Science Fiction wird Realität:
Das Zeitalter der exponentiellen Beschleunigung

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Science Fiction zur Realität wird. Das Tempo des technischen Fortschritts steigert sich exponentiell.

JetpackÜber viele Dekaden hinweg war Science Fiction vor allem eines: Fiktion. Beschreibungen einer fernen, zukünftigen Welt, der man sich zwar gerne in Roman- oder Filmform hingab, die aber weit genug von der Realität entfernt schien, als dass man ernsthaft zur Reflexion über die Implikationen gezwungen war. Doch mittlerweile signalisieren immer mehr Ereignisse: In den nächsten Jahren wird aus der einstigen Fiktion Wirklichkeit. Noch nicht in Form klassischer Sci-Fi-Errungenschaften wie fliegender Autos, Jetpacks oder Teleportation. Aber dennoch weitreichend genug, um die bisherige Welt auf den Kopf zu stellen.

50 Jahre Grundlagenarbeit

Rund ein halbes Jahrhundert dauerte es, um Informationstechnologie von einer Tüftelei weniger Wissenschaftler in die unersetzliche Kraft zu verwandeln, ohne die heutzutage ein Leben nicht mehr vorstellbar ist. Etwa 50 Jahre, in denen Grundlagenarbeit geleistet wurde. 50 Jahre, in denen Otto-Normal-Menschen behutsam an die neuen Möglichkeiten herangeführt wurden. So behutsam, dass vielen bis heute noch nicht klar ist, was da eigentlich gerade geschieht. Freilich, plötzlich gab es Computer, Mobiltelefone und das Internet, und man kann lustige Dinge damit anstellen. Wie disruptiv die globale Vernetzung und die Allgegenwärtigkeit der IT aber tatsächlich sind, haben viele passive IT-Konsumenten bis heute nicht verinnerlicht. Oder sie sind gerade dabei, dies zu tun.

Technischer Fortschritt mit einzigartigem Tempo

Denn auch wenn es für die gelegentlich zu vernehmende Aussage, das Internet sei die größte technologische Entwicklung seit der Erfindung des Buchdrucks, keinen objektiven Beleg gibt – immerhin baut jede Innovation auf zuvor Geschaffenem auf, und man könnte etwa behaupten, ohne Buchdruck sowie die damit möglich gewordene Wissensweitergabe wären viele andere Errungenschaften gar nicht oder erst viel später Realität entstanden – so halte ich es für unbestreitbar, dass sich der technische Fortschritt noch nie zuvor mit einer derartigen Geschwindigkeit abgespielt hat.

Das altertümlich wirkende Jahr 2000

Nachdem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlagen gelegt wurden und nach der Jahrtausendwende IT und das Web in die äußeren Sphären des Lebens nahezu aller Menschen vordrangen, stehen wir nun an einem Punkt einer exponentielle Beschleunigung. Plötzlich geht es blitzschnell. Vergingen zwischen nennenswert das Dasein der breiten Masse verändernden Innovationen in der Vergangenheit mitunter viele Dekaden oder zumindest einige Jahre, verringert sich dieser Abstand immer stärker. Wer diese Behauptung nicht glaubt, werfe einen Blick auf diese lesenswerten Schilderungen des Alltags im Jahr 2000 – einstmals das magische Datum aller Sci-Fi- und Zukunftsliteratur. Smartphone, Tablet, Twitter, Facebook, YouTube, Skype, WLAN, Wikipedia, Google Maps – all diese heutigen Eckpfeiler des Digitalen existierten damals nicht. Dabei hat jeder auf seine ganz eigene Weise das Leben von vielen hundert Millionen Menschen maßgeblich beeinflusst.

Zukunftsmusik, die keine mehr ist

Innerhalb von einer Dekade hat sich für den modernen Durchschnittsbürger so viel verändert wie zuvor nur im Laufe einer Epoche möglich war. Zwischen der Markteinführung und der technischen Reife sowie massenhaften Verbreitung von Telefon, Radio, Fernseher und Computern vergingen jeweils Jahrzehnte. Heute geschieht so etwas innerhalb von drei bis vier Jahren, wie das Beispiel der Tablets zeigt.

