Keep:
Wie Google es immer noch schafft zu überraschen

Google hat ein digitales Notizbuch geschaffen, das vor allem mit dem “digitalen Gedächtnis” Evernote und To-Do-Listen wie Wunderlist konkurriert. Keep ist einen genauen Blick wert, denn damit trotzt Google überraschend der harschen Kritik der vergangenen Tage.

Google_KeepGoogle fährt in diesen Wochen eine eigenwillige Strategie. Die Schließung des Readers trotz guten Traffics, der unbeholfene Umgang mit den Wünschen der Nutzer und auch die sonderbare Namensgebung neuer Dienste. Dann wiederum gibt man sich Mühe mit neuen Produkten. Die zweitneueste Chromebook-Reihe startete in Deutschland, die Planung, die verschiedenen Chat-Dienste unter dem Dach von Babble zu vereinen, stieß auf Begrüßung. Und gestern Nacht schickte man mit Keep auch einen Konkurrenten zu Evernote und Wunderlist ins Rennen.

Ich sah es im ersten Moment ähnlich wie Technikexperte Om Malik: Google jetzt auch noch meine Notizen und To-Do-Lists überlassen? Den Teufel werde ich tun! Malik vergleicht Google in seinem (amüsanten) Rundumschlag gar mit dem bösen Microsoft, nennt das Unternehmen den “digitalen Mr. Ripley“. Ein ähnliches Lied singen Nathaniel Mott auf PandoDaily und Sarah Perez auf TechCrunch. Motts rhetorische Frage “Wer wird Google nach dem Desaster mit dem Reader noch vertrauen?” ist ebenso berechtigt wie Maliks wütende Worte: “In wiefern ist Keep strategisch für euch, Google, und der Reader nicht?”

Dass Google sich wie der Elefant im Porzellanladen aufführt, wurde in den vergangenen Tagen sowohl von meinem Kollegen Martin Weigert skeptisch zusammengefasst, wie auch von Sascha Lobo in seiner wöchentlichen Kolumne auf Spiegel Online. Ich selbst kann mich inzwischen in das Kopfschütteln einreihen, nachdem Google Deutschland in dieser Woche eine klare Absprache mit unserem Schwesterblog neuerdings.com brach.

Genial einfache Kombination zweier Dienste

Mit Keep allerdings hat all das nichts zu tun. Und das ist das eigentlich Verwunderliche am Start des neuen Dienstes. Er zielt auf andere Nutzer als die, die sich über das Ableben des Readers beklagt haben. Keep ist eine erstaunlich kluge Ergänzung Googles eigener Produkte und ein pfiffiger Ersatz bestehender Lösungen. Man muss sich fragen, warum der eigentlich sehr innovative Dienst Evernote es bis heute nicht geschafft hat, etwas so nahe liegendes wie To-Do-Listen ansprechend in seine mächtige Software zu integrieren. Die bestehende Möglichkeit, Listenbutton von Hand in eine Notiz einzufügen, erinnert an Word 97 und ist ein Witz im Vergleich zu den modernen To-Do-Apps Things, Wunderlist und Clear.

Google Keep

Google Keep

Eine Funktion ist künftig zu wenig

Letztere wiederum beschränken sich auf diese einzige, für einen täglichen Workflow nicht ausreichende Funktionalität. Dass Google jetzt durch ein simples Tool beide Funktionen vereint und seiner Office-Suite Drive hinzufügt, ist natürlich in erster Linie ein Lückenschluss und damit ein erneuter Angriff auf Microsoft Office und die dort verwendete App OneNote. Googles strategische Entscheidungen treffen damit aber auch die Startup-Branche zunehmend unvorbereitet. Keep ist der Todesstoß für kleine Startups mit nur einer Funktionalität. Wer immer in den vergangenen Jahren eine To-Do-App an den Start gebracht hat und jetzt das minimalistische Google Keep für Drive und Android sieht, muss sich die Frage stellen, ob seine App wirklich so viel wert ist, wie erhofft. Hier dürften wohl nur die Bekanntesten noch eine Chance haben. Auf der anderen Seite knallen beim Startup Feedly gerade die Sektkorken angesichts 500.000 neuer Nutzer in nur zwei Tagen, die kamen, weil Google sich entschied, den Reader dicht zu machen.

Keep passt in Google Produktstrategie, die zuletzt darauf ausgelegt war, Dienste um das eigene Social Network Google+ herum zu bauen. Eigene Statusmeldungen in Keep archivieren oder, anders herum, Keep-Notizen für Google+ freigeben, dürften bei einem Erfolg des Dienstes recht schnell kommen. Mit Keep fördert Google aber auch noch einen anderen Trend, den man bislang eigentlich nur bei Evernote gefunden hatte: Snippets statt langer Texte. Warum immer ein ganzes Dokument anlegen, wenn man nur ein paar Zeilen schreiben, genauso gut ein Bild aufnehmen oder eine Sprachnotiz aufnehmen kann? Nur gibt es bislang wenige brauchbare Tools, die diesen Trend aktiv unterstützen und Snippets sammeln.

