Kreditkarten:
Was der US-Überwachungsskandal mit bargeldlosem Bezahlen zu tun hat

Der Kreditkartenmarkt befindet sich vollständig in der Hand von US-Finanzinstituten. Im Lichte der jüngsten Enthüllungen über die NSA-Überwachungspraktiken stimmt dies bedenklich.

KreditkarteIch bin ein Anhänger des bargeldlosen Bezahlens. Der erhöhte Bequemlichkeitsfaktor ist es mir auch wert, einen Teil meiner Anonymität beim Bezahlvorgang zu verlieren. Ich bin mir darüber bewusst, dass etwa Banken meine Einkaufshistorie einsehen könnten oder dass Geschäfte genau wissen, wann ich das letzte Mal welche Produkte bei ihnen erworben habe, empfinde aber, dass der Komfortgewinn diesen Preis wert ist. Dennoch komme ich momentan in Anbetracht der nun bekannt gewordenen exzessiven US-Überwachungsmaßnahmen ins Grübeln über die derzeitige Lage des Kartenzahlungsmarktes.

Je nach Statistik sind in Deutschland 25 Millionen bis 32 Millionen Kreditkarten im Umlauf. Besonders wer häufiger im Internet einkauft oder viel in der Welt unterwegs ist, kommt um den Besitz einer Kreditkarte nicht herum. Der internationale Kreditkartenmarkt befindet sich vollständig in der Hand der vier US-Unternehmen Visa, Mastercard, American Express und Citigroup (Diners). In Deutschland halten sich Visa und Mastercard bei der Verbreitung ungefähr die Waage und dominieren mit großem Abstand. Hinzukommt eine unbekannte, aber signifikante Zahl an deutschen Geld-/EC-Karten mit Maestro-Logo. Bei Maestro handelt es sich um einen Debitkartendienst von Mastercard.

Bisher habe ich mich nicht daran gestört, dass keinerlei Alternative zu den US-Kartengesellschaften existiert. Doch angesichts der in diesen Tagen zu bezeugenden Vehemenz und scheinbaren Grenzenlosigkeit der US-amerikanischen Überwachungsaktivitäten, die selbst diplomatische Verwerfungen schwerwiegendster Art in Kauf nehmen, frage ich mich schon, inwieweit die NSA oder andere US-Behörden Einsicht in die komplette Kaufhistorie aller Kartenkunden weltweit haben und auch dort ihre einer Rasterfahndung gleichenden Durchleuchtung anwenden könnten. Entsprechende Medienberichte deuten an, dass sich zumindest Kartentransaktionen von US-Bürgern im Visier der US-Sicherheitsbehörden befinden. Bedenkt man, dass analog zu den weltweit führenden Internetunternehmen auch die Kreditkartenkonzerne quasi vor der Haustür der NSA beheimatet sind, erscheint es traurigerweise fast abwegig, dass der Geheimdienst NICHT auch ein Auge auf Anschaffungen ausländischer Kartenkunden wirft.

Zusätzliche Nahrung erhalten diese Bedenken durch einen Vorfall beim Zahlungsdienstleister Payson. Der schwedische PayPal-Konkurrent hat es urplötzlich VPN-Dienstleistern verboten, ihre Kunden mit Visa und Mastercard für Anonymisierungsservices zahlen zu lassen. Gegenüber TorrentFreak gab das Unternehmen zu verstehen, damit auf eine dringende Forderung der zwei Karteninstitute zu reagieren. Die Website zitiert den ehemaligen Pirate-Bay-Sprecher und Flattr-Gründer Peter Sunde mit den Worten, “US-Firmen würden Nicht-US-Unternehmen dazu zwingen, ihren Kunden die Möglichkeit des Schutzes ihrer Privatsphäre und Anonymität zu nehmen, damit die NSA ungehindert überwachen kann”. The Pirate Bay betreibt mit IPredator ebenfalls einen VPN-Dienst und ist unmittelbar von der Veränderung der Payson-Bedingungen betroffen.

