Chat- und Telefonie-App iO:
Swisscom zeigt deutschen Netzbetreibern, wie man es besser macht

Während die Deutsche Telekom, Vodafone und andere internationale Netzbetreiber sich mit Joyn abmühen und dabei wenig Leidenschaft zeigen, veröffentlicht der Schweizer Wettbewerber Swisscom eine eigenständige Chat- und VoIP-App – und scheut sich nicht vor einer Kannibalisierung.

Telekommunikationsanbieter sehen sich unter Druck: Durch den verbreiteten Einsatz von Smartphone-Messengern und VoIP-Diensten brechen ihnen nach und nach die Einnahmen aus Kurznachrichten und Sprachtelefonie weg. Ihre bisherige Antwort kreiste primär um das gedankliche Durchspielen oder tatsächliche Implementieren protektionistischer Maßnahmen, sei es die Blockierung von P2P-Datenverkehr (und damit von Skype), die Begrenzung von Trafficvolumen oder die Schaffung eines selbst für Profis nur schwer zu durchschauenden Tarifdschungels, der den Vertrieb von aus Kundensicht nicht benötigten Leistungen befördert.

Doch mittlerweile gehen zahlreiche Provider in die Offensive und lancieren eigene Applikationen, um WhatsApp und seinen Artgenossen doch noch etwas entgegenzusetzen. Wie unterschiedlich man hierbei agieren kann, zeigt der Vergleich zwischen der Deutschen Telekom und dem Schweizer Pendant Swisscom. Beide Netzbetreiber halten ihre Kunden nun nämlich dazu an, sich eine mobile App zur unbeschwerten Kommunikation auf iPhone oder Android-Gerät herunterzuladen.

Kostenlose VoIP-Gespräche

Anfang der Woche lancierte Swisscom mit iO eine eigene Kommunikations-App. Unter eigenständiger Marke will das ehemalige Staatsunternehmen Nutzer mit dem Versprechen kostenloser Nachrichten und VoIP-Anrufe zu anderen iO-Usern in seine selbstentwickelte Anwendung locken. Offenbar unbekümmert über die Gefahr einer Kannibalisierung hebt der Netzbetreiber in seiner Kommunikation besonders die Gratis-Gespräche hervor. Freilich reisst die Möglichkeit, kostenfreie Datenanrufe führen zu können, heute niemanden mehr vom Hocker. Dass aber ein Telekommunikationsunternehmen diese Option prominent in den Vordergrund stellt, ist dennoch ungewöhnlich.

Simples, transparentes Erlösmodell

Swisscom preist iO als kostenfreie Lösung für die beschriebenen Einsatzzwecke an und verspricht damit nicht zuviel: Sämtliche datengetriebenen Features sind abgesehen von der Notwendigkeit einer Datenverbindung uneingeschränkt gratis nutzbar. Als künftige Erlösquelle sollen noch nicht verfügbare, hinzubuchbare Telefonflatrates dienen, die Usern Anrufe zu herkömmlichen Festnetz- und Mobilfunknummern in der Schweiz und im Ausland erlauben. Erwähnenswert ist im Bezug auf iO auch, dass man nicht Swisscom-Kunde sein und in der Schweiz leben muss, um iO zu installieren und zu verwenden. Lediglich die eben erwähnten Zusatzdienstleistungen werden dem Anschein nach Kunden des helvetischen Netzanbieters vorbehalten bleiben.

Kontrast zu “Joyn”

Einmal davon abgesehen, dass iO einige Jahre zu spät kommt und bisher hinsichtlich der Funktionspalette den etablierten Kommunikations-Apps weit hinterherhinkt, handelt es sich hier um einen Vorstoß, der Respekt verdient. Der Respekt nährt sich auch aus dem Blick auf die Deutsche Telekom, die mit ihrem Äquivalent zu iO weit weniger überzeugend agiert. Die Telekom setzt wie zahlreiche andere internationale Netzbetreiber auf den Hoffnungsträger RCS-e. Der Kommunikationsstandard soll unter dem Markennamen “Joyn” den Spagat leisten, Mobilfunkkunden durch eine Vielzahl von Features von WhatsApp & Konsorten fernzuhalten, gleichzeitig aber mit kostenpflichtigen Komponenten Umsätze zu generieren.

