Long Tail:
Warum es sich lohnt, RSS nicht den Rücken zu kehren

Mit dem Ende des Google Reader und dem sich fortsetzenden Bedeutungsverlust des RSS-Formats verlieren viele Blogs Stammleser. Besonders der Long Tail wird Federn lassen müssen.

RSSNachdem sich die erste Aufregung über das bevorstehende Ende des Google Reader gelegt hat und Nutzer für ihre RSS-Feeds entweder eine neue Heimat etwa bei Feedly oder Newsblur gefunden haben oder aber abwarten, was bis zum Stichtag 1. Juli noch an Alternativen auftaucht, ist nun etwas mehr Zeit dafür vorhanden, sich über die dauerhaften Implikationen der Entwicklung Gedanken zu machen. Einer der Ersten, der diesbezüglich eine neue Perspektive ins Spiel brachte, welche nicht die Konsequenzen für Google (negativ) oder RSS-User (tendenziell positiv) beleuchtet, sondern die für Publizisten (Blogs, Nachrichtenangebote, sonstige Websites mit RSS-Feeds), war mein netzwertig.com-Kollege Markus Spath. In seinem privaten Blog hackr.de beschrieb er treffend, wieso die Produzenten von RSS-Feeds, nicht die Konsumenten selbiger, den eigentlich größten Grund zum Jammern haben.

Nicht jeder Reader-Nutzer wird umziehen

Ich teile seine Vermutung, dass im Migrationsprozess jede Website mit RSS-Feeds einen Teil ihrer Leser verlieren wird. Der Google Reader war bis dato der mit Abstand meistgenutzte RSS-Reader im Netz. Während alle hartgesottenen RSS-Leser früher oder später den Umzug zu einem anderen RSS-Werkzeug vollziehen werden, ist damit zu rechnen, dass einige Gelegenheitsuser sich den Wechsel schlicht aus Bequemlichkeit ersparen. Sie verzichten lieber auf die paar von ihnen mehr oder weniger regelmäßig gelesenen Angebote oder nehmen sich vor, diese künftig per Direktaufruf im Browser zu besuchen, anstatt ein neues RSS-Zuhause zu finden. Viele Reader-Anwender dürften die Zäsur außerdem dafür nutzen, in ihren Feeds aufzuräumen und nur die essentiellen Quellen zum neuen RSS-Tool mitzunehmen. Manch einer schließt das RSS-Kapitel auch zugunsten von Twitter-Listen.

Alle Sites mit einer signifikanten Zahl an RSS-Abonnenten müssen folglich zumindest kurzfristig mit Einbußen bei der Stammleserschaft rechnen. Andererseits ist davon auszugehen, dass zumindest einige nun verlorengehende RSS-Konsumenten durch Neulinge ersetzt werden, die im Zuge der beachtlichen Berichterstattung zum Ende des Google Readers selbst bei reichweitenstarken Mainstreammedien überhaupt erst auf diese bequeme Art des Informationsbezugs gestoßen sind. Dass dies jedoch den fortschreitenden Wegfall einst treuer RSS-Anhänger kompensieren kann, ist eher unwahrscheinlich.

Der Long Tail wird vergessen

Besonders kritisch ist dieser Trend für den Long Tail der Blogosphäre, also die große Zahl an Blogs, bei denen nur sporadisch Inhalte erscheinen. Das glaubt Instapaper-Macher und RSS-Verteidiger Marco Arment. Ich stimme zwar seiner Behauptung nicht zu, RSS-Reader sollten grundsätzlich nur für diese Art von Quellen genutzt werden und nicht für den Konsum von großen Contentangeboten, die täglich Dutzende Beiträge publizieren, sehe es aber ähnlich, dass die große Zahl der kleinen Blogs mit interessanten, aber unregelmäßig erscheinenden Beiträgen besonders unter dem Niedergang des Informationskonsums via RSS leidet. Denn dies sind die Angebote, deren “manuelles” Verfolgen man schlicht vergisst, und die in der Regel auch nicht zuverlässig über andere Social-Media-Kanäle im Blick behalten werden können. Ein RSS-Feed fungiert hier auch als eine Art interaktives Bookmark, welches Tage, Wochen oder gar Monate keinen Piep von sich gibt, nur um dann plötzlich einen lesenswerten Text mit individuellen Einblicken und Gedanken des Autors zu Tage zu fördern.

