Krise und Technologie als Chance:
Wieso wir weniger arbeiten sollten – und es können

Unsere heutige Sichtweise auf Arbeit ist problematisch. Neue Technologien sowie die Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems zwingen uns zu weitreichenden Veränderungen.

ArbeitIn letzter Zeit mache ich mir viele Gedanken über den Sinn der digitalen Technologie. Ohne Ziele, die wir mit der sich immer schneller drehenden Entwicklung erreichen wollen, würde technischer Fortschritt zum Selbstzweck werden und damit seine Existenzberechtigung verlieren. Eine angemessene Prämisse, die ich in diesem Artikel beschrieb, ist das Streben nach mehr Zufriedenheit durch den Einsatz moderner Technik. Heute möchte ich einen anderen Aspekt hervorheben, bei dem digitale Innovationen großen Nutzen stiften können: Arbeit.

Derzeit lassen sich zwei entgegengesetzte Prozesse beobachten: Auf der einen Seite führt die fortschreitende Automatisierung sowie die derzeitige Strukturkrise des europäischen, aber auch globalen Finanz- und Wirtschaftssystems zu einer um sich greifenden Massenarbeitslosigkeit. Auf der anderen Seite jedoch sind bei denjenigen, die sich in Lohn und Brot befinden und Karriere machen, verbreitete Überarbeitungs- und Überlastungserscheinungen zu beobachten. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz gaben zuletzt rund 50 Prozent der Befragten in einer Untersuchung an, Termin- und Leistungsdruck sowie ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge als Belastungsfaktoren zu empfinden. Kein Wunder, wird Erfolg in den meisten Industrienationen noch immer mit langen und intensiven Arbeitstagen gleichgesetzt.

Japans ungesunde Arbeitskultur

Ganz extrem ist diese Sichtweise in Japan, wo ich mich die vergangenen drei Monate aufhielt. Vieles an dem Land hat mich fasziniert. Was nicht dazugehört, ist die äußerst ungesunde Einstellung zur Arbeit. Diese scheinen Japaner nämlich im Prinzip niemals zu pausieren. Mehr als in jeder anderen mir bekannten Kultur wird Arbeit in Fernost mit möglichst überdurchschnittlich vielen Anwesenheitsstunden im Büro gleichgesetzt. Die besten Aufstiegschancen hat, wer vor dem Chef ins Büro kommt und erst nach ihm (in der Regel sind es Männer) verschwindet. Nicht ganz unüblich sind auch freiwillige Wochenendeinsätze und die Nichtnutzung einem zustehender Urlaubstage. Und davon gibt es in Japan deutlich weniger als in den meisten anderen Industrieländern. 2003 standen Japanern durchschnittlich 18 tarifliche Urlaubstage zu – in Deutschland waren es 29.

Die Folgen dieser für Europäer befremdlich wirkenden Arbeitseinstellung: Zu jeder Tages- und Nachtzeit trifft man auf Anzugträger und die ein oder andere Anzugträgerin auf dem Weg vom oder ins Büro. Zu späterer Stunde sind sie nicht selten alkoholisiert, weil sie mit ihren Kollegen den Feierabend in Restaurants und Kneipen verbrachten – nicht immer unbedingt freiwillig, sondern weil es von ihnen erwartet wird. Die kollektivistische Mentalität der Japaner sorgt dafür, dass sie sich mit dieser nicht nachhaltigen Lebensweise trotz der offensichtlichen negativen gesundheitlichen und sozialen Konsequenzen arrangieren. Niemand möchte aus der Reihe tanzen und die starren traditionellen Normen und Verhaltensweisen in Frage stellen. Den Preis zahlt das Land unter anderem in Form extrem niedriger Geburtenraten – Überarbeitung schadet Leidenschaft und Beziehung – sowie verbreiteter Depressionen, Vereinsamung und einer überdurchschnittlich hohen Zahl von Suiziden, wie aktuell ein sehenswerter, sehr bedrückender Dokumentarfilm schildert.

Das Aufkommen neuer Technologien, die ein effektiveres, effizienteres Arbeiten ermöglichen, allein reichen freilich nicht aus, um die geltenden Konventionen in Bezug auf Arbeit und beruflichen Erfolg zu verändern. Ohne einen Wandel der gesellschaftlichen Werte wird dies nichts. Solange in Japan das gelegentliche Arbeiten von Zuhause schlicht keine Akzeptanz findet, hilft das Vorhandensein der technischen Voraussetzungen dafür wenig. Und solange Arbeitnehmer vor allem dadurch auf sich aufmerksam machen können, möglichst viel Zeit mit dem Erledigen von Aufgaben zu verbringen, spielt es keine Rolle, ob sich diese mit neuartigen Diensten womöglich weitaus schneller und mit besseren Resultaten lösen ließen.

