Analyse:
Der unvorsichtige Umgang mit dem Berlin-Hype am Beispiel Amen

Trotz guter Voraussetzungen blieb Amen der große Durchbruch verwehrt. Eine Betrachtung möglicher Ursachen.

AmenDieser Artikel erschien zuerst im Blog Berlin Valley und wurde uns von Autor Jan Thomas freundlicherweise zur Zweitveröffentlichung bereitgestellt. Thomas beleuchtet dort regelmäßig das Treiben der Berliner Startupszene. 

Wie berichtet steht die Zukunft der Berliner Meinungsplattform Amen in den Sternen. Der mediale Aufstieg und vor allem der mögliche Niedergang des Unternehmens sind aus mehrerlei Hinsicht eine genauere Analyse wert. Denn eigentlich brachte das Startup alle Zutaten mit, die ein Tech-Startup zum Durchstarten benötigt:

Team

Ein Gründerteam wie aus dem Bilderbuch. Ein schillernder Kopf (Felix Petersen, Serial Entrepreneur), ein äußerst erfahrener CTO (Florian Weber, ehemals Lead Ruby on Rails Developer bei Twitter) und mit Caitlin Winner eine sehr erfahrene Produkt-Designerin (CPO).

Ein gigantischer Markt

Amen wollte die Meinungsplattform des Internets werden. Wer Nutzerrezensionen und Bewertungen auf Plattformen wie Ekomi, Qype oder auch Amazon nutzt, der weiß, dass all diese Lösungen maximal die Bezeichnung „vorsintflutlich“ verdienen. Sie praktizieren eine Web 1.0-Logik und sind im Ernstfall wenig hilfreich. Dazu gibt es viele Studien. Amen hingegen sah sich selbst als Social Startup. Es wollte Nutzern zeigen, was Menschen, die sie kennen, gut finden bzw. empfehlen. Dieser Markt (Meinungsbildung im Internet) erscheint so groß, dass er kaum bezifferbar ist. Denn Meinungen und Empfehlungen braucht jeder jeden Tag. Amen (oder ein anderes Meinungsstartup) hätte durchaus das Potenzial, der Google-Suche gefährlich zu werden. Was will man mit SEO-optimierten Kauf-/Empfehlungsportalen, wenn man die Meinung von ausgewiesenen Experten anzapfen kann?

Kapital

Der Leadinvestor von Amen ist kein geringerer als Index Ventures, ein gigantischer Investment-Fonds mit einem Volumen von über 1 Mrd. Euro. Ein Blick ins Portfolio lässt das Gewicht von Index Ventures erkennen. Dazu gesellten sich Sunstone Capital, A Grade, Slow Ventures, Alexander Ljung und Eric Wahlforss (beide SoundCloud) sowie der Berliner Multi-Investor Christophe Maire. Es kann also als gegeben gelten, dass genügend Expertise am Verhandlungstisch saß. Gemeinsam haben die Investoren 2,9 Millionen US-Dollar in das Experiment Amen gesteckt – Seed wohlgemerkt! Investmentseitig spielte Amen somit vom Start weg auf US-Niveau. Von solchen Beträgen träumen die meisten anderen Berliner Startups (was natürlich auch sofort die Neider auf den Plan ruft).

Skalierbarkeit

Amen ist ein hoch-skalierbares Tech-Startup. Im Gegensatz zu E-Commerce-Unternehmen, deren Wachstumsgeschwindigkeit natürliche Grenzen kennt (Zalando ist wahrscheinlich der internationale Benchmark für „Maximum Speed“), haben reine Tech-Startups das Potenzial, die Welt in Lichtgeschwindigkeit zu erobern. Und Geschwindigkeit ist der wichtigste Wettbewerbsvorteil.

Design

Das Corporate Design von Amen ist sehr konsequent und durchdacht mit hohem Wiedererkennungswert. Die Nutzerführung/Usability stieß hingegen nicht überall auf Gegenliebe. Dennoch präsentierte sich das Produkt aufgeräumt und klar. Produkt und Unternehmensauftritt erfüllten internationale Anforderungen.

Wettbewerb

Amen – und das ist Vor- und Nachteil zugleich – ist ein First Mover. Wie bereits geschildert sind sämtliche gängigen Bewertungs-/Meinungs-Lösungen faktisch unnutzbar. Wer das bezweifelt, gehe mit seiner Freundin beim nächsten romantischen Dinner ungeprüft in das (lt. Qype) beste spanische Restaurant der Stadt. Wir schicken ihm dann anschließend gerne einen Probe-Account für eDarling. Für Amen bedeutete der First-Mover-Ansatz, dass man auf ein unbestelltes Feld blickte. Das Thema „plattformübergreifende Meinungsverwaltung“ ist ungelöst. Das Nutzerverständnis kann jedoch nicht vorausgesetzt werden. Zum Zeitpunkt des Starts gab es keine etablierten Wettbewerber.

Hype

Jeder, der einmal ein Startup gegründet hat, kennt den Wert guter PR-Arbeit. Amen war wahrscheinlich das erste deutsche Startup, in das der Hollywood-Star Ashton Kutcher (Charlie Sheen 2.0) investierte. Details zur Höhe seines Engagements sind unbekannt. Möglicherweise hat er auch nur Equity gegen Glamour getauscht. Auf jeden Fall ist es Amen gelungen, Stadtgespräch in Berlin zu werden -  nicht nur in der Startup-Presse. Amen war ein Synonym für den neuen Aufschwung, der von Berlin in die Welt getragen werden soll.

Die Liste an Pluspunkten könnte man sicher fortführen. Was deutlich wird, ist, dass Amen über sämtliche Faktoren verfügt hat, die ein erfolgversprechendes Startup benötigt. Woran liegt es also, dass die Zeichen nicht auf Erfolg stehen, sondern stattdessen die Lichter langsam auszugehen scheinen?

Vorschusslorbeeren und fehlende Execution?