Tarifmatrix informiert über Joyn-Gebühren der Telekom

Anders als iO ist Joyn ein nur zum Schein kostenloses Produkt. In Wirklichkeit können sich Mobilfunkkunden nicht sicher sein, ob ihnen durch den Einsatz der im App Store befindlichen App nicht doch noch Zusatzkosten entstehen. Es hängt von ihrem gewählten Vertrag ab. Ein Blick in die Joyn-Tarifmatrix der Deutschen Telekom (auf “Tarif- und Preisübersicht” klicken) verdeutlicht dies. In manchen Tarifen fallen für den Versand von Nachrichten Gebühren an. Zu Videogesprächen lauten die Konditionen folgendermaßen: “Tarifierung wie eine abgehende Sprachverbindung: 0,- € bei Sprachflats oder Inklusivminuten oder doppelte Minute”. Noch Fragen?! Bis 31.08. sind alle Joyn-Funktionen für Nutzer von Telekom-Mobilfunkverträgen übrigens kostenlos. Aber nur bis dann. Man sollte sich also lieber nicht zu sehr an das ausgiebige “Joynen” gewöhnen, sofern man den falschen Tarif hat.

Fairerweise sei erwähnt, dass der Swisscom-Dienst iO bisher keine Videotelefonie unterstützt. Dafür aber explizit angepriesene “kostenfreie Telefonate”. Davon ist in der Telekombeschreibung zu Joyn natürlich nichts zu lesen. Wäre ja auch noch schöner, wenn man den Kunden eine derartige Option unter die Nase halten würde. Schließlich will man ja Geld verdienen – schnellstmöglichst. So ungefähr wird man sich das in der Führungsetage gedacht haben. Also versucht man lieber, mit Tarifmatrizen und Sternchentexten Kunden von WhatsApp, Skype und Viber wegzulocken.

Im Gegensatz zu iO funktioniert Joyn nur mit RCS-e bereits unterstützenden Netzanbietern, was unter anderem aufgrund der Integration der App-Funktionalität mit der Tarif- und Abrechnungsstruktur der Provider zu tun hat. Da mein Mobilfunker bisher nicht bei Joyn dabei ist, bleibt mir der Zugang zur Joyn-App derzeit verwehrt.

Neue Technologie, alte Rezepte

Ich möchte an dieser Stelle Joyn nicht per se verteufeln. Dafür habe ich mich mit der Netzbetreiber-Initiative zu wenig im Detail beschäftigt. Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass man in einem sich wandelnden Markt auch anders auftreten kann, als neuen Technologien mit alten Rezepten zu begegnen. Nichts anderes machen die Telekom und andere Provider. Hinzukommt der Eindruck, dass die Netzbetreiber selbst nicht wirklich von Joyn überzeugt sind – zumindest ist das meine Interpretation der lieblosen, textlastigen Joyn-Präsentationsseiten der Deutschen Telekom und von Vodafone. Diese hätten in ihrer Form auch schon 2001 existieren können. Bei Vodafone heißt es im ausklappbaren Hinweistext zu den Tarif übrigens: “Die Nutzung von joyn ist in den SuperFlat Internet und SuperFlat LTE Tarifen mit SMS-Flat enthalten. Sie können den joyn-Service auch mit Sprachtarifen nutzen, wenn Sie vorab eine Datenoption und eine SMS-Option buchen”. Das klingt verdächtig simpel – für einen in Deutschland agierenden Mobilfunkanbieter. Eine Gebührenmatrix wäre hilfreich gewesen.

Swisscom liefert mit iO ein schönes Beispiel dafür, dass auch etablierte, mutmaßlich von allerlei Bürokratie und Bewahrerdenken gebremste Organisationen in neuen Bahnen denken und einfach mal etwas anstellen können, was manch ein in alten Denkmustern feststeckender Schlipsträger im Management eines Telekommunikationskonzerns vielleicht als “verrückt” bezeichnen würde. Eine Erfolgsgarantie ist mit solch einem Vorstoß natürlich nicht verbunden. Doch er sendet ein wichtiges Signal: Swisscom scheut weder Kannibalisierung noch innovative Alleingänge. Beides sind Qualitäten, die man bei Telekommunikationsgiganten viel zu selten beobachtet. /mw

Transparenzhinweis: Swisscom ist Kundin des Agenturgeschäfts von netzwertig.com-Betreiberin Blogwerk. Die Agentur- und Verlagssparte agieren vollständig unabhängig, eine redaktionelle Einflussnahme findet grundsätzlich nicht statt.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Ich finde auch den Ansatz von Swisscom wenig innovativ. Baut nicht auf den Stärken des MNOs auf (Vernetzung von Telefonie und VoIP, SMS und IP), so könnte man Offline-Zeit (ohne Datenverbindung) besser überbrücken. Nur kannibalisieren macht nicht innovativ.