Erforderliche Neubewertung von Arbeit

Meine Beobachtungen in Japan bestätigen mich in meiner Haltung, dass wir im 21. Jahrhundert unsere Perspektive auf klassische Arbeit und ihre Bedeutung als vermeintlicher Mittelpunkt unseres Lebens überdenken müssen. Und erstmals auch ernsthaft überdenken können. Eben weil durch den technischen Fortschritt die Voraussetzungen gegeben sind, um unangenehme, repetitive Arbeitsvorgänge zu automatisieren, ehemals zeitraubende Tätigkeiten mit Hilfe neuer, intelligenter, kollaborativer Werkzeuge schneller abzuwickeln und für Menschen stimulierende und sinnstiftende, aber bisher aus technischen, wirtschaftlichen und strukturellen Gründen nicht existente Arbeitsformen zu schaffen.

Wenn die Arbeitslosigkeit in der EU und weltweit stetig neue Rekordwerte erklimmt, dann ist das unmittelbar mehr als tragisch für die Betroffenen. Wenn dann die allgemeine Anstrengung der Politik und Wirtschaft aber darin liegt, diese Personen irgendwie wieder in die gleichen alten Tätigkeiten zu bringen, die sie psychisch oder physisch unverhältnismäßig belasten, dann klingt dies nach einer sehr kurzsichtigen Maßnahme.

Die Einsicht, dass ein geringerer Zeiteinsatz deutlich bessere Arbeitsresultate zu Tage fördert als ein besonders hoher, findet erfreulicherweise immer weitere Verbreitung. Wäre es anders, dann würde Japan nicht seit einer gefühlten Ewigkeit in der Rezession feststecken, während in den nordischen Ländern, einem Paradies kurzer Arbeitstage und langer Urlaubsperioden, der Wirtschaftsmotor trotz der europäischen Krisenlage brummt.

Technologie allein genügt nicht, um diese Erkenntnis auf breiter Front zu etablieren. Doch sie hilft auf dem Weg zu einem neuen Mindset. Sowohl, indem sie die Türen für neue Verfahrensweisen und Experimente eröffnet. Aber auch, indem sie ein gesellschaftliches Umdenken erzwingt. Weshalb es so wichtig ist, die aktuelle Krise nicht als vorübergehendes Phänomen zu betrachten, nach dem alles wieder in die alten Bahnen zurückkehrt. Nichts wird mehr werden, wie es einmal war. Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als daraus das Beste zu machen. /mw

(Foto: Wikimedia Commons/Chris 73CC BY-SA 3.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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16 Kommentare

  1. Gute Wünsche. Aber ich fürchte, dem stehen zwei Auswirkungen der technische Revolution entgegen. Die immer komplexer werdende Technik erhöht nicht nur die Menge der Möglichkeiten, die man mit ihnen erreichen und bewältigen kann. Sondern damit auch die Menge der Anforderungen bei Organisation und Management dieser Möglichkeiten. Weniger arbeiten hieße also weniger erreichen – und wer will das schon.

  2. Soweit ein klasse Beitrag. Zur Arbeitsmentalität in Japan fält mir noch der Begriff “Karoshi” ein, den ich seinerzeit in der Schule gelernt habe.

    Gunter Dueck versucht auch schon seit Jahren sich dafür einzusetzen, dass endlich mehr von Maschinen etc. übernommen wird (wer braucht einen klassichen Bankmitarbeiter am Schalter?). Doch bei diesem Thema beobachte ich oft, dass dann eine Abwehrhaltung der Menschen a la “die Computer nehmen mir die Arbeit weg” eintritt. Dann bitte ich aber auch weiterzudenken: keine repititiven Arbeiten = mehr Zeit für wirklich spannende Dinge…

    Lieben Gruß

    Bastian

    • Nein, gerade Beratung sollen heutige Maschinen bitte nicht übernehmen. Einen Berater kann man mit miesem Lohn einstellen, dann ist er auch unmotiviert. Trotzdem können diese Personen einen guten Job machen. Beispiel Kasse: Mies bezahlt, sehr streßig, trotzdem gibt es schnelle wie langsame, freundliche wie unfreundliche Kassierer(innen). Der Computer dagegen hängt von der Software ab. Da fehlt einerseits vielen Firmen die Expertise, andererseits werden da viele Firmen einfach sparen, in dem sie möglichst wenig Geräte, möglichst billig produzierte Software und möglichst wenig Rechenleistung einsetzen. Wenn ich meine Rente planen will, und dann berät mich dazu ein Gerät der Kategorie DB Ticketautomat – nein danke!