Man liebt und hasst Google

Wieder einmal belebt auch in diesem Falle Konkurrenz das Geschäft: Evernote ist ein innovatives Unternehmen, das seinem breiten Ökosystem nahezu wöchentlich neue Funktionen spendiert. Zuletzt allerdings wurden die Kalifornier im Zuge einer Sicherheitslücke und auch für die neue Version Evernote 5 von langjährigen Nutzern kritisiert. Evernote 5 erhielt zwar ein optisch ansprechendes Facelifting, begrub allerdings viele etablierte Funktionen. Nach wie vor ist die Evernote-Software selbst sehr schlicht; für weitere Funktionen setzt man auf das umfangreiche Ökosystem Trunk. Mit dem Erscheinen von Keep muss sich Evernote-CEO Phil Libin die Frage gefallen lassen, ob nicht auch sein Unternehmen sich langfristig anders aufstellen und mehr Funktionen integrieren muss. Mit Keep ist den Kaliforniern ein mächtiger Konkurrent erwachsen, der sich in Googles viel genutzte Plattformen Drive/Docs und Android integriert. Viele Nutzer dürften das einfach einmal ausprobieren, und es wird genug geben, die von den Querelen um den Reader nichts gehört haben, die es nicht betrifft oder denen es schlicht egal ist.

Zweifel bleiben natürlich ab jetzt bei jedem neuen Google-Dienst. Was ist denn, wenn Google auch bei Keep eines Tages auf die Idee kommt, dass sich der Service nicht mehr lohnt? Wie kann man jemandem vertrauen, der gute Dienste trotz ordentlicher Zahlen einfach so einstellt? Ist Google nun gut, böse oder einfach unbeholfen? Auch Om Malik kann sich nicht entscheiden: Zwei Tage vor seiner Wutrede auf Keep lobte er noch Babble in den höchsten Tönen. Über das Ende des Google Readers zeigte er sich traurig, aber nicht wütend. Google verwirrt und die Unberechenbarkeit des Webriesen betrifft mittlerweile die ganze Webszene. Leidtragender davon ist auch Google selbst. Denn das Vertrauen in den Riesen ist nachhaltig erschüttert.

 

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Redakteur bei neuerdings.com, netzwertig.com und dem Euronics Trendblog. Neue Gadgets und Software? Liebend gerne! Aber nur, wenn sie das Leben auch wirklich leichter machen.

Mehr lesen

Linkwertig: Privacy, Google, Baseline, Zeitungen

29.7.2014, 1 KommentareLinkwertig:
Privacy, Google, Baseline, Zeitungen

Facebook und Mark Zuckerberg entdecken den Wert der Privatsphäre wieder und mehr.

Selbstfahrende Autos: Baidu legt Finger in die Wunde von Google

28.7.2014, 4 KommentareSelbstfahrende Autos:
Baidu legt Finger in die Wunde von Google

Um autonome Fahrzeuge auf die Straße zu bringen, benötigt es nicht nur erhebliche technologische Innovation. Auch in den Köpfen von Autofahrern muss einiges bewegt werden. Der chinesische Google-Konkurrent Baidu deutet an, dies besser zu verstehen als sein US-Rivale.

Linkwertig: Forgotten Results, Shopping Express, Unternehmensengel

8.7.2014, 1 KommentareLinkwertig:
Forgotten Results, Shopping Express, Unternehmensengel

Mit Forgotten Results gibt es das erste Projekt, das zwangsvergessene Artikel sammelt, und mehr.

6 Kommentare

  1. Bitte, bitte nicht Clear in einem Atemzug mit dem PR-Blender-Kindergarten-Tool wunderapp in einem Satz erwähnen.
    Für meinen “täglichen Worklow” am mobil-device ist clear übrigens vollkommen ausreichend. Die App steht bei mir seit über einem Jahr unangefochten auf Platz 1.

  2. Keep schaut schön minimalistisch aus und fühlt sich gut an. Damit ich Evernote dafür in die Tonne haue fehlen mir aber noch Kategorien oder Tags und eine einfache semantische Textauszeichung (Headline 1, 2, 3,.. Fett, sortierte und unsortierte Liste – so wie damals in Wave). Und wenn es wirklich social werden sollte, wären gemeinsame Notizsammlungen natürlich der Hammer.

  3. Ich glaube die aktuelle Diskussion um die Einstellung vom Google Reader ist viel tiefgehender als die Diskussion um eine Unternehmensstrategie. Das Problem ist einerseits die rasante Entwicklung und steigende Wichtigkeit von digitalen Daten auf der einen Seite und die mangelnde Entwicklung der politischen Rahmenbedingungen.

    Firmen, aber auch interessierte Privatnutzer gieren geradezu nach guten Tools, möchten diese aber nicht einem US-Unternehmen, dass ein windiges Geschäftsmodell betreibt, anvertrauen. Hier müssen neue Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die DE-Mail ist ein kleiner Versuch in diese Richtung…

  4. sorry für die möglicherweise dumme Frage, aber um welchen Bruch einer klaren Abspreche zwischen Google und neuerdings ging es denn letzte Woche?

  5. also mir gefällt google-keep! die genialität liegt in der einfachheit! ich kanns nur empfehlen!

  6. Die Synchronisationsfunktionalitäten in Keep lassen leider noch sehr zu wünschen übrig. Keep-Notizen auf dem einen Gerät kommen schwer bis garnicht auf anderen Geräten an. Es gibt nicht mal einen richtigen Synchronisations-Link, Button o.ä. – mit dem man per Klick eigenhändig auf den oder mit dem Server synchronisieren kann.

2 Pingbacks

  1. [...] Keep: Wie Google es immer noch schafft zu überraschen | netzwertig.com I Internetwirtschaft I S… – [...]

  2. [...] stellen lassen müssen, ob sie überhaupt Karriere machen wollen. In den Köpfen ist immer noch nicht angekommen, dass auch hier ein Rollenwandel notwendig [...]