar deplatziert.” – Danke!

  6. Auch wenn ich das vorbehaltlose Datensammeln des Staates (es muss ja nicht ein geheimer Dienst sein…) oder Firmen sehr kritisch betrachte und die Debatte darüber sehr befürworte, habe ich durchaus einige Fragezeichen bezüglich Edward Snowden.

    Ich habe mich von Anfang an gefragt, aus welchem Motiv heraus er sich von den USA jagen lässt. Ihm muss wohl diese Situation, in der er sich nun befindet, von Anfang an klar gewesen sein. Angeblich soll er ausserdem seine Freundin sitzen gelassen haben – ob das stimmt oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Falls es aber stimmen sollte, dass sie seine Freundin war, dann wirft das weitere Fragen auf.

    Im Kern stelle ich aber seinen Altruismus infrage. Kann es denn wirklich sein, dass er aus reiner Selbstlosigkeit seine angeblich lukrative Tätigkeit bei der CIA aufgegeben hat? War es wirklich nur das Motiv des Ruhms? Ich bezweife das sehr und die Tatsache, dass er nach wie vor auf der Flucht ist, läst schliessen, dass er die Flucht wohl schon länger geplant hat. Möglich, dass er bis anhin nur Glück hatte, aber irgendwie mag ich nicht recht an so ein Glück glauben.

    Also: Was wollte der Mann eigentlich?

    • Ich glaube, es ist ganz einfach: der Mann hat Eier! ;-) Er sieht ein Unrecht und prangert es an. So sollte das ja auch sein. Ganz im Sinne eines kategorischen Imperativs, frei nach Kant.

      Vielleicht gab es noch eine persönliche Motivation, aber das spielt doch überhaupt keine Rolle mehr.

      Manning wurde auch erst durch eine persönliche Krise motiviert, sodass er mehr oder weniger aus Trotz handelte.

      Aber egal, was die Personen dazu trieb, das was zählt und was nun ist, ist das Resultat: die Katze ist aus dem Sack, wie sie da raus kam ist total Wurscht.

  7. Das Schlimme an dem BILD-Kommentar ist, das er so dünn ist. Das wird dem Thema absolut nicht gerecht, auch wenn die BILD ja nicht für besonders lange Texte bekannt ist.

    Schade, denn ich finde es sehr wichtig, dass in den Medien verschiedene Sichtweisen dargestellt werden – und sei es nur, um daran die eigene, vielleicht völlig entgegenstehende Weltanschauung daran weiterentwickeln zu können.

    Ich bin zudem davon überzeugt, dass die Mehrheit – auch der deutschen Bevölkerung – nicht grundsätzlich gegen die in der Diskussion stehenden Überwachungsmaßnahmen ist und sich nur am Ausmaß (vor allem der anlasslosen) Überwachung stört.

    Ob das eine vernünftige Einstellung ist, wäre noch mal eine ganz andere Diskussion.

  8. Wow, ich bin ernsthaft begeistert, fühle mich förmlich gerührt ;-)

    “Wir, die “Erleuchteten”, täten gut daran, mit konträren Sichtweisen zu Netzthemen respektvoll, offen und konstruktiv umzugehen, anstatt uns kategorisch vor jeder abweichenden Meinung zu verschließen.”

    Ganz meine Meinung.

    Auch wenn es eher negativ konnotiert klingen mag, ich erzähle seit Jahren immer wieder gerne, dass die “Netzgemeinde” zu 90% eher einer Horde Rindviecher gleicht als der kulturell-sozialen Revolution, die sie gerne selbst in sich sieht.

    Die sozialen Netze, und die Meinungsschleudern, allen voran Twitter, fördern und befeuern einen gefährlichen Konformismus.

    Und wer nicht konform geht wird ausgegrenzt, wird in die Ecke der Wirren, der Seltsamen abgeschoben.

  9. Ich könnte dieses Bild-Kommentar als ehrliche Meinung akzeptieren, wenn etwas geschrieben worden wäre, wie:
    “Die Enthüllungen Snowdens könnten zu einer höheren Sensibilisierung für das Thema auch bei Kriminellen führen, wodurch Ermittlungen im Netz erschwert werden”.
    Oder irgendwie so etwas in der Art. Meinetwegen auch: In Zukunft werden Kriminelle vermutlich mehr aufpassen, die Polizei mehr zu tun haben.

    Aber zu schreiben “Denn Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen, seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat.” würde bedeuten, dass vor Snowden jeder Terrorist mit Netzzugang kontrollierbar war, und ab dem Tag des Leaks keine Kontrolle mehr möglich ist. Genau ab diesem Tag hätte Snowden direkt den Terrorismus gefördert! Dies ist eine unbeweisbare, polemische Aussage. Und wenn so etwas in einer der bedeutendsten Meinungsmedien des Landes publiziert wird, hat es nichts mehr mit einer ehrlichen Debatte zu tun, sondern ist nur noch perfide Meinungsmanipulation. Ähnlich billig wird oft genug auch im anderen Lager argumentiert (“Merkel = Stasi”), aber dadurch wird es auch nicht besser. Man kann von einer großen Zeitung wohl nicht mehr erwarten, eine Debatte durch neutrale Moderation und interessante Hintergrundberichte anzuführen. LSR hat dies bewiesen, nun auch Snowden. Schade!

    • Klar, George, gleich mit dem Konjunktiv anrücken und nicht allgemein bekannte Fremdwörter wie Sensibilisierung verwenden – verlang mal nicht zu viel von der BILD-Zeitung!

      Die im BILD-Kommentar vorgenommene Schlussfolgerung mag so vereinfachend sein, dass es weh tut. Für einen Kommentar (!) in einem Boulevard-Blatt finde ich den Stil allerdings genau passend.

  10. Du forderst also einen gewissen Schreibstil? Glaubst Du Dich etwa in einer Presse-Stil-Aufsichts-Position zu befinden?

    Wir wissen doch alle, dass man die Springer-Presse immer mit Vorsicht genießen sollte.

    Eine Manipulation öffentlicher Meinung zu verhindern, hieße Presse zu zensieren.

    Freiheit hat seinen Preis, und Pressefreiheit heißt nun auch, dass ein Springer-Journalist ganz frei nach Schnauze schreiben und publizieren darf.

    Das muss man aushalten können. Die Presse oder das Medium dafür zu verurteilen ist wider der Freiheit.

    Und der Presse einen Schreibstil aufdiktieren zu wollen ist schon sehr grenzwertig. Da scheint wohl schon wieder das Konformitäts-Ungeheuer um sich zu beißen.

  11. Ich möchte noch auf ein weiteres Problem im Umgang mit dem Thema hinweisen:

    Da die Öffentlichkeit kaum etwas darüber weiß, was die Geheimdienste tun, kann sie gar nicht einschätzen, ob es ein Zuviel an Überwachung gibt. Oder ob es vielleicht sogar sinnvoll wäre, die Überwachung auszuweiten.

    Es fehlt weitgehend an der Kompetenz.

    Deshalb sollte sich die Debatte meiner Meinung nach mehr auf die Balance zwischen notwendiger Geheimhaltung und erforderlicher Transparenz bezüglich der Arbeit der Geheimdienste konzentrieren.

    Deshalb gefällt mir der Gastbeitrag von Google-Rechtsvorstand David Drummond in der F.A.Z., der mehr Transparenz bei Art und Umfang von Überwachungsmaßnahmen einfordert. http://faz.net/aktuell/wi…echten-12272710.html

    Und damit sind wir wieder bei der Kompetenz: Der Souverän eines Staates muss Zugang zu solchen Informationen haben.

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