 

Felix Petersen ist ein guter Frontmann. Er könnte auch Sänger einer hippen New Yorker Indieband sein. Gut gestylt. Lockere Sprüche. Positive Denke. Wer ihm in seinen zahlreichen Interviews zuhörte, der bekam permanent ein „bei uns ist alles in Ordnung“-Gefühl vermittelt. „Wir denken langfristig und sind im Plan“. Doch selbst hartgesottenen Amen-Supportern schien es zuletzt schwer zu fallen, sich zur Nutzung der Plattform zu motivieren. Amen hat die Nutzererwartungen durch seine fortwährenden Ankündigungen derart in die Höhe geschraubt, dass Nutzer eigentlich nur enttäuscht werden konnten. Das mag auf den ersten Blick nicht als mangelnde Execution gesehen werden. Aber ein enttäuschter Nutzer ist nahezu irreparabel – es gibt nun mal keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Gründer sollten nicht vergessen: Ein erfolgreiches Startup ist eine Aneinanderreihung richtiger Entscheidungen. Die Entscheidung, sein Produkt zu früh der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, ist oft der Anfang vom Ende (Branchenkenner sprechen vom Hoffer-von-Ankershoffen-Effekt). Die zweite Todsünde ist übrigens die verfrühte Skalierung. Und dennoch gibt es viele Stimmen, die Amen sogar vom Start weg als zunächst „süchtig machend“ oder „besser als Porno“ bezeichneten. Und Hitlisten sind ja tatsächlich ein funktionierendes und leicht verständliches Prinzip. Also?

Die Amen-Logik – am Nutzer vorbei gedacht?

Es ist gut möglich, dass die Distanz zum Nutzer das größte Problem von Amen war/ist. Die Macher von Amen haben wahrscheinlich keinen einzigen Versuch unternommen, sich aktiv an die Nutzer zu wenden und zu erläutern, warum man die Plattform überhaupt nutzen soll. Es schien, dass die potenzielle Nutzerschaft gespannt wartete, wann es denn nun endlich losgeht. Zeitgleich konnte man dabei zusehen, wie sämtliche aktiven Nutzer sich über Nonsense wie z.B. die besten Flughafen-Lounges ausließen. Ganz ehrlich – das holt keinen ab. Der Mehrwert der Plattform für den aktiven Nutzer wurde nicht kommuniziert – und er ist zurzeit wohl auch noch nicht gegeben.

Gut möglich, dass sich Amen einfach komplett vergaloppiert hat. Möglicherweise gibt es Logikfehler in der Engine. Das stoische Festhalten an einer binären Logik mutete von Anfang an befremdlich an. Die reale Welt ist nun mal nicht schwarz-weiß (Amen/Hell no!), sondern zu 90 Prozent grau (bzw. bunt). Für Amen existierte der Graubereich allerdings nicht. Entweder Yoda ist der coolste Starwars-Charakter oder er ist es eben nicht. Und so erfahren wir dank Amen, dass Käse das beste Topping auf einem Burger ist und Angela Merkel die schlechteste Tänzerin an der Stange. An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Index Ventures.

Doch viel entscheidender ist es, dass Amen es nicht geschafft hat, die Brücke in den Alltag des Nutzers aufzubauen. Das Potenzial zur Nutzerbindung war eigentlich stets gegeben, doch die kritische Masse wurde nicht erreicht. Man hat Amen als Lifestyle-Produkt positioniert und nie über konkrete Use-Cases gesprochen. Wann soll ich Amen wirklich benutzen? Auf welche Fragen bekomme ich bereits heute sinnvolle Antworten? Stattdessen offenbarte sich die Amen-Logik als brutale Oberflächlichkeit. Zufriedenstellende Antworten sucht man dort vergebens. Auch inhaltliche Probleme, wie die fehlende Zusammenführung ähnlich lautender Listen tragen nicht gerade zur Nutzerzufriedenheit bei. Kein Wunder, dass Nutzer sich enttäuscht abwandten. Nutzerzufriedenheit könnte man (nach der Liquidität) als zweitwichtigsten Punkt für Startups notieren. Ein unzufriedener Nutzer wird das Produkt nicht nur nicht nutzen – er wird seine schlechten Erfahrungen auch kundtun. Gleiches gilt umgekehrt für den zufriedenen Nutzer, der gerne Freunde und Bekannte von dem Service überzeugt. Auch bei der Nutzerzufriedenheit kann Amen nicht punkten. In einer kleinen Szene wie Berlin doppelt kritisch.

Der überzeugteste Nutzer von Amen war Felix Petersen selbst. Das ist einerseits gut und richtig, doch ein Wirt, der selbst sein bester Kunde ist, hat wenig Zukunft. Marcel Weiß hatte bereits auf die Probleme hingewiesen und festgellt, dass „“die Einträge des Amen-CEO Felix Petersen über 90% meines Amen-Streams ausmachen.“

Der Erfolg aus der Nische / Bescheidenheit

Ein Kapitalfehler von Amen war es sicher, die Nutzer nicht frühzeitig abzuholen. Nutzerinvolvierung ist das A und O für Startups. Amen strotzte nach außen hin vor Selbstbewusstsein. Doch es ist eine feine Linie zwischen Optimismus und Arroganz. Amen hätte möglicherweise gut daran getan, nicht gleich alle Themen der Welt verarbeiten zu wollen (Motto: Unser Algorithmus schafft das locker), sondern sich mit ein oder zwei attraktiven Themenfeldern zu begnügen und die Nutzer dadurch für die Plattform zu begeistern. Google, ebay, Amazon, Zalando… sie alle haben fokussiert begonnen und ihre Plattform danach um andere Branchen erweitert.

