Auch das Internet ist schuld:
Wieso wir keine Autos mehr kaufen

Die Automobilbranche befindet sich seit 20 Jahren im Abwärtstrend. Daran ist auch das Internet schuld.

AutosSeit 1993 gab es in Europa noch nie so wenige PKW-Neuanmeldungen wie im Mai dieses Jahres. Offensichtliche Gründe für diesen Negativrekord sind die europäische Schuldenkrise mit ihren verheerenden Folgen für Volkswirtschaften und dem daraus resultierenden Rückgang der Kaufkraft. Auch der stetige Anstieg der Kraftstoffpreise dürfte die Bereitschaft der Verbraucher verringern, sich ein Kfz zuzulegen. Doch während beide Faktoren im besten Fall temporärer Natur sind – sofern die Automobilhersteller weiter die Entwicklung effizienterer Motoren und alternativer Antriebsformen forcieren – so existiert eine andere Ursache für den Abwärtstrend, die bleibenden Charakter besitzt: Auch das Internet ist schuld daran, dass wir weniger Autos kaufen, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

  • Viele Situationen, in denen sich Menschen früher hinters Steuer setzen mussten, lassen sich heute bequem vom Schreibtisch, Sofa oder per Smartphone von jedem anderen Ort aus erledigen. Vice publizierte vor einigen Wochen einen lesenswerten, mit diversen Zahlen und Statistiken angereicherten Artikel, der erklärt, wie Facebook (stellvertretend für das Web) sowie die fortschreitende, zu Spaziergängen statt Autofahrten einladende Hipsterisierung von Innenstädten die US-amerikanische Besessenheit des Automobils zunichte macht. Waren die meisten Aktivitäten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne eigenes Kfz fast unerreichbar, so muss man heute nicht mehr unbedingt das Auto nutzen, um Einkäufe zu erledigen, Freunden Urlaubsfotos zu zeigen oder Pizza zu bestellen. Entweder, man geht zu Fuß oder fährt Fahrrad, oder man erledigt die Dinge einfach über das Netz. Zwar kann man Europäern dank eines besser ausgebauten öffentlichen Personennahverkehrs attestieren, zu keiner Zeit ähnlich abhängig vom Auto gewesen zu sein, wie es Menschen in Nordamerika waren und noch immer sind – aber die grundsätzliche Entwicklung findet auch bei uns statt.
  • Ein anderer, ganz wichtiger Aspekt sind netzgestützte Dienste zur Förderung intelligenter Mobilität. Diese sprießen wie Pilze aus dem digitalen Boden. Das Spektrum reicht von Vermittlern von Mitfahrgelegenheiten (Mitfahrgelegenheit.de, Mitfahrzentrale, flinc) über P2P-Carsharing-Plattformen, auf denen Privatpersonen ihre Autos zeitlich begrenzt (tamyca, Nachbarschaftsauto und andere) an andere Nutzer übergeben, bis hin zu professionellen Carsharing-Services wie DriveNow, car2go und CiteeCar. Konkrete Zahlen darüber, welche Auswirkung die kollaborative Verwendung von Automobilen auf die Absatzzahlen der Branche hat, stehen zwar noch aus. Es bedarf aber wenig Phantasie, um sich auszumalen, was es für die Hersteller bedeutet, wenn eine wachsende Zahl der Konsumenten aufgrund der Vielzahl von ökonomisch vorteilhaften “On-Demand”-Alternativen auf die Anschaffung eines eigenen Fahrzeugs verzichtet und stattdessen die Ressourcen mit anderen teilt. Allein DriveNow wird mittlerweile von 100.000 Menschen genutzt.
  • Außerdem machen innovative Web- und Mobile-Lösungen die Inanspruchnahme öffentlicher Verkehrsmittel komfortabler und zuverlässiger. Seien es die Fahrplanübersichten und Echtzeitinformationen der jeweiligen Betreibergesellschaften, Drittanbieter-Apps, die Fahrplandaten benutzerfreundlich aufbereiten, oder smarte, transportmittelübergreifende Reiseplaner wie Waymate und GoEuro. Alle diese Angebote ersetzen zwar nicht die Bequemlichkeit des vor der Haustür stehenden eigenen Fahrzeugs, bieten aber denjenigen, die darauf zu verzichten bereit sind, Möglichkeiten, iesen Verzicht weniger schmerzhaft zu gestalten.

