Snapchat, Ask.fm, TBH:
Startups entdecken die Zielgruppe der Teenager

Die Wachablösung im Netz schreitet voran: Jugendlichen reichen die von der Dotcom-Generation erfolgreich gemachten sozialen Netzwerke nicht mehr aus. Sie wollen Abwechslung. Startups wie Snapchat, Ask.fm und TBH bieten diese.

TeenagerUnser erster Beitrag dieses Jahres trug die Überschrift “Die Dotcom-Generation wird alt” und beschrieb die Wachablösung, die sich gerade innerhalb der Onlineökonomie abspielt. Die “Digital Natives” werden älter und übernehmen verstärkt die Rolle von Early Adoptern und Multiplikatoren. Sie waren es, die Snapchat zu einem Achtungserfolg machten, während die bisherigen Rädelsführer der Netzwelt die Foto-Sharing-Anwendung noch gar nicht bemerkt hatten.

Weiterhin besteht der Großteil von Snapchats Anwenderschaft aus Teenagern und jungen Erwachsenen, die anders als ältere Semester einen besonderen Reiz im Konzept nur wenige Sekunden lang sichtbarer Fotos und Videos sehen. Die App des US-Startups wächst nach wie vor ungebrochen. 150 Millionen “Snaps” werden pro Tag im Durchschnitt über Snapchat verschickt (Instagram: 40 Millionen). Das junge Unternehmen ist gerade dabei, eine Finanzierungsrunde in Höhe von 100 Millionen Dollar abzuschließen. Ginge es nach den Vertretern der Dotcom-Generation – also Personen, die zur Jahrtausendwende ihre ersten Gehversuche im Internet gemacht und in den vergangen Jahren maßgeblich die Evolution der Webwirtschaft geprägt und beeinflusst haben – dann wäre Snapchat wahrscheinlich gefloppt.

Attraktive Nische 

Zwischen eindeutigen Anwendungen und Apps für Kinder und den bevorzugten sozialen Netzwerken des alternden Web-Mainstreams ist eine Nische entstanden, die mittlerweile hinsichtlich Attraktivität für Startups und Investoren an die auf die Allgemeinheit der User ausgerichteten Webanwendungen heranreicht. Denn die Nachfrage ist da: Jugendliche verwenden zwar auch die von ihren älteren Geschwistern und Eltern frequentierten Services wie Facebook oder Twitter, sehnen sich aber gleichzeitig nach Neuem; nach Anwendungen, die ihrem Lebensgefühl, ihren Werten und ihren Kommunikationsmustern besser entsprechen, als dies für die Oldies gilt.

Snapchat war nur der Anfang

Man konnte vermuten, dass Snapchat nur den Anfang machen würde. Und so kommt es auch: Genauso plötzlich wie Snapchat auf dem Radar der Techmedien erschien – die fast ausnahmslos von Vertretern der Dotcom-Generation geführt und mit Inhalten bestückt werden – macht nun mit Ask.fm ein anderer Webservice scheinbare Blitzkarriere. Scheinbar deshalb, weil das lettische Startup schon drei Jahre alt und vielen Heranwachsenden ein Begriff ist. Ganze 57 Millionen Nutzer verzeichnet die Frage-Antwort-Plattform, wie dieses CNET-Portrait über Ask.fm erläutert. 200.000 kommen täglich hinzu. 180 Millionen Unique User besuchten Ask.fm im April. Dennoch ist der Service in Webkreisen relativ unbekannt. Der Grund: Er wird fast ausschließlich von jungen Leuten frequentiert, die bei Ask.fm Antworten auf die wichtigen und unwichtigen Fragen des Lebens erhalten. 50 Prozent der Mitglieder sind unter 18 Jahren alt, nur wenige Anwender haben bereits den 25. Geburtstag hinter sich. Gepostet wird anonym. In der Folge geht es bei Ask.fm nicht immer nur nett zu: Die Site wurde mit Suiziden in Folge von Cybermobbing in Verbindung gebracht.

Vom Grundgedanken her ähnelt Ask.fm der einstigen Q&A-Plattform Formspring, die jedoch Mitte 2012 einen “Pivot” verkündete. Laut CNET waren zum damaligen Zeitpunkt sieben Millionen User bei Ask.fm registriert. Innerhalb eines Jahres kamen 50 Millionen hinzu. Die Monetarisierung des Startups aus Riga erfolgt über Werbebanner und gesponsorte Fragen.