Das Motiv hinter dem Entschluss von Visa und Mastercard, Zahlungen von Kunden von Anonymisierungsdiensten abzulehnen, ist an dieser Stelle Spekulation. Der Vorfall beweist aber einmal mehr, wie sehr die Karteninstitute durch die US-Regierung unter Druck gesetzt werden, beim Schutz US-amerikanischer Interessen mitzuhelfen. Dies geschah in der Vergangenheit schon häufiger, etwa als die zwei und weitere Finanzunternehmen sich vor einigen Jahren weigerten, Zahlungen für die Whistleblower-Plattform WikiLeaks zu prozessieren. Es überrascht jedoch, dass auf diese Weise nun sogar schon Dienste finanziell ausgestrocknet werden sollen, die Internetnutzern bei der Verteidigung ihrer Grundrechte helfen sollen.

Die in diesen Wochen sukzessive ans Licht kommenden Details über die weit fortgeschrittenen Überwachungsmaßnahmen der USA beeinflussen nicht nur die Sicht von Nutzern rund um den Globus auf die in den USA ansässigen, eng mit der NSA kooperierenden Webfirmen, sondern regen grundsätzlich zur Reflexion an, wie man sich noch gegen unverhältnismäßiges Eindringen von Behörden in die Privatsphäre schützen kann. Erst recht dann, wenn es sich um ausländische Geheimdienste handelt.

Die vollständige Abhängigkeit hiesiger Kreditkartenzahler von US-Firmen ist in diesem Lichte sehr problematisch. Gleichzeitig stellt sie eine enorme Chance für neuartige Zahlungsanbieter dar, die Wege für sichere Geldtransfers zwischen Geldinstituten finden, ohne dass die Metadaten der Transaktionen dabei zumindest mutmaßlich für US-Unternehmen zugänglich sind. Indem die dortigen Kartenunternehmen immer neue politisch motivierte Einschränkungen von legitimen Bezahlvorgängen durchsetzen, treiben sie Konsumenten regelrecht in alternative Verfahren à la Bitcoin. /mw

Foto: stock.xchng/highwing

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Onlineshops und stationärer Handel: Wie Technologie 50 Milliarden Dollar Kartengebühren retten kann

3.2.2014, 8 KommentareOnlineshops und stationärer Handel:
Wie Technologie 50 Milliarden Dollar Kartengebühren retten kann

Fast 50 Milliarden Dollar an Transaktionsgebühren führen Händler und Dienstleistungsunternehmen pro Jahr an Banken und Kreditkartenunternehmen ab. Doch dank neuer, technologiegestützter Lösungen werden Geschäfte und Onlineshops künftig Teile dieser entgangenen Umsätze zurückerobern können.

Linkwertig: Berlin, Bitcoin, Papier, Xing

3.3.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Berlin, Bitcoin, Papier, Xing

Ein Berliner Gericht verbietet die dauerhafte Wohnungsvermietung an Feriengäste und mehr.

Linkwertig: Wolfram Language, Desinformation, Bitcoin, Dropbox

26.2.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Wolfram Language, Desinformation, Bitcoin, Dropbox

Die Geheimdienste überwachen nicht nur, sie versuchen auch Kommunikation zu manipulieren oder diskreditieren und mehr.

Erfahrungsbericht: Wie und warum ich 0,1 Bitcoin erwarb

13.2.2014, 13 KommentareErfahrungsbericht:
Wie und warum ich 0,1 Bitcoin erwarb

Hat man sich nicht intensiv mit Bitcoin auseinandergesetzt, so erscheint der Prozess der Anschaffung kompliziert. Letztlich ist es aber doch recht simpel, Bitcoin zu kaufen, wie dieser Erfahrungsbericht erklärt.

