Neue Mobilität:
Fernbusse und neue Verkehrskonzepte bringen heile Welt der Bahn in Unordnung

Seit Jahren boomen Mitfahrzentralen, Ticketgemeinschaften und Carpools. Alle Initiativen dienen dem Zweck, Reisen deutlich billiger machen. Fernbusse werden nun die heile Welt der Deutschen Bahn in Unordnung bringen.

Fernbusse

Fernbusse

Die Meldungen über innovative Verkehrskonzepte werden zahlreicher in letzter Zeit. In der vergangenen Woche etwa startete Fahrtenfuchs, eine Meta-Suchmaschine für Fernbusse in Deutschland. Möglich geworden ist dies, weil Anfang des Jahres das Monopol der Deutschen Bahn auf Fernverbindungen fiel. Seitdem eifern gleich mehrere Busunternehmen wie DeinBus, MeinFernbus, FlixBus oder City2City darum, der Bahn auf Fernverkehrsstrecken Kunden abzujagen. Schon seit Jahren bedienen auch Anbieter wie Eurolines Fernverkehrsstrecken für Busse im europäischen Großraum und darunter auch Deutschland. Die Bahn hat Konkurrenz bekommen, und das nicht zu knapp.

Für die vierstündige Fahrt zwischen Hamburg und Köln etwa verlangt die Bahn einen Normalpreis von 94 Euro. Der Busanbieter FlixBus berechnet für die gleiche Strecke standardmäßig 34 Euro und ködert Kunden derzeit mit Sparpreisen. Die Fahrt dauert zwar zwei Stunden länger, aber zu Preisen von fast nur einem Drittel von denen der Bahn dürfte ein Reisender die längere Fahrtzeit gerne auf sich nehmen. Doch auch auf der Schiene selbst entsteht der Bahn auf der gleichen Strecke größere Konkurrenz. Der private Anbieter HKX verdichtet seine Taktung ab Ende April und befährt die Strecke Hamburg-Köln wochentags künftig dreimal täglich in beide Richtungen. Die Preise liegen gewöhnlich zwischen 20 und 60 Euro und sollen selbst beim Kauf an Bord nie teurer sein als 68 Euro. Das Preissystem ähnelt dem der Billigflieger: Umbuchungen kosten extra, eine Stornierung Gebühren.

Konkurrenz auf der Schiene und daneben

A propos Billigflieger: Jene Günstig-Fluggesellschaften haben seit der Jahrtausendwende den Flugzeugmarkt in Unordnung gebracht und Flüge im europäischen Raum deutlich günstiger gemacht. Die neuartige Konkurrenz könnte die Bahn langfristig dazu zwingen, den Kunden mit Preisen ebenfalls deutlich entgegen zu kommen. In Frankreich ist das bereits der Fall. Um der Billigkonkurrenz vorzubeugen hat die Staatsbahn gleich selbst einen Budget-Schnellzug ins Leben gerufen: Ouigo fährt für Preise ab 10 Euro von einem Pariser Vorort bis ans Mittelmeer. Konkurrenz droht der Deutschen Bahn übrigens auch im Nahverkehr: In Berlin will die französische Firma RATP Dev die Ausschreibung gewinnen und ab 2017 einige Strecken der Berliner S-Bahn übernehmen – für dann etwas geringere Ticketpreise als bisher.

Es geht nicht nur um günstigere Preise, auch wenn Geld immer einen wichtigen Grund spielt. Es geht auch um Netzabdeckung und die soziale Komponente. Weil sich für Bus- und Taxi-Unternehmen einige ländliche Strecken nicht mehr lohnen, rief der nordhessische Verkehrsverbund NVV zusammen mit zwei Landkreisen und dem Land Hessen das Projekt Mobilfalt ins Leben. Ganz normale Autofahrer sollen den Fahrplan von Bus und Bahn ergänzen und Menschen dorthin bringen, wo sonst niemand hin führe. In Innenstädten boomt Carsharing schon lange. Die Deutsche Bahn etwa bietet mit Flinkster eine Art Verlängerung des Schienennetzes an. Daimler ist an Car2Go beteiligt, BMW und Sixt kooperieren bei Drive Now. Mein Kollege Martin Weigert hatte euch bereits vor einem Jahr von verschiedenen mobilen Startups aus Deutschland berichtet, zu denen etwa auch carzapp und CiteeCar gehören, Tamyca, Nachbarschaftsauto und Flinc sowieso.

Umsteigen muss nicht zwingend bedeuten, Züge zu wechseln

Den Beteiligten geht es nicht bloß um günstigeres Reisen. Es geht darum, alte Strukturen aufzubrechen. Eine viel bemühte Floskel, die in diesem Falle zutrifft: Langstreckenbusse und Mitfahrzentralen brechen das Monopol der Bahn, Tamyca und Nachbarschaftsauto bieten Hertz, Sixt und Europcar mit privaten Mietwagen die Stirn. MyTaxi geht den Taxizentralen an den Kragen.

In Zukunft wird ohnehin der Mix entscheidend sein. Umsteigen muss dann nicht mehr zwingend bedeuten, Züge zu wechseln. Warum nicht via Carsharing zum Bahnhof fahren, dort in einen Fernbus steigen und die letzte Wegstrecke mit der Mitfahrzentrale zurücklegen? Oder mit einem Chauffeurservice? Suchmaschinen, die auf alle Verkehrsmittel zugreifen und Daten vergleichen können, werden dann ganz hoch im Kurs stehen. Reisen werden wir dann von Haustür zu Haustür planen, vielleicht mit einem digitalen Assistenten wie Google Now, der Strecke und Verkehrsmittel schon kennt, wenn wir das Haus verlassen. Beim Thema Mobilität wird sich noch sehr viel tun in den nächsten Jahren. Freut euch drauf.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist freier Technikjournalist, Innovationsberater und Skeptiker.