“Liken” mit Gegenleistung

Ein typisches Charaktermerkmal dieser neuen Kategorie von Teen-Netzwerken ist es, dass ihre Faszination vielen Erwachsenen verborgen bleibt. Besonders deutlich zeigt dies die britische iPhone-App namens TBH. Gemäß dem Motto “To be honest” (= TBH) “liken” Nutzer andere Anwender der App, um im Gegenzug auf ihrem Profil ehrlich gemeinte Kommentare und bevorzugt natürlich Komplimente zu erhalten. Der Gedanke, jemandem ein “Gefällt mir” zu spendieren, um als “Gegenleistung” gesagt zu bekommen, dass man ein hübsches Lächeln hat, mag den Angehörigen der Dotcom-Generation im besten Fall kindisch vorkommen und sie im schlimmsten Fall am psychischen Wohlbefinden heutiger Jugendlicher zweifeln lassen. Doch die Macher, das Startup Triple Soda Limited, glauben, mit einem solchen Dienst den Nerv der jungen Zielgruppe zu treffen. Sie sehen ihre App als Beitrag im Kampf gegen Onlinemobbing, da sie User zum Publizieren positiver Kommentare animieren. Wer sich bei TBH umschaut und das 20. Lebensjahr passiert hat, wird sich bei dem Dienst alt fühlen. Inwieweit TBH einen ähnlich beeindruckenden Aufstieg vollbringen kann wie Snapchat und Ask.fm, werden die nächsten Monate zeigen. In der Presse steht dies erst dann, wenn bereits jeder Jugendliche die App installiert hat.

Ideale Exitchancen

Eine Langzeitprognose zu Snapchat, Ask.fm oder TBH fällt schwer. Niemand weiß, wie wechselhaft die junge Zielgruppe ist; wie schnell sie die Lust an virtuellen Schulhofgesprächen, Snapchat-“Selfies” und dem systematischen Einfordern von Selbstbestätigung verliert. In einigen Jahren sind die heutigen Teens junge Erwachsene. Die Jugendlichen, die dann in ihre Fußstapfen treten, werden wieder ganz andere Plattform bevorzugen. Bis dahin jedoch werden wir noch zahlreiche auf Heranwachsende ausgerichtete Online- und Mobilefirmen am rasanten Aufstieg beobachten können. Denn mit den ergrauenden, aber wohlhabenden Netzgiganten können sich Gründer sowie Geldgeber idealer Exitchancen sicher sein. Yahoos Kauf von Tumblr ist ein Beleg dafür. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

IAC kauft ein: Tinder und Ask.fm, zwei Lieblings-Apps von jungen Leuten, haben nun die selbe Besitzerin

15.8.2014, 2 KommentareIAC kauft ein:
Tinder und Ask.fm, zwei Lieblings-Apps von jungen Leuten, haben nun die selbe Besitzerin

180 Millionen vorrangig jugendliche Nutzer halten sich jeden Monat bei Ask.fm auf. Jetzt hat der US-Internetkonzern IAC das Startup aus Riga über seine Tochter Ask.com übernommen. Auch die beliebte Dating-App Tinder gehört zu IAC.

Von Yik Yak bis We Heart It: Millionen Jugendliche erobern neue und alte Apps

1.7.2014, 3 KommentareVon Yik Yak bis We Heart It:
Millionen Jugendliche erobern neue und alte Apps

Nicht immer sind Nutzungsmuster und App-Favoriten von Jugendlichen ein Indikator für den nächsten Reichweiten-Hit im Social Web. Dennoch sollte man einige der Anwendungen, die Teenager gerade erobern, im Auge behalten. Aus einzelnen könnte Großes werden.

Snapchat: Das am meisten unterschätzte Startup der Social-Web-Branche

28.8.2014, 5 KommentareSnapchat:
Das am meisten unterschätzte Startup der Social-Web-Branche

Snapchat hat sich in vielen Ländern neben Instagram, Facebook und WhatsApp als feste Größe unter den Kommunikations-Apps etabliert. Im deutschsprachigen Raum ist das ganz anders.

Linkwertig: Twitter, Amazon, Snapchat, Meta

31.7.2014, 1 KommentareLinkwertig:
Twitter, Amazon, Snapchat, Meta

Die Twitter-Aktie geht durch die Decke und mehr.

Kommunizieren über Fotos und Videos: Ashton Kutcher erwärmt sich für Berliner Geek-App Taptalk

14.7.2014, 2 KommentareKommunizieren über Fotos und Videos:
Ashton Kutcher erwärmt sich für Berliner Geek-App Taptalk

Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher empfiehlt in einem Tweet die Berliner Foto- und Video-App Taptalk. Ob ehrlich und spontan oder mit Hintergedanken - dem Dienst mit seiner bislang eher homogen wirkenden Nutzerschaft kann das nur gut tun.

 Belohnungskarusell: Wie Facebook Millionen zur Prokrastination verleitet

21.8.2014, 4 Kommentare Belohnungskarusell:
Wie Facebook Millionen zur Prokrastination verleitet

Prokrastination steht für viele gleichbedeutend mit "Facebook". Wir werfen einen Blick auf den Zusammenhang zwischen der Kommunikation in sozialen Netzwerken sowie typischem Aufschiebeverhalten - im zweiten Teil unserer Serie zum Thema Prokrastination.

