Kurzversionen von Onlinetexten:
tldr.io lässt das Netz zusammenfassen

In der digitalen Ära stehen zu vielen Informationen zu wenig Zeit gegenüber. Das französische Startup tldr.io hat eine Lösung für dieses Dilemma entwickelt: Es lässt Onlinetexte durch Nutzer zusammenfassen und stellt diese Kurzversionen über eine Browser-Erweiterung und eine API bereit.

Das Angebot an Onlineinhalten ist schier unbegrenzt. Im Gegensatz zur Zeit der Anwender, die von allen Seiten mit Empfehlungen und Tipps für lesens- und sehenswerten Content überhäuft werden. Die Folgen sind eine sinkende Aufmerksamkeitsspanne und immer weniger Bereitschaft, sich mit mittelmäßigen, nicht zufriedenstellenden, nicht informativen oder nicht unterhaltsamen Inhalten zu beschäftigen. Wer als Autor sicher gehen möchte, mit einer Botschaft möglichst viele Menschen zu erreichen, der liefert einen aussagekräftigen Lead am Anfang oder ein tl;dr am Artikelende. “tl;dr” steht für “too long, didn’t read” und richtet sich an sämtliche Nutzer, denen die Zeit oder der Wille fehlt, um sich durch einen Text in voller Länge zu arbeiten, die aber dennoch an den Kerninformationen Interesse haben. tl;drs sind häufig in Posts der beliebten Onlinecommunity Reddit zu finden, im deutschen Raum schließt beispielsweise Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo jeden Artikel mit einem meist aus einem einzigen Satz bestehenden tl;dr.

Ein im vergangenen Jahr gegründetes Startup aus Paris versucht, das Prinzip des tl;dr mit Hilfe eines Crowdsourcingansatzes auf das gesamte Internet auszuweiten: tldr.io ist damit eine Art Wikipedia für Kurzzusammenfassungen von Onlinetexten und möchte allen Usern mit einer geringen Aufmerksamkeitsspanne dabei helfen, Informationenen aus Artikeln zu extrahieren, ohne diese dabei von Anfang bis Ende lesen zu müssen.

Im Zentrum des von Louis Chatriot, Stanislas Marion und Charles Miglietti entwickelten Dienstes steht ein Browser-Bookmarklet sowie eine Chrome-Erweiterung, über die sich zu einer geöffneten URL mit einem Text per Klick eine stichpunktartige Zusammenfassung aufrufen lässt. Die Browser-Erweiterung für Chrome signalisiert dabei über ein grünes Logo in der Adresszeile, ob für den jeweiligen Beitrag bereits eine Zusammenfassung von der tldr.io-Community erstellt wurde. Anders als der mittlerweile nicht mehr verfügbare Schweizer Service Topicmarks verzichtet das französische Trio auf maschinell erstellte Kurzfassungen von Texten und setzt auf menschliche Intelligenz: Jeder registrierte tl;dr-Anwender kann einen gelesenen Beitrag mit eigenen Worten zusammenfassen. Maximal fünf Stichpunkte mit jeweils bis zu 160 Zeichen stellt der Service hierfür bereit. Benutzer der Erweiterung oder des Bookmarklets wissen somit, dass sie mit tl;dr in maximal 800 Zeichen die Quintessenz aus jedem noch so langen Text abrufen können. Ein besonderes Schmankerl hält tldr.io für Leser der in Techkreisen beliebten Newscommunity Hackernews bereit: Direkt neben den dort listenweise verlinkten Artikelempfehlungen signalisiert ein tl;dr-Icon, das bereits eine Zusammenfassung existiert – diese wird auch gleich als Overlay-Popup eingeblendet.