Noch deutlicher wird der massiv beschleunigte Fortschritt der Technologie beim Blick auf das, was uns in naher Zukunft bevorsteht: Cyberbrillen, selbstfahrende Autos, Echtzeitübersetzer, künstliche Intelligenz und alltägliche Arbeiten übernehmende Roboter, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, die Vernetzung aller Gegenstände und Objekte (Internet der Dinge) und selbst die Kommunikation zwischen verschiedenen Spezies stehen auf dem Progamm. Ausgehend von den Ereignissen und dem Tempo der jüngsten Vergangenheit erscheint eindeutig, dass vieles davon noch vor dem Jahr 2020 in unseren Alltag einziehen wird. Phänomene und technologische Hervorbringungen mit bestem Science-Fiction-Charakter. Nur dass es sich nicht mehr um Fiktion handelt.

Pandora oder Genie

Es ist die hohe, sich immer weiter beschleunigende Geschwindigkeit, die manche Menschen verunsichert und sich an Alltbewährtes klammern lässt, andere wiederum begeistert und in leidenschaftliche Fürsprecher verwandelt. Ich verstehe beide Seiten. Wir sind mit unzähligen, im Industriezeitalter entstandenen oder zumindest dabei verstärkten Problemen konfrontiert, für die die digitale Zukunft neue, bisher undenkbare Lösungsansätze verspricht. Alles von Bildung über das Gesundheitswesen bis hin zum Umweltschutz. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass das schiere Tempo der Fortschritts kombiniert mit der Machtlosigkeit der Mächtigen und die dadurch ausgelöste gleichzeitige Dekonstruktion über lange Zeit entstandener Strukturen uns schlicht überfordet. Sie führt zu von Instabilität und Unsicherheit geprägten Übergangsphasen. Welche Intensität und Dauer wird davon ertragen? Unklar.

Je nach dem, wen man fragt – ob Kritiker wie Evgeny Morozov, Jaron Lanier, Frank Schirrmacher oder Nick Carr auf der einen Seite, oder Tech-Apologeten wie Jeff Jarvis, Tim O’Reilly oder Clay Shirky auf der anderen Seite – so hat die Menschheit mit der IT und dem Internet entweder die Büchse der Pandora geöffnet, oder aber Genie aus der Flasche gelassen. Wahrscheinlich ist beides ein bisschen wahr. Was die erwähnten Herren davon halten, spielt dabei keine Rolle. Denn beeinflussen oder nennenswert bremsen lässt sich die exponentielle Beschleunigung ohnehin nicht mehr. /mw

(Foto: Flickr/martinjetpackCC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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12 Kommentare

  1. Per Zufall auf diesen tollen Blog gestoßen und seitdem warte ich auf neue, teils erhellende Artikel die immer sehr gut geschrieben sind.

    Nun zum Thema: Ja klar, die Frequenz der Meilensteine in einem technischen Bereich wird immer höher. Es gibt so schnell so viel neue Technik, dass viele nichtmal hinterherkommen sich einen selbstbewussten und folglich sicherheitsbewussten Umgang mit technischen Errungenschaften (egal ob Facebook, PC, Tablet oder Smartphone) anzueignen.

  2. Ne. Alles Funknetze und Transistoren. An der Basis-Technik hat sich seit 50 Jahren nichts wirklich verändert, sie ist nur durch Miniaturisierung und Vernetzung leistungsfähiger geworden.

    Sachen wie “künstliche Intelligenz und alltägliche Arbeiten übernehmende Roboter, die Verschmelzung von Mensch und Maschine” sind in Vollendung mit unserer “Transistorentechnik” nicht machbar, der nächste Schritt lässt auf sich warten.

    Somit ist dieser Text in seinem Innern nur die hier übliche Technik-Apologetik ohne nennenswerte Substanz.

    • Technologieentwicklung ist erstens nicht nur eine Entwicklung von Basistechnologien, sondern auch ihrer Anwendungen und Weiterentwicklungen, inkl. gesellschaftlicher, ökonomischer Auswirkungen. Zweitens ist das Internet als quasi “vernetzte Transistoren” natürlich selbst eine umwälzende neue Basistechnologie. Wer das anders sieht, ist in der Technikfolgenabschätzung in der Tat auf dem Stand des Transistors stehen geblieben.

  3. Die gut beschriebene IT-Entwicklung der letzten Dekade kann man in der Tat als Explosion ansehen. Die natürlich mit der explosiven Basisinnovation des Internets insgesamt zu tun hat. Und als Explosion leider in der Tat auch zu recht chaotischen Anfangswirren, Instabilitäten, Unordnungen und Unsicherheiten in fast sämtlichen Bereichen führt. Kann man fast mit der Situation wie kurz nach dem Urknall vergleichen.