Liquidität

Je größer der Investor, desto unbedeutender das Geschäftsmodell. Wer Nutzer hat, kann auch Geld verdienen – das hört man immer wieder. Ganz ehrlich, das ist brutaler Quatsch. Das mag in einem von hundert Fällen gelingen. Aber für die meisten Startups ist fehlende Liquidität gleichbedeutend mit dem Rücken zur Wand. Amen – so groß die Phantasie des Marktes ist – war gefühlte Ewigkeiten vom ersten verdienten Euro entfernt. Amen hat sicher vieles sehr gut gemacht, aber es sei auch ein mahnendes Beispiel für Startups, die Liquidität nicht aus den Augen zu verlieren. Team, Vision, Markt, Businessplan, Produkt… alles wichtig – aber ohne Liquidität bist Du ratzfatz Geschichte.

Anhaltende Erfolglosigkeit

Möglicherweise hat das Team auch einfach keine Lust mehr. Das wäre tragisch, denn die Gründe der Erfolgslosigkeit scheinen nicht (nur) im Produkt zu liegen. Amen hat zu keinem Zeitpunkt Zahlen veröffentlicht. Es gab keinerlei Erfolgsmeldungen. Es kann gemutmaßt werden, dass das Team einige Meilensteine nicht erreicht hat und ihm daher der Geldhahn zugedreht wurde. So oder so – wenn sich Nutzer enttäuscht abwenden und keine neuen hinzukommen, verliert selbst der hartgesottenste Unternehmer den Spaß an seinem Projekt.

Das fehlende “Wir-Gefühl” der Berliner Startup-Szene

Doch wie reagiert Berlin, wenn eines der (wenn nicht das) hoffnungsvollsten Startups kurzvor dem Aus steht? Berlin, eine Gemeinschaft, die zusammenrückt und kollektive Trauer trägt? Mitnichten. Die Kommentare auf das Ende Amens könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier mischen sich Respekt mit Spott und Hohn. Woran liegt das?

Wer sich mit der Berliner Startup-Kultur beschäftigt, der erlebt zwei Welten. Einerseits ein Lager, das nach Amerika schaut, das Valley bereist und davon träumt, Berlin als führenden Startup-Hub in Europa zu etablieren. Andererseits erlebt man jedoch auch ein anderes Lager, nämlich das der Neider und der hämischen Kommentare. Das große Problem ist, dass die beiden Lager oft in ein und derselben Person verhaftet sind. „Ja, wir wollen das nächste Google, aber nur, wenn es von mir kommt. Wenn Felix Petersen es macht, wollen wir es nicht.“, „Nein, Amen nutze ich nicht. Kenne ich nur aus der Presse.“ u.s.w. Wir wollen hier jetzt nicht eine mögliche Berliner Schizophrenie hochstilisieren, aber der Wunsch, das nächste Facebook oder Google hervorzubringen, scheint oft nicht mehr als ein allgemeines Lippenbekenntnis. Gelebt wird dieser Wunsch in Berlin (noch) nicht – zumindest nicht kollektiv.

Der Deutsche ist insgesamt behäbig und träge (oder positiv ausgedrückt: bedacht). Vor allem ist er träge im Adaptieren neuer Techniken. Wer sich mit dem „hot shit“ aus dem Valley beschäftigt, muss in Berlin viele Partygespräche führen, bis er auf Gleichgesinnte trifft. Nicht einmal den etablierten US-Diensten wie Foursquare oder Pinterest ist hierzulande bisher der große Durchbruch vergönnt. Klar, mal kurz anschauen, damit man mitreden kann („logisch habe ich einen Rebelmouse-Account – Du etwa nicht?“), aber das war´s dann auch. Eine Art digitales Wettpinkeln. So richtig begreifen wir das Potenzial der neuen Trendthemen eigentlich immer erst, wenn die Samwers sie klonen (das Frustrierendste daran ist, dass viele Investoren oft noch weniger von den Zukunftspotenzialen einzelner Geschäftsideen verstehen, als die meisten Gründer).

Es ist tragisch, dass die Berliner Startup-Szene noch kein echtes Wir-Gefühl entwickelt hat und man fragt sich, wer hier das Zepter in die Hand nehmen sollte? Dies scheint eine der dringendsten Baustellen überhaupt.

Berlins große Chance – versaut sie nicht!

Berlin genießt derzeit internationale Wahrnehmung, die bis hin zur Anerkennung reicht. Es hat sich herumgesprochen, dass man versucht, ein führender Standort für Startups zu werden. Und die Zeichen stehen nicht schlecht, denn es gibt unendlich viele Standortvorteile. Es ist jedoch hinlänglich bekannt, dass der Hype um Berlin seine Beweisführung noch schuldig ist. Zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung klafft eine breite Lücke. Die großen Berliner Startups sind SoundCloud (das bestenfalls als schwedisches Startup mit Sitz in Berlin und Fokus auf den US-Markt durchgeht), Zalando (die Anfälligkeit des Geschäftsmodells würde eine ganze Dissertation füllen), Wooga (siehe Zynga) und natürlich Rocket Internet (das sowieso in einem eigenen Kosmos spielt). Berlin produziert derzeit nicht nur viel heiße Luft – viele ansässige Unternehmen haben sich leider auch auf viele kleinteilige Sub-Minimärkte fokussiert. Es gibt viel E-Commerce, viel Kleinteiliges und zu wenig echte Tech-Startups. Team Europe hat gestern mit Kirondo sein nächstes Mini-Projekt vorgestellt – zum wiederholten Male ein Online-Startup frei von jedweder Technologie. Wo bleibt der Mut? Klar kann ein Standort davon träumen, das nächste Google hervorzubringen. Aber ganz ehrlich – wo sind sie denn, die Berliner Gründer mit Größenwahn und Vision?

Denn das muss man Felix Petersen (und seinem Team) zugute halten. Sie sind angetreten, einen großen Drachen zu erlegen. Furchtlose digitale Ritter, wenn das Bild erlaubt ist. Felix Petersen steht für einen Gründertypus, der in Berlin ebenso Mangelware ist wie der brillante Tech-Nerd. Maximale Ambitionen beinhalten die Chance des maximalen Scheiterns. So what? Soziale Netzwerke werden ohnehin zu 90 Prozent zum Scheitern gegründet. Das wissen alle Beteiligten vorher.