RSS fördert Vielfalt

Ohne RSS werden die Reichen, also die bekannten Trafficmagneten mit Millionen Social-Media-Followern und eigenen Apps, “reicher”, während das Gros der Long-Tail-Blogs selbst für aktuelle Beiträge noch weniger Leser erhalten würden. Dieses von Arment skizzierte, bedenkliche Szenario unterstreicht, wieso es im Interesse aller Produzenten von RSS-Feeds ist, das Format durch ihre eigene aktive Nutzung auch im Konsum am Leben zu halten. Je weniger die RSS-Technologie von Usern verwendet wird, desto stärker in Gefahr ist die dauerhafte Bereitschaft von Long-Tail-Bloggern, ihr Wissen zu teilen. Denn niemand schreibt gerne permanent, ohne dass die Inhalte gelesen werden. 50 RSS-Abos können als Motivation zum Weitermachen ausreichen.

Einen Ausweg stellen lediglich fremdgehostete Blogplattformen mit Walled-Garden-Ambiente wie Tumblr oder Medium dar, die mittels eigener viraler Mechanismen Leser liefern. Ich möchte an dieser Stelle nicht mit dem Romantisieren von selbstgehosteten Lösungen beginnen. Stattdessen merke ich lediglich an, dass eine ausschließliche (!) Konzentration des verlagsunabhängigen publizistischen Outputs auf einige wenige werbefinanzierte Blogplattformen keinen Idealzustand darstellt. Zu stark sind Contentersteller dort von den Launen der die Interessen der Werbekunden priorisierenden Plattformanbieter ausgesetzt. Zu unsicher ist die Zukunft dieser Services.

Insofern heißt eine aktive Unterstützung von RSS als Produzent und Konsument, sich für den Fortbestand einer großen, vielfältigen und unabhängigen publizistischen Onlinelandschaft einzusetzen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Absolut. So sehe ich das auch. Es gibt ja auch noch andere Reader als Google. Oder man baut sich seine Listen in Facebook auf, denn viele verwenden ja Facebook quasi auch als RSS-Reader.

  2. Oh, da bekommt wohl ein Blogbetreiber das Flattern. War wohl doch nicht so gut mit der Einstellung des Readers. Wenn ein Monopolist einen Dienst aufgibt, bricht damit zwangsläufig auch ein Teil seiner Nutzer in der Nutzung der Technik ganz weg.

  3. wo liegt das problem?

    die feeds kann man doch überall als .opml exportieren und woanders wieder importieren.

    ich lese meine feeds z.b. aktuell über windows live mail

    • Der Probleme gibt es etliche
      - ein Umzug bereitet ungeheure Umstände, ebenso die Eingewöhnung in neue RSS-Software
      - es gab wohl keinen so guten Reader wie den GR, inklusive seiner Integration in Google. Sonst wäre er nicht so stark verbreitet gewesen.
      - vom GR gibt es ne bequeme App. Weiß nicht, ob sämtliche andere Reader eine haben.

  4. Ich bin dann doch zu NetVibes gewechselt, welches in der Reader-Ansicht (die Widgets sind einfach nichts für mich) für mich nahezu eine 1:1-Umsetzung des Google Readers liefert.

    Ich bin übrigens im Zuge der Umstellung wieder auf ein paar Feeds gestoßen, die seit längerem nicht mehr funktionierten, und habe die Betreiber angeschrieben. Evtl. gibt es also sogar wieder mehr Feeds als vorher :-)

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