      Oder lass mal die alte Dame an der Kasse ihr Kleingeld suchen. Kann ewig lange dauern. Ein PC wartet dann entweder ewig oder malträtiert die Frau mit Warnungen. Eine Person könnte ihr anbieten, schnell das Geld aus dem Kleingeldbeutel zusammen zu suchen. Diese zwischenmenschliche Komponente ersetzt kein Gerät in keinem Beruf der Welt, zumindest noch nicht.

  3. Das Problem (oder sagen wir lieber: die Herausforderung) ist, dass wir Arbeit als das Mittel dazu sehen, um uns zu ernähren. Keine Arbeit = kein Brot (oder hierzulande dann Demütigung durch das Jobcenter). Das führt dazu, dass Milliarden für Jobbeschaffung und -erhaltung ausgegeben werden, egal, wie sinnvoll die zu verrichtende Tätigkeit ist.

    Von diesem Denkmuster müssten wir eigentlich weg und uns das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen mal genauer anschauen. Aber das ist Nationen wie Deutschland und Japan natürlich nur schwer zu vermitteln, die durch harte Arbeit einen Großteil ihres heutigen Wohlstands erzielt haben.

  4. Ein lesenswerter Artikel, den ich nur zustimmen kann.

    Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupte, dass diese technologischen Entwicklungen zu einem massiven gesellschaftlichen Umbruch führen. Das heutige Arbeitsmodell der Daseinssicherung gekoppelt mit dem Ziel der Vollbeschäftigung ist mit der zunehmenden Automatisierung nicht vereinbar. Kurz gesagt, es wird einfach nicht mehr genügend Arbeitsplätze für alle geben. Nach dieser Annahme müssen im bestehenden System irgendwann die sozialen Sicherungssysteme platzen oder abgeschafft werden. Wir brauchen also dringend ein Upgrade für unser Gesellschaftssystem.

  5. Ich glaube die Hürde zur Umsetzung dieser Idee liegt nicht in der Kultur sondern in der Ökonomie. Wir können und müssen unsere Gesellschaft so gestalten, dass die verbleibende Arbeit besser verteilt wird. Flächendeckende Arbeitszeitkürzung ist ein ziemlich “dummer” Ansatz dazu. Steuern wären denkbar, oder auch radikalere Ansätze wie ich sie hier:
    http://schrotie.de/index.…7/arbeit-umzu-leben/
    und hier:
    http://schrotie.de/index.…m-mussnich-kannaber/
    dargelegt habe.

    • Ohwe, also bitte nicht so…

      Jeder auf dem sog. “Easterlin-Paradox” aufbauende Ansatz blendet den “Rest” der Realität aus. Wobei dieser “Rest” eben alles das ist, was nicht gerade individuelle Wahrnehmung ist. Also der “Rest” im Vergleich zur im angeblichen Paradox betrachteten Realität dürfte so gegen 100% tendieren.

      Denn: individuelles Glück, oder auch nur Zufriedenheit im Rahmen dieser Studien muss innerhalb ihres globalen Kontextes betrachtet werden.

      Und da ist nunmal der klassische Lohnarbeiter zufrieden, wenn er nicht viel weniger als seine Mit-Lohnarbeitenden hat, und noch zufriedener, wenn er auch nicht viel mehr als die Mit-Lohnarbeitenden hat.

      Also immer dann, wenn er mitten im sozialen Umfeld steht.

      ABER: in der Realität sind wir nunmal nicht eine Gesellschaft, die aus Lohn-Beziehenden gleichwertigen Individuen besteht. Das fängt bei der Frage an, wer denn diesen Lohn bezahlen soll, und endet in diversen Modellen möglicher Umverteilungsszenarien.

      Aber, es bringt uns nicht weiter!