Für Berlin tickt auf jeden Fall die Uhr. Man wird nicht über Jahre hinweg das Image eines neuen Startup-Zentrums künstlich am Leben erhalten können, wenn keine substanziellen Erfolgsmeldungen folgen. Die Startupbranche funktioniert nach einfachen Kennzahlen: Investmentvolumen und Exit-Volumen – und in der Startupwelt sind diese Kennzahlen i.d.R. transparent. Auf Seite der Investments gibt es derzeit Bewegung: Allen voran Researchgate, aber auch Hitfox, iLiga oder GetYourGuide haben gerade achtstellige Finanzierungsrunden abgeschlossen. Das macht Mut, auch ohne Exit. Doch es bedarf einer Strategie, eines Masterplans. Auf die Frage, welche konkreten Ergebnisse die German Valley Week, die medial viel beachtete Reise von Politik und Startups ins Silicon Valley, tatsächlich gebracht habe, war die einzige Antwort: ein Mindset. Das ist gut und notwendig – um nicht zu sagen, überfällig. Aber das ist gleichzeitig viel zu wenig. Rösler und Wowereit stehen nun im Rampenlicht. Ihre gemeinsame Aufgabe ist es, den Standort Berlin zu entwickeln. Sie werden sich an den genutzten und und ungenutzten Chancen messen lassen. Auf Nachfrage bestätigte Philipp Rösler, dass es derzeit keinen Dialog zwischen ihm und Wowereit gäbe.

Ja, Deutschland und vor allem Berlin brauchen den Wissenstransfer mit dem Silicon Valley. Die Initiative der German Valley Week war richtig. Die Reaktion dazu der deutschen Medien teilweise undifferenziert und zurückgeblieben. Warum über den Sinn einer einwöchigen Reise schreiben, wenn man stattdessen ganzseitige Artikel über ein Rösler-drückt-Diekmann-Foto schreiben kann? Man gebe Philipp Rösler noch ein paar Wochen Schonfrist. Aber spätestens dann ist er einen Aktionsplan basierend auf seinen Erkenntnissen aus dem Silicon Valley schuldig.

Bislang wird man das Gefühl nicht los, dass sich der Startup-Standort Berlin völlig unkontrolliert entwickelt. Berliner Politiker mögen zwar Notiz von der aufkeimenden Startup-Industrie nehmen, verstehen tun sie jedoch die wenigsten. Wetten, dass Amen verschwunden ist, bevor Klaus Wowereit mitbekommen hat, dass es Amen überhaupt gab? Wowereit ist bislang nur ein stummer Zaungast in einer der wichtigsten Zukunftsbranchen der Stadt. Das hat sich gefälligst zu ändern – und zwar sofort! Andererseits – wer quasi Dank Länderfinanzausgleich eine konstante Einnahmegarantie hat, der hat wenig Ambitionen, wirtschaftlich zu handeln.

Es wäre (nicht nur für die Zukunft Berlins) wünschenswert, zwischen all den grau-melierten Eminenzen im Bundestag und Landtag ein paar junge dynamische Politiker zu sehen, denen man abnimmt, die digitale Zukunft nicht nur aussitzen zu wollen, sondern tatsächlich mitgestalten zu wollen.

Unkritische Startup-Presse und fehlende digitale Visionen

Doch es gibt noch ein anderes Problem, das eine gewichtige Rolle für die Entwicklung des Standortes Berlin spielen wird: Über die Berliner Startup-Szene wird viel geschrieben. Jedoch fehlt es in vielen Redaktionen an ausreichendem Verständnis für das große Ganze. Es gibt kein einziges deutsches Medium (Print, Online, TV…), dass die digitale Zukunft kompetent und in ausreichendem Maß thematisiert. Zudem fehlt es speziell der Berliner Startup-Szene an meinungsbildenden Köpfen. Wo sind denn die deutschen digitalen Visionäre? Die s.g. „Opinion Leader“? Hier gibt es Bedarf nach einem 360-Grad-Blick.

Der fehlende Tiefgang liegt u.a. an dem unausgereiften Geschäftsmodell des Online-Journalismus, verbunden mit einem verhältnismäßig kleinen, deutschen Markt. Geld zu verdienen, fällt hier schwer. Doch darf dies alleine Rechtfertigung für fehlende journalistische Tiefe sein? In anderen Branchen (und in weiter entwickelten, internationalen Märkten) ist es längst üblich, kritische Rezensionen zu neuen Webservices oder Apps zu verfassen. Die deutsche Startup-Journaille ist jedoch weitgehend harmlos bis unkritisch. Man bekommt – von einer Handvoll Ausnahmen mal abgesehen – das Gefühl, dass man sich lieber auf samtweiche Interviewfragen, luftleere Ankündigungen und unkritische Aufarbeitungen von Pressemeldungen konzentrieren möchte. Bloß niemanden vor den Kopf stoßen. Als stiller Beobachter möchte man manchmal laut rufen „jetzt sag ihm halt einfach, dass seine Idee völliger Quatsch ist…“. Nicht selten lesen wir 1:1 Kopien von Pressemeldungen oder Ankündigungsartikel über Services, die niemals das Licht der Welt erblicken.

Die Startup-Presse und ihr unreflektierter Hang zum Hype trägt eine große Mitschuld an der Häme, der Amen jetzt ausgesetzt ist – sie haben das Amen mit Blitzlichtgewitter hofiert wie der Boulevard die Seifenopern-Stars auf dem roten Teppich. Kaum kommt Kutcher, werden die Beine weich. Hier sollten einige Redakteure in sich gehen und überlegen, welche Verantwortung auch auf ihren Schultern ruht. Denn man darf nicht vergessen: Jede Zeile, die ein Redakteur über Amen, Gidsy & Co. schreibt, die fehlt ihm anschließend für ein anderes Startup. Und jede unreflektierte Kritik bedeutet Stillstand. Gute Tech-Redakteure müssen nach vorne schauen und voraus gehen. Sie sind die Experten, die Tellerrandgucker. Es darf ihnen nicht mehr nur um Page-Impressions gehen, sondern vor allem um Substanz. Sie sind eigentlich Gestalter unserer Zukunft. Niklas Luhmann hat einmal den weisen Satz geprägt: “alles was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien”. Journalisten sollten diese Chance ergreifen und ihre Mission darin sehen, ihre Leser an die Hand zu nehmen und ihnen die Welt von morgen näher zu bringen.

