Potluck:
Interessanter Linksharingdienst mit sentimentaler Note

Potluck heißt ein neuer Linksharingdienst aus dem Umfeld der Twitter-Gründer Evan Williams und Biz Stone, dessen Trivialität genau das richtige Maß trifft, um nach vielen anstrengenden Jahren ermüdete Early Adopter neugierig zu machen.


Seitdem Google Ende 2011 die Sharing-Funktionen in seinem RSS-Tool abgeschaltet hat, suchen passionierte Nachrichten- und Contentkuratoren nach einer neuen Ideallösung, um im Netz gefundene Inhalte mit anderen zu teilen. Zwar existieren quasi unzählige Wege, um dieses Ziel zu erreichen – von Twitter, App.net und Google+ über Instapaper bis zu Quote.fm. Doch irgendwas gibt es immer auszusetzen. Mal mangelt es an kritischer Masse, mal ist die Sharingfunktionalität zu sehr ein vernachlässigtes Nebenfeature, und mal gehen die besten Links in der allgemeinen Geräuschkulisse unter.

Dass nicht nur ich das Gefühl habe, noch immer nicht das ultimative Tool gefunden zu haben, um meinem digitalen Kurations- und Entdeckerbedürfnis mit maximaler Zufriedenheit nachkommen zu können, lese ich daran ab, dass sich innerhalb weniger Tage 20 meiner deutschsprachigen Twitter-Kontakte bei Potluck registriert haben. Dabei handelt es sich um einen neuen Linksharingservice der von den Twitter-Gründern Evan Williams und Biz Stone unterstützten, in New York beheimateten Diskussionsplattform Branch. Nun klingen knapp zwei Dutzend Onlinekontakte, die gleichzeitig ein neues Webprojekt erkunden, vielleicht nach wenig. Als ich aber im Stundentakt die Benachrichtigungsmails über neue Potluck-”Freunde” in meinem Posteingang eintrudeln sah, fiel mir auf, wie lange ich dieses kollektive “Early-Adopter-Gefühl” schon nicht mehr verspürt habe. Nach mehr als einer halben Dekade der Startup-Schwemme machen sich bei einstmals experimentierfreudigen und neugierigen Nutzern Ermüdungserscheinungen breit. Zu viele Dienste haben sie kommen und gehen gesehen, zu oft wurden die anfänglichen Versprechungen der Services nicht eingehalten, und zu sehr sind sie heute damit beschäftigt, Instagram-Fotos zu verschönern, zu “Vinen” oder Candy Crush Saga zu spielen.

Trivial und deshalb attraktiv

Deshalb war ich überrascht, wie groß das Interesse für einen eigentlich äußerst trivialen, eher beläufig in der US-Techpresse erwähnten Dienst wie Potluck letztlich doch war. Dabei ist es womöglich gerade die Trivialität des Angebots, die bei Anwendern mit einer hohe Affinität für die Optimierung ihres digitalen Informationsmanagements Neugier weckt. Zumal im Lichte der bevorstehenden Komplettschließung des Google Reader am Montag derzeit bewusste Medienkonsumenten ohnehin dabei sind, ihre Workflows für den Bezug und das Verbreiten von Nachrichten und Inhalten neu zu ordnen.

Potluck

Potluck funktioniert so: Mitglieder veröffentlichen direkt über potluck.it oder ein Browser-Bookmarklet Links zu Inhalten, die sie ihrem Netzwerk zeigen möchten, und vernetzen sich mit anderen Potluck-Nutzern mittels eines synchronen Kontaktprinzips (gegenseitige “Freundschaft” statt asynchrones Folgen). In der linken Navigationsleiste sehen sie eine Vorschau sämtlicher Links, die von Personen aus ihrem Netzwerk über Potluck empfohlen worden sind. Rechts von dieser scrollbaren Leiste erscheinen dann die angerissenen Inhalte, die favorisiert und kommentiert werden können. Das war es. Sehr einfach, aber funktionell und intuitiv.

Inhalte sollen im Vordergrund stehen, nicht Personen

Die Potluck-Macher betonen in einem Blogbeitrag zum Debüt, dass sie Content, nicht die ihn verbreitenden Personen in den Vordergrund stellen möchten. In der Standardansicht der Links ist daher nur die Gesamtzahl der diese empfehlenden Freunde sowie die aller Kommentare zu sehen, jedoch nicht, wer genau für das Sharing verantwortlich ist. Dies wird erst klar, nachdem man die Empfehlung anklickt. Damit verhindert Potluck, das beispielsweise Artikel nur deshalb von vielen Usern geteilt werden, weil ein bekannter Multiplikator auf sie verwiesen hat – ein von Twitter allzu bekanntes Phänomen.

Wichtige Features fehlen noch

Momentan handelt es sich bei Potluck um ein Minimum Viable Product – wenn überhaupt. Eine mobile Version ist in Arbeit, derzeit aber glänzt der Dienst selbst durch eine Abwesenheit eines responsiven Designs, weshalb nicht einmal der Zugriff vom iPad aus zufriedenstellend klappt. Auch existieren bisher keine Filter, um verschiedene Inhaltstypen – etwa Texte, Videos oder Links zu Songs – zu gruppieren. Auf Dauer ist ein solches Feature unerlässlich.

Zeitreise in vergangene Tage

Dennoch hat Potluck Potenzial. Zumindest dazu, sich Sympathien beim harten Kern von Newsabhängigen und eingefleischten Kuratoren zu verschaffen. Dank der simplen Oberfläche verschließt sich der Dienst auch anderen Nutzergruppen nicht. Schließlich ist allen bekannt, wie man einen Link bei Facebook publiziert. Potluck ist letztlich nichts anderes als eine linkzentrische Version von Facebooks Newsfeed – aber mit anderen Teilnehmern. Ein ganz klein wenig erinnert der Service auch an FriendFeed, den ehemals von der Digerati vergötterten, dann von Facebook gekauften und nicht weiterentwickelten Aggregator.

Letztlich bietet Potluck – das stilecht eine Registrierung über E-Mail-Adresse und Benutzername erfordert – eine Zeitreise in vergangene Tage. Eine Ära, als Netznutzer noch nicht ahnten, wie sorgfältig sie überwacht werden, als Big Player noch nicht überall ihre Finger im Spiel hatten, und als die angesagtesten Services noch zuerst für den Desktop entwickelt wurden. Gerade jetzt einen Onlinedienst mit sentimentaler Note zu launchen, ist ein Geniestreich. Oder meine Emotionen verzerren gerade meine Urteilskraft. /mw

Link: Potluck

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

3 Kommentare

  1. Moin & Danke für den guten Tipp.

  2. Tja, nach anfänglicher Euphorie tut sich zumindest in meiner Timeline nichts mehr.

    • Ohne iPad-App geht es für mich einfach nicht. Desktop only ist in diesem Segment einfach dumm.

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