Einher gehen sämtliche dieser Phänomene mit einem übergeordneten Wertewandel. Die Eignung des Autos als Statussymbol wird immer häufiger in Frage gestellt, wobei hier Wechselwirkungen zwischen der Kostenfrage, dem Vorhandensein von Alternativen und dem Aufkommen neuer Statussymbole und gesellschaftlicher Werte zu vermuten sind. Eindeutig scheint aber die signifikante Rolle des Internets, das eine emotionale und logistische Distanzierung vom eigenen Automobil für einen Teil der Bevölkerung überhaupt erst möglich macht.

Insofern besteht für die Automobilbranche wenig Grund zur Hoffnung, dass alles wieder so wird wie früher. Das Engagement der Konzerne im Bereich der intelligenten Mobilität – Daimler steht hinter car2co und BMW hinter DriveNow – zeigt, dass sie sich darüber im Klaren sind. Vorläufig profitieren die Hersteller noch von der Nachfrage in Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen das Privatfahrzeug einen anderen Stellenwert genießt als in den Industrienationen. Mittelfristig müssen sie sich aber darauf vorbereiten, dass die goldene Zeit des Privatautos eines Tages vorbei sind. Dann allerdings haben vielleicht Jetpacks, private Fluggeräte oder in der Gemeinschaft verwendete selbstfahrende Autos Massentauglichkeit erreicht und halten die Fabriken am Laufen. Insofern markiert das Ende des Automobilbooms nicht das Ende der Hersteller. Sie müssen sich aber neu erfinden. /mw

(Foto: stock.xchng)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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13 Kommentare

  1. Mich hätte fast ein viel trivialerer Grund vom Kauf abgehalten: die Lieferfristen.

    Ich hab es nicht für möglich gehalten, dass man heutzutage noch 4-5 Monate (Ford) oder gar 8!! Monate (Mazda) auf sein Auto warten soll. Ich war kurz davor mir nen Gebrauchten zu holen, weil ich die Lieferzeiten für ne Frechheit halte!

  2. Das der Absatz von Pkw”s stetig abnimmt, die primären Absatzmärkte deutscher Hersteller sich Richtung China verschieben ist unbestreitbar.

    Der Absatzschwund ist vermutlich den Ein-Personen-Haushalte zuzuordnen. Für Familien ist jede der am Markt verfügbaren Lösungen nicht praktikabel.

    Existieren Zahlen welche Zielgruppe den größten Schwund zu verzeichnen haben?

    Ansonsten sehr guter Artikel.

    _heiko

  3. Und die vielen vielen Staus, die halten mich z.B. vom Kauf eines Autos ab. Wenn ich unbedingt mal eines brauche (Schweres zu transportieren oder spät abends unterwegs sein muss und mich sicher nicht den Pöbeleien gewisser ÖV Nutzer aussetzen will) nutze ich Mobility.

  4. Vieles davon ist richtig, was fehlt ist aber die oft verfehlte Produktpolitik. Gebe es mehr Smart und IQ würden die Hipster solche Fahrzeuge kaufen. Stattdessen gibt es aber eher drei Coupés von einem Hersteller.

    • Guter Punkt. Andererseits: Nichts hindert die Hipster, sich die existierenden Modelle zuzulegen, oder?

  5. Ich könnte auf mein Auto nicht verzichten. Ich verstehe diese ganzen Leute nicht, die noch nie ein Auto besitzt haben. Gerade das erste Auto ist doch etwas ganz besonderes. Und heute könnte ich es mir nicht vorstellen, wenn ich mal ins Grüne fahren möchte oder in der Urlaub, dass das dann einfach ohne Stress nicht möglich ist. Ich denke es ist alles eine Gewöhnungsache und ich bin mein Auto gewöhnt. Eine Alternative würde mich da nur nerven.

    • Ich habe kein Auto und komme gut damit klar. Nur so 1x im Monat vermisse ich es – für die von dir erwähnten Fahrten ins Grüne. Aber ohne Auto spare ich hunderte Euro pro Monat, insofern ist es mir das wert.

      Aber es ist wie du sagst: Gewöhnungssache. Wer ein Auto hat und es schätzt, wird nur schwer wieder darauf verzichten können.