Berlin hat derzeit eine Chance, wie es sie wahrscheinlich nie wieder geben wird. Berlin kann international durchstarten und sich als „digitaler Melting Pot“ positionieren. Dazu müssen jedoch die federführenden Akteure (Startups, Investoren, Presse, Politik) zusammenrücken und gemeinsam (!) dafür sorgen, dass dieser Traum Wirklichkeit werden kann. Sich gegenseitig fordern und fördern. Wer nur zuschaut, wird disqualifiziert. Auch hier bedarf es wahrscheinlich mehr Säbelrasselns.

Und Amen?

Ganz ehrlich – auch wenn sich das jetzt wie ein Abgesang lesen mag – bei Amen dürfte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Zwar kennt niemand die wirkliche Leistungsfähigkeit der Software und niemand weiß, ob Felix Petersen wirklich ein guter Unternehmer ist oder nur ein guter Redner. Aber die Einsatzgebiete für eine semantisch-intelligente Lösung wie Amen sind vielfältig. Von daher drücken wir fest die Daumen, dass die Reise zum Ende des Regenbogens noch etwas anhält. Es wäre doch gelacht, wenn sich der unternehmerische Mut nicht auszahlen würde.

Dieser Artikel erschien zuerst im Blog Berlin Valley und wurde uns von Autor Jan Thomas freundlicherweise zur Zweitveröffentlichung bereitgestellt. Thomas beleuchtet dort regelmäßig das Treiben der Berliner Startupszene. 

 

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20 Kommentare

  1. Dazu kann ich nur eins sagen: AMEN.

  2. Was die Macht von Empfehlungen angeht, die hier immer wieder angesprochen wird: wirklich relevant sind doch nur Empfehlungen von Leuten, denen ich a) traue, dass sie wahr sprechen und b) traue, dass ihr Wahrsprechen überhaupt interessant für mich ist.

    Zu a) Das scheint das Problem von Qype und Amazon zu sein, dass da haufenweise Eigenlob vorkommt.

    Zu b) ich beschäftige mich täglich mit Kochen, und habe das laut Feedback meiner Gäste relativ gut drauf. Ich lege also bestimmte Maßstäbe an Essen im Restaurant – woher weiß ich aber, dass all die Hansels, deren Empfehlung ich folge, genauso viel Ahnung haben?

    Und ehrlich gesagt ist mir unklar, wie Amen diese beiden Probleme besser löst als die Empfehlungs-1.0-Seiten, die hier genannt werden.

    Ein weiterer Einwand: am Anfang des Textes wird Caitlin Winner als die “erfahrene Produktdesignerin” gelobt, paar Absätze weiter liest man, die “Nutzerführung stiess nicht auf Gegenliebe”. Also ist sie nun eine tolle Produktdesignerin oder nicht?

    Und Stadtgespräch wurde Amen mit einer Plakat-Klebe-Aktion, in der die Besucher gewisser Locations, die man ins Auge nahm, gelinde gesagt … beleidigt wurden. Dieses aggressive Polarisieren erzeugte die Gegenliebe, die jetzt dazu führte, dass in jedem zweiten Lästersatz über Berlins Startup-Szene Amen vorkam. Das wird nun sicherlich von Petersen und Winner als “Neid” abgetan.

    Aber wer in den Wind pisst, muss sich nicht wundern, wenn er nass wird.

  3. Ich wünschte ich könnte…

    …aber die täglichen neuerscheinenden Start-Ups in Berlin kotzen mich förmlich an.

    NULL Innovation
    NULL Mut
    NULL Konzept

    Jeder will nur mitmachen !!!

  4. “Der Deutsche ist insgesamt behäbig und träge (oder positiv ausgedrückt: bedacht). Vor allem ist er träge im Adaptieren neuer Techniken.”

    Hast du noch andere Faschodefinitionen? Was ist mit “dem Türken”? Oder “der Amerikaner”? Bitte mehr allgemeine Aussagen dieser Art. So kommen wir auf jeden weiter.

    Einfach nur Stuss. Bitte mal im Biotech und OR Bereich umschauen.

    Ach. Das errinnert mich an

    “Der Türke kann Kaffee,
    Döner, Bauchtanz. Mehr nicht. Das ist kein Vorurteil, sondern historisch erwiesen. Die alten Griechen, die haben historisch was geleistet, aber der Türke, da wird es eng.” Zitat Stromberg.
    Hier ist es Comedy – und du meinst es echt ernst.

  5. “Es ist tragisch, dass die Berliner Startup-Szene noch kein echtes Wir-Gefühl entwickelt hat.”

    So, jetzt mal Klartext, du Schwätzer. Mir ist die Berliner Startup-Szene komplett zuwider. Entweder schnöselige, komplett unsympathische BWLer-Schleimis, die sich mit Springer/Rösler und Konsorten einlassen, St.Oberholz-Gesocks, Mitläufer ohne Eier – oder eben so Pseudo-Hipster wie Petersen, die nur heiße PR-Luft können aber von Unternehmertum null Ahnung haben.

    Ich will mit solchen Leuten wirklich nichts zu tun haben. Aber von solchen Leuten müsste ich mir Vorträge auf irgendwelchen hippen Konferenzen im Katerholzig anhören, wie denn ein Geschäftskonzept zu funktionieren hat.