  4. Pandora oder Genie – das ist ne richtig spannende Frage. Lies bei Gelegenheit mal “Accelerando” von Charles Stross – ist zwar fiktionale Hard-SF, beschäftigt sich aber genau mit den von dir hier angeschnittenen Themen (Futureshock, etc.). Gibt’s natürlich auch als E-Book. :)

    • Das Buch wird überwiegend als zäh bei Amazon beschrieben. Auch seine weiteren Buchtitel wie “Du bist tot” wirken nicht gerade vielversprechend und aufbauend.

    • @michael Wenn die Amazon-”Kritiker” eben alle unter Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leiden, müssen sie wohl Stross Bücher als “zäh” bezeichnen.

      Sie sind es nicht. Sie sind anspruchsvoll. Sie erzählen mit einer neuen Dramaturgie, die nicht in ein Hollywood-antrainiertes 3-Akter-Schema passen.

      Accelerando ist ein Abenteuer. Eine erzählend vermittelte Erkenntnis. Und eine verdammt gute Story.

  5. Gute Science Fiction handelte immer auch vom sozialen Wandel. Ob Utopie oder Dystopie, nicht immer wurde das Negative oder Positive darin durch Technologie ausgelöst. Technik ist kein Gestalter, sondern der Mensch. Technik ist ein Werkzeug der Macht und als solches Ausdruck von gesellschaftlichen Strukturen.
    Ein in diesen Tagen häufig vergessener wichtiger Unterschied.

    Science Fiction beschreibt den Menschen in der Zukunft, nicht primär die Technik. Insofern wird SF nicht automatisch real, nur weil der technologische Wandel eilt, sondern sie ist nur gefordert durch die (scheinbare) Durchdringung der Realität von Dingen und Vorgängen, die sich anfühlen wie in einer Science Fiction-Geschichte.

    Das ist es auch, was William Gibson (Erfinder des Cyberpunks und Schöpfer des Wortes Cyberspace) meinte, als er seine letzen Romane als Gegenwartsliteratur beschrieb.

    Natürlich gibt es Science Fiction Subgenres wie HardSF oder die Space Opera, in der das Wesen der SF, nämlich die Kritik an den zeitgenössischen sozialen Umständen in den Hintergrund tritt.
    Aber die Romane, die die Legacy der Science Fiction ausmachen, waren und sind keine Anleitungen zum technischen Wandel, sondern Gedanken über die Möglichkeit einer anderen sozialen Realität des Menschen.

  6. Ich brauche keine fliegenden Autos, Jetpacks oder Teleportation. Zu den wichtigsten Entwicklungen zählt für mich, dass statt Menschen heute Daten reisen können.

    Wie ruhig und friedlich wären unsere Städte, würden wir nur schon die heutigen Möglichkeiten von Telearbeit etc. voll ausschöpfen. Das ist für mich auch ein gutes Beispiel dafür, wie an den gewohnten Abläufen festgehalten wird.

    Meine Vorstellung von der Zukunft waren nie fliegende Autos oder Jetpacks, sondern eher blühende Naturlandschaften mit Hightech-Gebäuden, Stille statt Lärm und einem sehr entspannten Lebensstil, weil man sich um vieles nicht selbst kümmern muss und viel Zeit hat.

    Ja, derzeit läuft das eher nicht in diese Richtung. Aber es ging ja auch um Science-Fiction.

  7. In der Tat ist es erst gut 10 Jahre her, seit sich die Anwendung des Internets immer mehr beschleunigt. Dies bewirkt zwangsläufig auch gesellschaftliche Veränderungen, die z.B. jetzt schon im Berufsleben, weniger Hierarchie mehr Team, spürbar sind. Eine mögliche gesellschaftliche Entwicklung finde ich in dem Buch Netokratie (The Futurica Trilogy) von Alexander Bard und Jan Söderqvist recht gut beschrieben.

  8. Telearbeit ist super, aber was bringts wenn alle Ware die man halt so braucht und uebers Netz bestellt, mit umweltbelastenden Dieselvehikeln geliefert wird.Moderne Technologie muss konsequent angewendet werden. >>
    Frische Luft und Blumenduft oder krank im Dieselgestank?

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