Rettung per mobiler App und Geoblocking: Was mich eine verlorene Kreditkarte über Innovation in der Bankwirtschaft lehrte

4.3.2014, 4 KommentareRettung per mobiler App und Geoblocking:
Was mich eine verlorene Kreditkarte über Innovation in der Bankwirtschaft lehrte

Eine EC- oder Kreditkarte zu verlieren, ist oft mit erheblichem Ärger verbunden. Doch schon minimale Innovation eines Finanzinstituts kann es Bankkunden in einer solchen Situation deutlich einfacher machen.

Onlineshops und stationärer Handel: Wie Technologie 50 Milliarden Dollar Kartengebühren retten kann

3.2.2014, 8 KommentareOnlineshops und stationärer Handel:
Wie Technologie 50 Milliarden Dollar Kartengebühren retten kann

Fast 50 Milliarden Dollar an Transaktionsgebühren führen Händler und Dienstleistungsunternehmen pro Jahr an Banken und Kreditkartenunternehmen ab. Doch dank neuer, technologiegestützter Lösungen werden Geschäfte und Onlineshops künftig Teile dieser entgangenen Umsätze zurückerobern können.

Google, der Finanzdienstleister: Wallet-Nutzer erhalten kostenfreie Debitkarte

21.11.2013, 3 KommentareGoogle, der Finanzdienstleister:
Wallet-Nutzer erhalten kostenfreie Debitkarte

US-Nutzer von Google Wallet können künftig mit einer direkt an ihre virtuelle Brieftasche angeschlossenen Debitkarte einkaufen oder Geld abheben. Der Internetkonzern betätigt sich verstärkt als Finanzdienstleister.

Forderung nach Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Facebook, Google und Twitter geraten unter Zugzwang

11.3.2014, 6 KommentareForderung nach Ende-zu-Ende-Verschlüsselung:
Facebook, Google und Twitter geraten unter Zugzwang

Übertragene Daten so zu verschlüsseln, dass sie nur Absender und Empfänger einsehen können, gilt als eines der besten Mittel gegen Überwachung. Doch die dominierenden Webfirmen wie Google oder Facebook sträuben sich bislang gegen die Einführung.

Netzneutralität und Massenüberwachung: Die Freiheit verschwindet schleichend

12.2.2014, 6 KommentareNetzneutralität und Massenüberwachung:
Die Freiheit verschwindet schleichend

Die Beschneidung des Internets geschieht nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Effektiv gegensteuern kann man aber nur, solange die Bedrohungsszenarien noch abstrakt und theoretisch sind. Danach wird es sehr schwer.

Linkwertig: Überwachung, Dezentralisierung, Crunchies, Zootool

12.2.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Überwachung, Dezentralisierung, Crunchies, Zootool

Flickr wurde dafür imposante 10 Jahre alt und mehr.

10 Kommentare

  1. “Bisher habe ich mich nicht daran gestört [...] Doch angesichts der [...] US-amerikanischen Überwachungsaktivitäten [...] frage ich mich schon”

    Ach, jetzt schon? Toll.
    Wieso denn auf einmal?
    Du behauptest ja, Dir wäre das alles ohnehin klar gewesen, aber der – uiuiui – “Bequemlichkeitsfaktor” wäre Dir halt wichtiger gewesen.
    Ab welchem Level von Aufgabe von Privatsphäre wirst Du denn nachdenklich?
    Geht überhaupt “ein bisschen schwanger ohne Privatsphäre”?
    Nur Bares ist Wahres. Schon lange klar.

  2. Lustig bis naiv, dass du jetzt erst ins Grübeln kommst :-)

    • Jo manche Menschen wollen nicht permanent mit Sorgenfalten durch die Gegend laufen. Sowas verursacht nachgewiesenermaßen Pickel und Mundgeruch.