    Ich bin Betreiber der vielleicht meistunterschätztesten Website der Berliner Startup-Szene, overave.com. Es ist der größte Partykalender der Welt. Inzwischen ist es mir egal (bootstrapped, organic growth), aber nicht einen Bericht habe ich in der hiesigen Presse bekommen. Warum? Kungelei der “Berliner Szene” aus Redakteuren und Startups. Alle verbandelt, keiner unabhängig. Manche wollten, dass ich zahle. Das Produkt ist doch völlig egal, Hauptsache irgendne App, nette Schwarzweiß-Fotos von den Gründern und Bubble-Talk für die Leser. O-Ton bei Venture Village von den Jungs von Beatguide (Quasi-Konkurrenz in Berlin) auf die Frage “What’s your business model?”:

    “Good question [...] We promised ourselves we’d code until we had it done, and then we would deal with all the business stuff we hate.”

    Nuff said? Sie *hassen* Geldverdienen. Purer Ego-Scheiß, genau wie Amen. Solche Typen wie z.B. der von Vamos präsentieren beim Feind, auf Springer-Konferenzen wie Hy Berlin. Mannmannmann, zeigt doch mal ein bisschen Haltung, Leute. Entrepreneure wollen sie sein und können nix außer Labern und Gefälligkeiten austauschen. Ich könnte Kotzen, aber ich guck Euch beim Scheitern zu.

    Neid? Nein, Hass! Hass auf diese ganzen Blender mit ihren teuren VC-finanzierten Hobbies, die nichts als verbrannte Erde hinterlassen für ehrliche, nutzenstiftende Projekte aus Berlin.

    Ach so, zu Amen habe ich vor gut 1,5 Jahren mal was geschrieben. Ihr seid spät dran.

    http://splitney.com/20111…lin-hype-schmarotzen

    • Ändere deinen Ton und lass deine Aggressionen woanders ab.

      Und wenn du mich fragst, dann dürfte deine Site deshalb keine Berichte bekommen haben, wei sie aussieht wie von 1995. Von wegen Produkt und so.
      Hör auf zu Jammern und lass das Selbstmitleid.

    • Wenn dir der Ton nicht gefällt, dann lösch den Kommentar.

      Zum anderen: User von solchen Webangeboten wollen in erster Linie Nutzen, verstehst du das? Information, Inhalte. Das ist das, was am Ende des Tages zählt. Deine persönlichen Design-Präferenzen hingegen zählen hier nicht, deshalb kein Grund als Redakteur meine Arbeit zu beleidigen. Unprofessionell, Alter.

      Ich würde von der Tech-Presse eigentlich erwarten, dass sie Substanz besser einschätzen kann. Zu eruieren, ob und inwieweit Produkte von den Usern tatsächlich genutzt werden, weil sie ihnen weiter helfen. Dazu gehört Sachverstand aber auch Unabhängigkeit.

      Dass gerade Leute in deinem Job nicht frühzeitig erkennen, worauf es bei solchen Webprojekten wirklich ankommt, finde ich immer wieder erstaunlich. Und so werden dann Sachen wie Amen hochgehyped. Die Presse ist doch maßgeblich dran beteiligt, ohne eure Jubelarien damals gäbs doch das Thema überhaupt nicht.

    • Timo, lass Dich knutschen ;)

      Nein, im ernst, ich bin froh, dass es noch Leute wie Dich gibt.

      Früher mochte ich netzwertig ja wirklich mal, aber seitdem es bei jedweder Kritik gleich mit persönlichen Anfeindungen kontert (allein hier z.b. “lass Deine Aggressionen woanders ab” und “weil sie aussieht wie von 1995″), seitdem bin ich echt am Boden zerstört, und noch viel mehr enttäuscht. (und, dass ich weil kritisch immer gleich der stänkerfritze bin, das ist noch garnicht mal das übel, damit kann ich irgendwie noch leben).

      Aber hey, da hat jemand schon 2011 beschrieben, und zurecht kritisiert was aus “Amen” mal wird, und dann wird das mit dummen persönlichen Attitüden hinweggeschmettert?

      Martin, was mehr willst Du noch an Argumenten? Das zeigt doch einmal mehr, dass in unserer schönen neuen Startup-Hysterie ganz viel falsch läuft, nicht wahr?

      Aber nee, die Website sieht alt aus, das kann ja nix sein. Supa!

      Und die Hyper-Hype-Hypo-Blafasel-Mentalität nimmt damit ihren weiteren fatalen Lauf.

      Und am Ende heulen wieder alle rum.

    • Ui, beim zweiten Lesen fällt mir auf: der vorletzte Satz ließe sich wunderbar in meinen kritischen Kommentar zu Deinem “doitsche Mentalität”-Artikel einfügen: “Zum Glück, kann man nur sagen, ist der deutsche Verbraucher und Netznutzer aber eher kritischer Natur.”.

      Wenn Du das dann wolltest, und das überhaupt noch Jemanden interessieren würde.

      So, weg…

    • Ich dank dir von Herzen, Robert. Manchmal fühlt man sich in der Horde der ganzen Lemminge ganz schön allein gelassen. Im Unterschied zu den ganzen Speichelleckern bin ich wie gesagt zum Glück nicht auf eine Berichterstattung angewiesen. Allerdings wollte ich auch keine Diskussion über Overave anzetteln, denn es ging um ein anderes Thema.

      Umso krasser, hier meine Website so pauschal in den Dreck zu ziehen. Nochmal zum Mitschreiben für alle: Der weltweit größte Veranstaltungskalender für Musik-Events findet keine Erwähnung, weil der Redakteur findet, die Site sieht alt aus. Wie bezeichnend ist diese Äußerung bitteschön für die Tech-Presse insgesamt, gerade auch im Gegensatz zur Berichterstattung zu Amen?

      Man kann das allerdings insofern verstehen, als dass ich in dem Blogartikel damals auch quasi direkt auf Martin Bezug genommen habe. Er war es nämlich, der nach seinen Hype-Artikeln über Amen und der ersten aufkommenden Kritik seiner Leser diese aufforderte, doch nicht immer gleich so “typisch deutsch” rumzunörgeln, wenn über so ein tolles Startup berichtet wird. Nach genau dem selben Strickmuster erschienen ja übrigens jetzt, wo das vermeintliche Ende von Amen naht, wiederum Artikel, die die “aufgebrachte Meute” ruhig stellen sollen. Man solle jetzt bloß keine Kritik üben. Seitens der Startup-Medien besteht also allem Anschein nach ein starkes Eigeninteresse, “Aufstände” zu vermeiden und die Dinge genau so weiter laufen zu lassen. Während sich gleichzeitig beschwert und immer wieder gefragt wird, wo denn mal die guten Ideen aus Berlin sind.