  6. Auch von mir nur breite Zustimmung zum Beitrag und seinen Gedanken :)

    Eines vielleicht hinzugefügt: Es mag uns heute noch sehr weit weg erscheinen, aber selbstständig agierende Roboter werden wohl noch in unserer Lebenszeit zum Alltag gehören. Und die können natürlich sehr viel mehr Jobs erledigen als die elektronischen und elektrischen Gerätschaften, die wir heute haben. Die Forschung läuft hier an vielen Stellen auf dem Globus auf Hochtouren.

    Wenn wir die Augen für die Zukunft nicht verschließen, sollten wir uns so bald wie möglich fragen: Wie organisieren wir unsere Gesellschaft, wenn für Menschen nichts mehr zu tun bleibt? Oder sagen wir mal: Nur noch ein Bruchteil dessen bleibt, was heute zu tun ist und vor allem zahllose einfachere Tätigkeiten weggefallen sind? Und was, wenn selbst die komplexeren Jobs weggefallen sind? Das ist aus meiner Sicht eine realistische Perspektive, denn Roboter werden mehr Arbeit in kürzerer Zeit besser erledigen als Menschen das können.

    Die Frage der Akzeptanz in Bastians Kommentar sehe ich da als vorübergehende Frage an. Geldautomaten und Fahrkartenautomaten gehören heute beispielsweise zum Alltag. Das sah vor 30 Jahren noch ganz anders aus. Nicht jeder mag sie, aber letztlich sind sie nun einmal in 80 Prozent der Situationen dem klassischen Schalter überlegen. Man denke das 30 Jahre weiter.

    Und warum auch nicht? Wir haben heute schon erhebliche Freiheiten gewonnen, wenn man unseren Lebensstandard und unsere Arbeitszeiten mit dem vergleicht, was noch vor 100 Jahren üblich war. Ich sehe das eher als große Befreiung der Menschen an – sofern sich die Gesellschaft rechtzeitig anpasst und sich Menschen nicht mehr über ihren Job und ihre Einkünfte definieren.

  7. “[..] dass wir im 21. Jahrhundert unsere Perspektive auf klassische Arbeit und ihre Bedeutung als vermeintlicher Mittelpunkt unseres Lebens überdenken müssen.”

    Ja, aber idealerweise hätten wir das schon im 19. und 20. Jahrhundert machen sollen.

    “Und erstmals auch ernsthaft überdenken können.”

    Ich persönlich glaube ja, dass es dafür schon zu spät ist. Aber ich hoffe, ich irre mich.

    “Eben weil durch den technischen Fortschritt die Voraussetzungen gegeben sind, um unangenehme, repetitive Arbeitsvorgänge zu automatisieren, ehemals zeitraubende Tätigkeiten mit Hilfe neuer, intelligenter, kollaborativer Werkzeuge schneller abzuwickeln und für Menschen stimulierende und sinnstiftende, aber bisher aus technischen, wirtschaftlichen und strukturellen Gründen nicht existente Arbeitsformen zu schaffen.”

    Die Idee ist gut, aber alles andere als neu. Du bist hier IMHO auf das ganz große Kernproblem der ersten Welt nach der Industrialisierung gestoßen.

    Die neu geschaffenen Arbeitsformen sind nichts anderes als der tertiäre Sektor, der in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen ist. Also, das alles ist schon lange passiert, oder passiert gerade noch.

    Das eigentlich Problem ist, dass jegliche Arbeitserleichterung dazu führte, dass sich “der Kapitalist” einiger Arbeiter erleichtern konnte, und diese durch Maschinen, Methodiken o.ä. — natürlich günstiger — ersetzt hat.

    Ich bin wahrlich kein Kommunist, denn die hatten auch keine wirklich überzeugende Lösung.

    Aber diese Tendenz ist nun leider schon ca. zwei Jahrhunderte sichtbar.

  8. Das hört sich sehr schön an.
    Leider denke ich das es in unserer Kapitalistisch geprägten Gesellschaft nicht umsetzbar ist. Vielmehr geht es darum die Arbeitszeiten die wir haben “menschlich” zu gestalten.
    Lieben Gruss
    Vanessa

  9. @ Michael
    “. Weniger arbeiten hieße also weniger erreichen – und wer will das schon.”
    Das kommt darauf an, was es bei diesem “Erreichen” zu gewinnen gibt. Möglicherweise erkennen mehr Leute, dass die Ziele der bisherigen Arbeitwelt (Karriere, Geld) sie selbst nicht glücklich machen. Und dann heißt “weniger arbeiten” plötzlich “mehr Zeit für Dinge, die man gerne tut”. Oder noch besser: Man arbeitet mit genau diesen Dingen.