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6 Kommentare

  1. Hi,
    schöner Überblick. Zebra Mobil wurde als Startup vergessen.
    VG,
    Arash

  2. Genau an das was du im letzten Absatz beschreibst denke ich auch schon seit ca. 2 Jahren. Als ich dann von Google Now hörte und das dies diese Funktion beinhaltet, hat mich das richtig gefreut. Aber leider sind dort auch noch nicht alle, also wirklich alle Dienste integriert. Carsharing fehlt komplett, Bahn ist mangelhaft integriert (das liegt aber auch an der Bahn selbst), Fernbusse sind auch nicht dabei. Mhhh, vielleicht sollte man mal sowas auf die Beine stellen?!

  3. Liebe Lerinnen und Leser von Netzwertig, Nach dem Hype kommen die Mühen des Alltages auf die junge Branche zu. Doch wie gut sind Unternehmen gerüstet, die anders als die traditionellen Busunternehmen, eben keine Weltmeister im Erzielen von Deckungsbeiträgen sind. Die politische Liberalisierung eines Marktes braucht wirtschaftliche Stabilisatoren, die sind derzeit – so meine Befürchtung- aber nicht erkennbar. Den Konsumenten freut der Preisverfall der im Moment positive Schlagzeilen für den Fernbus bringt, doch langjährige Beobachter und Experten für die Bustouristik beobachten mit Sorge, wie z.b. die Standards der Sicherheit, die Interaktion der Fahrer mit der neuen Zielgruppe und die Billigmentalität der Anbieter schon jetzt eine riskante Nebenfolge erkennen läßt. Die Vernachlässigung von Verkehrssicherheit. Es waren stets die billigsten Unternehmen, die entweder vom Markt verschwinden, weil sie keine Qualität liefern und die darum sowohl bei der FAHRERAUSBILDUNG als auch bei der DISPOSITION gezwungen sind hier am Limit und oft darüber hinaus zu agieren. Vor genau zehn Jahren führten solche schwarzen Schafe mit spektakulären Unfällen und einer Reihe von Medienberrichten, die aufgrund der vielen Todesopfer dann eine politische Hysterie vor allem aber großen wirtschaftlichen Schaden brachten. Die Unfälle von Ungarn, Lyon, Hensies sie führten dazu, dass eine ganze Reisebranche und der Bus als Verkehrsmittel durch die Sensationsberichte und Horrorszenarien in eine große Krise geriet. Nachdem die junge Branche sich nun ins Boot gesetzt hat, muss man sie auch dazu bringen, zu verstehen, welche Gefahren auf den neuen Gewässern für sie und ihre Passagiere drohen. PR für die gute Idee, die in der letzten Zeit in den Medien überbordend zu lesen war, sie ist wertlos, wenn ein Unfall die gesamte Branche in Verruf bringt. Beobachtungen zeigen, dass hier ein Handlungsbedarf ist, in den Unternehmen selbst und auch bei den Konsumenten aber auch: Wer eben nicht danach fragt, wie sicher – sondern wie billig komme ich von A- nach B. kommt in die Gefahr, die Kosten für den sicheren Transport nicht mehr zu akzeptieren oder nachzufragen. Dazu lese ich bis her zu wenig. Was meinen Sie liebe Leserin, lieber Leser, warum wohl?

    • Verschwörungstheorien sind in etwa so alt wie die Menschheit. Dieser Text hier und dieses Blog haben kein Interesse daran. Hier geht es, wie eigentlich immer, darum, Entwicklungen aufzuzeigen. Die Probleme, die sich durch neue Entwicklungen ergeben, sollten nicht verschwiegen werden. In diesem Beitrag sind wir aus zeitlichen und thematischen Gründen nicht darauf eingegangen. Daraus aber abzuleiten, wir wären Teil einer Verschwörung, ist absurd.

    • Das ist wirklich ein Punkt. Vielleicht sollte eine Institution wie der TÜV oder Biosiegel die Sicherheit der Verkehrsunternehmen bewerten. Am besten mit Hilfe eines Sterne Systems. Das würde den Kunden dann die Wahl lassen und für Unternehmen eine Möglichkeit bieten, sich von der Konkurrenz abzuheben.
      Indirekt passiert soweit ich das Prinzip von Versicherungen verstanden habe, ja jetzt schon: Unternehmen müssen bei geringerer Sicherheit höhere Prämien bezahlen. Oder liege ich da falsch und nur der einzelne Fahrer fließt in die Berechnung ein?
      Und Statistiken zur Sicherheit werden heute schon ausgewertet. Jedenfalls wurden Autos und Flugzeuge miteinander verglichen, und letztere waren dabei kontraintuitiv (auf jeden Fall hat meine Intuition mir dabei ein Schnippchen geschlagen) sicherer.
      Was ich damit sagen will? Dass wirklich geprüft werden muss, was sicher ist. Intuition kann eben weit daneben liegen.
      Und das die Konsumenten billig wollen, wird erst zum Problem, wenn die Strukturen, die andere Aspekte, wie Sicherheit und Komfort möglichst objektiv bewerten, nicht bestehen.

      Aber in spätestens 10 Jahren wird das alles kein Problem mehr sein. Dann fahren vollständig autonome Busse über die Straßen. ;)

  4. Schöner Überblick, ich hoffe es kommen noch viele neue Unternehmen dazu. Die preise finde ich auch klasse, hoffe nur dass bei den Preisen Fahrer gut bezahlt werden und die Sicherheit auch groß geschrieben wird! Grüße aus Berlin!

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