    • ISt wohl eine reine Sozialisierungssache. Meine Eltern haben sich erst ein Auto gekauft als ich 12 war, von daher fällt die frühkindliche Prägung raus. Dann kommt es auch noch drauf an wo man wohnt. In einer Reihenhaussiedlung jwd gibts natürlich nur begrenzt ÖPNV (lohnt sich aufgrund der geringen Dichte auch nicht wirklich) ist man ohne Auto aufgeschmissen. Ich hab mir meine Wohnung u.a. nach der ÖPNV Anbindung gesucht und lebe sehr gut ohne Auto. Da ich mittlerweile genug verdiene hab ich mir dann auch mal die Kosten für ein Auto durchgerechnet lande aber nie unter 300 Euro für Wertverlust, Steuern, Versicherung, Wartung, Reparatur, Sprit. Mein Jobticket kostet 50 Euro, bleiben monatlich noch 250 Euro für Taxi oder Mietwagen für die Fahrt ins Grüne. Und bei Taxi oder Mietwagen bekomm ich regelmäßig Autos die mich ab 600 Euro aufwärts im Monat kosten würden. Dafür zahlt man dann in Gegenden in denen man wirklich ein Auto braucht halt weniger Miete. Ob es sich lohnt muss jeder selbst wissen.

  6. Stimmt. Aber der Großteil der Bevölkerung wohnt heute in städtischen Gegenden.

  7. Einer der wichtigsten Gründe ist aber das Geld. Jeder von uns besitzt mittlerweile einen elektronischen Gerätefuhrpark bestehend aus Smartphone, Tablet/Ultrabook und Notebook. Der muss alle 2-3 Jahre erneuert werden. Mit Apple Geräten kostet so ein Gerätefuhrpark mal schnell an die 2500 € und mehr. Wer hat da noch groß Investitionsspielraum für ein Auto, wenn man jedes Jahr im Schnitt 1000 € und mehr in neue Hardware investieren muss. Auch die Wohnkosten steigen ja. Insbesondere bei immer mehr Single Haushalten, bei denen die Fixkosten eh höher sind als in Familien. Da ist das Auto zum Schluss nicht mehr finanzierbar.

  8. Ich vermute, daß sich „Auto“ in Zukunft sogar zu einem negativem Prestigeobjekt entwickeln wird. In den großen Städten verliert das Auto besondern bei Jungen massiv an Bedeutung, wogegen es auf dem flachen Land unverzichtbar bleibt. Die Assoziation „Auto → Landei“ oder noch schlimmer „Auto → Hinterwäldler“ wird kommen.

    • Spannende These.

    • Guten Tag. Ich stoße eben aus Gründen der Recherche für einen ähnlichen Blogeintrag über diesen Artikel. Welchen ich mir durchgelesen habe, so wie die meisten Kommentare hier.
      Ich beschäftige mich beruflich bedingt mit diesem Thema. Wir sind sehr an Statistiken zu unseren Kunden interessiert und verfolgen diese auch zu Marketingzwecken. Und tatsächlich merken auch wir in den letzten Jahren einen leichte Veränderung beim Verhältnis Autokauf/Autoverkauf in Großstädten gegenüber ländlichen Gegenden. Ein sehr spannendes Thema! Auch ich besitze keine Auto(Nur ein Moped) und komme hervorragend durchs Leben.

      Gruß aus Rheine

      Thomas

6 Pingbacks

  1. [...] den Fahrrädern geht es aufwärts, mit den Autos geht es abwärts. Das ist vielleicht etwas schlicht ausgedrückt, es stimmt aber [...]

  2. [...] den Fahrrädern geht es aufwärts, mit den Autos geht es abwärts. Das ist vielleicht etwas schlicht ausgedrückt, es stimmt aber [...]

  3. [...] ganzen Landes zusammen. Niemand will schlechtes Essen konsumieren oder aufs Auto verzichten (obwohl das ja gerade im Umbruch ist, auch so ein gesellschaftlicher Wandel). Aber was ist mit einem schlechten und krieselden Internet? [...]

  4. [...] Auch das Internet ist schuld: Wieso wir keine Autos mehr kaufen | netzwertig.com I Internetwirtschaf… [...]

  5. […] VW (QuiCar) mit und versuchen ihre eigenen Dienste zu etablieren. Sie sehen, wohin der Trend geht: weg vom eigenen Auto. Die Bahn ist ebenfalls dabei und bietet mit Flinkster Carsharing an. In vielen Städten kann man […]

  6. […] ganzen Landes zusammen. Niemand will schlechtes Essen konsumieren oder aufs Auto verzichten (obwohl das ja gerade im Umbruch ist, auch so ein gesellschaftlicher Wandel). Aber was ist mit einem schlechten und krieselden Internet? […]

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