Der digitale Aspekt der türkischen Proteste:
Eindrücke aus Istanbul

Die derzeitigen Geschehnisse in der Türkei werden wie schon ähnliche Ereignisse in anderen Ländern stark durch das Internet beeinflusst. Einige diesbezüglich relevante Eindrücke aus Istanbul.

IstanbulWie der Zufall es will, befinde ich mich gerade in Istanbul. Da meine Unterkunft nur wenige Minuten vom Taksim-Platz und Gezi Park entfernt liegt, ist es unmöglich, von den Protesten und den Maßnahmen der Polizei nichts mitzubekommen. Aber zugegebenermaßen finde ich es auch ziemlich spannend, nahe am Geschehen zu sein. Ich spare mir an dieser Stelle allgemeine Lageberichte oder eine Beurteilung der politischen Situation. Dies überlasse ich den Nachrichtenmedien und denen, die sich intensiver mit der Situation der türkischen Nation befassen. Aktuelle Berichte der deutschen Presse, etwa bei Zeit Online und Spiegel Online, liefern einen meines Erachtens nach treffenden Überblick.

Stattdessen möchte ich einige Punkte ansprechen, welche aus internettechnischer Perspektive interessant sind. Bekanntlich sorgt die allgemeine Selbstzensur vieler türkischer Mainstreammedien dafür, dass die detaillierte Kunde über aktuelle Geschehnisse vom Platz und dem angrenzenden Park vorrangig über das Internet an die Öffentlichkeit gerät. Was den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan zu dem jetzt schon legendären Kommentar bewegte, Twitter sei eine Plage.

Es sind vorrangig der Microbloggingdienst, Facebook und die auch in Deutschland sehr populäre Smartphone-ChatApp WhatsApp, die zur Verbreitung von Neuigkeiten und Organisation von Protestaktionen genutzt werden. Während bei den erstgenannten zwei Diensten aufgrund ihrer viralen Reichweite viele Falschmeldungen kursieren, dient WhatsApp den Protestierenden als Mittel, um in kleinen Gruppen verifizierte Informationen auszutauschen. Selbst Ärzte verwenden den Chatservice, um etwa in Erfahrung zu bringen, an welchen Orten ihre Hilfe gerade besonders von Nöten ist.

Es war die Unkontrollierbarkeit der sozialen Medien, die türkische Zeitungen und TV-Sender dazu zwang, doch ausführlicher über die Protestwelle in Istanbul und anderen Gegenden des Landes zu berichten. Auch wenn wie schon beim arabischen Frühling wieder darüber gestritten werden darf, welchen Einfluss Twitter, Facebook & Co auf die Ereignisse haben, so ist es doch eindeutig, dass sie die Entwicklung beschleunigen und eine einseitige Informationsverbreitung verhindern.

Keine unwichtige Rolle kommt der privaten Nachrichtenagentur DHA zu, die aus Räumlichkeiten direkt am Taksim-Platz seit dem Beginn der Proteste rund um die Uhr einen Online-Livestream bietet. Das ist insofern bemerkenswert, als das DHA zum türkischen Medienkonglomerat Dogan Holding gehört, die einen Großteil der wichtigsten Medien des Landes betreibt, darunter auch den wegen seiner Pinguinberichterstattung während der Gezi-Park-Eskalation in die Kritik geratenen Sender CNN Turk. Einen 24/7-Livestream vom Ort des Geschehens anzubieten und damit sowohl Türken als auch dem Rest der Welt die ungeschminkten Tatsachen zu präsentieren, konterkariert eigentlich den Versuch der Regierung, Informationen möglichst nur gefiltert duchzulassen.

Neben dem DHA-Livestream tauchen bei Twitter auch immer wieder Links zu Streams auf, die Passanten mittels Smartphone und Services wie Ustream anfertigen. Diese Streams unterliegen jedoch den Begrenzungen der mobilen Datennetze vor Ort und sehen meist entsprechend aus. Apropos: Mehrfach gab es seit dem Beginn der Proteste Klagen über temporär langsame oder ganz deaktivierte Mobilfunknetze. Zuletzt ließ sich dies am Dienstagabend bei Twitter vernehmen, während es auf dem Taksim-Platz heiß herging. Meine eigene Erfahrung war bisher allerdings recht positiv: Einen Totalausfall habe ich bisher nicht erlebt, obwohl ich direkt um die Ecke wohne und mich häufig in der Umgebung des Platzes aufhalte. Auch eine selektive Drosselung von Twitter und Facebook ist mir nicht aufgefallen. Wenn die Verbindung langsam war, betraf dies das gesamte Netz.

Dass 3G-Netze schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn tausende an einem Ort konzentrierte Menschen gleichzeitig Tweets senden und Fotos bei Instagram teilen wollen, ist ein bekanntes Problem. Turkcell, der größte Mobilfunkbetreiber des Landes, bestritt, von der Regierung Anweisungen zur Unterbrechung der Internetverbindungen erhalten zu haben. Der Telekommunikationskonzern reagierte auf die anfänglichen Verbindungsprobleme mit dem Aufstellen zusätzlicher 3G-Basistationen mitten auf dem Platz. Eine davon ging allerdings am Dienstag in Flammen auf (Bild 11).

Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es bei der Beschaffung lokaler SIM-Karten in der Türkei verschiedene verkomplizierende Regeln. Vorbereitet wie ich war, besorgte ich mir in Deutschland bei Türk Telekom Deutschland eine Prepaid-SIM-Karte inklusive 500 Megabyte Datentraffic für die Türkei. Das ist günstiger als Roaming und sicherer, als sich vor Ort mit Sprachbarrieren, undurchsichtigen Tarifen und der staatlichen Registrierungspflicht von SIM-Karten und Mobiltelefonen herumschlagen zu müssen. Auch wenn 500 Megabyte nicht gerade viel sind – für ein paar Tage ist es genug. Bisher war es die Batterie meines iPhones, die mir unterwegs Grenzen setzte. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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