      Das Grundproblem ist ja, dass es auch und gerade in Deutschland keine unabhängige und vor allem kritische Berichterstattung über das Startup-Business gibt. Wie ich schon schrieb, die sind alle voller Abhängigkeiten von ihren Investoren, Werbepartnern, dem eigenen Kreis der exklusiv hofierten Startups etc. Da ist für “Querulanten” natürlich kein Platz. Netzwertig ist da noch das kleinste Übel. Vor allem Gründerszene, Venture Village, Silicon Allee etc. scheinen mir noch viel angewiesener aufs “schöne Wetter” in der Szene zu sein. Dadurch, dass sie sich wohl hauptsächlich durch ihre eigenen Konferenzen und Startup-Meetings finanzieren müssen – wo dann auch ihre eigenen medial “betreuten” Startups wiederum auftreten.

      Und genau dieser Haufen nennt sich dann “Berliner Startup-Szene”: ein Circlefuck sondergleichen. Kritik von außen gleich welcher Art wird strikt unterbunden. So liest sich das dann auch auf den Websites dieser Medien: mit Verlaub, der letzte PR-Dreck – eine Beleidigung für jeden halbwegs selbstständig denkenden Webtätigen. Gerne würde ich mehr Gleichgesinnte hier in Berlin antreffen, um mal einen Kontrapunkt zu den Eierschaukeleien zu setzen. Es ist schon schwer auszuhalten.

    • Herrlich! Getrolle wie früher bei TechCrunch.

    • Hallo Timo,
      vorweg: Deinen Ton finde ich unterirdisch. Passt irgendwie gar nicht zu dem erfolgreichen Unternehmer, der Du gerne mal sein möchtest. Kein Mensch hier hat Dich beleidigt. Probier´s doch einfach mal mit einer sachlichen Argumentation. Das öffnet Dir sicher mehr Türen als dieses sinnfreie Getöse.

      Aber das mal beiseite geschoben: Wir bei BerlinValley screenen die gesamte Berliner Startup-Szene. Overave ist uns noch nie untergekommen. Laut Alexa rangiert ihr auf Platz 199.000 in Deutschland, habt also defacto keinen traffic.

      Du schreibst, ihr seit das am meisten unterschätzte Startup Berlins. Wahrscheinlich willst Du damit sagen, dass dies zu Unrecht der Fall ist. Ist das nur Deine Ansicht, oder gibt es seriöse Quellen, die das ähnlich sehen. Vorm Spiegel sehen wir alle top aus!

      Welche konkreten Anstrengungen in Richtung Presse hast Du denn bislang unternommen? Schick mir doch mal Deine letzte Pressemeldung.

      Vorschlag zur Güte: Was hältst Du davon, wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen. Aber nur, wenn Du mir versprichst, mich nicht zu beleidigen. Ich höre Dir gern zu.

      VG

  6. mmmmh. Ich bin ganz beeindruckt, wie ausführlich du den “Fall” diskutierst. Denn eigentlich – vielleicht auch aus meinen Abstand – sehe ich das ganz einfach: das Produkt “Amen” ist überflüssig bis unverständlich. Das war doch von Anfang an eine Kopfgeburt, bei der vermutlich auch die Investoren dem Team reingeredet haben.
    Was wirklich gut war (!) war die Show der beteiligten Leute. Sehr laute Hype-PR und alle waren dankbar für ein so tolles Startup in Deutschland.
    Blöd nur, dass das Produkt Mist war und ist. Aber das passiert halt nun mal.

  7. wieso gehen eigentlich ALLE davon aus, dass der LADEN jetzt pleite ist/hinschmeißt?
    Wenn da keine Milestones dran geknüpft waren werden die bei der BR noch 10 Jahre machen…lol

    gibt es SUBSTANZIELLE infos zum thema oder ist das in sich wieder ne PR aktion?

  8. Der Artikel ist gut, bis auf einige Dinge die einfach wie Fakten dargestellt werden aber nciht korrekt sind.

    Bspw wird hier so getan als wären alle Bewertungssysteme schlecht. Es hat sich aber gezeigt dass die Anzahl der Bewertungen das repräsentative Bild abgeben. Klar, dass ihr spanisches Restaurant schlecht ist wenn nur zwei es bewertetet haben.

    Auch die Ansicht, dass es besser ist jedem Hype hinterzurennen anstatt klug und abwartend erstmal zu schauen was dieses Ding überhaupt ist finde ich sehr amateurhaft.
    Facebook ist das beste Beispiel, Milliarde Nutzer, aber laut Bilanz ungenügender Gewinn. Und so was soll man nachmachen?

    Nebenbei sind die Kopien der Samwers zwar da, aber die Jungs wurden Millionäre weil die Konzerne aus Angst die kleine Konkurrenz aufgekauft haben bspw eBay.

    Sorry, aber zwischen der Analyse trieft der Artikel von Romantik.

  9. http://twitter.com/KaiDie…s/343538739852742656

    Even Axel Springer’s Hipster-in-Chief Kai Diekmann is concerned about Felix Petersen’s Amen now. Both of them definitely have a hipsterSCORE close to 100%!

  10. Es mag sein, dass ich nicht zur Amen-Zielgruppe gehöre. Es mag strafverschärfend hinzukommen, dass ich a) nicht in Berlin lebe und b) kein Startup bin/berate/finanziere.

    Für mich war Amen ein Neuaufguß des gescheiterten 7Lists aus Stuttgart und folglich genauso nett & hip & ohne klares Nutzenversprechen.

