“Instapaper für Videos”:
Watchlater macht seine Hausaufgaben

Watchlater erlaubt das Ansehen, Offline-Speichern, Verwalten und Entdecken von Onlinevideos. Nach einigen Schwierigkeiten glauben die Bochumer, mit einer überarbeiteten Benutzeroberfläche und sozialen Funktionen auf dem richtigen Pfad zu sein. Die Metriken geben ihnen Recht.

Der Konsum von Onlinevideos nimmt unaufhörlich zu. Doch begrenzte Zeit, Limitierungen der Datenmenge bei mobilen Internetzugängen sowie schlechte Netzabdeckung und Funklöcher kommen dem Sehgenuss – besonders unterwegs – häufig in die Quere. Vor knapp zwei Jahren veröffentlichte das in Bochum ansässige Entwicklerstudio 9Elements mit Watchlater eine Anwendung, die ich damals als “Instapaper für Videos” bezeichnete, in Anlehnung an den bekannten Später-Lesen-Dienst. Mit Watchlater lassen sich Clips von über 40 Videoplattformen zum zeitversetzten Betrachten speichern, verwalten und auf iPhone und iPad offline verfügbar machen.

Anfänglich war ich von dem vom Inkubator HackFwd mitfinanzierten Dienst ziemlich angetan, gerade weil sich damit die oben beschriebenen Probleme und Problemchen elegant lösen ließen. Doch eine Reihe von nervigen Bugs sorgten schließlich dafür, dass ich die Geduld verlor und Watchlater von meiner Liste der zehn essentiellen mobilen Apps strich. Seitdem platzierte ich Clips von YouTube und anderen Sites schlicht in einem speziellen Instapaper-Ordner. Aufgrund des fehlenden Offline-Cachings und eines kargen Funktionsumfangs in Bezug auf Videos ist dieses Verfahren allerdings nicht optimal.

Auch das Team von 9Elements war mit der Verfassung von Watchlater lange nicht zufrieden, erklärte mir Mitgründer Eray Basar. Es habe einen großen Wahrnehmungsunterschied dazwischen gegeben, wie die App-Schmiede den Service sah, und wie er bei den Anwendern ankam. Sowohl hinsichtlich der Benutzeroberfläche als auch in Bezug auf Funktionalität und Preismodell gab es Verbesserungsbedarf. In den letzten Monaten waren Basar und seine Mitstreiter deshalb intensiv damit beschäftigt, die notwendigen Veränderungen durchzuführen und die Schwächen am Produkt zu beseitigen.

Offline-Caching ohne Kosten

Den Anfang machte schon vor längerer Zeit die Abschaffung der Kostenpflichtigkeit für das Offline-Caching von Videos. Ursprünglich war dafür der Erwerb von Credits notwendig. Doch die Bochumer erkannten, dass es für sie sinnvoller ist, erst einen ausgezeichneten Dienst zu erschaffen und eine hinreichend große Zahl an Nutzern aufzubauen, bevor sie die Monetarisierung in Angriff nehmen. In der Folge fielen die Einschränkungen der Gratisversion. User von Watchlaters iOS-App können mittlerweile so viele Clips auf ihren iPhones und iPads zum späteren Ansehen ohne Internetverbindung lagern, wie ihr Speicherplatz hergibt.

Kollaborative Playlisten und Follow-Funktion

Ein weiteres Augenmerk legten die Watchlater-Macher auf den Ausbau von Features, welche das Entdecken von Clips und die Interaktion rund um Videos ermöglichen. Nutzer können beliebige “Playlists” anlegen; Verzeichnisse zum Ablegen von Videos. Als Standard sind diese privat, lassen sich jedoch veröffentlichen und Freunden, Bekannten oder der Watchlater-Community zugänglich machen und gemeinsam befüllen. Unter dem Menüpunkt “Discover” finden Nutzer eine Vielzahl thematisch sortierter, von Anwendern kuratierter Playlisten. Besonders gut funktioniert dies laut Aussage von Eray Basar mit Musik. Testweise lud er mich als Kollaborator zu einer Playlist “Deep House” ein, in der 32 Mitglieder bisher 121 Videos gesammelt haben. Jede öffentliche Playliste kann per Follow-Funktion abonniert werden – beachtliche 34.060 Follower hat besagte Deep-House-Liste bereits. Listen, zu denen man eingeladen wurde, tauchen in der Navigation als “Friend’s Playlists” auf, abonnierte als “Followed Playlists”. Jeder entdeckte Clip kann in den persönlichen Ordnern abgelegt und lokal gespeichert werden.

Die Einführung neuer, die “Stickiness” erhöhender Funktionen haben sich für Watchlater bisher ausgezahlt: Von den knapp 200.000 registrierten Nutzern sind zwar “nur” 10.000 bis 15.000 täglich aktiv. Insgesamt schauen diese User aber 150.000 Videos am Tag. Das heißt, dass ein aktiver Watchlater-Anwender im Durchschnitt zehn Clips täglich konsumiert. Diese Metrik deutet an, dass Nutzer, welche die App einmal in ihr Herz geschlossen haben, sie sehr regelmäßig verwenden.

Montarisierung verschoben

Als nächstes großes Ziel gibt 9Elements-Mitgründer Eray Basar das Erreichen von einer Million täglich betrachteter Videos an. Langfristig soll der Service, der bisher in einer Webversion und besagter iOS-Variante angeboten wird, in der Lage sein, Publishern innerhalb von kürzester Zeit eine signifikante Zahl an Videoviews zu bescheren. In den sich daraus ergebenden Kooperationsmöglichkeiten sowie in – dank Facebook-Integration und guter Kenntnisse über die Präferenzen der Anwender – effektiv ausgesteuerter Werbung sieht Basar künftige Erlösquellen. Derzeit sind die Westfalen dabei, eine neue Finanzierungsrunde einzutüten, um Mittel für die weitere Expansion zu sichern. Die von vielen Social-Web-Services verfolgte Prämisse “Wachstum vor Umsatz” hat zwar viele Kritiker, aber Eray Basar zeigt sich nach den bisher gemachten Erfahrungen mit der App überzeugt davon, dass der Aufbau von Reichweite und Nutzeraktivität derzeit für Watchlater der beste Weg ist, den Dienst eines Tages auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu machen.

Die Idee öffentlicher, kollaborativer und abonnierbarer Playlisten stellt eine sinnvolle Evolution der Anwendung dar, die sich damit sowohl für den persönlichen Einsatz als “Später anschauen”-Werkzeug als auch als Discovery-Tool eignet, um sehenswerte/hörenswerte Inhalte zu entdecken und plattformunabhängig zu beziehen – wobei die bisherige Begrenzung auf eine Browserversion sowie iOS diesen Ambitionen noch im Wege steht. Die Entwicklung einer Android-App befindet sich aber zumindest auf der Roadmap.

In seiner jüngsten Fassung bietet Watchlater ein attraktives und in dieser Form meines Wissens nach konkurrenzloses Feature-Set. Insofern werde ich dem Dienst eine zweite Chance geben und darauf hoffen, diesmal auch längerfristig dabei bleiben zu können. /mw

Link: Watchlater

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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