    @ Jürgen Vielmeier
    Jep so viel es auch am BGE zu kritisieren gibt: Ich sehe bisher keinen anderen Weg, diesen Wandel gesellschafts- und sozialpolitisch zu meistern.

    @ Schrotie
    Ich plädiere nicht für eine staatlich verordnete “flächendeckende Arbeitszeitkürzung”. Wenn, dann muss sich das aus dem Handeln der Menschen entwickeln. Also zuerst ein Mentalitätswechsel, aus dem schließlich auch ein neues Handel entsteht – auf Seiten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

    @ Jan
    “Ich sehe das eher als große Befreiung der Menschen an – sofern sich die Gesellschaft rechtzeitig anpasst und sich Menschen nicht mehr über ihren Job und ihre Einkünfte definieren.”
    Exakt.

    Seth Godin hat kürzlich ganz gut belegt, wieso derartige Wertewandel in der Sicht auf Arbeit nicht so unmöglich sind, wie wir heute gerne glauben:

    “A dozen generations ago, there was no unemployment, largely because there were no real jobs to speak of. Before the industrial revolution, the thought that you’d leave your home and go to an office or a factory was, of course, bizarre.”

    http://sethgodin.typepad.…o-unemployment-.html

    Möglich, dass wir es in 50 oder 100 Jahren bizarr finden, wie Leute im Jahr 2013 täglich 8-10 h in Büros verbracht haben, um Excel-Tabellen auszufüllen.

  10. Der technologische Fortschritt, allen vorran das Internet wird in den kommenden 3 Jahrzehnten dafür sorgen das mehr als die hälfte der heute noch bestehenden Geschäftslokale schliessen wird – ganz einfach aus dem logischen Grund da immer mehr über das Internet Waren und Dienstleistungen verkauft werden, insofern wird es immer überflüssiger in eine physisches Geschäft zu gehen um etwas zu kaufen, alleine durch diese automatisierung wird es zu einer weltweit Beispiellosen Arbeitslosigkeit kommen.

    Das Problem dieser Entwicklung kann durch keine uns bekannte Massnahme geändert werden, es bedarf einer kompletten Umstellung unseres Gesellschaftssystem, hin zu einer Geldlosen Gesellschaft, erst dann können wir die Arbeit neu Verteilen, indem wir die zu verbleibende Arbeit in einer modernen hochtechnologisierten Gesllschaft einfach aufteilen und auf Basis der Zeit (jeder hat die gleiche Zeit zur Verfügung) die Arbeit aufteilen – ohne jegliche Vergütungsform.

    Da mit dem derzeitigen ausbeuterischen System namens Kapitalismus deren Grundlage das Geldsystem ist, kann es nicht zu einer änderungen kommen – nie und nimmer, eher das Gegenteil wird der Fall sein, wenn wir es nicht ändern, werden eines Tages nur noch etwa 20-30% der Bevölkerung überhaupt Arbeit haben, der Rest wird dann einfach verarmen und in einer Art Unterwelt sich mit den Müll, denn Resten Ernähren müssen.

  11. @Martin Weigert

    das was du da schreibst:
    Und dann heißt “weniger arbeiten” plötzlich “mehr Zeit für Dinge, die man gerne tut”. Oder noch besser: Man arbeitet mit genau diesen Dingen.

    kann ja nicht aufgehen, denn wenn ich weniger Arbeite, verdiene ich weniger und habe dann eben kein Geld denn Dingen die ich mag (Tennis, Reisen, andere Hobbys…) nachzugehen.

    Im Kapitalismus, geht die Rechnung eben nicht auf und gerade deshalb befinden wir uns da wo wir uns befinden.

    Nur eine Geldlose Gesellschaftsform kann all die Probleme der Arbeitslosigkeit, den unnötigen Stress etc, etc…. lösen.

    Alles andere sind wunschträume, die in einem ausbeuterischen System wie es der Kapitalismus ist unmöglich zu realisieren ist.