    Selbst wenn ein Startup das beste ist seit Abschaffung der Salzdüngung: Im Jahr 2013 gibt es längst einen Zeit-Verdrängungswettbewerb in Social Media. Wer Userzeit für sein Unternehmen haben will, muss diesem sagen, was er – Faceboot, Twitter, Flickr, Instagram …. – statt dessen weniger nutzen soll. Und warum.

    >”Es gibt kein einziges deutsches Medium (Print, Online, TV…), dass die digitale Zukunft kompetent und in ausreichendem Maß thematisiert.”

    Das sehe ich als Herausgeber von http://www.iBusiness.de naturgemäß anders. Vielleicht existiert ja ein Unterschied zwischen gefühlter und realer Wichtigkeit von Startup-Konzepten?

    • Hallo Joachim, in einigen Punkten teile ich Deine Meinung, in anderen nicht.

      Amen hat versucht, eines der dicksten Bretter überhaupt zu bohren: Die systematische Aufarbeitung von Meinung im Interne. Das verdient erstmal Anerkennung. Leider haben die meisten Medien, die darüber berichtet haben, sich eher auf Randfaktoren (Kutcher…) gestürzt, als die Wichtigkeit des Themas Meinung zu analysieren. Hier ist nicht nur ein absoluter Bedarf, hier wartet auch ein Markt, der ähnliche Dimensionen haben könnte, wie der der Online-Suche. Und ganz ehrlich, so lange dieses Problem nicht gelöst ist, werden wir noch zahlreiche Aufgüsse erleben. So what?

      Amen & Co brauchen keine Argumentation gegenüber etablierten Online-Services. Es sind vor allem die alteingesessenen Medien, die hier betroffen sein dürften. So wie Youtube den Bereich TV attackiert und Pinterest/Flipboard die Magazine. Aber Amen hätte ich sogar noch in einer Sonderrolle gesehen. Mir würde gar nicht einfallen, bei welchem Social Network ich heute suchen soll, um bspws den besten independent T-Shirt-Laden in Berlin zu finden.

      Ferner möchte ich gerne festhalten: Startups sind wichtig – nicht nur in der Selbstwahrnehmung. Viele Startups treten an, die Dinge zu verändern. Sie suchen ihren Punkt, um die Welt aus den Angeln zu hebeln. Sie träumen die Zukunft und sind teilweise in der Lage, diese Zukunft auch zu gestalten. Das unterscheidet sie von den meisten etablierten Unternehmen der Old-Economy, die größtenteils den Startups hinterher hecheln… Aber natürlich hast Du recht, dass jeder in der Selbsteinschätzung wichtiger ist als andere…

  11. Der Artikel war gut. Timos Kommentare waren auch ziemlich lustig. Mein Lieblingssatz “Ich bin Betreiber der vielleicht meistunterschätztesten Website der Berliner Startup-Szene, overave.com. Es ist der größte Partykalender der Welt.”

    Ich finde auf der Basis kann man doch durchaus von anderen etwas mehr Bescheidenheit einfordern. Unser Steve Jobs der Partykalender braucht eindeutig mehr Scheinwerferlicht. Regie !?

    Das größte Problem der deutschen Startup Szene sind aus meiner Sicht vier Faktoren:

    1. Im politischen Zentrum kann keine Gründerkultur entstehen. So zeigt auch der Valley Trip eindeutig, wie weit die Szene von so etwas wie in den USA entfernt ist, welche Kulturen da aufeinandertreffen. Die Bilder sprechen für sich: Ein Bundesminister mit einer Horde von 100 Sakkoträgern die gleichsam einer japanischen Touristentruppe vom einem Hauptquartier zum anderen ziehen. Konservativer kann Berlin nicht auffallen.
    2. Jeder hält sich für wichtiger, als alle anderen.
    3. Ist es eine sehr Deutsche Art, anderen keinen Erfolg zu können. Das überträgt sich auf die komplette Szene. Man schreibt gerne “Congrats” auf die Facebook Wall wenn ein Startup mit dem letzten Luftzug ein paar Assets verkauft um das Konto auszugleichen und das dann “Acquisition” nennt, hält sich aber zurück, wenn etwas durchaus Potential haben könnte und auch international Finanzierung einsammelt. Amen ist vielleicht kein gutes Beispiel, es gibt aber andere auch Erfolgsgeschichten aus Berlin, SoundCloud allen voran. Wenn etwas Potential hat der Leuchtturm für berlin zu sein, dass SoundCloud und ResearchGate. Danach kommt ganz lange NIX.
    4. So Typen die den halben Tag auf der Fensterbank sitzen und Falschparker aufschreiben – nur halt für Startups. So einer scheint auch Timo zu sein. Bekommt selbst nix auf die Kette, meint aber, anderen zu erzählen, wie es richtig geht. Dies gilt btw für 99% der kompletten Szene, leider keine Ausnahme.

    Herzliche Grüße und Genesungswünsche!

  12. Wer noch nie in den USA gelebt hat wird kaum verstehen, warum die Amis das finanzielle Glück des anderen nicht beneiden. Dort wird es eher zum Anlass genommen die Gehaltserhöhung zusammen zu feiern & sich gegenseitig hoch zu pushen, um neue Ziele anzugehen. Das Wort Schadenfreude ist ja auch nicht umsonst non-existent bei den Amis.
    Deutschland stellt sich gerade im Hinblick auf ein deutsches Silicon Valley mit seinem Kollektivneid selber ein Beinchen. Ohne sich gegenseitig zu pushen & unter die Arme zu greifen sehe ich schwarz, dass sich da irgendwas ändern wird. Es sei denn man kann sich den Erfolg und die Bekanntheit eines durchschnittlichen Produkts erkaufen…

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  1. [...] Berlin bei seinen bekanntesten Start-Ups aber auch deutliche Rückschläge verzeichnen. Das Meinungsportal Amen ist hier wohl ein gutes Beispiel. Es hatte eine gute Basis, eine sehr interessante Idee, kam aus Berlin und war richtig für den [...]