    Beste Lösung dafür am Markt ist O2 Tu Go von Telefonica. Siehe hier: http://www.o2.co.uk/tugo/want-it

    Das wahre Problem, das alle Netzbetreiberinitiativen gemeinsam haben, ist aber, dass sie betreffend Speed & Qualität nicht mit Startups mitkommen. Ein Blick auf die durchschnittlichen Kommentare in den App Stores bestätigt das sehr schön.

  2. Nur kannibalisieren macht nicht innovativ. +1

  3. Es wäre so einfach gewesen:

    Einfach eine App rausbringen, auf welcher man auf der normalen Rufnummer erreichbar ist, Kommunikation über WLAN, falls man mit WLAN verbunden ist. Wenn der Anrufen im WLAN ist ists gratis, wenn beide im WLAN sind ist die Gesprächsqualität top wie auf Skype und im Ausland kostenlos.
    Jeder hätte selbst in seinem Keller, Tiefgarage oder in jedem noch so verwindelten Büro Handy Empfang ohne grosse Investitionen = Verkaufsargument für Firmen usw. usw. usw.

    Die Telcos würde ihre GSM/3G Netze entlasten, könnten Viber und Co jeglichen Wind aus den Segeln nehmen und hätten nur Umsatzeinbussen, die sie wegen Viber sowieso schon haben.

    Aber ja, IO ist auch cool und innovativ.

    • Schau dir mal die Fritz!Box App an, die geht SEHR in die von dir angesprochene Richtung

  4. Die CH-Fest- und Mobil Flat aus der App kostet CHF 15 als Swisscom-Kunde und CHF 20 bei den anderen providern. Die EU-Flat gibts nur für Swisscom Kunden.

    Da aber das Hauptabomodell “Infinity” von Swisscom sowieso schon eine Daten/Telefon/SMS Flat beinhaltet (unterscheidet sich nurnoch durch die Internetgeschwindigkeit) ist es für Kunden dieser Abonnemente natürlich auch via App kostenlos. Super z.b. im Ausland via WLAN-Hotspot.
    Somit kannibalisiert sich die Swisscom eigentlich garnicht selber. Im Gegenteil, sie probieren damit sich einerseits einen Teil vom VoIP-Kuchen von Skype&Co abzuschneiden, andernseits untergraben sie damit die Sprach- und Datenpakete der konkurrierenden Anbieter in der Schweiz.

  5. Die Vorstellung von iO ist ja schon etwas dünn. Der funktionale Unterschied zu den bisher etablierten Messangern wird erwähnt, aber nicht vertieft. Auch erfahre ich leider nicht, wie es bzgl. des Datenschutzes aussieht. Kopiert iO mein Telefonbuch (Sie sprechen auf der Webseite nur vom Adressbuch, welches nicht kopiert wird)? Werden Textnachrichten und Bilder dauerhaft bei der Swisscom speichert? Werden Uhrzeit, Dauer, Gesprächsteilnehmer usw. protokolliert? Wird eine Positionsbestimmung durchgeführt und mein Aufenthaltsort gespeichert?

    Laut den Nutzungsbestimmungen sammeln sie all diese Daten (alles was in der App irgendwie anfallen kann) und dafrüber hinaus noch Daten zur verwendeten Hardware sowie Software sowie Konfiguration.

    Die Daten der App sind auf dem Telefon verschlüsselt gespeichert. Ob die Verschlüsselung auch für die Übertragung gilt, konnte ich nicht heraus lesen.

    Ich hätte mir hier eine ausführlichere Vorstellung gewünscht. Gerade weil die App nicht von einem Startup kommt, sondern von einem gestandenen Unternehmen.

    Aber wenn die oben erwähnten Informationen fehlen, kann ich keinen Vorteil gegenüber den etablierten Messagern erkennen :( Klar, im Artikel ging es um den Vergleich mit Joyn… trotzdem hätte ich es mir gewünscht ;)

    Gruß
    Thomas

vgwort