    • LOL, Mundgeruch habe ich nicht und Pickel bekomme ich zum Glück nach übermäßigen Alkoholkonsum, wenn ich die ganzen Sorgen vergessen will ;-)
      Aber ich finde es gut, dass du dich mit dem Thema nun kritischer auseinander setzt. Nach und nach werden auch andere Themen dazu kommen, z.B. wie man sein eigenes Leben in der Cloud speichert, das allgegenwärtige Smartphone, welches es erlaubt perfekte Bewegungsprofile und Netzwerkprofile zu erstellen, das lückenlose Tracking von Google dank eigener Netzinfrastruktur, etc.pp.
      Es würde mich freuen, wenn diese Themen zu Wahlkampf-Themen würden. Bisher ist das aber leider nicht der Fall. Aber die Piraten, von denen man halten kann, was man will, bekommen Wasser auf die Mühlen und haben dadurch tatsächlich wieder die Chance, in den Bundestag einzuziehen. Ich bin auch gespannt, ob und was die Alternative für Deutschland aus dem Themen “Internet” macht.

  3. @martin ich finde es gut das du jetzt wo viele Dinge eben nicht nur vielleicht passieren sondern man eine grosse Gewissheit hat das sie passieren, dein handeln überdenkst.

    Meiner Meinung nach ist das jetzt auch der Grosse Unterschied das nicht nur in paar “Wissende” davon überzeugt sind das Handlungsbedarf besteht sondern nur eine breitere Öffentlichkeit

  4. Im Gegensatz zur Kommunikationsüberwachung lässt sich die Überwachung des Zahlungsverkehrs sehr einfach umgehen: nutzt Bargeld.

    • In der Theorie einfach. In der Praxis umtändlich und im Onlineeinkauf nicht praktikabel.

      Ich finde eine derartig Verklärung der Realität immer etwas problematisch. Genauso wie nicht jeder sein ganzes Zeug im Netz selbsthosten kann und wird und nicht jede Kommunikation bis ins letzte Detail x-fach verschlüsselt, ist auch der Ruf nach Bargeld keine Lösung für die momentane Debatte.

      Jetzt nach Bargeld zu rufen ist wie zur Einführung des Autos nach dem Beibehalten der Pferdekutsche zu verlangen.

  5. Hallo.
    Machen Sie sich über die Kreditkarten keine Sorgen. Die NSA weiß auch so ganz genau was sie machen. Wenn Sie statt mit Kreditkarte auf anderem Wege elektronisch Zahlen, erhalten die Amis die SWIFT Daten. Am Computer und Handy wird sowieso alles von dem Amis kontrolliert und mir kann keiner mehr erzählen, dass die NSA nicht zugriff auf alle Daten hat. Und wenn Sie keinen Computer nutzen wollen ist auch das kein Problem, schließlich sind die 4 großen Wirtschaftsprüfungsorganisationen, die so ziemlich jede mittelgroße bis große Firma und deren Kunden weltweit durchleuchten, alle aus Amerika. Also keine Sorge, die kommen so oder so an alle ihre Daten.

  6. Man sollte es mit der Überwachung nicht so ernst nehmen. Nur wer was zu verbergen hat, stößt sich daran auf.Kartenzahlungen waren schon immer attraktiv für Nutzer und daran wird sich in Zukunft auch nichts ändern.

5 Pingbacks

  1. [...] Visa und Mastercard sperren VPN-Provider ausGolem.deFuturezone -Neue Zürcher Zeitung -netzwertig.comAlle 8 [...]

  2. [...] Der Kreditkartenmarkt befindet sich vollständig in der Hand von US-Finanzinstituten. Im Lichte der jüngsten Enthüllungen über die NSA-Überwachungspraktiken stimmt dies bedenklich.  [...]

  3. [...] dass der Geheimdienst NICHT auch ein Auge auf Anschaffungen ausländischer Kartenkunden wirft. Aus: netzwertig.com Die Aussagen der Autoren geben nicht in jedem Fall meine Meinung wieder. (uh) Letzter Hinweis: [...]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder

  • Sponsoren

  • Neueste Artikel

  • Newsletter

    Pflichtfelder
    OK
    Bitte füllen Sie das Feld "E-Mail-Adresse" aus.
    OK
    Bitte geben Sie Ihren Vornamen ein.
    OK
    Bitte geben Sie Ihren Nachnamen ein.
 
vgwort