Ein Kurations- oder Freischaltungsprozess für Zusammenfassungen existiert bisher nicht. Jeder Anwender kann jede von anderen Mitgliedern erstellte Zusammenfassung bearbeiten. Aufgrund des frühen Entwicklungsstadiums gehen die Macher augenscheinlich davon aus, dass der Service für Trolle und Querulanten noch kein hinreichend attraktiver Ort für ihre zweifelhaften Betätigungen darstellt. Sollte tldr.io jedoch zu einem populären Angebot im Web avancieren, so wird das Team um Werkzeuge zur Qualitätskontrolle nicht herumkommen. Gleiches gilt für die Übersicht der zuletzt eingetragenen Zusammenfassungen, auf der derzeit jede um ein tl;dr ergänzte URL auftaucht. Ein RSS- und ein Twitter-Feed liefern zudem eine Auswahl der “besten” Zusammenfassungen, basierend darauf, wie oft sie aufgerufen wurden.

Für diesen Artikel wollte ich eigentlich eine Kurzfassung eines netzwertig.com-Beitrag für tldr.io schreiben, allerdings war ich unsicher dabei, ob dies auf Englisch oder Deutsch geschehen müsste, und die Site gibt keine Auskunft darüber, wie mit Artikeln zu verfahren ist, die nicht in englischer Sprache verfasst wurden. Insofern probierte ich mich stattdessen an einem Beitrag aus meinem privaten englischsprachigen Blog. Jeder Benutzer hat ein öffentliches Profil, auf dem die geschaffenen Zusammenfassungen aufgeführt werden. Im persönlichen Mitgliederbereich erhält man außerdem Statistiken darüber, wieviele Minuten man der Community bisher gespart hat. Betätigungen des “thank”-Knopfes durch andere Anwender sollen die Motivation zum Anlegen weiterer Zusammenfassungen erhöhen.

tldr.io ist ein sehr spannender Service, der sich auch schon eine loyale Anhängerschaft erarbeiten konnte. GigaOm-Chef Om Malik lobt ihn, und Mozilla-Evangelist Doub Belshaw erklärte gestern in diesem Artikel, warum er die Idee so ansprechend findet: tldr.io eigne sich sowohl dafür, schnell die wichtigsten Aspekte eines Textes zu verstehen, als auch, durch selbst erstellte Zusammenfassungen gelesene Inhalte besser zu verinnerlichen. “Einer der besten Wege, um etwas zu lernen, ist es, die Informationen (für andere) zusammenzufassen”. Jeder, der in der Schule oder im Studium mal einen Spickzettel erstellt hat, wird dies bestätigen können.

Mittelfristig könnte tldr.io quasi beiläufig auch einen effektiven Social News Service anbieten, indem es etwa Nutzer Artikel taggen lässt und dann je nach Schlagwort besonders häufig gelesene Beiträge listet. Hat man Anwender erst einmal dazu gebracht, sich mit der Kuration und Aufbereitung von Content zu befassen, dann öffnen sich einem viele neue Türen. Eine Lese-API erlaubt es Programmierern übrigens, die Zusammenfassungen in externe Anwendungen einzubinden. Man darf gespannt sein, wie die Rechteinhaber der jeweiligen Texte dem Treiben von tldr.io begegnen werden – verhindern können sie crowdgesourcte Synopsen aber eigentlich nicht. Auch das deutsche Leistungsschutzrecht dürfte auf den Service nicht anwendbar sein, da keine maschinelle Aggregation sondern eine menschliche Zusammenfassung erfolgt.

Die Monetarisierung von tldr.io soll laut Ankündigung der Macher über kostenpflichtige Premium-Accounts erfolgen. Auf der unmittelbaren Roadmap steht laut einem Forumeintrag außerdem das Debüt einer Firefox-Erweiterung (Nachtrag: sie ist bereits online).

Ich glaube, tldr.io sollte man im Auge behalten. Hier könnte etwas Signifikantes entstehen. /mw

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. Wie Shortnews.de – nur in cool!