    • Es kommt nicht so sehr auf die Arbeitnehmer an – es sei denn sie organisieren sich und handeln solche Flächentarifverträge aus … was ich persönlich nicht so gut finde. Bei den Arbeitgebern kommt es nicht auf die Mentalität an, sondern auf die wirtschaftlichen Zahlen. Da kannst Du lange rumromantisieren, dass es anders besser ist. Ein Mentalitätswechsel wäre in unserer Staatsform die Voraussetzung, dafür, dass sich etwas ändert. Aber was soll sich denn ändern? Wir arbeiten weniger? Ja, schön, aber das ist das Symptom eines Symptomes.
      Arbeitgeber haben heute eine massives wirtschaftliches Interesse daran, dass sie so wenig Arbeitnehmer beschäftigen, und diese so viel arbeiten wie möglich. Das ist keine Mentalität sonder Buchhaltung. Und kein Mentaliätswechsel könnte daran etwas ändern. Im Gegenteil, bei diesen wirtschaftlichen Bedingungen, würde die momentan alles diktierende Ökonomie einen Mentalitätswechsel in ihrem Sinne herbeiführen. Passiert übrigens gerade.
      Du hast gerade den ersten Schritt der Erkenntnis getan. Die Produktivität wächst schneller als die Wirtschaft. Falls Dir das nicht bewusst ist, mach es Dir klar, denn das ist der Grund, warum wir Arbeit besser verteilen müssen: Die Produktivität wächst schneller als die Wirtschaft. Gut, erster Schritt. Was jetzt? Mentalitätswechsel ändert nicht die Wirtschaft. Du bist gerade beeindruckt von dem Unterschied zwischen Skandinavien und Japan. Das skandinavische Sozialwesen ist Ergebnis einer Jahrhunderte alten Kultur und Politik. Selbst wenn wir das sehr viel schneller hinbekommen geht das zu langsam. Das lässt sich meiner Ansicht nach nur politisch lösen.
      Wir haben unsere Welt so organisiert, dass die Arbeitgeber weitgehende Macht über die Arbeitnehmer haben und der Staat die Schwachen ein bisserl vor den Starken schützt. Das muss nicht so sein. Stell Dir vor, wir lebten in einer Welt, in der es im Interesse der Arbeitgeber wäre, möglichst viele Menschen möglichst wenig arbeiten zu lassen. Unternehmen stünden in Konkurrenz um Arbeitnehmer. Man könnte immer sofort einen Job finden, die Position der Arbeitnehmer wäre massiv gestärkt. Nur dadurch, dass man ein paar Zahlen ändert. Ach ja, die Beschäftigungsproblematik wäre auch gelöst. Wie also ändert man diese Zahlen?

    • Um Deine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen, könnte man z.b. den liberalen Weg gehen (nein, nicht FDP, nein, bitte nicht gleich wieder abdrehen, einfach mal mitlesen und drüber nachdenken…).

      Heißt,

      - zuerst wird der Staat soweit wie möglich entschlackt und entmachtet

      - es wird jegliche Leistungsbesteuerung (Lohnsteuer, Einkommenssteuer, Gewerbesteuer etc.) abgeschafft

      - Arbeit wird nicht mehr durch den Staat kontrolliert! (der eigentlich wichtigste Punkt hier) – jeder, der eine Arbeit ausüben will, darf dies tun, und darf völlig freizügig die Entlohnung verhandeln, und letztendlich natürlich den Lohn einstreichen, ohne Abzüge

      - und ohne zusätzliche Aufwände (wenn man es möchte, sollte man auch ganz ohne Finanzbuchhaltung, ohne Steuermeldungen und all dem ganzen Unfug auskommen)

      - natürlich steht es dann jedem frei, seine Buchhaltung nach etablierten Standards zu führen, und der Markt wird dies teilweise auch erforderlich machen

      Aber, das hier angesprochene Ziel wäre damit erreicht: jeder dürfte sich selbst sein Arbeitspensum einteilen, ganz nach Anforderungen und Willen.

      Frei eben, liberal eben.

      Sicherlich ist das so noch nicht perfekt, aber ich verstehe die Leute nicht, die immer und wieder und ständig überall wo es klemmt nach staatlicher Kontrolle und Umverteilung rufen. Die Politik und ihre Kontroll- und Steuerungs-Instrumente haben doch erst die Situation geschaffen, in der nun hier alle Beteiligten eine Rolle auferlegt bekommen haben (Arbeitnehmer, Arbeitgeber). Die Politik und ihre Instrumente sind Schuld daran, dass diese Rollen sich verfestigt haben. Und sie versucht, das Gesamtbild mit ständiger Umverteilung im Lot zu halten.

  12. Die Freiheit, die wir durch die neuen Technologien gewinnen, sollen wir nicht dazu verwenden, uns noch mehr zu knechten. Man muss sich damit zufrieden geben, dass das Leben zu kurz ist um alles zu wissen.

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