Replik:
Das Netz wird nicht gentrifiziert

Das Internet befindet sich in einem Stadium der Gentrifizierung, meint Miriam Meckel. Doch damit tut sie dem heutigen Netz Unrecht.

GebäudeMiriam Meckel, bekannte Publizistin sowie Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, hat gestern in einem Blogbeitrag die momentane Entwicklung des Netzes mit der Gentrifizierung von Stadtteilen verglichen. Das Phänomen ist bekannt: Künstler und Kreative erobern neue Viertel, woraufhin diese von etablierteren Schichten sowie Investoren entdeckt werden. Dadurch steigen die Kosten, was Vertreter der Subkulturen und die weniger gut Betuchten zum wegziehen animiert oder zwingt. Meckel glaubt, dass genau dies derzeit auch im Internet geschieht und nennt Facebook und andere (Quasi-)Monopole als Beispiele. Ich halte diese Parallelenziehung für nicht sonderlich gelungen. Denn der Begriff Gentrifizierung wird in seiner heute üblichen Verwendung stets fast ausnahmslos mit negativen Erscheinungen assoziiert, was meines Erachtens nach dem Internet auch in seiner kommerzialisierten Fassung Unrecht tut.

Zugangsbarrieren sind niedriger denn je

Das Web ist heute, im vom Meckel identifizierten Stadium der angeblichen Gentrifizierung, für die breite Masse der Menschen deutlich anwendbarer, nützlicher und sinnstiftender, als dies während der Anfänge des WWW der Fall war. Und das schließt die “weniger gut Betuchten” sowie diejenigen, die im Jahr 1997, 1999 oder 2004 vom Privileg der Netznutzung nur träumen konnten, mit ein. Zu Beginn waren es allein die finanziell oder intellektuell Bessergestellten, welche die notwendige Hardware und das Wissen hatten, um sich in den unbekannten Weiten des Cyberspace umzuschauen. Heute sind Kosten und Einstiegsbarrieren niedrig genug, dass zumindest in den westlichen Ländern, aber auch zunehmend in ärmeren Gegenden, jeder von den Vorzügen des Internets profitieren kann. Und davon gibt es nicht gerade wenig.

Meckel behauptet, wir würden uns “auch zu eigenen Vorteil, aber vor allem zum Vorteil der Plattformbetreiber” bei Plattformen wie “Facebook, LinkedIn oder Xing” vernetzten. Mir ist nicht klar, wieso sie den Vorteil für Anwender kleinredet und so tut, als würden wir Social Networks nur deshalb bevölkern, weil wir unbedingt Facebook & Konsorten beim Generieren von Umsätzen helfen wollen. Die kritische Grundhaltung der Professorin gegenüber dem Agieren der profitorientierten Big Player scheint ihr die Sicht darauf zu versperren, wie diese Akteure trotz aller berechtigten Zweifel an den langfristigen Strategien hunderten Millionen Menschen einzigartige Freiheiten hinsichtlich Kommunikation, Informationsbezug und Erfahrungsaustausch eröffnet haben.

Unbegrenzter Raum

Ein zweiter Punkt, der das gezeichnete Bild der Gentrifizierung des Netzes stört, ist die Tatsache des unbegrenzten Raumes im Internet. Rechts und links vom Mainstream lassen sich problemlos und mit minimalen Kosten neue Nischen erobern. Und das sogar parallel zu einer Existenz in Meckels gentrifizierten Teilen des Netzes. Kreative, Künstler, Andersdenkende und letztlich alle anderen User auch können auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzen – ihr konformes Ich bei Geschäftsnetzwerken präsentieren, den netten Studienkameraden oder die freundliche Schwiegertochter bei Facebook mimen, im IRC illegal Filme tauschen und bei bei 4chan ausgedehnte Debatten über skurille Fotos führen. Oder sich an einer ganz anderen Stelle niederlassen und ein eigenes Ding machen.

Die Gentrifizierung von Wohnräumen führt zu einer Verdrängung von Alteingesessenen, die dadurch zum Umzug in zumeist unattraktivere Gegenden gezwungen weren – häufig in monotone, trostlose Vororte. Doch für Alteingesessene “im Internet” kann die nächste eroberte Nische genauso attraktiv wie die vorherige sein, oder noch viel schöner. Eine Verdrängung, so man überhaupt davon sprechen kann, ist hier nicht mit einem irgendwie gearteten Abstieg verbunden.

Gentrifizierung exkludiert, das Netz inkludiert

Meckels Artikel hebt einige wichtige Punkte hervor. Gerade dieser Tage wird wohl niemand bestreiten, dass das Internet, so wie wir es kennen, sich nicht nur stark verändert, sondern auch bisher nicht gekannten Bedrohungen ausgesetzt ist. Diese Vorgänge aber mit einer Gentrifizierung zu vergleichen, führt zu falschen Schlüssen. Die urbane Gentrifizierung ist exkludierend. Der Aufstieg des Internets zum ultimativen Medium der Masse dagegen ist inkludierend. Platz ist im heutigen Netz für alle – für smarte Tüftler, rastlose Kreative und kategorische Non-Konformisten genaus wie für genügsame Durchschnittsbürger, unverbesserliche Spießer und das große Geld suchende Unternehmer und Investoren. Alle profitieren heute stärker vom Internet als jemals zuvor. Diesen Zustand gilt es zu bewahren. /mw

(Foto: Buildings, Shutterstock)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. So wackelig Meckels Analogie ist, auch dein Gentrifizierungsbegriff ist unterkomplex. Es geht dabei nicht ausschließlich um demographischen Austausch, sondern auch um sozioökonomischen und ideellen Wandel. Fatal an der Gentrifizierung ist damit nicht allein die Wohnraumverdrängung, sondern die damit einhergehende Auflösung sozialer Bezüge und Partizipation von und in Vierteln. Zugleich werden die gentrifizierten Viertel mit Aufmerksamkeit bedacht, sie entwickeln eine höhere Relevanz und Sichtbarkeit für die Bewohner. Armut wandert so beispielsweise nur, statt dass sie bekämpft wird.