  2. die Firefox-Erweiterung ist schon da: http://tldr.io/firefox/xpi/tldrio.xpi

    mal sehen, wie sich das entwickelt – hört sich jedenfalls spannend an …

  3. Ein sehr interessantes Projekt, dessen größte Schwäche vermutlich darin liegen wird, wirklich ausreichend viele und vernünftige Zusammenfassungen zu erhalten. Shortnews.de ist ja auch nicht unbedingt von Erfolg verwöhnt.
    Besonders interessant finde ich das Projekt aber auch, weil es ganz sicher LSR-konform ist. Ich teile nur Deine Begründung nicht ganz: “Auch das deutsche Leistungsschutzrecht dürfte auf den Service nicht anwendbar sein, da keine maschinelle Aggregation sondern eine menschliche Zusammenfassung erfolgt.”
    Die von Dir genannte “maschinelle Aggregation” ist nämlich keine Aggregation jedes einzelnen Artikels, sondern aggregiert wird von einem News-Aggregator sozusagen die “Nachrichtenlage”, die er automatisiert zusammenfasst. Dies tut er allerdings mit Teasern, die aus RSS-Feeds oder Social-Media-Tags ausgelesen und – komplett! – in im Aggegator, einem Metamedium, wiedergegeben werden. Dieses Wiedergeben eines redaktionell erstellten Aggregats (von einem vom Verlag bezahlten Redakteur und nicht einem Software-Aggregator erzeugt!) ist ja Gegenstand des LSR. Sofern es tldr.io nun gelingt eine kritische Masse an crowd-erzeugten Text-Aggregaten zu erzeugen, wären diese (entsprechende Nutzungsbedingungen bei tldr.io vorausgesetzt) dann sogar – trotz LSR – für die Nutzung in gewerblichem Kontext frei.
    Ich betreibe eine solche Zusammenfassung von Medienberichten zum Thema “Politische Online-Kommunikation” übrigens schon seit Jahren – für meine Websites und Social-Media-Accounts. Manchmal ist es schwierig in (bei mir) 240 Zeichen eine komplexe Story zusammenzufassen, weshalb das für Ungeübte sicherlich eine recht große Hürde ist. Sofern es aber tldr.io gelingen würde, Leute wie mich (die sowieso solche Zusammenfassungen produzieren) zu vernetzen, könnte es ein sehr erfogreiches Projekt werden.

  4. Hallo,

    tl;dr´s können in deutscher Sprache verfasst werden.
    Die deutschen Zusammenfassungen werden allerdings noch nicht auf den “Latest Summaries” veröffentlicht.

    Die “Latest Summaries” werden moderiert – und noch kann dort kein deutsch, deshalb erscheinen auch keine deutschen Zusammenfassungen.
    Es wird darüber nachgedacht, dies zukünftig möglich zu machen, teilte mir ein tl;dr-Cofounder mit.

    Es fehlt m.E. noch dies und das, um tl;dr für Abonnenten zu individualisieren.
    Allerdings stimme ich Martin zu, daß hier noch etwas Signifikantes entstehen könnte.
    Das Potential wäre da.

    Grüsse von Wera

    • Weiterentwicklung bei tl;dr:

      Inzwischen können RSS der einzelnen Nutzer-Summeries abgerufen werden.
      Der Einbau in die eigene Website ist damit möglich.
      Sehr praktisch!

      Grüsse von Wera

3 Pingbacks

  1. [...] TL;DR Kurzversionen von Onlinetexten: tldr.io lässt das Netz zusammenfassen: In der digitalen Ära stehen zu vielen Informationen zu wenig Zeit gegenüber. Das französische Startup tldr.io hat eine Lösung für dieses Dilemma entwickelt: Es lässt Onlinetexte durch Nutzer zusammenfassen und stellt diese Kurzversionen über eine Browser-Erweiterung und eine API bereit. Martin Weigert sieht in dem Startup vielleicht den nächsten effektiven Social News Service, indem Nutzer Artikel taggen und dann je nach Schlagwort besonders häufig gelesene Beiträge listet. [...]

  2. [...] kann ich natürlich noch nicht vorhersehen. Die ersten Kommentare auf dem Blog von Martin Weigert, netzwertig.com, sind jedoch ganz positiv und erst letzte Woche wurde auch ein Firefox-AdOn veröffentlicht. Zudem [...]

vgwort