Filesharing über Facebook:
Pipe wettet auf den Fortbestand der Datei

Ein Jahr lang verweilte das Berliner Startup Pipe im geschlossenen Beta-Stadium. Jetzt ist die kostenlose Anwendung für den einfachen Dateiversand via Facebook frei verfügbar. Sie funktioniert nun auch, wenn Nutzer offline sind.

Ein Jahr ist es her, dass das Berliner Startup Pipe die geschlossene Beta-Phase für seinen gleichnamigen Facebook-Filesharingdienst begann. Seitdem jedoch hat man von dem von Philip Eggersglüß, Marco Rydmann und Simon Hossell gegründeten Service nichts mehr gehört. Zwölf Monate sind für eine Closed Beta eine ungewöhnlich lange Zeit, weshalb die Vermutung im Raume stand, das Projekt Pipe sei noch vor seinem tatsächlich Debüt gescheitert. Doch wie sich nun zeigt, benötigten die Hauptstädter einfach eine Weile, um von der ersten Testversion zu einer Ausformung zu gelangen, die den Ansprüchen einer hochgradig simplen Lösung zum Versenden von Dateien zwischen Facebook-Mitgliedern genügt und alle dabei eventuell auftretenden Szenarien berücksichtigt.

“Pipe ist nicht vergleichbar mit irgendeiner kleinen App, die man in einer Rohfassung veröffentlichen und dann sukzessive nachbessern und verfeinern kann”, erklärt Hossell. “Das ist ist Datentransfer. Er muss für alle beim ersten Mal sofort funktionieren”. Im Zuge ihrer Testphase stießen Hossell und seine Mitstreiter immer wieder auf Schwierigkeiten und Herausforderungen, die bei beim Direktversand von Dateien von Nutzer zu Nutzer ohne zwischengeschalteten Server auftreten. Dazu gehörten ungewöhnliche Netzwerkkonfigurationen, spezielle Routereinstellungen und undurchlässige Firewalls. Viel Fokus legte das Startup außerdem auf das Erreichen einer größtmöglichen Simplizitiät. Nur so kann das Ziel der Pipe-Macher realisiert werden, wirklich jedem Facebook-User sofort eine erfolgreiche Versendung oder einen gelungene Empfang von Dateien zu ermöglichen.

Pipe steht jetzt allen offen

Nach zwölf Monaten ist das mittlerweile zehnköpfige Startup am Ziel angekommen. Seit Mittwochnachmittag steht Pipe – jetzt über die knackige vierbuchstabige Domain pipe.com – allen Nutzern offen – wie schon zum Beginn der Beta-Phase mit enger Anlehnung an die aus dem Spieleklassiker Super Mario bekannte Röhrenmetapher. Nur dass bei Pipe nicht Mario durch die Röhre rutscht, sondern beliebige Dateien der User – solange sie nicht die Größe von einem Gigabyte überschreiten. Wer Freunden Dokumente, Musik, Videos oder andere Dateiarten zukommen lassen möchte, aktiviert Pipes Facebook-App und initiiert den Dateitransfer. Der Empfänger erhält eine Benachrichtung über die bevorstehende Übermittlung einer Datei, aktiviert mit einem Klick die Pipe-App und erhält anschließend im Peer-to-Peer-Verfahren die Datei vom Sender.

Die Pipe-Macher betonen, dass weder sie noch Facebook Einsicht darin haben, welche Dateien sich Nutzer zuschicken. Der Anonymität ist dies natürlich förderlich. Anwender müssen sich keine Gedanken machen, dass ihnen Ungemach droht, sollten sie beispielsweise urheberrechtlich geschütztes Material transferieren – wozu sie freilich von Pipe nicht ermuntert werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Pipe ausschließlich für Urlaubsvideos und Excel-Dateien verwendet wird, ist ziemlich gering.

Online-Zwischenspeicherung als zusätzliche Option

Allerdings hat das P2P-Verfahren den Nachteil, dass Sender und Empfänger einer Datei gleichzeitig über die herkömmliche Webversion von Facebook online sein müssen. Daraus folgt ein hohes Frustrationspotenzial für den Sender, der bei Nichtannahme der Datei durch den Empfänger irgendwann die Geduld verliert und doch lieber auf Dropbox oder einen anderen Cloudspeicherservice ausweicht. Dem Pipe-Gründertrio wurde während des Betabetriebs klar, dass der Service ganz ohne temporäre Speicherlösung niemals die simple, effektive Filetransferlösung werden könne, die ihnen vorschwebte. Also fanden sie einen Kompromiss:

Pipe

Nach wie vor werden Pipe-Files, wenn möglich, per Direkttransfer übermittelt. Sofern jedoch der Empfänger einer Datei gerade nicht bei Facebook eingeloggt ist oder sich nicht am Rechner befindet, besteht die Möglichkeit, eine Datei mit einer Größe von maximal 100 Megabyte bis zu fünf Tagen in einem “Onlineschließfach” abzulegen. Wählt ein Nutzer diese Option, erhält der Empfänger der Dateie eine entsprechende Benachrichtigung und hat bis zum Ablauf der Frist Zeit, sich diese herunterzuladen – auch wenn der Sender mitunter bereits den Rechner zugeklappt hat und mit Freunden Bier trinkt.

Wie beim Anrufbeantworter

Pipe-Mitgründer Simon Hossell sieht in diesem Ansatz keinen Widerspruch zum hohen Datenschutz- und Anonymitätsanspruch des Startups. Er vergleicht das Verfahren mit einem Anrufbeantworter. So wie Anrufer die Wahl haben, ob sie eine Nachricht hinterlassen oder es später nochmals probieren wollen, können User bei Pipe frei entscheiden, wie die jeweilige Datei den Empfänger erreicht.

Ich halte die nun implementierte Kombination aus P2P-Features und zeitweiligem Onlinespeicher für sehr gelungen. Pipe präsentiert sich damit tatsächlich als die wohl einfachste Methode überhaupt, um einem Facebook-Kontakt spontan einen Link zukommen zu lassen. Die Pipe-Macher dürfte die Hoffnung antreiben, dass mit dieser Lösung schnell viele Facebook-Anwender einmalig mit Pipe in Kontakt kommen, die App aktivieren (was Voraussetzung ist, um eine Datei in Empfang zu nehmen, und eine Freigabe bestimmter Facebook-Daten erfordert) und sich somit mittelfristig der Bedarf an einem zwischengeschalteten Onlinespeicher reduziert. Auch die geplante Veröffentlichung von mobilen Apps soll dafür sorgen. Als Umsatzquelle fassen die Berliner kostenpflichtige Premiumfunktionen ins Auge. Zur Premiere der Beta-Version vor einem Jahr wurden auch Sponsoring und Partnerschaften mit Medienunternehmen im Umfeld der Dateitransfers als Monetarisierungsoptionen genannt. Im Fokus steht für das mit einer Seed-Finanzierung ausgestattete Startup aber erst einmal, ganz schnell viele User zu gewinnen.

Und genau da wird sich zeigen, ob die Grundannahme des Pipe-Teams überhaupt noch in unsere von Streaming geprägte Zeit passt: Nämlich dass User in einem privaten Sharingkontext – der vorrangig Medieninhalte betrifft – mehr als unbedingt notwendig mit Dateien herumhantieren möchten. Ich bin mir da nicht so sicher. /mw

Link: Pipe

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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