    So verstanden ergibt Meckels Analogie immerhin mehr Sinn. Das Internet könnte durchaus Zentrifugalkräfte entwickeln, was Themensetzung und -relevanz angeht. Und genau darum geht es: Die räumliche Dimension ist im Internet anders, richtig, die Auswirkung von Ausgrenzung allerdings nicht. Denn nur weil die Schwächeren in günstigere Randbezirke ziehen, sind sie ja immer noch Einwohner der Stadt. Nur wohnen sie nicht mehr in den interessanten Vierteln. Das gilt auch im Internet, wo die Ausgrenzung prinzipiell immer noch stattfinden kann. Die räumliche Ausgrenzung ging verloren, aber noch lange nicht alle anderen Mittel der Exklusion. Deshalb geht dein Schluss nicht völlig auf. Nicht-Exklusion ist soziologisch noch lange nicht Inklusion. Auch nicht im Internet.

  2. Ich sehe eher das Gegenteil der Gentrifizierung. Ich sehe eher eine Proletarisierung, wenn man einen Begriff haben will.
    An allen Ecken öffnen im Netz eher Orte an denen noch mehr digitalisierte Belanglosigkeit entsteht. Facebook ist eher das Gegenteil von Gentrifizierung. Der ganz überwiegende Inhalt ist belanglos, billig und macht facebook zum intellektuellen 1€ Shop.

    Wo sind die elitären Inhalte für Wohlhabende? Wo verdrängen die andere? Ich empfinde das Gegenteil.

    Das Internet erreicht das Stadium eines Massenmediums, mit allen Folgerungen, die auch sonst zu beobachten sind.
    Mehr “Bild” weniger Netzwert.

    Die Masse des billigen überrennt auch im Netz die Qualität.

  3. Die Gentrifizierungs-These ist deswegen Unsinn, weil es im Internet keine günstigen Randbezirke gibt. Das gesamte Internet ist ein spottbilliger, nämlich überwiegend kostenloser Globalraum. Die großen Netzwerke wie Facebook, Google gentrifizieren diesen riesigen kostenlosen Globalraum nicht, sondern stellen vielmehr große Vernetzungs-Infrastrukuren für ihn bereit. Insofern vollkommener Unsinn.

    • Ja. Ich muss Dir zur Abwechslung mal total zustimmen ;-)

      Und übrigens hat Gentrifizierung auch damit zu tun, dass Ressourcen nur begrenzt verfügbar sind. Also meistens geht es da natürlich um qm.

      Im Internet gibt es das natürlich nicht…

      Aaaaaarh, ist mühsam, dass man das überhaupt ansprechen muss. Ist doch ganz offensichtlich, dass Frau Meckel nur mal wieder auf Prinzesschen spielt. OMG

  4. Also, ganz ehrlich, ich hatte keine Lust den ganzen Artikel zu lesen.

    Aber beim Namen Miriam Meckel läutet meine Unbehagen-Glocke ganz laut. Das ist doch die Frau, die sich selbst aus ihrem eigenen Burnout-Loch mit Hilfe ihres dafür geschriebenen Buches auf die öffentliche Bühne, genau neben ihre Lebensabschnittsgefährtin Anne Will herausgehievt und platziert hat. Was für ein Auftritt. Wäre Burnout nicht so negativ konnotiert, könnte man das sogar als bombastischen Popstar-Auftritt verkaufen.

    Aber da war ja der Burnout. oooooooh, die Ärmste!

    Darf man die Frau überhaupt ernst nehmen?

  5. Martin, wenn es Dich stört, dann lösche diesen Kommentar bitte. Ich hätte gerne etwas an Frau Meckel geschrieben, aber sie hat da Kommentare deaktiviert. Ich hoffe, sie liest netzwertig? Und poste deshalb einfach mal hier:

    Werte Frau Meckel,

    Der Fehler steckt im ersten Absatz, drittem Satz: “Er ist der „nodus“, der Knotenpunkt, über den die Kommunikationsströme fließen und an dem sich die Informationen bündeln, der Verbindungs- oder Zielpunkt, auf den immer alles zuläuft [..]“.

    Wenn der Mensch der “nodus” wäre, dann wäre er ja ein aktives Glied im Netz, würde aktiv Informationen aufnehmen, verarbeiten, filtern, bündeln, wasauchimmer und diese Informationen weitergeben.

    Wer will das schon? Und ist das Netz nicht da, um uns zu dienen? Sind denn diese Knotenpunkte nicht einfach stumpfe Automaten, die für uns arbeiten? Warum soll der Mensch jetzt hier plötzlich den Automaten spielen? Wäre das nicht dumm? Eben.

    Wenn Sie solche elementaren Konzepte nicht verstehen, oder ignorieren oder nicht verstehen wollen, dann sollten Sie auch nicht versuchen, solch krude Analogien wie zwischen Gentrifizierung dem Internet aufzustellen.

    Spielen Sie lieber weiter “nodus” ;-)

    (sorry, ich weiß, böse, aber was muss, das muss)

 
vgwort