Internationalen Wettbewerb unterschätzt: Die deutsche Medienriesen und ihre gefloppten sozialen Netzwerke

31.3.2014, 12 KommentareInternationalen Wettbewerb unterschätzt:
Die deutsche Medienriesen und ihre gefloppten sozialen Netzwerke

Deutschlands Medienriesen ist das Kunststück gelungen, ihre während der Web-2.0-Euphorie für vergleichsweise viel Geld gekauften sozialen Netzwerken allesamt gegen die Wand zu fahren. Ihr großer Fehler war der Glaube, dass Ländergrenzen im Social Web auf Dauer eine Rolle spielen.

Ein erster Blick auf Facebooks neue App: Paper ist keine Nachrichten-App, sondern Facebook für die mobile Generation

3.2.2014, 3 KommentareEin erster Blick auf Facebooks neue App:
Paper ist keine Nachrichten-App, sondern Facebook für die mobile Generation

Facebook hat in den USA seine neue iPhone-App Paper veröffentlicht. Sie befördert nicht nur Nachrichteninhalte ins Rampenlicht, sondern liefert alle wichtigen Funktionen des sozialen Netzwerks - ernsthaft optimiert für das mobile Zeitalter.

Internetwirtschaft: Deutschland braucht Megafunds mit rein deutschem Fokus

1.10.2014, 2 KommentareInternetwirtschaft:
Deutschland braucht Megafunds mit rein deutschem Fokus

Die Internetwirtschaft Deutschlands und Europas muss sich gegen die kraftvollen, milliardenschweren Akteure des Silicon Valley sowie gegen die wachsenden Giganten aus Fernost behaupten. Ohne umfangreiche VC-Funds, die sich ausschließlich auf den hiesigen Markt konzentrieren, wird dies schwer.

Nur noch die eigenen “Probleme” im Sinn: Die kalifornische Tech-Elite verspielt ihre Glaubwürdigkeit

12.9.2014, 8 KommentareNur noch die eigenen “Probleme” im Sinn:
Die kalifornische Tech-Elite verspielt ihre Glaubwürdigkeit

Die Errungenschaften der kalifornischen Technologiebranche haben das Leben von Menschen rund um den Globus verbessert. Doch heutzutage kümmern sich die Protagonisten vorrangig um ihre eigenen Luxusprobleme. Das eröffnet Chancen für Gründer und Innovatoren, die den Blick für die Bedürfnisse der restlichen Welt nicht verloren haben.

Hongkong: Von Phablets, Smartcards und der praktischen Nähe zur \

2.9.2014, 5 KommentareHongkong:
Von Phablets, Smartcards und der praktischen Nähe zur "Werkbank der Welt"

In Hongkong treffen westliche und fernöstliche Kultur aufeinander. Die Stadt präsentiert sich technologiefreundlich - und lockt internationale Startups mit der Nähe zu den chinesischen Hardware-Produktionsstätten wenige Kilometer entfernt.

Von Yik Yak bis We Heart It: Millionen Jugendliche erobern neue und alte Apps

1.7.2014, 3 KommentareVon Yik Yak bis We Heart It:
Millionen Jugendliche erobern neue und alte Apps

Nicht immer sind Nutzungsmuster und App-Favoriten von Jugendlichen ein Indikator für den nächsten Reichweiten-Hit im Social Web. Dennoch sollte man einige der Anwendungen, die Teenager gerade erobern, im Auge behalten. Aus einzelnen könnte Großes werden.

Untersuchung zur Internetnutzung: Für Schweizer Jugendliche ist WhatsApp das neue Facebook

10.7.2013, 14 KommentareUntersuchung zur Internetnutzung:
Für Schweizer Jugendliche ist WhatsApp das neue Facebook

Junge Leute verwenden das Internet anders als ältere Generationen. Eine Untersuchung unter Schweizer Anwendern zwischen 14 und 25 Jahren verdeutlicht dies.

Ein Kommentar

  1. Meiner Meinung nach zeigt Snapchat, wie leichtsinnig die junge Generation mit ihren Daten umgeht. Snapchats Löschmechanismus ist nicht wirklich ernstzunehmen(http://maxtech.bplaced.ne…unbemerkt-speichern/). Und trotzdem sind viele junge Leute wild darauf sehr persönliche Fotos von sich zu versenden, ohne sich Gedanken darüber zu machen.

2 Pingbacks

  1. [...] Teenager Startups entdecken die Zielgruppe der Teenager Die Wachablösung im Netz schreitet voran: Jugendlichen reichen die von der Dotcom-Generation erfolgreich gemachten sozialen Netzwerke nicht mehr aus. Sie wollen Abwechslung. Startups wie Snapchat, Ask.fm und TBH bieten diese. Netzwertig.com [...]

  2. [...] Nun stellt uns diese Forderung natürlich vor ein riesiges Problem: Wer soll unseren Schülern denn diese ganzen neuen Fähigkeiten beibringen? Wenn es nicht einmal genug Kompetenz gibt, um alle offenen Stellen zu besetzen, wer soll dann unterrichten? Hinzu kommt noch, dass sich Umgebungen und Instrumente so schnell weiterentwickeln, dass selbst die Generation knapp oben drüber offenbar keine Ahnung mehr hat, wo sich die Kids so rumtreiben. [...]

vgwort